Efeu - Die Kulturrundschau

Tiere, die nie existiert haben werden

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08.09.2021. Die FR schwärmt vom diesjährigen Festival in Venedig, wo ihr sogar opulente Balzac-Verfilmungen gelungen erscheinen. Die SZ ruft auf, nach Halle zu fahren, wo das Literaturhaus Leni Sinclairs aufrührerische Fotografie der amerikanischen Musikszene zeigt. Die taz hofft in Weimar vergebens auf Vergebung durch die japanische Seelöwin. Und die NZZ hätte von Rammsrein in Moskau lieber schwule Küsse als sowjetische Heldenlieder präsentiert bekommen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2021 finden Sie hier

Film

Kulinarisch, leichtgängig, aber bestens goutierbar: Xavier Giannolis adaptiert Balzacs "Illusions Perdues"

Zwei Drittel des Filmfestivals Venedig sind geschafft und "selten war ein Filmfestival so arm an Fehlgriffen", schwärmt ein hingerissener Daniel Kothenschulte in der FR - und dann müssen die Filme noch nicht einmal schwergängig oder auf Teufel komm raus originell sein. Xavier Giannolis "Illusions perdues" etwa schwelgt in aller historischer Pracht, wie sie für eine Balzac-Verfilmung wie diese nur statthaft ist. "Benjamin Voisin spielt den aufstrebenden Dichter Lucien, der im aufstrebenden Zeitungsjournalismus als Literaturkritiker Karriere macht, doch in einem korrupten System, das man heute 'Kulturwirtschaft' nennen würde, unter die Räder gerät. Es ist nicht schwer, in Balzacs messerscharfer Analyse des Klassensystems und seiner kritischen Sicht auf die frühen Massenmedien nach Aktualitäten zu suchen. Giannoli breitet sie sorgsam vor uns aus, in glänzenden Dialogen und detailverliebt wie ein zweiter Bertolucci. Das wäre dann auch das einzige, dass sich gegen diesen kulinarischen Film vorbringen könnte - hier wird das Kino nicht neu erfunden, seine Eleganz ist von einer Art, wie man sie schon vor fünfzig Jahren bei diesem Festival gefeiert hätte."

Tim Caspar Boehme von der taz sah in diesem Festivaljahrgang bislang vor und hinter der Kamera jede Menge starke Frauen. Mit hohem Interesse verfolgt FAZ-Kritiker Dietmar Dath, wie ähnlich und doch verschieden unterschiedlich in diesem Wettbewerb unter freiem Himmel Trübsal geblasen wird: "In 'Lost Daughter', dem Spielfilmregiedebüt der Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, sitzt Olivia Colman mit Büchern und Sorgen am Strand herum, in 'Sundown' von Michel Franco trinkt der routinierte Tim Roth in der Brandung Bier."

Schade, die meisten Zeitungen bringen zum Tod von Michael K. Williams lediglich Agenturmeldungen. Immerhin Dirk Knipphals hat in der taz ein paar Zeilen zum überraschend frühen Tod des Schauspielers geschrieben, der einem größeren Publikum als Omar aus "The Wire" bekannt wurde: "Die Chance, in dieser Fernsehserie einem schwulen schwarzen Mörder in den Projects von Baltimore Verletzlichkeit und Würde zu geben, nutzte Williams mit großer schauspielerischer Kraft. Das ist jenseits von Sozialdrama. ... Außerdem hatte es einfach Grandezza, wenn dieser Omar pfeifend in seiner zerschlissenen Kleidung, abgesägte Schrotflinte im Anschlag, durch die Straßen Baltimores wandelte." Im Dlf Kultur spricht Filmredakteurin Susanne Burg über Williams.

Weitere Artikel: Jenni Zylka (taz), Daniel Kothenschulte (FR) und Claudius Seidl (FAZ) reichen die Nachrufe auf Jean-Paul Belmondo nach (weitere hier).

Besprochen werden Elisabeth St. Philips Dokumentarfilm "Die Klasse von 9/11" über die Schulklasse, vor der damals George W. Bush saß, als ihn die Nachricht des Anschlags auf die Twin Towers erreichte (ZeitOnline), Azazel Jacobs' "French Exit" (Jungle World), Lena Thieles, Dirk Hoffmanns und Sebastian Baurmanns Virtual-Reality-Tierdoku "Myriad" (SZ), die HBO-Serie "White Lotus" (NZZ) und die Serie "American Horror Stories" (taz).
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Kunst

Prince auf einem Bild von Leni Sinclair. Foto: Literaturhaus Halle

Ausgerechnet Halle! Peter Richter freut sich in der SZ ungemein, dass das dortige Literaturhaus der Fotografin Leni Sinclair eine Ausstellung widmet, die in den Sechzigern und Siebzigern die amerikanische Musik- und Protestkultur so lustvoll in Szene setzte: "Denn Leni Sinclair ist nun einmal nicht nur die Frau, die Ende der Sechziger zusammen mit dem Anarchisten und Poeten John Sinclair aus Solidarität mit der Black Panther Party die fast noch radikalere, auch zur sexuellen Entfesselung entschlossene White Panther Party gegründet hat und Detroits blühende Musikszene fotografierte, während ihr Mann die MC5 managte oder wegen geringfügigen Cannabisbesitzes drastische Gefängnisstrafen absitzen musste. Was nämlich weniger bekannt ist: Leni Sinclair ist 1940 als Magdalena Arndt in Königsberg zur Welt gekommen und danach bis zu ihrer Auswanderung nach Amerika in einem Dorf in Sachsen-Anhalt aufgewachsen."

In einer kleinen Geschichte der Raubkunst erinnert Philipp Meier in der NZZ, daran, dass Kunstwerke schon immer der siegreichen Macht als Trophäen diente, es aber immer auch einige wenige Opponenten gegen diese Gewaltakte gab: "Bereits vor zweitausend Jahren, als die Stadt Syrakus von den Römern besetzt wurde, rief der griechische Geschichtsschreiber Polybios dazu auf, nicht die Notlage anderer Völker zur Verschönerung des eigenen Landes auszunützen." Amira Ben Saoud berichtet im Standard von der Kunstmesse Parallel Vienna.

Besprochen werden Frédéric Brenners fotografischer Essay "Zerheilt" im Jüdischen Museum Berlin (taz, FAZ), die Schau "Öl. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters" im Kunstmuseum Wolfsburg (die Wolfsburg eigene Geschichte aber außen vorlässt, wie Katinka Fischer in der FAZ bemerkt)
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Literatur

Besprochen werden unter anderem Ulf Erdmann Zieglers Bundestagsroman "Eine andere Epoche" (Tagesspiegel), Jenny Erpenbecks "Kairos" (Freitag, online nachgereicht von der FAZ), Sven Regeners Westberlin-Roman "Glitterschnitter" (ZeitOnline), Paul Berfs Neuübersetzung von Stig Dagermans Reportagen aus dem Nachkriegsdeutschland (SZ), J.R.R. Tolkiens gebündeltes Zettekonvolut "Natur und Wesen von Mittelerde" (Welt) und Niña Weijers' "Ich. Sie. Die Frau" (FAZ).
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Stichwörter: Tolkien, J.r.r, Westberlin

Architektur

Der Kolonialismus und seine Folgen hat nicht nur Kunstwerke geraubt, sondern auch Traditionen und Bauwerke zerstört, erinnet Bryan Martin in Hyperallergic und erzählt in einem schön bebilderten Artikel von der Kunst der Mbari-Häuser in Nigeria, die von einer Gemeinde etwa nach einer Naturkatastrophe errichtet wurden, um die Göttin Ala zu besänftigen: "Obwohl sich keine zwei Mbari genau gleichen, gibt es grundlegende Ähnlichkeiten. Mbari sind immer ein weitläufiger Bau mit rechteckigem Grundriss, dessen Dach über die vier Eckpfeiler hinausragt. Mbari wurden mit Ameisenlehm als primärem Baumaterial gebaut, und nach dem Bau wurden wunderschöne geometrische Muster auf die Wände und organisch geformte Säulen gemalt. Die Häuser waren in der Regel mit ausdrucksstarken Figuren in einer für den Igbo-Glauben spezifischen Hierarchie und mit Gottheiten gefüllt. Diese Figuren wiesen ähnliche formale Elemente auf: übertriebene Hälse und Köpfe, lange Gliedmaßen ohne Muskeln und farbenfrohe Bemalung, was jede Figur zu einer einzigartigen skulpturalen Form machte."
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Bühne

Und alle Tiere rufen. Foto: © Candy Welz


Wäre die Erde am Ende besser dran, wenn der Mensch nie existiert hätte? In etlichen Produktionen stellt das Kunstfest Weimar existenzielle Frage, berichtet Katrin Bettina Müller in der taz, etwa Thomas Köcks Requiem "Und alle Tiere rufen: Dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr", das Müller nahe ging: "Das Abwesende, das Fehlende, das Nie-gewesen-sein-Werdende bekommt in dieser Performance, in der die Manuskriptblätter eines nach dem anderen zu Boden segeln, ein Gesicht. Die Reunion-Schildkröte, der Kaukasus-Hirsch, die Japanische Seelöwin, die Algerische Gazelle, der Sardinische Pfeiffhase: Der Text fragt nach ihren Träumen und Erinnerungen. Und er lässt die Tiere, die nie existiert haben werden, herankriechen und brüllen: 'Keine Vergebung!'."

Besprochen werden die Country-Oper "Burt Torrido" des Nature Theater of Oklahoma beim Zürcher Theaterspektakel (die sich SZ-Kritiker Egbert Tholl als "sehr freundliches Untergangs-Tableau" gefallen lässt) und die Benjamin Brittens Kammeroper "The Rape of Lucretia" am Stadttheater Gießen (FR).
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Musik

Till Lindemann von Rammstein spielte vergangenes Wochenende - allerdings solo - an zwei Abenden auf dem Roten Platz und sang dort, im Rahmen des Militärmusikfestivals "Spasskaja Baschnja", sowjetische Heldenlieder, berichtet in der NZZ ein ziemlich enttäuschter Ueli Bernays, der auf Rammsteins Brechung totalitärer Ästhetiken durch Pop-Überhöhung ansonsten viel hält. "2019 noch haben sich die Musiker von Rammstein vor 80.000 Zuhören geküsst, um so ihre Solidarität mit den russischen Homosexuellen zu bekunden. Diesmal ließ sich Lindemann hingegen von der offiziellen Kulturpolitik vereinnahmen." Was Bernays besonders aufstößt, da Rammstein-Fans in Russland auch schon mal in den Bau wandern, wenn sie die anstößigeren Videos von Lindemanns Band teilen. Lindemann selbst gab sich beim Konzert am Wochenende brav und geleckt: 



Außerdem: Wolfgang Schreiber berichtet in der SZ vom Schwerpunkt des Musikfests Berlin zum Spätwerk Strawinskys: "Wie sonst nur Picasso zeigte sich sogar der betagte Strawinsky als das Chamäleon der Verwandlung von Formen, Stilen, Klanggesten." Karl Fluch blickt für den Standard auf 9/11 in der Popmusik. Andrian Kreye trifft sich für die SZ auf einen Kaffee mit dem Jazzpianisten Roberto Di Gioia von Web Web, der gerade mit Max Herre ein Album aufgenommen hat. Live klingt das dann so:



Besprochen werden Matthew E. Whites Soul-Pop-Album "K Bay" (Tagesspiegel), ein Konzert der Bamberger Symphoniker beim Lucerne Festival (NZZ), neue Jazzveröffentlichungen (NMZ), neue Veröffentlichungen aus dem Bereich der Neuen Musik (NMZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter Saint Etiennes neues Album "I've Been Trying To Tell You", das SZ-Popkolumnistin Juliane Liebert an die Neunziger und viel Liebeskummer denken lässt: "Das Herz ist hier schon so oft gebrochen und wieder zusammengeknetet worden, dass es eine Art unzerstörbares Gummiobjekt geworden ist, das man wie einen Flummi in Zeitlupe durch den Pop-Raum hüpfen sieht."
Archiv: Musik