Efeu - Die Kulturrundschau

Härter wird's nicht

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10.12.2020. Die Unpersönlichkeit des Humboldt-Forums korrespondiert aufs Schönste mit seiner Bedeutungsarmut - freundlicher wird es nicht in der Zeit. Will Maxim Biller sich für die Planstelle des obersten deutsch-jüdischen Zuchtmeisters bewerben, fragt zuckersüß Eva Menasse aus gegebenem Anlass. Die Fantasie der FR schlägt Kapriolen vor den Bildern von Michael Pfrommer. Der Standard bewundert die Mischung aus Abstraktion und Hyperrealismus in den Bildern von Maja Vukoje. Die FAZ tröstet sich im Lockdown mit A-cappella-Chören des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Die SZ spielt eine Runde "Cyberpunk 2077".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2020 finden Sie hier

Literatur

Vor einiger Zeit hatte sich Maxim Biller im Namen der Kunstfreiheit noch schützend vor Till Lindemann und dessen Vergewaltigungsgedichte gestellt, mit seiner Attacke gegen Lisa Eckhart (mehr dazu hier) hat er nun eine Wendung um 180 Grad vorgenommen, meint die Schriftstellerin Eva Menasse in der Zeit. Wie Biller zudem Marcel Reich-Ranicki zum Helden stilisiere, sei "so verkitscht, dass es einem die Schuhe auszieht", offenbar wolle Biller sich "für die Planstelle des obersten deutsch-jüdischen Zuchtmeisters" bewerben. Am interessantesten an Biller sei, wie er in den letzten Monaten über Frauen im Betrieb hergezogen habe: "Juli Zeh: 'Unterhaltungsschriftstellerin und manische Lockdown-Kritikerin' (SZ), Thea Dorn: 'Fernsehliterarin mit stählerner K-Gruppen-Sprache' (SZ), Margarete Stokowski: 'Spiegel-Politoffizierin und Karl-Marx-Fan-Girl' (Zeit). Und nun also Lisa Eckhart mit ihrem 'Nazi-Domina-Look', der 'sehr blonden HJ-Frisur' und dem 'grimmigen Lebensborngesicht'. Wer kein Schlappschwanz ist, bedient sich aus immer derselben Totalitarismus-Kiste. Hitler oder Stalin, denn härter wird's nicht."

Weiteres: "Gleichermaßen berührend wie vielsagend" findet Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels Louise Glücks Nobelvorlesung (mehr dazu hier). Im Freitag freut sich Björn Hayer, dass die bislang vergriffenen deutschen Übersetzungen von Glücks Gedichten nun wieder aufgelegt wurden. Im Standard fasst Bert Rebhandl die Maron-Kontroverse der letzten Wochen zusammen.

Besprochen werden unter anderem Helmut Lethens Memoiren (Tagesspiegel), Bücher und Erzählungen von Clarice Lispector (Tagesspiegel, NZZ) sowie Anna Sterns "Das alles hier, jetzt" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Michael Pfrommer, Ohne Titel, 2020

Etwa 70 Bilder von Michael Pfrommer hängen in der Frankfurter Galerie Philip Pflug Contemporary, große und kleine, kreuz und quer, aus den unterschiedlichsten Materialien: so schön, wie "Herbstlaub auf dem Boden", findet in der FR Sandra Danicke. "Wie ein Netzwerk verbinden und ergänzen sich kleine Geschichten, die vielleicht nichts, vielleicht auch sehr viel miteinander zu tun haben. Da liegt ein halber Mann auf gelbem Grund, sein Oberkörper ist nur noch ein Schatten. Zehen ragen aus einer lila-blau gestreiften Bettdecke. Geometrische Knicke in einem Arm, der mit seinem Hintergrund verwachsen zu sein scheint. ... Das ist reizvoll, die Fantasie der Betrachterin kann auf diese Weise Kapriolen schlagen, dabei haben auch die einzelnen Werke das Potenzial, das Gehirn zu beschäftigen, denn vieles in diesen Bildern ist rätselhaft."

"Alles bei Vukoje ist Referenz", lernt Katharina Rustler (Standard) in einer Ausstellung der Künstlerin Maja Vukoje im Wiener Belvedere 21. Besonders deutlich wird ihr das vor den Bildern, die Josef Albers' Quadrate zitieren, den abstrakten Formen jedoch einen kräftigen Schuss Realität beimengen und sie "Albersindia oder Albershonduras betitelt: Aufgeschnittene Jutesäcke werden zur Leinwand, Zucker, Kaffee und Kakao formen sich zu flächigen Kompositionen. Mit den Rohstoffen verschiebt sich nicht nur die Bedeutung, sondern auch der Horizont der Malerei. Die Realität bricht in das Bild hinein. Plötzlich geht es um politisch-ökonomische, gesellschaftliche und postkoloniale Debatten. Material wird zum Motiv - und vice versa."

Weiteres: Rose-Maria Gropp besichtigt für die FAZ das (noch nicht ganz fertige) Monumentalgemälde "Altar der Europa" der Leipziger Künstlerin Antoinette in Merseburg im Schlossgartensalon (wer die Musik erträgt, kann sich das auf youtube anschauen). Susanne Tietz erinnert sich in der FAZ an ihre liebste Ausstellung, "Robert Morris: The Mind/Body Problem" im New Yorker Guggenheim Museum 1994.  Besprochen werden eine Ausstellung von Jennifer Packer in der Serpentine Gallery in London (Guardian) und eine Ausstellung des amerikanischen Konzeptkünstlers Peter Fend in der Berliner Galerie Barbara Weiss (taz).
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Architektur

Oh Mann, ist das langweilig, stöhnt Hanno Rauterberg in der Zeit über das cleane Innere des Berliner Stadtschlosses, das nächste Woche offiziell seine Wiederauferstehung als Humboldt Forum feiert: "Die aseptische Ästhetik erinnert nicht zufällig an Helmut Schmidts Ausspruch, sein Amtssitz in Bonn habe den Charme einer rheinischen Sparkasse; nur tritt jetzt hier, im Schloss, das Staatswesen in der Formensprache einer Berliner Großversicherung auf. Diese Art einer kargen Auswechselbarkeit entspricht ziemlich genau der Bedeutungsarmut des Humboldt Forums. Bis heute will dort kein Funke zünden, alle Beschwörungen von Weltläufigkeit, die angesichts der hier untergebrachten Sammelstücke aus Afrika und Übersee demonstriert werden soll, laufen ins Leere. Selbst die schwarze Fahne des Künstlers Kang Sunkoo, die an die Verbrechen der Kolonialzeit gemahnt, könnte man im kahl-kühlen Treppenhaus des Schlosses mit seinen Rolltreppen glatt für ambitionierte Kaufhausdeko halten."

Außerdem: In Monopol geht Daniel Völzke dem rätselhaften Aufploppen immer neuer Monolithen nach. Die FAZ reicht Laura Helena Wurths Artikel über Ellen van Loons Neubau für das exklusive Brighton College in London online nach. In der NZZ schreibt Ulf Meyer zum 150. Geburtstag von Adolf Loos. In der Welt atmet Marcus Woeller auf: Mit dem Band "Wohnen 60 70 80" des Vereins der Landesdenkmalpfleger (und Instagram) wird endlich auch einmal die experimentelle Wohnarchitektur der 60er bis 90er Jahre gewürdigt.
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Film

Keanu Reeves in "Cyberpunk 2077"


Juliane Liebert besucht für die SZ die Berliner Zweigstelle von CPR, dem Entwickler des Computerspiels "Cyberpunk". Kennen Sie nicht? Dann sind Sie womöglich bereits Teil einer Minderheit, lieber Leser. "'Cyberpunk' macht mehr Furore als ein neuer James Bond", versichert jedenfalls Liebert. Hollywoodstar Keanu Reeves mimt den Hauptakteur, die Handlung beruht auf William Gibsons SciFi-Klassiker "Neuroromancer": Endzeitkapitalismus in Night City, "Mensch und Maschine bilden eine Einheit, von der die Transhumanisten seit Jahrzehnten träumen. Wer Night City betritt, kann sich aussuchen, wie er ist. Der Spieler kann nicht nur Geschlecht, Körperform, -farbe und -frisur bestimmen, sondern auch, welche Genitalien er haben will, welche Penisform und welche Intimfrisur. ... Schon bei dem Vorgängerspiel, 'The Witcher 3', beruhte ein großer Teil des Reizes darauf, dass der Spieler immer wieder moralische Entscheidungen treffen musste. Nicht zwischen Gut und Böse, sondern oft zwischen mittelgut bis semischlecht - und nicht immer passierte, was man erhoffte. Das machte das Spiel so einprägsam. Wer in 'Witcher 3' je versehentlich ein Dorf voller Waisen einer Hexe zum Fraß vorgeworfen hat, wird das nie vergessen."

Emma Corrin als Prinzessin Diana in "The Crown". Bild: Netflix


Ziemlich unnötig findet FAZ-Korrespondentin Gina Thomas das zwar kreative, von der Geschichte aber nicht gedeckte Bild, das Peter Morgan in der vierten Staffel seiner in Großbritannien energisch diskutierten Netflix-Serie "The Crown" von den Windsors zeichnet. Schließlich hätte die historische Realität als solche dafür schon völlig ausgereicht. "Die Einwände gegen 'The Crown' beruhen auch weniger auf Morgans persönlicher Meinung, dass die Monarchie einem mutierenden Virus gleiche und 'als Institution nicht zu verteidigen ist'", sondern es geht um die "Art, in der die Serie Morgans Anschauungen durch die schamlose Manipulation von Tatsachen untermauert und dabei keinen Aufwand scheut, um Ausstattung und Darbietungen den Vorlagen täuschend genau nachzubilden. ... Morgan beruft sich gern auf Hilary Mantels Kennzeichnung des historischen Romans als das Ausfüllen der Leerstellen der Geschichte mit der Fantasie. Aber Mantel betont, sie mogle nie und schiebe Tatsachen nicht herum, um eine bessere Handlung zu entwerfen."

And the Oscars go to: Steven Soderbergh. Der soll nämlich die nächste (auf den April verschobene) Oscarverleihung inszenieren. SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh findet das erst mal interessant: Von dem für seine Experimentierfreude bekannten Filmemacher "erwartet die Academy sicher einen Innovationsschub für die Verleihung, die zuletzt etwas altbacken war. Allerdings ist Soderbergh kein Spezialist für Glamour, eher für grobkörnige Aufnahmen und Authentizität - ob die Veränderungen, die er einbringt, die Oscars als Fernsehshow attraktiver machen, bleibt also abzuwarten."

Besprochen werden David Finchers Biopic "Mank" über den Hollywood-Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz (Perlentaucher), die DVD von Robert Siodmaks "Der Weihnachtsurlaub" aus dem Jahr 1944, den besagter Herman J. Mankiewicz geschrieben hat (Perlentaucher), Tomohiko Itôs japanischer Zeichentrickfilm "Hello World" (Dlf Kultur, mehr dazu hier), Darius Marders "Sound of Metal" (FR), Nina Gladitz' Buch "Leni Riefenstahl. Karriere einer Täterin" (SZ), die türkische Netflix-Serie "Bir Baskadir" (NZZ, mehr dazu hier), Detlev Bucks "Wir können nicht anders" (SZ), die auf Amazon gezeigte Komödie "Johanna - Eine (un)typische Heldin" (Standard) und die von Francis Ford Coppola erstellte Neufassung von "Der Pate 3", der laut tazler Michael Meyns an die ersten beiden Teile zwar noch immer nicht ranreicht, aber nun immerhin "einen fließenderen Rhythmus" aufweist.
Archiv: Film

Bühne

Michael Ernst beschreibt in der nmz die gespenstische Eröffnung der neuen Saison an der Scala: "La Musica persönlich begrüßte im weißen Kleid das - ausgesperrte - Publikum. Eine Aktrice, an deren Fersen sich alsgleich die Kamera heftete, um durch menschenleere Foyers zur Bühne zu eilen und dort an Stelle der geplanten Neuinszenierung von Donizettis 'Lucia di Lammermoor' eine Gala zu filmen, die via Fernsehen per RAI und Arte mehr als 2,6 Millionen Menschen erreicht haben soll."

Besprochen wird "Familiodrom", eine Adaption von Rousseaus "Emile" durch das Theaterkollektiv Interrobang in den Sophiensaelen Berlin (nachtkritik).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Scala

Musik

Jan Brachmann tröstet sich in der FAZ mit geistlicher Musik über die von weihnachtlicher Stimmung bislang kaum berührte, mit Blick aufs pandemische Geschehen allerdings ziemlich bedrückende Adventszeit. Mit einer Choraufnahme der Schola Heidelberg unter Walter Nußbaum etwa, A-cappella-Musik des späten sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhunderts, die "sich nicht als Wohnzimmerberieselung beim Verzehr von Pfeffernüssen, Kokoskringeln und Marzipanschweinen eignet. In ihrer Sprödigkeit und Kargheit erzwingt sie das Zuhören. Die kunstvollen Chorsätze erinnern daran, dass Weihnachten, theologisch verstanden, ein weltgeschichtliches Wunder ist: die unwahrscheinliche Wende menschlicher Not. ... Die behutsame Arbeit an der Sprache, an den Farben des Glanzes wie des Schmerzes, die der Gesang auf die Worte legt, lässt uns das Geäder der Sprache pulsieren hören. Erst der Gesang als Verbindung von Botschaft und Körper, als neue Fleischwerdung des Wortes, gibt der Theologie ihre besondere Eindringlichkeit."

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline schreibt Jonathan Fischer über das "Le Mali 70"-Projekt des Berliner Omniversal Earkestra mit malisischen Jazzveteranen (mehr dazu hier). Im Standard schöpft Karl Fluch aus den Songs des großartigen Curtis Mayfield Hoffnung. Wir tun es ihm gleich:



Besprochen werden Moshe Zuckermanns Buch "Wagner: ein ewig deutsches Ärgernis" (Standard), Comics über Beethoven (Tagesspiegel), Shirley Basseys Album "I Owe it All to You" (FR) und "Ten Cities", ein englischsprachiger Band über die Clubkultur in Nairobi, Kairo, Kiew, Johannesburg, Neapel, Berlin, Luanda, Lagos, Bristol und Lissabon (Katharina Cichosch feiert ihn in Monopol als "kleine Sensation").
Archiv: Musik
Stichwörter: Chormusik, Clubkultur