Efeu - Die Kulturrundschau

Komm, beglücke mich!

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02.08.2021. Die FAS untersucht mit einem Parfum der Künstlerin Pamela Rosenkranz das gestörte Verhältnis von Mensch und Tier. Die NZZ stellt den polnisch-jüdischen Autor Leopold Tyrmand vor. Warum sind deutsche Liebesfilme nur immer so unromantisch, fragt sich in der NZZ Tobias Sedlmaier. Perfekten Verführungsstoff hört dagegen die hüftschwingende SZ mit "Paani Paani" von Rapper Badshah. Die nachtkritik reagiert entgeistert auf den "Chor der Mütter, die den Holocaust überlebt haben" in Marta Górnickas Inszenierung "Still Life. A Chorus for Animals, People and all other lives". Die FAZ feiert den Orpheus des zwanzigsten Jahrhunderts: Enrico Caruso.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2021 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Still Life". Bild: Lutz Knospe

Viel hat sich das Gorki Theater mit Marta Górnickas Inszenierung "Still Life. A Chorus for Animals, People and all other lives" für die erste Uraufführung nach der pandemiebedingten Schließung vorgenommen, stöhnt Katrin Bettina Müller in der taz. Verschiedene Chöre singen von Rassismus und Kolonialismus, von Klimakrise und Posthumanismus: "Der Kolonialismus und die Vernichtung der Tierwelt, die in Naturkundemuseen ein gedenkendes Nachleben erfahren, werden nachvollziehbar miteinander verknüpft. Die Begriffe Ausbeutung, Ausschluss, Kapitalismus und Westen werden dann aber pauschal gehandhabt."

Wenn in Zwischenspielen aber noch fünf Handpuppen - als "Chor der Mütter, die den Holocaust überlebt haben" Beiträge zur Singularität des Holocaust singen, ist Nachtkritiker Michael Wolf entgeistert: "'Es muss laut gesagt werden: Der Mechanismus der Gewalt, der den Holocausts innewohnt, ist immer derselbe. Obwohl diese These zurzeit nicht 'in' ist in Deutschland', heißt es da, oder: 'Alles wiederholt sich, und am häufigsten: Auschwitz!' Man darf annehmen, dass Górnicka oder zumindest ihr Text hier Stellung bezieht in der aktuellen Debatte, die schon als neuer Historikerstreit bezeichnet wird. (…) Man darf darüber hinaus erstens anmerken, dass es mindestens ungeschickt, wenn nicht gar schäbig, ist, diese Aussagen Figuren in den Mund zu legen, die 'Mütter, die den Holocaust überlebt haben' heißen, dass es zweitens ästhetisch ziemlich feige ist, diese Sätze an Puppen auszulagern und drittens: Dass dieser im Guten wie im Schlechten absolut harmlose Abend politische wie intellektuelle Schwergewichte wie diese Debatte überhaupt nicht aushält."

Mit den Gezi-Protesten 2013 verstummten oppositionelle Stimmen zunehmend im öffentlichen Raum in Istanbul, umso wichtiger wurden gerade für Frauen- und queere Themen, aber auch für verdrängte Geschichte die privaten Theater, schreibt Hasibe Kalkan in einem Theaterbrief aus Istanbul in der nachtkritik. Zunächst wurden die kleinen Bühnen in Randbezirke getrieben, seit der Pandemie kämpfen sie noch mehr ums Überleben: "Die Stücke der jungen Künstler:innen kommen oft mit nur ein bis vier Schauspieler:innen aus und benötigen kaum Bühnenbild oder teure Kostüme. Aufgeführt werden sie auf alternativen Bühnen, von denen sich die meisten in ehemaligen Garagen, Kellern oder Wohnungen befinden und Platz für etwa 30-100 Zuschauer:innen bieten. Monodramen herrschen vor auf den kleinen Bühnen. Oft handeln sie von Frauen. So erzählt zum Beispiel Ebru Nihan Celkan die Geschichte von zwei lesbischen Frauen, Janina aus Berlin und Umut aus Istanbul. Nicht nur um die Liebe zwischen den Frauen geht es in diesem Stück, sondern auch darum, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen und Heimweh zu haben."

Außerdem: Im Standard-Interview mit Michael Wurmitzer erklärt Verena Altenberger, die für ihre Stoppelfrisur in der Rolle der Buhlschaft sexistische Kommentare einstecken musste, weshalb sie die aktuelle Jedermann-Inszenierung zeitgemäß findet: "Weil der Mann 90 Prozent Redezeit hat, das ist auch in jeder Expertinnenrunde und jedem börsennotierten Unternehmen so. Gleichzeitig sind beide aber in den Momenten, in denen sie zusammen auf der Bühne sind, auf Augenhöhe. Ich möchte weg von aggressiven Begriffen wie 'Geschlechterkampf'."

Besprochen werden die Performance "Schwarm" im Revier Südost (taz), Christopher Rüpings zehnstündiges Antike-Spektakel "Dionysos-Stadt" im Mousonturm Frankfurt (FR), "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen, bearbeitet von Markus Latsch und Dennis Krauß für die Reihe "Wagner für Kinder" (FAZ), Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Richard Strauss' "Elektra" unter dem Dirigat von Franz Welser-Möst bei den Salzburger Festspielen (NZZ), das Tanzdrama "Yester:Now" von Moritz Ostruschnjak im Münchner Gasteig (FAZ).
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Kunst

Bild: Monira Quadira: Divine Memory (2019), video, 4.5 minutes. Image: Courtesy of artist

Die Corona-Pandemie hatte auch mit dem "gestörten" Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu tun, schreibt Niklas Maak, der sich für die FAS eine Reihe von Ausstellungen zur Mensch-Tier-Beziehung angeschaut hat. Die "unheimlichen Grenzauflösungen" innerhalb dieser Beziehung thematisiert etwa die Ausstellung "Sun Rise/ Sun Set" im Berliner Schinkelpavillon: Die Künstlerin Pamela Rosenkranz hat dort "einen mit hellen, giftgrünen LED-Leuchten in Szene gesetzten Erdhaufen aufgeschüttet, der mit dem Parfum 'Obsession for men' von Calvin Klein versetzt ist. Für den Duft wurden unter anderem synthetisch hergestellte Sexuallockstoffe von Katzen verwendet - Förster und Fotografen nutzen laut der Kuratorinnen Agnes Gryczkowska und Nina Pohl das Parfum erfolgreich, um wilde Katzen anzulocken. Der Titel der Arbeit, 'Infection', bezieht sich auf die von Katzen übertragene Krankheit Toxoplasmose; Menschen, die den Erreger in sich tragen, werden, sagen die Kuratorinnen, leichter von Düften angezogen, die den Pheromonen von Katzen ähneln."

Außerdem: In der taz schreibt Claudius Prösser einen Nachruf auf den Berliner Aktionskünstler Ben Wagin. Im Tagesspiegel porträtiert Nicola Kuhn den Sammler Siegried Grauwinkel, der aktuell im Kunstverein KunstHaus Potsdam Werke der Berliner Künstlergruppe Systhema zeigt. Besprochen werden die Ausstellung "Mariechen Danz: Clouded in Veins. Kunsthalle Recklinghausen" (SZ) und die Ausstellung "Bellum et Artes. Sachsen und Mitteleuropa im Dreißigjährigen Krieg" im Dresdner Residenzschloss (FAZ).
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Literatur

In der NZZ stellt Marta Kijowska den in Polen immer noch sehr beliebten polnisch-jüdischen Autor Leopold Tyrmand (1920-1985) vor, dessen Roman "Filip" jetzt auf Deutsch erschienen ist: "Einst galt er als ein Enfant terrible der polnischen Literatur, heute ist er eine ihrer größten Legenden ... Sein bekanntester Roman ist der Großstadtkrimi 'Der Böse' (1956), in dem er außer einer spannenden Handlung ein völlig neues Bild des stalinistischen Warschau bot. Den damals geltenden Regeln des Sozialistischen Realismus zum Trotz ließ er die Stadt nicht als eine Bastion des Proletariats, sondern als ein Eldorado der Betrüger, Gassenjungen und Zuhälter erscheinen, womit er sich die Missgunst der kommunistischen Machthaber einhandelte. Allerdings war er ihnen fast von Anfang an ein Dorn im Auge - wegen seiner jüdischen Herkunft, seiner offen regimekritischen Haltung und nicht zuletzt wegen seiner Leidenschaft für Jazz, den die Kommunisten für 'bourgeois' und 'dekadent' hielten."

Bei intellectures empfiehlt Thomas Hummitzsch wärmstens die norwegische Essayistin Ida Lødemel Tvedt, deren Band "Tiefseetauchen" er gelesen hat: "Ist man ein ernstes Mitglied der Gesellschaft, wenn man eine Schwäche für kulturkritische Haltungen hat? Folgt man den Gedankengängen der norwegischen Essayistin Ida Lødemel Tvedt, dann neigt man dazu, dem zuzustimmen. In ihren Texten, die unter dem Titel 'Tiefseetauchen' vorliegen, geht es um nichts geringeres als das denkende Individuum in der Welt; nicht, um sich selbst und die eigene Welthaltung zu inszenieren, sondern um sich aus einer subjektiven Position heraus mit Blick auf das große Ganze denkend die Welt zu erschließen. Oder um es mit den Worten der Norwegerin zu sagen: mit ihren Texten unternimmt sie beständig den Versuch, 'die Temperatur des Zeitgeists zu messen'."

Weitere Artikel: Mia Eidlhuber unterhält sich für den Standard mit der Schriftstellerin Ilse Helbich über deren neues Buch "Gedankenspiele über die Gelassenheit". Shirin Sojitrawalla unterhält sich für die taz mit Johanna Adorján über deren Roman "Ciao". In der FAZ freut sich der Literaturwissenschaftler Helmuth Mojem für das Deutsche Literaturarchiv Marbach über einen - leeren - Briefumschlag, mit dem Franz Kafka einst einen Brief an Felice Bauer schickte.

Besprochen werden u.a. Howard Jacobsons Roman "Rendezvous und andere Alterserscheinungen" (Standard), Alfreds Comic "Senso" (Tsp), Bernhard Schlinks "20. Juli" (NZZ), Emma Clines Erzählband "Daddy" (Tsp), Daniela Kriens Roman "Der Brand" (Zeit), die Erinnerungen von Fritz Pleitgen (FR), Sergej Lebedews Krimi "Das perfekte Gift" (FAZ) und S. A. Cosbys Roman "Blacktop Wasteland" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gerhard Stadelmaier über D.H. Lawrence' Zweiteiler "Touristen":

"Nichts ist mehr da, das man sich ansehen könnte..."
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Archiv: Literatur

Film

Warum sind deutsche Liebesfilme nur immer so unromantisch, fragt sich in der NZZ seufzend Tobias Sedlmaier mit Blick auf Helena Hufnagels Film "Generation Beziehungsunfähig". "Was wirklich fehlt, und hier steht 'Generation Beziehungsunfähig' gleichsam als Diagnose für einen bestimmten Teil des gegenwärtigen deutschen Filmschaffens, ist die Bindung zu den Figuren. Das liegt überhaupt nicht an den beiden Hauptdarstellern Heyer und Lau. Sie machen, teilweise mit improvisierten Dialogen, noch das Beste aus den wenig originellen Typen. Aus ihren Figuren könnte man allerdings systematisch eine ganze Typologie der Trivialität erstellen, die Fragen aufwirft: Was bitte treibt diese Menschen im Inneren um? Was erwarten sie wirklich voneinander und von der Liebe überhaupt?"

Weiteres: Claudia Lenssen annonciert im Tagesspiegel eine Retrospektive mit dem französischen Filmstar Marina Vlady im Berliner Arsenal Kino. Tobias Kniebe bewundert in der SZ, wie Amanda Knox auf den Film "Stillwater" reagiert hat, der sich an ihren Prozess (sie war in Italien wegen Mordes angeklagt, verurteilt und dann doch freigesprochen worden) anlehnt. Und Sofia Glasl gratuliert in der SZ der Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek zum Neunzigsten.

Besprochen werden Xavier Dolans Film "Matthias & Maxime" (taz) und Franka Potentes Film "Home" (SZ).
Archiv: Film

Musik

Eine Hymne auf den "Orpheus des zwanzigsten Jahrhunderts", auf den vor hundert Jahren verstorbenen Tenor Enrico Caruso, singt Jürgen Kesting in der FAZ. Warum ist Caruso auch heute noch der berühmteste aller Tenöre? Darauf gibt es mehrere Antworten, weiß Kesting. Eine ist: "die Stimme selbst. Sie ist, über den ganzen Zwei-Oktaven-Umfang hin bis zum hohen H, einzigartig: rund, voll, farbenreich und farbecht auf allen Vokalen, dynamisch flexibel, sonor in der unteren Oktave, schimmernd in der Höhe. Ob der Spontaneität seines Singens sprach die Sopranistin Luisa Tetrazzini von der 'impertinenza', mit er seine vollen und gerundeten Töne verströmte. Die in den Aufnahmen von 1902 bewahrte Stimme des Neunundzwanzigjährigen ist ein heller, samtig-weicher und schimmernd-schöner Tenor. Das Timbre wurde - mit einer durchaus gewagten Metapher - als 'geschmolzenes Gold in einem Mantel aus Samt' beschrieben." In der SZ erinnert Wolfgang Schreiber an Caruso.

Zum Sterben schön: Enrico Caruso singt "Una Furtiva Lagrima" aus Donizettis "Liebestrank"



Eleonore Büning (Tsp) erlebt bei den Musiktagen in Hitzacker einen beglückenden Abend mit Schubert-Liedern, aber erst mal lässt man sie und das Publikum zappeln: "Irgendwann muss der Mann doch endlich den Mund aufmachen! Auf der Bühne des Verdo-Konzertsaals in Hitzacker, bei der Premiere der neuen Schubert-Inszenierung von Nico and The Navigators, sieht man die Gesichter der Akteure parallel auch in Großaufnahme, auf der Videowand. Der russische Bariton Nikolay Borchev stiert Löcher in die Luft, sein Liedbegleiter Jan Philip Schulze blickt besorgt. Dann aufmunternd, fordernd, flehend, bittend. Schelmisch, liebevoll, ironisch, verzweifelt. Wie viel verschiedene Arten gibt es, allein mit mimischen Mitteln 'Jetzt!' zu rufen? Oder: 'Jetzt aber los'?  Schwer tropfen schließlich die ersten Töne des Vorspiels zum 'Ständchen' aus Franz Schuberts 'Schwanengesang' aus dem Flügel. So dicht beieinander liegen Pathos und Albernheit, das Erhabene und das Banale in dieser Musik, dass man das 'Komm, beglücke mich!' am Ende des Refrains, wenn die Stimme sich aufschwingt, so oder so verstehen darf, auch persönlich."

Und David Pfeifer (SZ) erliegt den Lockstoffen in dem Megahit "Paani Paani" des Rappers Bashah:"Dass der Song gleich im Ohr bleibt, weshalb man ihn tendenziell doch ein paar Mal hintereinander hören möchte, liegt an einem Traditions-Instrument namens Ravanhattha, welches einen leicht quengelnden Ton von sich gibt und das man sich als asiatischen Vorläufer der Geige vorstellen kann - beide Instrumente teilen das Potential, extrem zu nerven, wenn sie nicht virtuos gespielt werden. Der brillante Streicher in 'Paani Paani' lässt die Töne sanft heranwehen, und auch wieder davon, bleibt aber präsent, außer in den Momenten, in denen 'ich errötete, mein Geliebter', gesungen wird. Dazu eine Rhythmus-Gruppe, in der das Schlagzeug nicht so sehr treibt wie der Bass schiebt, was ja auch irgendwie die richtigen Körperregionen für den dazugehörigen Tanz anspricht."

Dann schwingt die Hüften!



Weitere Artikel: Amira Ben Saoud annonciert im Standard das Elevate Festival in Graz, das am Mittwoch beginnt. Ulrich Amling hörte für den Tagesspiegel das Eröffnungskonzert von Young Euro Classic mit dem Bundesjugendorchester und dem Orchestre Français des Jeunes im Konzerthaus Berlin. In der taz porträtiert Fabian Kretschmer den kanadisch-chinesischen Popstar Kris Wu, dem von mehreren Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen wird.

Besprochen werden das neue Album von Billie Eilish (FR), eine Festival-Doku über das "schwarze Woodstock" (SZ) und Igor Levits Klavierkonzert mit Beethoven, Schubert und Prokofjew in Salzburg (Standard).
Archiv: Musik