Efeu - Die Kulturrundschau

Mit Blick durch die Glasdreiecke

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2020. Die SZ besucht die kugelrunde Niemeyer-Sphere in Leipzig. Die Berliner Zeitung erlebt die kosmische Dimension der schwarzen Erfahrung in einem Video für Kanye West. Die FAZ feiert mit dem Jazzmusiker Shabaka Hutchings die Schönheit der Widerstandskraft der Griots. Die NZZ sucht einen Mann mit Krawatte. Artechock wünscht sich mehr Komplexitätstoleranz beim Streaming von Kinofilmen, sonst drohe eine Replikation der Provinz im Internet. Die FAZ erinnert an einen denkwürdigen "Fidelio" im Gulag von Perm.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2020 finden Sie hier

Architektur

Die Niemeyer-Sphere in Leipzig. Foto: Superslogman/Wikipedia unter cc-Lizenz


In Leipzig eröffnet die Tage das Restaurant eines Kranherstellers, für das Oscar Niemeyer noch kurz vor seinem Tod 2012 den Entwurf lieferte: eine Kugel auf dem Dach des Kantinengebäudes. Peter Richter hat es für die SZ besucht und steht staunend in den Wolken über Leipzig: "Wie bei den beiden Yin-und-Yang-artigen Formen, aus denen ein Tennisball zusammengefügt ist, greifen hier Kuppelteile aus klassisch geweißtem Niemeyer-Beton und solche aus geodätischen Buckminster-Fuller-Dreiecken mit Glas ineinander: Es ist ein überraschendes Gipfeltreffen eines süd- und eines nordamerikanischen Räumebiegers auf dem Boden von Leipzig-Plagwitz. ... Der zweigeteilte Innenraum der Kugel birgt unten eine kleine Bar, wo sich mit Blick durch die Glasdreiecke auf die Niemeyer-Straße beobachten lässt, wer als Nächstes eintrifft. Dann geht es mit dem Glas in der Hand über eine geschwungene Treppe nach oben, wo die Tische stehen und schließlich eine gewölbte Schiebetür, als wäre es das Haus eines James-Bond-Schurken, auf die Dachterrasse führt. Man schaut dort tatsächlich wie durch eine Sonnenbrille in den Himmel".
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Film

Auf Artechock äußert sich Lars Henrik Gass von den Kurzfilmtagen Oberhausen, die vor einigen Wochen eine überaus erfolgreiche Online-Edition ihres Traditionsfestivals hingelegt haben, ausführlich zur momentan den Betrieb beschäftigenden Gretchenfrage, wie man es nun mit dem Streaming hat. Gass wünscht sich "mehr Komplexitätstoleranz". Nicht zuletzt ist die Dynamik der momentanen Krise auch noch lange nicht eingependelt, vielmehr kulminiert darin eine ohnehin schwelende Krise: "Der Niedergang des Kinos ist nicht allein technologisch zu begreifen und auch nicht durch den Kampf gegen Technologie zu verhindern, sondern nur politisch auf dem Weg zu einer kompromisslosen Musealisierung, die das Kino konsequent von wirtschaftlichen Interessen freistellt und institutionell den anderen Künsten gleichstellt. ... Jetzt soll der Geist in die Flasche zurück; das Potential des Internets für die Festivals und damit für die Filmkultur würde man am liebsten reglementiert sehen. Die Anzahl der möglichen Zuschauerinnen und Zuschauer für ein Programm im Internet soll begrenzt werden, digitale Reichweite der Programme möglichst noch auf den Horizont der Stadt: Replikation der Provinz im Internet. Ein Online-Festival aber sollte nicht geopolitische Grenzen neu errichten. Der Ort ist das Festival, nicht die Stadt. Der nun wirklich nötige politische Aushandlungsprozess unter allen Beteiligten, wie mit Fragen des Geoblockings oder der Festivalpremieren künftig fair umzugehen sei, wird hier zu einem ideologischen Konflikt ('Grabenkampf') verschüttet."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel spricht Simon Rayss mit dem Regisseur Emin Alper, dessen (in der Berliner Zeitung besprochener) Film "Geschichte von drei Schwestern" gerade im Kino zu sehen ist.

Besprochen werden Claude Lelouchs "Die schönsten Jahre eines Lebens" mit Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée, eine Fortsetzung von Lelouchs "Ein Mann und eine Frau" aus dem Jahr 1966 (FR, FAZ), Betrand Bonellos "Zombi Child" (Standard), Harald Friedls Dokumentarfilm "Brot" (ZeitOnline), Carlos A. Morellis "Der Geburtstag" (Tagesspiegel) und Lee Hae-juns und Kim Byung-seos auf Blu-Ray erschienener Katastrophenfilm "Ashfall" (Berliner Zeitung).
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Literatur

Im Literaturfeature von Dlf Kultur feiert Siegfried Ressel 70 Jahre Suhrkamp - und wirft dafür vor allem einen Blick auf die frühen Unseld-Jahre. Das neue CrimeMag ist erschienen - hier das Editorial mit Hinweisen zu allen Texten, Besprechungen, Interviews und Empfehlungen. Und ein neuer Büchertisch in unserem Online-Buchladen Eichendorff21: Wir haben die Nominierten des Max-und-Moritz-Preises des Comicsalons Erlangen für Sie zusammengestellt.

Besprochen werden unter anderem Alphonse Karrs "Reise um meinen Garten" (NZZ), Anna Kavans Science-Fiction-Roman "Eis" (Freitag), Andrzej Stasiuks "Beskiden-Chronik" (Dlf Kultur), Lukas Jüligers Comic "Unfollow" (Tagesspiegel), Sabine Scholls "O" (FR), der Erinnerungsband "Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land" des Schauspielers Erwin Berner (Berliner Zeitung) und Kerstin Hensels "Regenbeins Farben" (SZ).

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Musik

Für die Berliner Zeitung wirft Hanno Hauenstein einen Blick auf Arthur Jafas neues Video, das der Videokünstler für Kanye West produziert hat und mit seiner rohen, politisch aufgeladenen Ästhetik auf Youtube gerade durch die Decke geht. Jafas Arbeiten "kontern die Schönfärberei und das sprichwörtliche 'Whitewashing' der amerikanischen Kulturindustrie mit einer auf das schwarze Erleben verdichteten Sichtweise." Auch diese Arbeit "ist ein eklektisches Durcheinander, das Szenen traumatischer Gewalt mit Bildern rhythmischer Ekstase verschmilzt. ... Jafa interessieren schillernde Perspektivwechsel: Die sprichwörtlich kosmische Dimension der schwarzen Erfahrung, ihre Inkommensurabilität durch das weiße Auge sowie ihre immer wieder versuchte Aneignung durch den Mainstream."



Shabaka Hutchings will mit seinem neuen, gemeinsam mit The Ancestors aufgenommenen Album an die orale Tradition der Geschichtsbildung der Griots anschließen, erklärt der Londoner Jazzmusiker in der FAZ. Sein neues Album "We Are Sent Here By History", schreibt dazu wiederum Peter Kemper, stellt einen "Rückblick auf die Gegenwart aus einer nicht allzu weit entfernten Zukunft" dar. Denn die Platte "warnt nicht länger vor einem zukünftigen Zusammenbruch, sondern versteht sich als Tatsachenbericht all der Fehler und Versäumnisse, die für den Niedergang verantwortlich waren. ... Die Musik lebt aus der Freiheit eines wirbelnden Chaos von Trommeln, Saxophonen und Stimmen. Sie feiert die Schönheit der Widerstandskraft. Trotz der Atmosphäre dunkler Unergründlichkeit triumphiert letztlich die Inspiration über die Depression." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Für die taz porträtiert Georg Milz den Dancehall-Musiker Buju Banton, der gerade aus einer mehrjährigen Haftstrafe entlassen wurde. Jan Brachmann berichtet in der FAZ von der Internationalen Orgelwoche Nürnberg. Harald Eggebrecht schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Geigerin Ida Haendel.

Besprochen werden Arcas neues Album "KiCk i" (Berliner Zeitung), Special Interests Album "The Passion Of" (Pitchfork), das Debüt von Coriky, dem neuen Indierock-Projekt von Ian MacKaye, der als junger Punker in den frühen 80ern Straight Edge erfunden hat (Standard), Sofia Portanets Debütalbum "Free Ghost" (taz), Amnesia Scanners Album "Tearless" (taz), Paul Wellers neues Solo-Album (Berliner Zeitung) und ein Dokumentarfilm von Adele Schmidt und José Zegarra Holder über Krautrock (Berliner Zeitung).
Archiv: Musik

Design

Wo sind nur all die schönen Männer hin, die ihre Reize noch mit einer handverlesenen Krawatte veredeln, klagt Marion Löhndorf in der NZZ. Um das kleidsame Stück Stoff am Männerhals ist es in den letzten Jahren jedenfalls ziemlich still geworden. Die Zuversicht will sich Löhndorf jedoch nicht nehmen lassen: "Wie es so geht in den ewigen Zyklen der Modewelt, sie ruhen nur. Eines Tages, so viel ist sicher, werden wieder Knoten geschlungen. ... Krawatten werden auferstehen wie Hipsterbärte und Plattenspieler, ausrasierte Nacken und Abba. Es ist nur eine Frage der Zeit. Dann wird die Welt das ins Schleudern gekommene Image dieses Kleidungsstücks vergessen haben, es wieder lieben lernen und das eigentlich Schöne daran neu entdecken: seine gänzliche Nutzlosigkeit."
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Stichwörter: Krawatte

Kunst

Barry Schwabsky spricht für The Nation mit Künstlern über die Zukunft des Kunstmarkts nach Corona - besonders im Blick auf die New Yorker Galerien ist er skeptisch: "Es gibt keinen Grund, warum die Kunstgalerie, wie wir sie kennen, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, ewig Bestand haben sollte. Aber es gibt auch kein Anzeichen für eine Alternative am Horizont. Wie bei anderen kleinen New Yorker Unternehmen, die seit Mitte März geschlossen sind, ist nicht klar, wie viele Galerien lange genug durchhalten werden, um wieder zu eröffnen."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Gereon Sievernich zum Tod des chinesischen Fotografen Li Zhensheng.

Besprochen werden die Ausstellung "Arabische Weber - Christliche Könige" in der Schweizer Abegg-Stiftung mit hispano-islamischen Textilien und Seiden aus dem Mittelalter (FAZ) und die Ausstellung "Charlotte Posenenske - Work in Progress" im K20 in Düsseldorf (SZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Corona

Bühne

In der FAZ erinnert sich Kerstin Holm an einen denkwürdigen "Fidelio", der vor zehn Jahren im ehemaligen Sonderstraflager Perm-36 im Ural aufgeführt worden war. Die Inszenierung des Briten Michael Hunt erinnert ein wenig an Ilya Krzhanovskys Dau-Projekt: "Zu jeder Aufführung wurden zweihundertfünfzig Zuschauer - so viele Pritschenplätze gab es in Perm-36 - in Bussen aus der Stadt zum Lager gekarrt. In der Mittagsschwüle empfing sie dort eine Gruppe von Frauen aus den umliegenden Siedlungen, die Schicksalsgenossinnen der Opernheldin Leonore mimten und mit Fotos ihrer Männer in der Hand deren Freilassung forderten. Doch behelmte Aufseher mit Schlagstöcken und Holzflinten jagten sie weg und trieben das zahlende Publikum wie Vieh durchs Lager, wobei sie die Leute zünftig anbellten und so echte Lageratmosphäre erzeugten. Während das Orchester im Hof unter seinem Dirigenten Valeri Platonow die visionäre Ouvertüre spielte, passierte man Baracken, wo Sträflinge in nummerierter Streifenkluft hockten oder Wassersuppe löffelten."

Hier ist er, der "Fidelio im Gulag":



Weitere Artikel: In der nachtkritik informiert uns Christian Rakow in einem Überblickstext zum Stand des interaktiven Netztheaters. Mahé Crüsemann unterhält sich für die taz mit der Lübecker Opernintendantin Katharina Kost-Tolmein, die ans Theater Münster wechselt. Im Interview mit der SZ erzählt Lin-Manuel Miranda die Geschichte seines unwahrscheinlich erfolgreichen Hip-Hop-Musicals über die amerikanische Verfassung, "Hamilton", das man jetzt auf Disney sehen und hören kann. Susan Vahabzadeh liefert die Besprechung dazu, eine weitere gibt's im Tagesspiegel.
Archiv: Bühne
Stichwörter: Perm 36, Fidelio, Disney