Efeu - Die Kulturrundschau

Das kleine Oktoberfest der Avantgarde

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14.10.2021. In der FAZ feiert die afghanische Künstlerin Kubra Khademi triumphale weibliche Nacktheit. In der Zeit erzählt Gregor Schneider von ursprünglichsten Ich-Erfahrungen. Scheinmoralisch finden NZZ und Zeit die Entscheidung Sally Rooneys, ihr neues Buch nicht von einem israelischen Verlag übersetzen zu lassen. Superhelden waren immer schwul, deklariert die Welt. Die taz schwärmt von Christophe Honorés Film "Zimmer 212", der ein Herz für den intellektuellen Boulevard zeigt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2021 finden Sie hier

Kunst

Kubra Khademi, Untitled, 2019


Die afghanische Künstlerin Kubra Khademi musste 2015 nach Morddrohungen ihr Land verlassen und lebt seitdem in Paris. Im kommenden Jahr wird sie an der Schau "Walk" in der Frankfurter Schirn teilnehmen und das Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern widmet ihr eine Einzelausstellung. Aber der Gedanke, wie seit der Machtübernahme der Taliban die Frauen in ihrem Heimatland leiden, treibt sie um. Gerade darum ist der weibliche Körper in ihrer Kunst so wichtig, erklärt sie im Interview mit der FAZ. "Meine Arbeit entsteht tief in meiner Lebensgeschichte. Mein Körper ist das Persönlichste, das ich mit mir trage. Alles kommt von dieser Existenz, die nicht existieren sollte, die malträtiert wurde, weil sie weiblich war. Als Mädchen muss man bei jedem Schritt kämpfen, um zu beweisen, dass man nachdenken und entscheiden kann, dass man existieren darf, ohne sich dafür schämen zu müssen. Meine Kunst hat sehr viel damit zu tun. Wenn ich zurückschaue, sehe ich: Eigentlich stand alles gegen mich. Ich arbeite mit meinem Körper und male Frauenkörper, die meist nackt sind, weil ich maximal auf ihrer weiblichen Identität insistieren möchte. Sie sind triumphierend und sehr präsent."

Hier eine Live Performance Khademis im Palais des beaux-arts de Bruxelles vom 22. Oktober 2020:



Die neue Kunsthalle im luxemburgischen Esch würdigt gerade Gregor Schneider mit einer Retrospektive. Im Interview mit der Zeit versucht der Künstler zu erklären, was es mit seinen selbst gebauten Häusern und Räumen auf sich hat: "Sich in einem Raum zu fühlen ist eine der ursprünglichsten Ich-Erfahrungen. Den Räumen können wir nicht entkommen. Das wurde vielen erst in der Pandemie bewusst. Wir leben meist im Autopilot-Modus einer Schattenarchitektur. Es ist immer etwas in unserem Rücken, das wir nicht sehen. Diesem unbemerkten Raum versuche ich nahe zu kommen. Indem ich Räume eins zu eins noch mal in den Raum baue, versuche ich sie zu begreifen. Die Einbauten schaffen neue Räume, die sich komplett der Wahrnehmung entziehen, die kann selbst ich nicht mehr beschreiben."

Weitere Artikel: In der SZ berichtet Gerhard Matzig von der Ausstellung einer Kopie des David von Michelangelo in Dubai: Als die Verantwortlichen erkannten, dass die Statue nackt ist, stellten sie sie so auf, dass für gewöhnliche Besucher nur die obere Hälfte der Statue sichtbar ist, die untere Hälfte dagegen ist "nur den Offiziellen oder VIPs zugänglich. In der Peepshow oder im Bordell ist das ja ähnlich geregelt." Zum Tod der Fotografin Evelyn Richter schreiben Ulf Erdmann Ziegler in der taz und Alex Rühle in der SZ.

Besprochen werden eine Ausstellung der Fotografien von Hildegard Heise im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (taz-Kritiker Falk Schreiber lernt eine "technisch hochtalentierte Avantgardistin" kennen, "deren Werk noch seiner Entdeckung harrt". ) und eine Ausstellung von Albert-László Barabási am ZKM Karlsruhe (SZ).
Archiv: Kunst

Literatur

"Absurd unausgewogen" findet Marion Löhndorf in der NZZ Sally Rooneys Entscheidung, ihren Roman nicht von einem israelischen Verlag ins Hebräische übersetzen zu lassen. Die Autorin steht der BDS-Bewegung nahe (hier und hier unsere Resümees). "Will sie nun aus politischen Gründen auch auf Übersetzungen ins Chinesische, Arabische und Russische verzichten? Der Zustand der Menschenrechte in vielen anderen Ländern mit ihren großen Märkten bekümmert die Autorin offenbar nicht. In einer Welt, in der sich viele Nationen vieles zuschulden kommen lassen und in der antisemitische Äußerungen und Aktionen wieder zunehmen, irritiert ihre Entscheidung: Beruht sie auf Dummheit, Bigotterie oder verdecktem Antisemitismus? Abstoßend ist sie allemal."

Ähnlich klingt es im Zeit-Kommentar von Iris Radisch: "Die politisch so empfindsame Autorin veräußert ihre Übersetzungsrechte in das Land der Ajatollahs und Dissidentenmörder, aber nicht in das Land der Holocaustopfer und ihrer Nachfahren. ... Literatur, die dazu da ist, Menschen zu verbinden, wird im scheinmoralischen Kulturkampf zur Waffe, die keinerlei erkennbaren Nutzen hat."

"Superhelden waren schon immer schwul", schreibt Matthias Heine in der Welt und lässt damit die Luft raus aus der allgemeinen Begeisterung darüber, dass Supermans Sohn sein Coming-Out als bisexuell hat. Der Unterschied: Früher arbeiteten Comics mit Codes und Anspielungen, doch Subtexte reichen heute nicht mehr aus. Ein blinder Fleck aber bleibt, schreibt Heine: Auch bei Superman bleibt die Liebe in der eigenen Klasse. "Die größere Revolution wäre gewesen, wenn Supermans Sohn sich in eine bibeltreue ungelernte Fabrikarbeiterin aus dem mittleren Westen, die gerade von ihrer Oxycontinsucht genesen ist, verliebt hätte. Aber soweit ist die Welt noch nicht."

Außerdem: In der NZZ erinnert der Schriftsteller Richard Swartz an den 2017 verstorbenen Verleger Egon Ammann. In seinem Intellectures-Blog legt uns Thomas Hummitzsch die Manga von Taiyo Matsumoto ans Herz. Für die Welt hat sich Hannes Stein in New York mit Alexander Wolff getroffen, der ein Buch über die Geschichte seines Großvaters - des Kafka-Verlegers Kurt Wolff - geschrieben hat. Die FAZ dokumentiert eine von Christoph Hein im Marbacher Literaturarchiv gehaltene Rede zu Nachworten.

Besprochen werden unter anderem Martina Hefters Lyrikband "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen" (SZ), Julia Francks "Welten auseinander" (Dlf Kultur, Welt) und Olga Tokarczuks "Übungen im Fremdsein" mit Essays und Reden (FAZ). Der Zeit erscheint mit ihrer Buchmessenbeilage.
Archiv: Literatur

Film

Duell der Plattenpanzerträger in feinfühliger Inszenierung: "The Last Duel" von Ridley Scott

Männliche Macht und Misogynie im Mittelalter: Ridley Scott holt in seinem (von den Schauspielern Matt Damon und Ben Affleck gemeinsam mit der Filmemacherin Nicole Holofcener geschriebenen) Ritterdrama "The Last Duel" die ganz großen Themen auf den Tisch, wenn zwei Ritter sich hier, mit dem Segen des Königs, duellieren, weil der eine die Frau des anderen vergewaltigt haben soll. Doch "entgegen aller Versuche bekommt der Film die Opferrolle der Frau letztlich nicht in ein feministisches Narrativ von tatsächlicher Handlungsmacht umgedeutet", schreibt Karsten Munt im Perlentaucher. "Paradoxerweise löst er die empathische Geste am ehesten dort ein, wo die Energie von Marguerites Widerstand in das Duell der Plattenpanzer-Träger kanalisiert wird." Umso begeisterter ist allerdings FR-Kritiker Daniel Kothenschulte von dem Film: "Selten hat Ridley Scott in den letzten Jahren dem Kammerspiel den Vorzug vor den großen 'set pieces' gegeben. Hier hat er auch künstlerisch zurückgefunden zu einem lange vernachlässigten Feingefühl in der Inszenierung." Einen Ridley Scott "in Bestform" erlebt auch Bert Rebhandl vom Standard.

"Zimmer 212": Pointen, Ernstes und Frivoles streut Christophe Honoré mit leichter Hand

Spielerischer geht es zwischen den Geschlechtern allem Anschein nach in Christophe Honorés "Zimmer 212" zu: Alte Liebesbeziehungen, neue Liebschaften, Träume, dazu Paris - und "all das mit einer Selbstverständlichkeit in Szene gesetzt, als ganz alltägliches Wunder", schwärmt Ekkehard Knörer in der taz. "Die Leichtigkeit, die Künstlichkeit, das Herz für den intellektuellen Boulevard, all das verweist auch auf den großen Filmemacher Alain Resnais. ... Honoré streut lässig, mit rechts, mit links, auf große Gesten verzichtend, Verweise, Gedanken, Pointen, Ernstes, Frivoles, Überwirkliches und allzu Reales."

Weitere Artikel: In der NZZ versuchen Andreas Scheiner (hier) und Hoo Nam Seelmann (hier) dem überwältigenden Reichweiten- und popkulturellen Erfolg der südkoreanischen Netflix-Serie "Squid Game" auf die Schliche zu kommen. Für die FR spricht Christina Bylow mit dem Filmemacher Franz Böhm über seinen Dokumentarfilm "Dear Future Children", der sich drei jungen Aktivisten an die Fersen heftet. Michael Ranze erinnert im Filmdienst an Yves Montand, der vor 100 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden Julia Ducournaus Cannesgewinner "Titane" (Intellectures, unsere Kritik hier), Gabriele Muccinos "Auf alles, was uns glücklich macht" (taz), Jonathan Hensleighs "The Ice Road" mit Liam Neeson (Perlentaucher), Jonathan Jakuboviczs "Resistance" mit Jesse Eisenberg als Marcel Marceau (FR), Harry Macqueens Demenzdrama Supernova (critic.de), das von Katja von Garnier inszenierte Musical "Fly" (Tagesspiegel, Welt), die auf Joyn gezeigte Serie "Blackout" mit Moritz Bleibtreu (taz), der Dokumentarfilm "Sunset over Hollywood" über Rentner der Filmbranche (ZeitOnline) und der ARD-Film "Geliefert" mit Bjarne Mädel (ZeitOnline). Außerdem informieren uns die SZ-Kritiker darüber, welche Filme sich diese Filme lohnen und welche nicht.
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Archiv: Film

Bühne

Die verschiedenen Hygiene-Konzepte an deutschen Theatern können ganz schön verwirrend sein - zumal sie sich auch noch andauernd ändern. Und die Zuschauer machen auch nicht alles mit. Die einen fühlen sich wohler mit Maske, die anderen ärgern sich, dass sie trotz Impfung Maske tragen müssen, berichtet Christine Dössel in der SZ: "Überall die gleiche Frage: Was wollen und fürchten denn nun eigentlich die Zuschauer? ... Ulrich Khuon, der als ehemaliger Präsident des Deutschen Bühnenvereins die Gesamttheaterlage gut im Blick hat, geht davon aus, dass ein Teil vor allem der über 70- und 80-Jährigen nicht mehr zurückkehren wird. Er erwartet einen Einbruch von zehn bis fünfzehn Prozent. Alarm schlägt er deswegen nicht: 'Das wird eine Anstrengung werden, aber keine Horrorerfahrung. Es kann auch lustvoll sein, sich neu auszuprobieren und Zuschauer zu gewinnen.'" Sehr viel weniger gelassen sieht das Joachim Lux vom Hamburger Thalia-Theater. Er "macht außerdem einen viel größeren Problemkreis auf: Leere städtische Kassen, steigende Energiepreise, Tariferhöhungen, Inflation - das ergebe einen 'explosiven Cocktail von Mehrkosten und Mindereinnahmen'."

Weitere Artikel: Sylvia Staude unterhält sich für die FR mit Tim Plegge, Hauschoreograf für das Hessische Staatsballett, über sein neues Stück "Memento". In der FAZ berichtet Christoph Weissermel vom FIND-Festival an der Berliner Schaubühne.

Besprochen werden Donizettis "Viva la Mamma!" in Lübeck (nmz) und die Uraufführung von Alexander Zemlinskys Opernfragment "Malva" bei "Zemlinsky 150" in Prag (nmz, FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

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Die Ausstellung "Stolen Moments" in den Wagenhallen Stuttgart bringt tazler Jonas Engelmann die Geschichte der Populärmusik Namibias ganz nahe. Diese ist eine Geschichte der staatlichen Unterdrückung und Ausgrenzung, erfahren wir. Die Ausstellung holt all die Leerstellen "zurück ins Bewusstsein, ergänzt um das, was war, was gewesen sein könnte, und um das, was verloren ist: Musik aus dem Radioarchiv wurde digitalisiert und zugänglich gemacht, Künstler der Gegenwart haben Plattencover für die nie erschienenen Alben entworfen und Fotografen haben sich auf die Suche nach den ehemaligen Orten der Subkultur begeben."

Die Donaueschinger Musiktage werden dieses Jahr auch schon 100, seufzt Manuel Brug in der Welt, der sich zu Glückwünschen kaum durchringen mag. Zu esoterisch, zu verschwurbelt, zu entlegen und heutzutage vor allem zu beliebig kommt dem Kritiker, der es gerne üppig mag, die Veranstaltung vor. Auch die neue Chefin Lydia Rilling, die nächstes Jahr ihr Amt antritt, werde daran wohl nicht viel ändern. "Wir wollen nicht vom Irrtum der Geschichte sprechen, doch welche der vielen Werke, die hier uraufgeführt wurde, haben es ins Repertoire geschafft? ... Die Donaueschinger Musiktage bleiben das kleine Oktoberfest der Avantgarde, geliebt, belächelt, aber nicht mehr für wirklich bedeutend empfunden."

Seit drei Jahren wird der "Opus Klassik" verliehen. In VAN sendet Sebastian Solte vergiftete Glückwünsche: "Alle Stakeholder wurden stets üppig berücksichtigt, so dass bei der Vielzahl der Preise kein unnötiger Streit aufkommen musste." Und "nur neidische Nörgler würden sich wundern, warum beispielsweise als 'Komponist*in des Jahres' zweimal hintereinander Hochkaräter aus just dem Verlag gekürt werden, der in der Jury vertreten ist." Doch "möchten wir das ZDF ermutigen, die Premium-Klassik-Gala doch bitte zur Primetime um 20:15 Uhr auszustrahlen, also auf dem Sendeplatz, auf dem sonst die Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen oder das Traumschiff laufen. Dann könnte auch unser Traum in Erfüllung gehen, dass endlich der ideale Moderator engagiert wird: Harald Schmidt."

Außerdem: Toll findet es Alex Ketzer im VAN-Magazin, dass München seine Isarphilharmonie als Provisorium, solange das eigentliche Konzerthaus generalsaniert wird, ins ansonsten wenig angesagte Sendling gelegt hat. Thomas Winkler besucht für ZeitOnline den Rapper Marteria. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen widmet sich Arno Lücker diesmal Sophie Gail.

Besprochen werden der Saisonauftakt beim Zürcher Kammerorchester mit dem Geiger Daniel Hope (NZZ) und ein Abend mit Bejun Mehta (Tagesspiegel).
Archiv: Musik