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Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Marsch voller Grazie

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2020. Der Freitag fliegt mit Patricio Guzmán über die Kordillerien und blickt dabei in die tiefen Schluchten der chilenischen Geschichte. Die taz streift im Kunstmuseum Basel durch die Geschichte der Alltagsfotografie. Die NZZ verteidigt Milan Kundera gegen den Dogmatismus seines Biografen Jan Novak. Und die FAZ lässt bei Paavo Järvis Musikfestival im estnischen Pärnu die Maske fallen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2020 finden Sie hier

Kunst

Unbekannt: Frau auf einem Balkon in Paris, 1912-1915. Bild: Kunstmuseum Basel / Sammlung Ruth und Peter Herzog

Das Kunstmuseum Basel zeigt in der Ausstellung "The Incredible World of Photography" die alltagsfotografische Sammlung von Ruth und Peter Herzog. taz-Kritiker Kito Nedo erlebt dort nicht nur, wie haptisch und objektgebunden Fotografie einst war, sondern auch, wie eng verbunden sie mit der Technikgeschichte war: "Als Kern ihrer Sammlung beschreiben die Herzogs 'die Geschichte der Menschen in der Industriegesellschaft in Photographien seit 1839'. Das stimmt. Alle Bereiche des Alltags erscheinen von der Fotografie durchdrungen: Familie, Arbeit, Freizeit, Reisen, Konsum, Wissenschaft und so weiter. Fotografie wird hier aber nicht nur als Dokumentationsmedium der Industriegesellschaft greifbar - sondern aufgrund der ihr selbst eingeschriebenen industriellen Produktionslogik auch als Teil und Katalysator der Modernisierung."

Christian Saehrendt gönnt in der NZZ Frida Kahlo den Kult um Person und Werk. Warum auch nicht? Es gebe schlechtere Motive, eine Ikone zu bewundern als Leidenschaft, Widerständigkeit und Intensität: "Die Einheit von Leben und Werk verleiht Frida Kahlo bis heute Authentizität - ebenso ihr Kampfgeist und ihr Selbstbehauptungswille trotz schwerer körperlicher Behinderung, chronischen Schmerzen und Benachteiligung durch den alltäglichen Machismo. Ihre eindringliche Selbstbefragung in den Porträts und das Zelebrieren einer coolen Haltung in verzweifelter Lage imponieren. Die Dissonanz von Leid und Lebenslust, von Blut und froher Farbigkeit bewegt das Publikum. Und die leicht lesbaren Bildmotive mit christlicher Symbolik, subtropischen Pflanzen und Tieren tragen zu einem positiven Kunsterlebnis auch bei jenen bei, die sich im Museum sonst eher unwohl fühlen."

Weiteres: Weiß als Sommerfarbe kommt bei FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe immer gut an, dabei hat sie gar nicht die Romantik französischer Impressionisten vor Augen: "Ich für meinen Teil bewundere das skandinavische Flair: In schwedischen Filmen und bei Mittsommerfesten sehen Frauen jedes Alters unnachahmlich anmutig aus in ihren weißen Leinenkleidern."

Besprochen werden eine Schau der Künstlerin Marion Eichmann in der Galerie Stihl in Waiblingen (FAZ), die Frank-Walter-Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (Standard) und ein Skizzenband mit persönlichen Notizen von Edward Hopper (Berliner Zeitung).
Archiv: Kunst

Film

Die Anden und die chilenische Geschichte: Patricio Guzmáns "Kordillere der Träume". (Bild: Real Fiction)

Freitag-Kritiker Sascha Westphal schwelgt in Patricio Guzmáns "Die Kordillere der Träume", einem Essayfilm über die chilenischen Anden, dem dritten Teil von Guzmáns chilenischer Trilogie. Zu sehen sind "Bilder von malerischer Schönheit. Das Erhabene der Natur - ihre majestätische Größe und ihre Zeitlosigkeit - findet in ihnen einen grandiosen Ausdruck. Auch die Berge stehen bildlich für das Gedächtnis des Landes. Guzmán findet ein brillantes Bild dafür: Einmal schneidet er von den Bergen von Videokassetten, die der Filmemacher Pablo Salas seit 1982 angehäuft hat, auf die Kordillere. Das Gebirgsmassiv gleicht den Bildern, die Salas von den Protesten gegen die jeweils herrschenden Regierungen aufgezeichnet hat. Dabei ist die Gewalt des Militärs, die er abbilden konnte, nur wie die äußerste Schicht eines Berges. Das, was unter ihnen liegt, die Folterungen und Morde, konnte Salas nicht aufzeichnen."

Außerdem: Maxi Leinkauf porträtiert im Freitag die Schauspielerin Paula Beer, die gerade in Christian Petzolds "Undine" (unsere Kritik) zu sehen ist. Von Petzold wiederum hat Cargo einen schönen Archivtext über Fritz Langs Indien-Filme online gestellt. Lory Roebuck fragt sich in der NZZ, warum in Fernsehserien gerade die bösen Machos so faszinieren.

Besprochen werden Christian Stellas und Jeremy Gardners "After Midnight" (SZ), die zweite Staffel der deutschen Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" (ZeitOnline) und die auf Sky gezeigte Mafia-Actionserie "Gangs of London" (Presse).
Archiv: Film

Literatur

Dass das literarische und intellektuelle Tschechien derzeit über Jan Nováks Kundera-Biografie streitet, die den berühmten Schriftsteller als bis zuletzt hartnäckigen Kommunisten darstellt, war bereits hier und dort deutlich geworden. Alena Wagnerová sortiert die Debattenlage für die NZZ: Novák ist für sie vor allem ein am Geld interessierter Schreiber, der seine Texte auf Skandal frisiert. Sein Buch und dessen Verteidigung durch manche Kritiker "haben mit der historischen Wirklichkeit nur bedingt zu tun. Wer seine intellektuelle Entwicklung verfolgt hat, weiss, dass Kundera spätestens nach Stalins Tod zum kritischen Intellektuellen wurde. Als Kommunist wurde er zweimal aus der Partei ausgeschlossen und wandelte sich in den sechziger Jahren in einen bedeutenden reformistischen Vordenker. Es wäre wichtig, seine intellektuelle Biografie differenziert zu betrachten. Für den dogmatischen Antikommunismus aber stellt Kundera offensichtlich immer noch eine Provokation dar, die beseitigt werden muss."

Deutschlandfunk Kultur lässt über das Verhältnis zwischen feuilletonistischer Literaturkritik und Online-Rezensionskultur diskutieren. Letztere hielt Sigrid Löffler in einem Gespräch in der vergangenen Woche für "elektronisches Stammtischgeschnatter", jetzt entgegnet Simon Sahner, einer der Betreiber des Online-Magazins 54books, dass es auch im Netz eine gute Rezensionskultur gibt, nämlich "sehr intellektuelles und reflektiertes Sprechen über Literatur". Löfflers Pauschalisierung, die den Publikationsort an sich unter Generalverdacht stellt, "ist einfach nicht zulässig. ... Meine persönliche Auseinandersetzung mit Literatur und meine literaturkritische Auseinandersetzung mit Literatur wurde mir überhaupt erst durch das Internet ermöglicht. Ich bin mir sehr sicher, ich wäre jetzt nicht hier bei Ihnen im Programm, wenn es das Internet nicht gäbe, wenn ich mich dort nicht per App zur Literatur und literarischen Themen äußern könnte."

Außerdem: Auf ZeitOnline erinnert sich die Lyrikerin Mariam Al-Attar an Kindheit und Jugend in Iran und Irak. Besprochen werden Irina Liebmanns frisch mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichneter Roman "Die Große Hamburger Straße" (Freitag), Friederike Mayröckers "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" (NZZ), Albert Londres' Reportagenband "Afrika, in Ketten" (Zeit), Ulrike Ulrichs Zürich-Roman "Während wir feiern" (SZ), Lily Kings "Writers & Lovers" (Tagesspiegel), Colum McCanns "Apeirogon" (FR), Victoria Mas' "Die Tanzenden" (Tagesspiegel) und Patti Smiths "Im Jahr des Affen" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Im Standard blickt der Germanist Hans Höller erwartungsvoll Peter Handkes neuem Stück "Zdenek Adamec" entgegen, das bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt werden wird und von jenem Hacker erzählt, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz - in Anlehnung an Jan Pallach - selbst verbrannte.
Archiv: Bühne
Stichwörter: Handke, Peter

Musik

FAZ-Kritiker Jan Brachmann staunt Bauklötze über das Bild, das sich ihm bei Paavo Järvis Musikfestival im estnischen Pärnu darbietet: Der Saal voll besucht, das Orchester sitzt dicht beisammen, Masken Fehlanzeige - so günstig ist das Pandemiegeschehen in Estland mittlerweile. Das Orchester schlage "aus dieser Dichte spielerische Funken. ... Die Angst, sich anzustecken, verfliegt in seligen Momenten, wenn man erlebt, wie Paavo Järvi Beethoven dirigiert. Das macht ihm derzeit keiner nach. Das ziemlich rechtwinklige, starre Hauptthema im Kopfsatz des ersten Klavierkonzerts federt vom ersten Takt an: ein Marsch voller Grazie, freundlich, biegsam, zugewandt. Allein die Arbeit mit den Hörnern wäre eine eigene Betrachtung wert: Wie sie gereizt schnarren können, sich dann wieder zärtlich an Streicher und Oboen anschmiegen - das ist gestalterische Virtuosität im Detail."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel spricht Gregor Dotzauer mit Jacobien Vlasman und Kathrin Pechlof über die Zukunft des Jazz in Berlin, die für beide gewiss nicht im Streaming liegt: Pechlof vermisst "das spirituelle Erlebnis eines Konzerts", Streaming sei aufgrund des kaum monetisierbaren Wettbewerbsdrucks gar "diabolisch." Sarah Pines denkt in der NZZ über Troubadoure und die Liebe nach. Große Freude hat FAZ-Kritiker Max Nyffeler an dem Podcast Barock@home der Internationalen Bachakademie in Stuttgart, deren Leiter Hans-Christoph Rademann in der ersten Lieferung gemeinsam mit Chefdramaturg Henning Bey Einblicke in Händels Oratorium gewährt. Eine Videoversion des Podcasts gibt es auch:



Besprochen werden Jarvis Cockers Comeback-Album (Tagesspiegel), ein von Simon Rattle dirigiertes (und hier online stehendes) Konzert der BR-Symphoniker (SZ), eine Klanginstallation der Gruppe tamtam im Berliner Berghain (FAZ), Dehds Album "Flower of Devotion" (Pitchfork), ein großes Buch mit Materialien über die US-Rockband Dead Moon (taz), eine Aufnahme von Beethovens Streichquartetten durch Quatuor Ébène (Welt), weitere neue Klassikveröffentlichungen, darunter Carl Philipp Emanuel Bachs Klaviersonaten in einer Aufnahme des Linos Piano Trios (SZ), und das Comeback-Album der Soul- und R&B-Sängerin Lianne La Havas (ZeitOnline, NZZ). Ein Video:

Archiv: Musik