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Efeu - Die Kulturrundschau

Bedauerlich, dass Vögel nicht lesen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2020. In der Zeit erinnert sich Maxim Biller, wie er und Ex-FAZ-Literaturchef Gustav Seibt einst versuchten, Karl Heinz Bohrers Abneigung gegen Marcel Reich-Ranicki zu ergründen. Die FAZ wühlt in Leipzig in den Mägen von Albatrossen. Siebzig Prozent der britischen Theater fürchten den Bankrott, weiß der Standard. Auch die Berliner Philharmoniker darben - und die freien Musiker sowieso, ergänzt das VAN-Magazin. Der Galerist Johann König und der Architekt Arno Brandlhuber möchten den Mäusebunker zum neuen kulturellen Zentrum Berlins ausbauen, meldet der Tagesspiegel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2020 finden Sie hier

Kunst

Bild: Irwan Ahmet & Tita Salina, Very Very Important Fish (Still), 2013, Credit to Logout Corps, Jakarta 32°, Copyright: Künstlerduo

Das ganze Ausmaß der Umweltzerstörung durch unser Konsumverhalten erkennt FAZ-Kritiker Andreas Platthaus in der Ausstellung "Zero Waste" im Leipziger Museum der Bildenden Künste, die zwanzig künstlerische Positionen aus der ganzen Welt versammelt hat, den mahnenden Finger für seinen Geschmack aber eine Spur zu hoch hält: "Die deutsche Künstlerin Swaantje Güntzel etwa, neben ihrem Landsmann Wolf von Kries am prominentesten in der Schau vertreten, hat in den Mägen verendeter Albatrosse gefundene Plastikspielzeugteile, die den Tieren den Tod brachten, insofern recycelt, als man sie nun in einem Automaten präsentiert bekommt, aus dem man sie für jeweils zwei Euro erwerben könnte (wenn nicht der Münzeinwurfschlitz deaktiviert wäre). Eine gesetzlich vorgeschriebene Aufschrift warnt, dass der Inhalt 'nicht geeignet für Kinder im Alter bis zu 36 Monaten' sei, weil er 'kleine Teile' beinhalte, die bei Verschlucken schaden könnten. Bedauerlich, dass Vögel nicht lesen können."

Im SZ-Gespräch mit Theresa Hein erzählt die Fotografin Elizaveta Porodina, wie sie für die Vogue und andere Magazine Stars per Zoom fotografierte: "Bei dem Shooting mit Sevigny lief das so: Sie hat mir den ganzen Raum gezeigt und gesagt, hier habe ich einen Stuhl, der ist nah beim Licht, und hier habe ich ein Sofa. Und du als Fotografin musst das Bild gedanklich zusammenstückeln, bevor es stattfindet. Und dann musst du es der anderen Person erklären, damit sie das nachvollziehen kann. Das war natürlich für uns beide bizarr."

Weiteres: In der Zeit schildert Tobias Timm mit Blick auf die Kunstmarkt-Exzesse den Fall des amerikanischen Galeristen Inigo Philbrick, der wegen des Verdachts, Kunstwerke mehrfach verkauft zu haben, verhaftet wurde. In der Berliner Zeitung träumt Ingeborg Ruthe beim Rundgang durch eine Ausstellung zum zwanzigjährigen Bestehen des nichtkommerziellen Projekthauses in der Torstraße 111 noch einmal von den wilden Neunzigern. Besprochen wird die Corona-Ausstellung  "Alles Okay" in der Berliner Elisabeth-Kirche (Tagesspiegel).
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Literatur

In der Zeit erinnert sich Maxim Biller, wie er und Ex-FAZ-Literaturchef Gustav Seibt einst versuchten, Karl Heinz Bohrers Abneigung gegen Marcel Reich-Ranicki zu ergründen (Unser Resümee): "'Sie meinen', sagte ich, 'weil Bohrer sonst nichts erlebt hat, arbeitet er sich bis heute an Reich-Ranicki ab?' - 'Das weiß ich nicht', sagte Herr Seibt, 'aber fast jedes Mal, wenn ich ihn getroffen habe, erzählte er von seiner Absetzung damals. Wie er davon im Urlaub erfahren hat. Wie er die ganze Redaktion gegen Reich-Ranicki aufwiegelte. Und wie er trotzdem diesen Aufstand verloren hat. Er klingt dann immer wie ein Stalingradkämpfer, der die alten Geschichten rausholt.' - 'Dann hat er ja das bekommen, wovon er immer als großer Surrealist und Jüngerianer träumte', sagte ich lächelnd, 'endlich passierte das Plötzliche, wonach er sich immer sehnte, endlich waren 'Gefahr' und 'Schrecken' für ihn mehr als Worte.' - 'Ja, vielleicht', sagte Herr Seibt.'"

Der im Literaturbetrieb gerne mal vorherrschenden Auffassung, dass Literatur und Kultur alleine schon zu besseren Menschen mache und womöglich gar die Gesellschaft im Gesamten bessere, erteilt Irina Bondas in einem auf 54books dokumentierten Vortrag eine klare Absage: "Für die Verfasstheit der Gesellschaft gibt es das Grundgesetz, und nicht George oder Grass. ... Von Lyrik sind keine konkreten Handlungsvorschläge zur Radikalisierungsprävention zu erwarten, genauso wenig wie von meinem Wasserkocher Währungsprognosen, obwohl er Ziffern anzeigt. Es gibt Zufälle, aber keine Zusammenhänge."

Weiteres: Lars von Törne berichtet im Tagesspiegel, dass mehrere Frauen berühmte Comicautoren bezichtigen, ihre Position in der Branche für sexuelle Beziehungen und Nötigungen ausgenutzt zu haben. Im Freitag zeigt sich Karsten Krampitz sehr zufrieden mit den Ergebnissen des diesjährigen Bachmann-Wettbewerbs. Besprochen werden Maryse Condés "Das ungeschminkte Leben" (Tagesspiegel), Maria Lazars "Leben verboten!" (Berliner Zeitung), Christoph Höhtkers "Schlachthof und Ordnung" (taz), Anna Katharina Hahns "Aus und davon" (SZ) und Hans-Christian Riechers Biografie über den Literaturwissenschaftler Peter Szondi (FAZ).
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Film



Nuri Bilge Ceylans
"The Wild Pear Tree" (unser erstes Resümee) hat Ekkehard Knörer alleine schon wegen einer Szene gleich zu Beginn - eine der "größten Szenen, die ich in den letzten Jahrzehnten im Kino gesehen habe", schreibt er im Perlentaucher - umgehauen: Es geht um eine Zufallsbegegnung zwischen einem jungen Mann mit einer Frau, die er einst unerwidert geliebt hat. "Das Gespräch zwischen beiden ist bei scheinbarer Ruhe von reißenden Strömen und Unterströmen umspült, es endet mit einem Kuss und einem Biss, es ist Entsagungsdrama von äußerster Dichte. Die Verletzung, die Sinan lange noch an der Lippe trägt, ist so etwas wie das blutende Zentrum dieses Films. Wie Ceylan und sein Kameramann Gökhan Tiryaki das in Szene setzen, mit Schnitten ins Herz, mit einer Kamerafahrt hinauf ins wilde Geflüster des Baums, mit einem verstohlenen Blick hinunter durchs Blattwerk, das ist etwas, das im Kino sonst derzeit kein anderer kann."

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline schreibt Patrick Heidmann über den aktuellen, durch Corona verschärften Konflikt zwischen Kino und Streaming. In der FR ärgert sich Sonja Thomaser darüber, dass manche Weiße ein Problem mit Schwarzen Figuren in Filmen und Serien haben. Im großen Zeit-Interview versuchen Jantje Friese und Baran bo Odar, Macher der Netflix-Serie "Dark" den Erfolg der Serie zu erklären.

Besprochen werden Wilson Yips von Altmeister Woo Ping-Yuen choreografierter Martial-Arts-Klopper "Ip Man 4: The Finale" mit Donnie Yen und Scott Adkins (taz), Clint Eastwoods "Der Fall Richard Jewell" (taz), Quentin Dupieuxs"Monsieur Killerstyle" (Standard), Harald Riedls Dokumentarfilm "Brot" (taz), Albert Lewins auf DVD veröffentlichter Film "Pandora und der fliegende Holländer" von 1951 (Berliner Zeitung) und David Mamets "Das Haus des Spiels" von 1987 (Perlentaucher).
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Bühne

Pubs, Kirchen und Kinos dürfen wieder öffnen - britische Theater bleiben weiterhin geschlossen, schreibt Sebastian Borger im Standard und wirft einen Blick auf die dramatische Situation: "Selbst die wissenschaftlich umstrittene Reduzierung der bisher geltenden Abstandsregel von zwei Metern auf 'ein Meter plus' werde wenig bringen, heißt es in einem Brief von 68 Theatern und Opernhäusern in der Mittwochsausgabe der Times: Die Schätzungen für die zukünftige Belegung von Zuschauerräumen schwanken zwischen 25 und 35 Prozent. Dabei können die meisten Theater erst ab einer Auslastung von 80 Prozent wirtschaftlich arbeiten. Von mehr als 1.000 Theatern, Arbeitsplatz für 300.000 Menschen und Touristenmagnet, befürchten 70 Prozent den Bankrott."

In der Berliner Zeitung singt Birgit Walter eine Hymne auf den Friedrichstadt-Palast vor und nach der Wende, um schließlich Subventionen für private Theater zu fordern: "Die subventionierten Theater haben den Staat als Beschützer an ihrer Seite. Aber den Privaten ging die Existenzgrundlage verloren. Dabei sind sie das Wirtschaften nah an der Insolvenz gewohnt, weil sie sich stets inmitten einer hoch subventionierten Theaterlandschaft mit künstlich niedrigen Ticketpreisen behaupten müssen. (...) Mit Sponsoren, Mäzenen, kleinen Gagen und einem sagenhaft treuen Publikum bilden sie einen Teil der gern gepriesenen 'bunten Vielfalt' der Stadt."
 
Weiteres: Im Tagesspiegel erinnert sich Tom Stromberg, einst Intendant des Frankfurter Theaters am Turm, wehmütig an Theater vor Corona. Wie sieht es eigentlich während der Pandemie an deutschen Schauspielschulen aus, fragen sich die NachtkritikerInnen Sophie Diesselhorst, Elena Philipp und Christian Rakow: "Freisemester (Nullsemester) bedeuten einen Zuwachs an kreativem Freiraum. Institutionell haben sie ihre Tücken. Werden sie den aktuellen Jahrgängen eingeräumt, entstehen Doppeljahrgänge, worauf viele Hochschulen nicht vorbereitet sind. Die Ressourcen an Lehrpersonal und Probenräumen sind auch ohne die Corona-Regelungen, die die Verteilungsschlüssel massiv verändern, stark beansprucht."
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Musik

Auf ungute Weise ziemlich beeindruckend ist die Höhe der Summe, die den Berliner Philharmonikern durch Corona wegbricht: Allein durch weggefallene Tourneen fehlen etwa zwei Millionen Euro, sagt die Intendantin Andrea Zietzschmann im VAN-Gespräch. Die Höhe des Gesamtdefizits ist "wahnsinnig schwer vorauszusagen. ... Erste Hochrechnungen liegen bei etwa acht bis neun Millionen Euro, aber da hatten wir auch noch mit 40 Prozent Auslastung ab August gerechnet. Es gibt noch so viele Unsicherheiten - was ist zum Beispiel mit der Vermietung der Philharmonie? Wir wissen ja gar nicht, wie sich die Situation ab August entwickeln wird, abgesehen von unseren eigenen Veranstaltungen."

Trotz erster Konzerte und Lockerungen ist die Lage für zahlreiche freie  Musiker weiterhin in voller Härte existenzbedrohend, berichtet Volker Hagedorn im VAN-Magazin: Sie "berichten von Mutlosigkeit, Ohnmachtsgefühlen, Frust, Depressionen." Viele proben derzeit, um wenigstens in Form zu bleiben: "Proben sind jener unbezahlte Teil der Arbeit, den es als immaterielle Investition bei vielen kreativen Selbstständigen gibt - honoriert wird nur der Auftritt oder die Publikation. Genau das wird von den meisten 'Soforthilfe'-Programmen ignoriert. Sie fragen nach Miete, Geräten, Angestellten, nicht nach der veröffentlichen Arbeit, die kaum bezifferbar ist. Bei Soloselbstständigen sind Lebenshaltungskosten und Betriebskosten fast identisch. ... Berücksichtigt wird das bis jetzt nur in Baden-Württemberg, wo durch Landesmittel jede:r Betroffene 1.180 Euro pro Monat erhält." Der Komponist Ole Hübner glaubt im VAN-Gespräch, dass er und seine Kollegen "die Auswirkungen von Corona erst zu spüren bekommen, wenn viele Uraufführungen ins nächste Jahr verschoben werden und es weniger neue Aufträge gibt."

Für die Berliner Zeitung spricht Peter Uehling mit dem Komponisten Jay Schwartz, dessen Arbeiten "zum Besten und Eindrucksvollsten zählen, was man heute hören kann." Schwartz gestattet dabei auch einen kleinen Einblick in seine Werkstatt: "Ich experimentiere zunächst mit der Zeitebene, indem ich grafische Modelle auf dem Millimeterpapier konstruiere und akustische Abläufe mit einfachen Sinustönen am Computer simuliere. In einem langwierigen Arbeitsprozess geht es um das subjektive Zeitgefühl dieser Vorgänge." So "geht es in 'Tonus' um ineinander verkeilte Obertonakkorde, die durch Glissando und kleinste mikrotonale Änderungen langsam pulsieren, wie die systolische und diastolische Phase des Herzmuskels - verlangsamte Aufnahmen von Herztönen sind Material der Komposition." Wir hören rein:



Außerdem: Bruno Gaigl berichtet im Tagesspiegel, wie die Berliner Philharmoniker ihrer Nachwuchsmusiker digital unterrichten. In der VAN-Reihe über Komponistinnen befasst sich Arno Lücker diesmal mit Pauline Viardot-García.

Besprochen werden neue CDs mit Aufnahmen der Komponistinnen Nadia und Lili Boulanger (SZ), Haims neues Album "Women in Music Pt. III" (Pitchfork), eine Ausstellung über Nick Cave in der Nationalbibliothek in Kopenhagen (taz), Neil Youngs aus den 70ern nachgereichtes Album "Homegrown" (Pitchfork), Thomas Dunfords Kammermusikalbum "Barricades" (Tagesspiegel), Sam Lees Folkalbum "Old Wow" (FR) und der Versuch der Symphoniker Hamburg, Video und Musik in einer Netzserie zusammen zu denken, was in FAZ-Kritiker Max Nyffeler allerdings "leider gemischte Gefühle" auslöste.
Archiv: Musik

Architektur

Die Ideen zum Erhalt des Berliner Mäusebunkers und des Hygieneinstituts werden konkret (Unsere Resümees), meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel: "Der Berliner Galerist Johann König und der Architekt Arno Brandlhuber möchten beide Gebäude zum neuen 'kulturellen Zentrum' Berlins ausbauen.  Das schlugen sie in einem Ende Mai an den Charité-Vorstand, den Berliner Kultursenator und den Regierenden Bürgermeister adressierten offenen Brief vor: 'Lasst uns übernehmen - Wir nutzen um.'" Außerdem bestätigte eine Untersuchung des Landesdenkmalamts inzwischen die Denkmalwürdigkeit beider Gebäude, so Rieger weiter.
 
Vor einigen Wochen hatte der ehemalige SPD-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder in der Zeit gefordert, die Skulpturen und Reliefs am Berliner Olympiastadion zu entfernen (Unser Resümee). Man muss schon zwischen Architektur und Politik unterscheiden können, antwortet ihm nun in der Welt Dankwart Guratzsch und warnt: "Während die stehen gebliebenen Monumente in ihrem Heroismus und martialischen Gestus immer komischere, zeitfremdere Züge annehmen, bleiben die beseitigten wie Untote lebendig." Er befürwortet die Pläne des Architekten Volkwin Marg, der das Stadion bereits 2004 sanierte: "Marg plädiert für die Erhaltung der Bautengruppe und ein Dokumentationszentrum vor Ort. Mit seinem Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner hat er dem Stadion ein transluzentes Dach hinzugefügt und unter der 'Führerloge' eine ökumenische Andachtskapelle eingebaut, die innen mit dem Vaterunser in allen Sprachen und außen mit dem Luther-Text aus dem Matthäusevangelium beschriftet ist."

Besprochen wird eine Ausstellung im Atelier Kirchner mit Fotografien aus 110 Jahren Leben in einem Schöneberger Mietshaus (Tagesspiegel).
Archiv: Architektur