Efeu - Die Kulturrundschau

Infiziert, verstrahlt und melancholisch

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24.08.2020. Die FAZ atmet auf der Riga-Kunstbiennale beglückt einen Hauch von sowjetischer Bunkerlandschaft ein. Der Standard beobachtet das Gerangel unter den Platzhirschen der Wiener Hochkultur. Die New York Times weist die allseits verehrte Criterion-Collection auf den peinlichen Mangel an schwarzer RegisseurInnen hin. Und die SZ erkennt in Cardi Bs versautem "WAP"-Video die Utopie der Stunde.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2020 finden Sie hier

Kunst

Lina Lapėlytė und Mantas Petraitis: Currents, 2020. Foto: Riga Biennale

Ganz berauscht berichtet Werner Bloch in der FAZ von der Rigaer Biennale RIBOCA 2 und freut sich besonders, dass der Kunstzirkus ausgerechnet von Lettland aus wieder Fahrt aufnimmt: "Mit fünfzig Künstlerinnen und Künstlern ist die Riga-Biennale in einer düsteren Umgebung eingezogen, dem alten Hafen von Riga, der in staubigen Hallen noch die Sowjetzeit atmet. Eine Bunkerlandschaft, die an Tarkowskis 'Stalker'-Dystopie erinnert, infiziert, verstrahlt und melancholisch - und eine großartige Bühne für Kunst in der neuen Post-Pandemie-Realität. Dabei entstehen manchmal, wie zufällig, riesige Kompositionen von seltener Schönheit. Die Litauerinnen Lina Lapelyte und Mantas Petraitis etwa, die 2019 mit ihrer fiktiven performativen Strandidylle 'Sun and Sea' den Goldenen Löwen von Venedig gewannen, haben geschälte Baumstämme ins Hafenbecken von Riga treiben lassen. Die Stämme fügen sich zu einem geometrischen Muster, einem schwankenden, irisierenden Panorama."

In seiner Serie zur Polizei in der Kunst kommt Sebastian Strenger in der taz heute zu Gunter Brus' "Wiener Spaziergang" von 1965, mit dem der junge Künstler das bieder-autoritäre Wien konsterniert: "Auf unserem Bromsilber-Gelatineabzug trifft der Künstler an der Ecke Bräunerstraße/Stallburggasse auf einen Polizisten und wird festgenommen. Der Grund der Festnahme lässt sich anhand des Fotos eigentlich nicht erklären. Zu sehen ist ein vollkommen weiß angemalter junger Mann im Anzug, selbst Gesicht und Haare sind weiß eingefärbt. In seiner Körpermitte allerdings verläuft vom Scheitel bis zur Sohle eine zackig schwarze Linie. Reißverschluss - Stacheldraht - eine Wunde? Die Leute, die auf den weiteren Bildern zu sehen sind, schauen belustigt oder auch verstört bis verschreckt."
Archiv: Kunst

Architektur

Das neue Wohnhaus (links) und das Schulhaus, über die Treppe dazwischen geht es vom Dorf zur 'Tanne', dem Zentrum für hörsehbehinderte Menschen. Foto: Stiftung Tanne


NZZ-Kritikerin Sabine von Fischer lernt eine Menge über Raumwahrnehmung mit dem neuen Wohn- und Schulbau, den die Basler Architekten Maya Scheibler und Sylvain Villard für die Schweizer Stiftung Tanne errichteten, einem Zentrum für taubblinde Menschen: "Haptik, Optik, Akustik, sogar Olfaktorik gehören zum architektonischen Entwurf - wie immer, aber hier ganz besonders: Ob der Beton fein oder grob ist, ob die Hölzer vertikal oder horizontal verlegt sind, alles folgt einem mit viel Einfühlung erarbeiteten Plan, der den Klienten vom Säuglingsalter bis ins späte Seniorenalter ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Hier Rauten, dort Streifen: In die Betonwände sind Reliefs eingegossen, auf jedem Stockwerk ein anderes. Diese Konturen dienen in erster Linie dem Tasten, aber auch den anderen Sinnen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Stiftung Tanne, Taubblindheit

Literatur

In der FAZ feiert Dietmar Dath die britische Literaturwissenschaftlerin Sianne Ngai, die mit ihren Gedanken zum Gimmick in der Kunst eine ganze Kulturtheorie baut, und dazu noch ein marxistisch versierte, wobei das englische Gimmick eher als Masche zu verstehen sei: "Grundstein ihrer Gesamtschau der heutigen Weltkultur war eine 2005 publizierte, vierhundert Seiten starke Betrachtung von 'Ugly Feelings', unter anderem der derzeit schwer virulenten Paranoia, wobei sie unter Rekurs auf Vorarbeiten anderer bemerkt, dass man zwar versuchen könnte, Verschwörungsdenken für Emanzipationskämpfe (etwa des Feminismus) zu kapern, um Mächtigen ihre Verabredungen vorzuwerfen, dabei aber bedenken müsse, dass Angst keineswegs per se rebellisch sei, sondern eher 'zum täglichen Mitmachen, zur Unterwerfung' gehöre. Ihr Gespür für solche Widersprüche hat Ngai bei Marx und Hegel gelernt."

Weitere Artikel: Christian Schröder staunt im Tagesspiegel über die Lust am urbanen Tempo, die Walter Mehring in seinen Texten an den Tag legt. In der NZZ verehrt Rainer Moritz Georges Simenon. Der Standard bringt einen Vorabdruck aus Olga Tokarczuks neuem Erzählband "Die grünen Kinder". Für die FAZ sprachen Hannes Hintermeier und Kai Spanke mit dem australischen Krimimeister Garry Disher, der gesteht, dass er seit seinem Erfolg in Deutschland gerne deutsche Namen in seine Romane einbaut. In den Actionszenen der Weltliteratur erinnert Marc Reichwein daran, wie Christa Wolf in den 50ern in West-Berlin in U-Haft geriet. Ein online namentlich ungenannter Autor gratuliert in der FR dem Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre zum 100. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem eine Festschrift zu Ehren von Maxim Biller, der morgen seinen 60. Geburtstag feiert (Standard), Zoe Becks Thriller "Paradise City" (Berliner Zeitung), Aritz Morenos "Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden" (Presse), Anna Mayrs "Die Elenden" (Freitag), die Wiederveröffentlichung von Susanne Kerckhoffs "Berliner Briefe" aus dem Jahr 1948 (Tagesspiegel), James Lee Burkes "Blues in New Iberia" (online nachgereicht von der FAZ), Schwarwels Comicserie "Gevatter" (Tagesspiegel), Mieko Kawakamis "Brüste und Eier" (Presse), Maya Lasker-Wallfischs "Briefe nach Breslau" (Standard), Mely Kiyaks "Frausein" (FR), Annie Ernauxs "Die Scham" (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Adam Barons "Freischwimmen" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jan Röhnert über Hanns Cibulkas "Dornburg":

"Hier finde ich
die alten Zeichen wieder,
..."
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Archiv: Literatur

Bühne

In der Wiener Hochkultur wird mit harten Bandagen gekämpft, verrät ein Interview im Standard mit Staatsoperndirektor Bogdan Rošcic über das Gerangel unter den Platzhirschen, den Stephan Weiss so zusammenfasst: "Zuletzt lieferte sich der 56-Jährige im Kurier einen Schlagabtausch mit Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder. Weil dieser angedeutet hatte, Theater sei in Corona-Zeiten verzichtbarer als Museumsbesuche, schlug Roščić scharfzüngig zurück: Von 'Hybris, Ahnungslosigkeit, Perfidie' und einem 'Tieflader auf der Deponie des Corona-Meinungsmülls' war die Rede."

HAU-Intendantin Annemie Vanackere räumt im Interview mit Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung ein, dass es bei der Special Edition des abgesagten Tanz im August "nicht so sehr ums Sehen" gehen wird. Im Tagesspiegel bemerkt Hannes Soltau, dass Opernstar Placido Domingo nach Corona-Erkrankung und #MeToo-Vorwürfen wieder auf der Bühnen steht.

Im Standard berichtet Stphan Hilpold vom "Jedermann"-Jubiläum in Salzburg, in der SZ schreibt Egberth Tholl. Besprochen werden Milo Raus Stück "Everywoman", mit dem er den "Jedermann" sanft umspielte, aber nicht vom Podest hob (wie Manuel Brug in der Welt betont), Georg Büchners "Woyzeck" am Theater Vorpommern in Greifswald (Nachtkritik) und das Wagner-Happening "Lohengrin vs. Tristan & Isolde", das die Künstlergruppe glanz&krawall unter dem Motto "Berlin is not Bregenz" im Strandbad Plötzensee veranstaltete (taz).
Archiv: Bühne

Film

Kyle Buchanan und Reggie Ugwu fragen sich in der New York Times, warum die renommierte Criterion Collection - ein Qualitätslabel, dessen DVD- und BluRay-Veröffentlichungen zumindest in den USA längst eine kanonbildende Funktion hat - kaum Werke von afro-amerikanischen Filmen umfasst: Bei über 1000 Titeln gebe es mehr Filme von Menschen, die Anderson mit Nachnamen heißen, als von Schwarzen. Nicht nur die Filmgeschichte ist davon betroffen: "Criterions blinde Flecken umfassen auch die jüngste Generation afro-amerikanischer Filmemacher. Obwohl die Collection die Regiedebüts vieler Generationen weißer Auteurs umfasst - darunter Gus van Sant, Noah Baumbach, David Gordon Green und Lena Dunham -, findet sich darin kein afro-amerikanischer Regisseur, der nach 1957 geboren wurde."

Außerdem: Fritz Göttler empfiehlt in der SZ die Vimeo-Retrospektive des Filmmuseums Münchens mit den Filmen von Mark Rappaport. Besprochen werden Wolfgang Mays filmhistorische Studie "Berlins vergessene Traumfabrik" über die Filmateliers in Berlin-Johannisthal, wo unter anderem "Nosferatu" entstanden ist (Berliner Zeitung), Ceylan Ataman-Checas Debütfilm "Sebastian springt über Geländer" (Tagesspiegel) und die Ausstellung "The Sound of Disney 1928-1967" im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Hin und weg ist in der SZ Joachim Hentschel von "WAP", dem neuen Video von Cardi B und Megan Thee Stallion, dem "unwahrscheinlichen Sommerhit" des Jahres - die Abkürzung des Titels steht für "wet-ass pussy" und entsprechend übervoll an Eindeutigem und Zweideutigem ist das Stück auch: "Besonders nach den verschiedenen Schreckensbildern der letzten Monate liegt eine geradezu unbändige Kraft im Anblick einer Chorus Line aus schwarzen Frauen, die im knöcheltiefen Wasser tanzen, Stolz und Fleischlichkeit behaupten, das verbindende Element menschlicher Körperausflüsse feiern. ... Die bodenlose Versautheit von 'WAP' ist die transgressive Utopie der Stunde."



Etwas subtiler nimmt sich dagegen Jacob Collier aus, ein "singender Harry Potter", den Ueli Bernays in der NZZ nicht zuletzt wegen dessen "harmonischen Raffinements" als Ausnahmeerscheinung im Gegenwartspop feiert: "Aus der Abfolge irisierender Akkorde erwachen die weiten Spannungsbögen seiner Songs. Krude Dissonanzen erweisen sich unter seinen zarten Händen als erstaunlich fügsam und organisch. ... Es ist eine Chance, wenn ausgerechnet ein Technik-Freak wie er zeigt, wie man in der Musik den menschlichen Faktor aufrechterhält - indem man die Technik nicht ablehnt, sondern beherrscht." Ein aktuelles Video:



Weitere Artikel: Harald Eggebrecht berichtet in der SZ von Konzerten bei den Salzburger Festspielen mit Martha Argerich, Renaud Capuçon und Igor Levit. Für die Berliner Zeitung hat sich André Boße via Zoom zum großen Gespräch mit Sophie Hunger getroffen. Auf Kampnagel in Hamburg verneigte man sich vor Moondog, berichtet Jan Paersch in der taz. Peter Uehling schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf den Komponisten Heinrich Poos.

Besprochen werden Cecilia Bartolis Auftritt beim Lucerne Festival (NZZ), ein Konzert der Wiener Philharmoniker mit Elīna Garanča unter Christian Thielemann (Standard, SZ) und das neue Album von Mike Scott und den Waterboys (FR).
Archiv: Musik