Efeu - Die Kulturrundschau

Eine große Vergessmaschine

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25.08.2020. In der NZZ gesteht Maxim Biller, dass er am Internet noch mehr als an Deutschland leidet. Die Einführung eines genderneutralen Schauspielpreises bei der Berlinale stößt bei der Berliner Zeitung auf Widerspruch. Die taz feiert den Fotokünstler Josef Schulz, der Allerweltsbauten in ihrer ganzen Einfalt erstrahlen lässt. Die SZ lauscht betört dem karibischen Groove der Londoner Tenorsaxofonistin Nubya Garcia.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2020 finden Sie hier

Bühne

Dialoge 2020 - Relevante Systeme. Foto: Sytlianos Tsatsos


Als peinlichen Totalausfall wertet Dorion Weickmann in der SZ das Festival Tanz im August, das sein Publikum mit ein paar Online-Diskussionen und Animationen im Freien abspeist. Lieber ins Radialsystem gehen, rät Weickmann, wo Sasha Waltz mit ihrer neuen Choreografie "Dialoge 2020 - Relevante Systeme" Wiese, Terrasse, Lagerfläche und Saal bespielt, mit einem "Sacre" von 2013 und einem brandneuen "Boléro": "Die Kreation wird drinnen und draußen gleichzeitig von drei verschiedenen Casts getanzt und setzt dem tödlichen 'Sacre'-Fanal eine orgiastische Wiedergeburt entgegen. Das gilt selbst in der Fassung, die Waltz' erfahrensten, mithin ältesten Mitstreiter gestalten: Monolithische Persönlichkeiten, die im Zusammenspiel filigran und feinfühlig agieren. Derweil flirten die Jüngeren ausgelassen, turteln und wirbeln im Schatten der Bäume, durch die der Sommerwind streicht."

Schaad in Sasha Maria Salzmanns "Wir Zöpfe". Foto: Gorki-Theater
Die Zeit hat Peter Kümmels Porträt des 34-jährigen Schauspieler Dimitrij Schaad online nachgereicht. Schaad stehe eine glänzende Karriere bevor, er trage aber auch die Melancholie eines "erschöpften europäischen Vagabunden" in sich: "Schaad erlebte seinen Aufstieg, aber ihn quälte die Frage: Was soll ich dann da oben? Er schätzte die Atmosphäre am Gorki Theater, empfand das deutsche Bühnensystem an sich aber als 'toxische und stumpfsinnige Umgebung', deren 'Psychohygiene', wie er sagt, mit der in einem ostasiatischen Sweatshop vergleichbar sei: 'In jedem mittleren Management sind die Leute besser darin geschult, zwischenmenschliche Schwierigkeiten zu erkennen, ehe sie ausbrechen. So spricht Schaad gern: in Zuspitzungen, die er beiläufig streut. Der Mann lebt von einem Überschuss an Energie, Fantasie und rhetorischen Möglichkeiten, der das persönliche Gespräch ebenso prägt wie seine Bühnenpräsenz."

Weiteres: In der FAZ blickt Simon Strauss auf die bevorstehende Theatersaison voraus und erkennt viel business as usual, wenig Aktualität: "Etwas weniger freundlich könnte man auch sagen: Sie haben sich nichts wirklich Neues einfallen lassen, sondern holen einfach das nach, was vor Corona verabredet war. Als Reverenz an unsere neo-existenzialistische Lebensweise könnte man höchstens werten, dass viel Beckett gespielt oder Thomas Manns 'Zauberberg' an verschiedenen Häusern adaptiert wird." Im Tagesspiegel berichtet Frederik Hanssen, dass Kultursenator Klaus Lederer den Berliner Bühnen weiterhin streng Auflagen machen will. Michael Wurmitzer stellt im Standard das Programm der Wiener Festwochen vor, die am Mittwoch beginnen. Der Standard erklärt, wie das Burgtheater künftig mit einem dynamischen Saalplan operiert.
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Literatur

Für die NZZ hat sich René Scheu zum großen Gespräch mit Maxim Biller getroffen, der heute 60 Jahre alt wird. Billers Leiden an den Deutschen wird diesmal noch übertroffen von seinem Leiden am Internet, das einen "modernen Supermarkt-Journalismus" befördere. Immerhin besteht eine Chance zur Gegenwehr: "Wenn man die sich moralisch gebenden amoralischen Zuckungen und Reflexe des Internets ignoriert, ist es wie in einem Märchen: Seine Macht verschwindet! Dann ist es im Bruchteil einer Sekunde keine Speichermaschine mehr, sondern eine große Vergessmaschine, vielleicht die größte, die jemals gebaut wurde." In der Welt gratulieren die Schriftstellerin Andrea Hanna Hünniger, die Theaterregisseurin Angela Richter und der Comedian Oliver Polak.

Die auch widersprüchliche Fülle migrantischer Erfahrungen lässt sich mit der Handvoll literarischer Bücher, die sich jährlich damit befassen, nicht abbilden, schreibt Simoné Goldschmidt-Lechner auf 54books.de. Sie beklagt "eine Begrenzung, die eine Vielfalt unseres Wir nicht zulässt, die im Feuilleton fortgeführt wird, wenn Rezensionen die Komplexitäten eines bestimmten Werkes einer mehrheitlich weißen Leserschaft nicht begreifbar machen können. ... Unsere Geschichten sollen nebeneinander stehen können, und nicht für einander und sie können und sollen mehr sein als eine Einordnung in eine Zuschreibung von innen oder von außen."

Weitere Artikel: In einem vom Freitag aus der Märkischen Oderzeitung übernommenen Artikel ärgern sich Gabriele Radecke und Robert Rauh darüber, dass das erst im vergangenen Jahr für viel Geld sanierte Fontane-Haus in Schiffsmühlen nun wegen eines Konflikts um den Betreibervertrag geschlossen wurde. In der taz spricht die Schriftstellerin Katrin Seddig über ihren Roman "Sicherheitszone", mit dem sie ihre Erlebnisse beim Protest gegen den G20-Gipfel in Hamburg vor zwei Jahren verarbeitet. Das Literaturcolloquium Berlin hat an dieser Stelle online über Climate-Fiction diskutiert, berichtet Victor Sattler in der FAZ. Michael Endes "Jim Knopf", dem manche gerade Rassismus vorwerfen, ist "im Gegenteil so explizit und vollumfänglich antirassistisch wie kaum ein zweites Kinderbuch", schreibt Jan Küveler in der Welt.

Besprochen werden unter anderem neue, ökologisch bewegte Comics von Zep, Lukas Jüliger und Kathrin Klingner (Intellectures), Kai Wielands "Zeit der Wildschweine" (FR), Iris Wolffs "Die Unschärfe der Welt" (Berliner Zeitung), eine bibliophile Neuausgabe von Alphonse Karrs lange verschollenem Briefroman "Reise um meinen Garten" (SZ) und Pascal Merciers "Das Gewicht der Worte" (FAZ).
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Kunst

In einer schönen Ausstellung im Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld kann taz-Kritikerin Bettina Maria Brosowsky nachverfolgen, wie sich der Fotokünstler Josef Schulz von der dokumentarischen Strenge der Becher-Schule empanzipierte: "Schulz interessieren Masse, Fläche, Schatten, Farbe. Wie ein Bildhauer hat er etwa in seiner Serie 'Sachliches' Industriebauten aus ihrem Kontext isoliert und zu autonomen Körpern werden lassen. Diese Allerweltsbauten sind nun in ihrer ganzen Einfalt präsent, ihre gesteigerte Farbigkeit - rot-blau, grau-magenta, schwarz - wird zum Titel gebenden und irritierenden Faktor zwischen monochromem Betonboden, synthetischem Rasengrün und milchigem Himmel."

Besprochen wird die Ausstellung "Earthseed" der Künstlerin Precious Okoyomon im Zollamt des Frankfurter MMK (FAZ).
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Film

Die Berlinale wird ihre Auszeichnungen für schauspielerische Leistungen nicht mehr je nach Mann und Frau verteilen, sondern künftig einen genderneutralen Preis vergeben. In der Berliner Zeitung sieht Susanne Lenz da schon Probleme heraufdämmern, da Frauen deutlich weniger als Männer und meist auch in weniger glänzenden Rollen zu sehen sind: "Demnach müssten eigentlich künftig mehr Männer den Silbernen Bären erhalten. Doch das wäre politisch nicht korrekt, man kann sich die Diskussionen hinter den Berlinale-Kulissen also schon vorstellen. ... Eine  wirkliche Revolution wäre etwas anderes: eine Quote, die den Frauenanteil bei der Regie betrifft, vor allem im Wettbewerb."

Der ewige James Bond: Sean Connery


Sean Connery wird 90, die Feuilletons gratulieren. Zu dem ewig als James-Bond-Standard gehandelten Schauspieler "ist vermutlich alles längst gesagt", räumt Verena Lueken in der FAZ ein und unterstreicht: Connery "verkörperte eine Idee von Männlichkeit zu einer Zeit, da niemand sie in Frage stellte". Stimmt schon, meint auch Juliane Liebert in der SZ, zudem ist Connerys Bond dann auch bei aller Eleganz ziemlich gewalttätig, vom Sexismus mal ganz zu schweigen: Doch hatte "der junge Connery bei aller Maskulinität immer etwas Lieb-Jungenhaftes an sich, schon in der Physiognomie", meint sie. Was Gerhard Midding in der Berliner Zeitung nur bestätigen kann, schließlich "besitzt Connery die temperamentvollsten Augenbrauen der Filmgeschichte. ... Sie sind das Unterpfand seiner Geistesgegenwart, Indiz einer blendenden Intensität, einer reizvollen, spannenden Virilität." Nina Jerzy führt in der NZZ ausführlich durch Connerys Schaffen.

Weitere Artikel: Wer das Kino liebt, muss Christopher Nolans "Tenet" (unser Resümee) sehen, egal, wie der Film ist, meint Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. Silvia Hallensleben spricht in der taz mit der Filmemacherin Bettina Böhler über Christoph Schlingensief, dem sie ein filmisches Porträt gewidmet hat. Besprochen werden Aritz Morenos "Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden" (Jungle World) und die Serie "The Good Fight" (Freitag).
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Musik

Ziemlich umgehauen ist SZ-Kritiker Andrian Kreye von "Source", dem Debütalbum der Londoner Tenorsaxofonistin Nubya Garcia, das ihn fasziniert "mit seinen vielschichtigen Rhythmusebenen vom Dubstep der Rave-Jahre über den Reggae und den karibischen Nyabinghi-Groove bis hin zur Cumbia von der Nordküste Kolumbiens." Trotz schmaler Besetzung "hat das Klangbild Breitwandformat. ... Garcia führt in ein London, das nur selten hinter dem Funkeln der Metropole auftaucht. Jenes London voller Seele und Spiritualität, das sich in den vielen Nischen einer Stadt eingerichtet hat, in der jeder seinen Weg und Gefährten dafür finden kann. In der Jazz nur ein Vehikel ist und keine Form." Wir hören mit dieser Playlist rein:



Außerdem: Daniel Froschauer, der Vorstand der Wiener Philharmoniker, blickt in der Presse zurück auf die letzten Wochen seines Orchesters. Stephanie Grimm befasst sich in der taz mit dem Programm des Berliner Festivals Pop-Kultur, das dieser Tage als virtuelles Happening stattfindet. Im Standard wirft Michael Wurmitzer einen Blick ins Programm der Wiener Festwochen, die morgen beginnen.

Besprochen werden ein "Testkonzert" in der Elbphilharmonie mit Julia Hülsmann, Christopher Dell und Nils Wogram (ZeitOnline), neue Alben von The Killers (ZeitOnline) und Guided By Voices (Jungle World) sowie ein "Best Of" von Tocotronic (SZ).
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Stichwörter: Garcia, Nubya, Jazz