Efeu - Die Kulturrundschau

Stets löst sich das Feste auf

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2021. Der Tagesspiegel feiert die Geburt des Kinos im Musée d'Orsay. Die NZZ staunt in der Fondation Louis Vuitton über den historischen Dialog von Meisterwerken der klassischen Moderne aus Europa und Russland. Die SZ erinnert sich an die Zeit, als Verlage noch Mut zu Debatten hatten. Die FAZ bewundert zur heutigen Eröffnung das neue Volkstheater in München. Zeit online hört Rap ohne Bullshit von Neromun. Wird Literatur ein Inselphänomen wie Jazz? Der Schriftsteller Tijan Sila fürchtet es auf Facebook.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2021 finden Sie hier

Kunst

Léonce cinématographiste, mai 1913. Photo © Léonce Perret (1880-1935)


Ein begeisterter Bernhard Schulz erzählt im Tagesspiegel von einer Ausstellung im Pariser Musée d' Orsay, das mit 400 Objekten die Geburt des Kinos im 19. Jahrhunderts nachzeichnet. Das entstand nicht einfach aus der Fotografie, lernt er: "Die Ausstellung im Musée d'Orsay mäandert vielmehr zwischen Objekten, künstlerischen Stilen, technischen Erfindungen und macht deutlich, wie das 19. Jahrhundert im Ganzen in Bewegung gerät. Der Besucher kommt sich vor wie auf einem zunehmend schwankenden Schiff. Ob nun der Maler Claude Monet die Kathedrale von Rouen zu unterschiedlichen Tageszeiten und -stimmungen malt oder eine Fotoserie den Bau des Eiffelturms nach Art eines Daumenkinos ablaufen lässt, stets löst sich das Feste auf, zugunsten von Augenblicken, die sich mehr oder minder planvoll aneinander reihen. Die unterschiedlichsten Vorläufer des Kinos kommen auf, Dio- und Panoramen, dazu Vorrichtungen zur Betrachtung von parallelen Bildern, zur Überblendung und zum Bewegtbild."

Natalia Gontcharova: "Verger en automne", 1909, Galerie Tretjakow, Moskau


Und wer gerade in Paris ist, könnte gleich noch die Fondation Louis Vuitton besuchen, die 200 Gemälde der frühen klassischen Moderne aus der Sammlung der Brüder Morosow zeigt. "Was sich in der Ausstellung auftut, ist kein Geheimnis: Es ist ein Festival der Formen und Farben, eine wahre Schatzkammer des Impressionismus, Postimpressionismus, Fauvismus und Kubismus", schwärmt Peter Kropmanns in der NZZ. "Dabei verwickelt die das ganze Haus auf mehreren Etagen füllende Schau ihr Publikum sachte in subtile Verstrickungen. Unter der Leitung von Suzanne Pagé ist die Kuratorin Anne Baldassari visuellen Verbindungen nachgegangen und hat nach Korrespondenzen ausgestellt. Die motivischen wie stilistischen Verwandtschaften betreffen auch die eingefügten, mit Gewinn zu entdeckenden Arbeiten russischer Künstler und Künstlerinnen, unter ihnen Gontscharowa, Larionow, Malewitsch, Maschkow, Repin, Serow und Wrubel. Dies lässt den historischen Dialog aufleben."

Radical Gaming, anyone?
Weiteres: In der NZZ staunt Philipp Meier über die neueste Versteigerung bei Sotheby's, wo Banksys halb geschreddertes "Love is in the bin" 16 Millionen Pfund erzielte. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Radical Gaming" im Haus der Elektronischen Künste in Basel (FAZ-Kritiker Axel Weidemann öffneten "sich viele weitere Türen in fruchtbar chaotische Welten), eine Ausstellung belgischer Malerei in der Kunsthalle München (SZ), die Kara-Walker-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (FR) und ein verloren geglaubter Lebensfries von Ernst Ludwig Kirchner in dessen Aschaffenburger Geburtshaus (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Walker, Kara, Rouen

Literatur

Hilmar Klute erinnert in der SZ an die Zeit als die Verlage noch Mumm in den Knochen hatten und konfrontative Auseinandersetzungen nicht gescheut haben, statt vorab "sensitivity reader" ins Haus zu holen - etwa als rund um Böll noch munter die Fetzen flogen. "Die Aufregung, die damals von literarischen Texten ausging, hatte eine ähnliche Schärfe wie heute. Aber es gab einen Unterschied: Verlage und Autoren waren mutig. ... Heute hat sich in deutschen Verlagen Angst eingenistet. Lektoren und Verleger fürchten, zum Gegenstand aggressiver Identitätsdebatten zu werden. Die Fragen, die man sich stellt: Darf man eine Erzählung, in der Gewalt beschrieben wird, noch drucken? Braucht es einen Aufkleber für Leserinnen und Leser, die sensibel sind? Geht ein Roman, in dem ein Reaktionär ungefiltert reaktionäres Zeug redet, in Ordnung ohne textkritischen Anhang?"

Geschichten schreibt er nur noch für sich selbst, bekennt der Schriftsteller Tijan Sila in einer Glosse auf Facebook - denn selbst namhafte Autoren machen mit Erzählungsbänden kaum nennenswerte Auflagen. Literatur werde wohl ein Inselphänomen wie Jazz, fürchtet er: "Menschen im Literaturbetrieb sind leider irgendwann auf dem billigen Fusel der 'Aktualität' und 'Relevanz' hängengeblieben, am 'speaking to the moment'. Bücher und Schriftsteller sollten nicht mehr cool sein, sondern 'klug', und jetzt haben wir den Salat, da Twittermenschen sowie Kolumnisten und Kolumnistinnen sich als die ultimativen Schlaubischlümpfe etabliert haben, und ihren Krumen rennen Schriftsteller:innen hinterher: Ich kenne Leute, die sich vor dem nächsten Roman den Kopf darüber zerbrechen, was in 3-4 Jahren ein 'aktuelles, relevantes' Sujet hergeben wird. Dude, fuck that shit, sage ich dazu."

Das israelische Lesepublikum verpasst nichts, wenn Sally Rooneys aktueller Roman nicht ins Hebräische übersetzt werden sollte, kommentiert Julie Burchill in der Welt. Im Spiegel-Kommentar fragt sich  Samira El Ouassil, warum Rooney - wenn sie schon beteuert, dass ihr die hebräische Sprache am Herzen liege - ihren Roman nicht ins Hebräische übersetzen lässt und online frei verfügbar ins Netz stellt. Doch so "wertet sie ein ganzes Land und seine Bevölkerung ab, die mit politischen Entscheidungen der Regierung gleichgesetzt werden."

Weitere Artikel: Sehr zufrieden ist Adam Soboczynski in der Zeit mit dem Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah: Dessen "Sprache ist provozierend einfach, betont schnörkellos und unprätentiös, von einer so schlichten Schönheit, die sich nur jemand erlaubt, der sich nichts beweisen muss. Der Schrecken der Gewalt zeigt sich in diesen Romanen selten in der Gewalttat, eher in den Details, die ihr vorausgehen." Im Dlf Kultur porträtiert Sabine Adler Kira Jarmysch, Alexej Nawalnys Pressesprecherin und seit kurzem auch Romanautorin. In der Welt plaudert Golo Maurer über sein Buch über Goethes Italienreisen. Cornelius Wüllenkemper widmet sich im Literaturfeature des Dlf Kultur der indigenen Literatur Kanadas.

Besprochen werden Tsitsi Dangarembgas "Überleben" (Freitag), Roberto Bolaños "Die Eisbahn" (Dlf Kultur), Angela Lehners "2001" (Freitag), Hannelore Cayres Krimi "Reichtum verpflichtet" (Dlf Kultur), Nataša Krambergers "Verfluchte Misteln" (Freitag) sowie Hillary Clintons und Louise Pennys Thriller "State of Terror" (SZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Robert Hunger-Bühler in "Anne-Marie die Schönheit" von Yasmina Reza am Theater Freiburg, wo es weitere Vorführungen im November gibt. Foto: Britt Schilling


In Yasmina Rezas Stück "Anne-Marie die Schönheit" ist ein Solostück für eine Frau. Geschrieben hat Reza es jedoch ausdrücklich für den Schauspieler André Marcon. Das Schauspielhaus Zürich hat die Rolle jetzt mit Robert Hunger-Bühler besetzt. Eine ausgezeichnete Wahl, findet Roman Bucheli in der NZZ. Schade nur, dass das Schauspielhaus das Stück aus identitätspolitischen Gründen nicht in Zürich spielen will, sondern Hunger-Bühler als alternde Schauspielerin Anne-Marie durch die Provinz schickt. Den Zürchern entgeht was, wenn Anne-Marie in ihrer letzten Rolle sich selbst spielt: "Wie falsch das alles ist - und wie sehr es sich zugleich auf seltsam traurige Weise richtig anfühlt, wird vielleicht gerade darum so unaufdringlich, fast zärtlich spürbar, weil Robert Hunger-Bühler den Zwiespalt selber verkörpert. Er versucht ja auch gar nicht, die Illusion zu erwecken, es stehe eine Frau auf der Bühne, Rock und Bluse sind keine Travestie, nur die Andeutung einer Verschiebung der Identität. Darum bleibt der Abstand zwischen ihm und der Rolle gerade dort am schmerzhaftesten gegenwärtig, wo er zu verschwinden droht. Es ist diese feine Dissonanz, die unsere Sinne schärft für die großen Dissonanzen im Leben der Frau und in den Weisen, wie sie davon erzählt."

Das neue Münchner Volkstheater. Foto vom Architektenbüro LRO 


Heute abend eröffnet das neue Münchner Volkstheater mit Marlowes "Edward II." in der Regie von Christian Stückl. In der FAZ nutzt Matthias Alexander die Gelegenheit, noch einmal von den "Meistern des Stuttgarter Architekturbüros LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei" und insbesondere Arno Lederer zu schwärmen. Für das Theater wird der neue Bau eine Herausforderung, meint er: "Jahrzehntelang hat das Volkstheater in einer umgebauten Turnhalle an der Brienner Straße mehr gehaust als residiert, jetzt verfügt es über gewaltige 30 000 Quadratmeter Geschossfläche und über eine technische Ausstattung, von der die Kollegen an Kammerspielen und Residenztheater nur träumen können. Auch die Personalstärke ist aufgestockt worden, immerhin um ein Drittel. Das ist schön und beglückend, aber auch fordernd. Intendant Christian Stückl und sein junges Team, die Volkstümlichkeit nie mit Provinzialität verwechselt haben, werden sich mit gestiegenen Erwartungen konfrontiert sehen: seitens des Publikums, der Kritik und der Politik."

Weiteres: Dorion Weickmann trifft sich für die SZ mit der koreanischen Choreografin Eun-Me Ahn, deren Stück "Dragon" gerade in Potsdam aufgeführt wird. Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung von Bellinis "Norma" an der Semperoper (nmz), der Doppelabend "Das Mrs. Dalloway Prinzip" und "4.48 Psychose" in der Inszenierung von Selen Kara am Schauspiel Dortmund (SZ).
Anzeige
Archiv: Bühne

Design

Modelabels greifen die Impfdebatte auf und präsentieren den Impfstatus des Kleidungsträgers in knalligen Lettern. Sabine von Fischer findet das im NZZ-Kommentar einigermaßen albern: "Einst hieß es: Zeig mir deine Schuhe, und ich sag dir, wer du bist. Doch das gilt nicht mehr, schon gar nicht, seit alle Turnschuhe an den Füßen tragen. Auf der Brust zeigt sich nun die wahre Gesinnung: Impfen ja oder nein? ... Über Geschmack lässt sich genauso streiten wie über die Impffrage oder die Politik. Aber in der Mode hält man den andern Geschmack besser aus als die andere Meinung, die die Grundrechte betrifft. Jeder ist der Überzeugung, im Recht zu sein, bis auf ein paar Wankelmütige. Die Mode macht daraus, was sie schon immer tat: Geschäfte."
Archiv: Design
Stichwörter: Impfdebatte, Mode

Film

Auf Artechock setzt Rüdiger Suchsland (der uns nebenbei noch die ARD-Langzeitdoku über Kevin Kühnert ans Herz legt) auch film- und kulturpolitisch große Hoffnungen auf die Ampelkoalition und insbesondere auf die FDP: Diese, "so hört man aus den Koalitionsverhandlungen, will die FFA abschaffen. Hoffentlich stimmt die Info, hoffentlich setzen sie sich damit durch. Nur Mut, ihr Liberalen! Alles ist besser als der gegenwärtige Zustand. Man kann faule Glieder nicht mit Lavendelwasser heilen, und die wirtschaftliche Filmförderung wird nur dann besser, wenn sie von Grund auf neu gebaut werden wird."

Weitere Artikel: Netflix-Angestellte planen einen Massenstreik, weil sie David Chappelles von ihrem Haus online gestelltes Comedyspecial "The Closer" für transphob halten, meldet Sonja Thomaser in der FR. Matthias Lerf porträtiert im Tagesanzeiger die koreanische Schauspielerin Jung Ho-yeon, die mit der Netflix-Serie "Squid Game" zum Superstar geworden ist. Jens Hinrichsen empfiehlt im Tagesspiegel die Retrospektive Heinz Emigholz im Berliner Haus der Kulturen. Die FAZ hat ihr Gespräch mit Moritz Bleibtreu zu seiner neuen Serie "Blackout" online nachgereicht. Isabella Caldart wirft für 54books einen Blick auf queere Repräsentation in frühen Teenie-Serien.

Besprochen werden Ridley Scotts Ritterdrama "The Last Duel" (Presse, Artechock, Freitag, Welt, Zeit, mehr dazu hier), Christophe Honorés "Zimmer 212" (Artechock, FAZ, mehr dazu hier), "Resistance" mit Jesse Eisenberg als Marcel Marceau im Widerstand gegen die Nazis (Tagesspiegel), Harry Macqueens Demenzdrama "Supernova" (Freitag), Franz Böhms Dokumentarfilm "Dear Future Children" über junge Aktivisten (Artechock), die Netflix-Serie "Squid Game" (Artechock), Andrea Schramms Doku "Endlich Tacheles" (Tagesspiegel), Pepe Andreus Doku "Lobster Soup - Das entspannteste Café der Welt" (Filmdienst), Florian Gallenbergers "Es ist nur eine Phase, Hase" (Artechock), eine Ausstellung in Paris zur Frühgeschichte des Kinos (Tagesspiegel) und die ZDFneo-Serie "Wir" (taz).
Archiv: Film

Musik

Mit regem Interesse und großer Spannung beobachtet ZeitOnline-Kritiker Daniel Gerhardt, was der Mainzer Rapper Neromun gerade mit dem Genre veranstaltet: "Was bleibt übrig von deutscher Rap- und Popmusik, wenn man den ganzen Bullshit abzieht? Im Idealfall ein Song wie 'Siblings'", der "auf das unbedingt Nötige zusammengekürzt" ist. "Kaum etwas passiert in dem dreiminütigen Stück. Nur der Bass markiert einen unregelmäßigen Herzschlag, das E-Piano landet auf folgerichtigen Akkorden und Neromun sprechsingt im Chor mit der eigenen manipulierten Stimme." Damit könnte Neromun "möglicherweise auf Deutschrap-internes Unverständnis stoßen. Zumindest dort, wo die Vorstellungen von fertigen Tracks und ihrer Playlisttauglichkeit längst eine starre Verbrauchsgüterästhetik hervorgebracht haben."



Außerdem: Thomas Schacher porträtiert in der NZZ die Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer, deren Fokus auf vergessene Werke Schweizer Komponisten liegt. Ralf Dombrowski berichtet in der SZ von seinem Zoom-Treffen mit Carlos Santana, der heute ein neues Album veröffentlicht. Die Stones werden ihren Song "Brown Sugar" vorerst nicht mehr live spielen, meldet Harry Nutt in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden Todd Haynes' auf Apple+ gezeigter Dokumentarfilm über The Velvet Underground (taz), der von Marina Schwarz herausgegebene Band "Das verdächtig Populäre in der Musik" (taz), das neue Album von Helene Fischer (Standard), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Manfred Honeck (Standard) und das neue Album von Sufjan Stevens (taz). Wir hören rein:

Archiv: Musik