Efeu - Die Kulturrundschau

Guccis Parolen der Rebellion

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.12.2021. Venedig, wie es niemand kennt, sieht die taz in Andrea Segres Essayfilm "Moleküle der Erinnerung". Die SZ empfiehlt Heinrich Manns Essay "Der Hass", um die Irrationalität und Wut der Impfgegner zu begreifen. Die nmz feiert mit Jacques Offenbach "La Vie Parisienne". Die FAZ besucht Künstler im Libanon, die das Land noch nicht verlassen wollen. Die NZZ porträtiert die mexikanische Dirigentin Alondra de la Parra.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2021 finden Sie hier

Film

Mystisch, gespenstisch, spirituell: das leere Venedig im Lockdown - Szene aus "Moleküle der Erinnerung"

Andrea Segres Essayfilm "Moleküle der Erinnerung - Venedig, wie es niemand kennt" ist "einer der wenigen Venedigfilme, die es sich zu sehen lohnt", schwärmt Fabian Tietke in der taz. Gezeigt wird die Stadt im Ausnahmezustand des ersten Lockdowns - keine Touristen, nirgends -, dazu gibt es in den Sechzigern entstandene Aufnahmen aus dem Familienfundus des Filmemachers, "aus einer Zeit vor der Eskalation des Tourismus in Venedig. Junge Männer springen in die Lagune, entspannt gehen Menschen durch die heute volle Innenstadt, Gondeln füllen das Wasser zur traditionellen Regatta auf dem Canal Grande." Eine "neue Leere" bescheinigt auch Perlentaucherin Olga Baruk der Stadt in diesem Film - und sie "ist intensiver als in der Realität - mystischer, gespenstischer, spiritueller. Nicht von dieser Welt, dazu trägt die wunderschöne Filmmusik von Teho Teardo sicher auch viel bei. Im Giudecca und auf dem Canal Grande sieht man selten ein Boot. Und das Wasser ist ruhig. In diesen Tagen entdecken die Menschen, die vor Segres Kamera treten, ihre Stadt ganz neu. Der Filmemacher stellt fest: Die Angst hat nicht erst mit dem Virus hergefunden. Die Angst - vor dem Hochwasser, der Verdrängung, dem Verschwinden - war schon immer da. Sie steckt in jedem Stein, in jedem Holzpfahl, auf dem diese Stadt errichtet wurde, ist ein Teil des fragilen venezianischen Gleichgewichts."

Außerdem: Daniel Kothenschulte freut sich in der FR, mit welcher kollektiven Begeisterung das Publikum den neuen, immens erfolgreichen "Spider-Man"-Film feiert. So langsam reicht es Elmar Krekeler von der Welt mit den ganzen Serien über Berliner Bauten und Institutionen und macht gallige Vorschläge, wie der Trend noch absurder werden könnte.

Besprochen werden Maggie Gyllenhaals Regiedebüt Frau im Dunkeln" nach dem Roman von Elena Ferrante (taz), Yamina Benguiguis "Schwestern" (Perlentaucher), Elizabeth Chai Vasarhelyis und Jimmy Chins Dokumentarfilm "The Rescue" über die Rettung zwöl verschütteter Thailänder Jungs (SZ), Ingmar Bergmans Arbeitstagebücher 1955-2001 (SZ), Olli Dittrichs neues Comedy-Special "Ich war Angela Merkel" (FAZ), die erste Folge der neuen "Star Wars"-Serie "Das Buch von Boba Fett" (ZeitOnline), Charlotte Sielings "Die Königin des Nordens" (SZ), Eva Hussons Graham-Swift-Verfilmung "Ein Festtag" (Presse) und Martin Schreiers deutsche Amazon-Komödie "One Night Off", deren "Pseudofeminismus" SZ-Kritiker Philipp Bovermann sehr zürnen lässt. Außerdem erklären uns die Filmkritikerinnen und -kritiker der SZ, welche neuen Filme sich wirklich lohnen und welche nicht.
Archiv: Film

Design

Der Druck auf Edelmarken wie Gucci, sich den Klima-Herausforderungen der Gegenwart zu stellen, ist hoch, stellt Gabriele Detterer in der NZZ fest. Zaghafte Versuche in diese Richtung sind bereits zu beobachten, doch bei jüngsten Schauen umweht auch weiterhin "das hedonistische Fluidum einer Dauerparty den jüngsten opulenten Gucci-Look. Stärker denn je zuvor gerät diese Scheinwelt in Widerspruch zu einer Lebensrealität, die zum Kampfplatz für eine bessere Zukunft geworden ist." So sieht man sich auch bei der Schau "Archtetypes" im Florentiner Gucci-Palazzo "Wänden gegenüber, die mit Parolen der Rebellion voll getextet sind, von Aufbegehren und Sehnsucht ist die Rede, nichts wird mit Abbildern verführerischer Models geschönt. ... Das Panoptikum spiegelt die Leitmotive der Kreationen, die Alessandro Michele seit 2015 entwirft. Deutlich wird der Anspruch, im Vielerlei der Kollektionen klassische Gucci-Elemente in neuem Design fortleben zu lassen. Rauten- und Blumenmuster, Schluppenblusen, Plissee, Handtaschen-Ikonen, Schuhe. Losgelöst von "Symmetrie und Farbenharmonie", dem tradierten Ideal der Schneiderkunst, erscheint kleidsame Schönheit als atonaler Vielklang aus Vintage-Stil und frischeren Geschmacksnoten."

Archiv: Design
Stichwörter: Gucci, Mode

Literatur

Zu Beginn der Pandemie holten die Leute Albert Camus' "Die Pest" heraus oder nutzten den Lockdown, um endlich mal Prousts "Recherche" (oder Pynchons "Gravity's Rainbow"...) wirklich ganz zu lesen. In dieser nun von Gewalttätigkeiten und demonstrativ zur Schau gestellter Irrationalität geprägten Spätphase rät SZ-Kritiker Hilmar Klute nun dazu, zu Heinrich Manns 1933 verfassten Essay "Der Haß" zu greifen, um die Gegenwart besser zu verstehen: "Wenn man das Gift sequenziert, das Heinrich Mann in den Reden, den Lügen und Legenden der Nazis fand, dann kann man dessen Grundsubstanz auch in unserer zwischen höchster Erregung und tiefster Niedergeschlagenheit verorteten Gegenwart finden. Die Kampfbegriffe, die auf Twitter und Telegram eingesetzt werden, sie sind zu oft aus dem gleichen Zeug. Der Hass dort speist sich aus der vehementen Ablehnung abweichender Weltanschauungen und aus der Verachtung soziopolitischer Milieus. Wer einmal das erlebt hat, was in der übrigens per se hässlichen Social-Media-Sprache 'Shitstorm' heißt, hat die Gelegenheit, durchs Schlüsselloch in eine Welt aus gefletschten Zähnen und geballten Fäusten zu blicken."

Außerdem: Unter anderem hier weisen die österreichischen Medien darauf hin, dass das Austrian Center for Digital Humanities and Cultural Heritage eine historisch-kritische Edition von Thomas Bernhards "Wittgensteins Neffe" online gestellt hat. Claus Leggewie schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den US-Schriftsteller Andrew Vachss. Meike Feßmann schreibt in der SZ zum Tod der Schriftstellerin Birgit Vanderbeke.

Besprochen werden unter anderem Reinhard Kleists Comic "Starman" über David Bowies Jahre als Ziggy Stardust (NZZ), der von René Böll herausgegebene Band "Ein Jahr hat keine Zeit" mit Gedichten von Heinrich Böll (FR), Andras Kieners Science-Fiction-Comic "Unvermögen" (Tsp), ein neuer Gedichtband von Michael Krüger (Welt) und Cornelia Holfelder-von der Tanns Neuübersetzung von Alice Walkers "Die Farbe Lila" (noch immer "eines der größten, am hellsten lodernden Lagerfeuer der modernen Literatur", schwärmt Paul Ingendaay in der FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus "La Vie Parisienne" am Théâtre des Champs-Élysées. Foto: Vincent Pontet


Im Pariser Théâtre des Champs-Élysées wurde die rekonstrierte Urfassung von Offenbachs "Pariser Leben" aufgeführt. Der tosende Beifall am Ende war gerechtfertigt, jedenfalls für die Musik, meint Roland H. Dippel in der nmz: "Es handelt sich um die in einem in der Bibliothèque Nationale de France gefundenen Noten-Konvolut folgende Rekonstruktion. Wichtigste Quelle war das Particell der Streicherstimmen für den dirigierenden Konzertmeister sowie Stimmen mit dem originalen Text Ludovic Halévys und Henri Meilhacs vor der Zensurfreigabe, dazu viele kleinere Übergänge und Modifikationen ... Glanzpunkt der Premiere am 21. Dezember war die fulminante Leistung von Les Musiciens du Louvre unter dem Offenbachs Esprit phänomenal einfangenden Romain Dumas. Der Klang hat Witz, Esprit und Verve. Die tiefen Streicher wirkten auffallend akzentuiert. Das Orchester gab dem Abend die bei Offenbach so wichtige Signifikanz und Pointensicherheit. In seiner Gesamtverantwortung für Regie, Bühne und Kostüme erachtete Star-Couturier Christian Lacroix dekorative Augenfälligkeit, Outfits und Ambientes für bedeutsamer als ein theatral und musikalisch kohärentes Tempo."

Außerdem besprochen wird Pietro Mascagnis "L'amico Fritz" bei den Festspielen Erl (nmz).
Archiv: Bühne

Kunst

Im Libanon verlassen Künstler in Scharen das Land, in dem sie weder leben noch arbeiten können. Einige bleiben jedoch und stellen trotzdem aus, erzählt Lena Bopp in der FAZ, wie Chaza Charafeddine, die sich für ihre Schau im Mina Image Center mit Kafkas "Brief an den Vater" beschäftigt hat: "Es ist die erste Schau nach der Explosion, die die Räume der eigentlich auf Fotografie spezialisierten Institution, die erst vor wenigen Jahren eröffnete, vollständig in Trümmer legte. Eine feine, stille Ausstellung ist es geworden. Sie macht kein Aufhebens davon, dass sie den Ort zu neuem Leben erweckt, und beschäftigt sich mit keiner einzigen Krise im Land. 'Ich habe ein Jahr lang darüber nachgedacht, ob ich meine Arbeit präsentieren soll', sagt Chaza Charafeddine. 'Man schämt sich plötzlich, etwas so Unnötiges zu zeigen wie Kunst. Noch dazu ein persönliches Werk wie dieses.' Doch zur Misere Libanons zu arbeiten findet Chaza Charafeddine langweilig. 'Die Misere leben wir ja.' Und wenn sie entschieden hätte, ihre Kunst angesichts der desolaten Lage gar nicht zu präsentieren, da man den Leuten nicht zumuten kann, in eine Ausstellung zu gehen, weil sie ums Überleben kämpfen, wäre das, als dürfe sie selbst keine Kunst mehr machen. 'Dann kann ich aufhören.'"

Le Banquet. Foto: Cité des sciences et de l'industrie, Paris


"Was sind schon siebzig Jungfrauen im Himmel gegen ein fulminantes Essen mit 500 eng an eng platzierten Gästen hier auf Erden?", seufzt taz-Kritikerin Brigitte Werneburg, während sie durch die Ausstellung "Banquet" in der Pariser Cité des sciences et de l'industrie streift. Vor dem - virtuellen - Essen kommt jedoch die Arbeit. Immerhin: "Wenn es zuerst in die Küche geht, dann doch in die molekulare, wo mit Zentrifugen, Siphons, Infrarot-Thermometern und flüssigem Stickstoff das amuse gueule Tomate mit Mozzarella ganz neu erfunden wird. Aber die Küche wird nicht nur als das Labor des Chemikers Raphaël Haumont und des Sterne-Chefs Thierry Marx gezeigt. Sie ist, so erfährt man im Fortgang, auch der Ort langbewährter traditionsreicher Küchenarbeit, mit einem für die anfallenden Arbeiten genau definierten Set von Gerätschaften wie verschiedenen Messern, Löffeln und Kellen, Töpfen und Pfannen."

Weitere Artikel: Sabine Weier sieht für die taz neue Videokunst auf der Biennale de l'Image en Mouvement im Centre d'Art Contemporain Genève. In der Zeit erzählen Ute und Jürgen Habermas von ihrer Bekanntschaft mit dem Maler Günter Fruhtrunk, die damit begann, dass sich Fruhtrunk telefonisch bei ihnen über eine Ausstellungsbesprechung in der Süddeutschen beschwerte und ihnen das vom Kritiker missverstandene Bild schenkte. Die Fotografin Sabine Weiss, die neben Robert Doisneau, Willy Ronis und Brassaï Vertreterin der Schule der humanistischen Fotografie war, ist gestorben, berichten deutsche Zeitungen per Ticker. In Le Monde schreibt Claire Guillot einen Nachruf, bei Liberation findet man eine sehr schöne Bilderstrecke mit ihren Fotos. Im Tagesspiegel schreibt Sebastian C. Strenger zum Tod des Galeristen Michael Schultz.

Besprochen werden eine Ausstellung der algerischen Künstlerin Lydia Ourahmane im Frankfurter Portikus (FR), die immersive Multimedia-Ausstellung "Van Gogh Alive" in Wien ("ein überteuertes Spektakel", warnt Katharina Rustler im Standard), die Ausstellung "Kunst & Hallen. Kunstsinn über Mauern hinweg" in den Berliner Reinbeckhallen (Tsp) und die Ausstellung "Church for Sale" im Hamburger Bahnhof mit Werken aus der Sammlung Haubrok (taz).
Archiv: Kunst

Musik

Thomas Schacher porträtiert in der NZZ die junge mexikanische Dirigentin Alondra de la Parra, die die Silvesterkonzerte des Tonhalle-Orchesters Zürich dirigieren wird. Schon als Jugendliche wollte sie Dirigentin werden - obwohl ihr die demographische Zusammensetzung des Spitzenpersonals diesbezüglich wenig Mut machen konnte. Als sie mit ihre Arbeit begann, hatte sie noch "ein bestimmtes Klischee von der Rolle des Dirigenten vor Augen, dem sie nacheiferte: 'Er muss den Boss markieren, Bedeutung mimen, alles kontrollieren und der Smarteste sein.' In den letzten Jahren, nicht zuletzt durch die Pandemie bedingt, hat sie eine andere Sicht des Berufs entwickelt: 'Ich bin keine Dirigentin, ich bin eine Künstlerin', sagt sie, durchaus überraschend. Dahinter steht eine ganzheitliche Sicht, bei der das Dirigieren - das Handwerk des Taktschlagens - nur einen, wenn auch sehr wichtigen Aspekt des Künstlerlebens bildet. Sie vergleicht den Dirigierberuf denn auch treffend mit demjenigen eines Regisseurs oder eines bildenden Künstlers."

Außerdem: Stefan Ender führt im Standard durch das geplante Programm des Wiener Neujahrskonzert, das Daniel Barenboim dirigieren wird. Die Klassikredaktion der SZ kürt die besten Veröffentlichungen des Jahres. Die FAZ-Redakteure wählen außerdem ihre Lieblingssongs des Jahres. Amira Ben Saoud resümiert im Standard das Popkulturjahr 2021.
Archiv: Musik