Efeu - Die Kulturrundschau

Immer wieder neue hoffnungsvolle Talente

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21.08.2019. Die Longlist zum Deutschen Buchpreis stößt in den Feuilletons auf wenig Begeisterung. Der Tagesspiegel sieht bei Verlagen und Kritikern schon die Kategorien ins Rutschen kommen. Als krachende Niederlage für die Kulturpolitik erweist sich in den Augen SZ  der Rauswurf der Wuppertaler Tanztheater-Intendantin Adolphe Binder. Artechock verweigert dem Kino Angela Schanelecs Demut und Gefolgschaft. Und die taz bewundert die extrafiese österreichische Note des HipHop-Duos Klitclique.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2019 finden Sie hier

Literatur

Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 ist da und kann Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels nur sarkastischen Jubel entlocken: "Die deutsche Gegenwartsliteratur, sie blüht und gedeiht, sie ist so lebendig, wie sie in den vergangenen Jahren schon überaus lebendig war, sie ist stilistisch so reich und stofflich so vielfältig wie nie, sie produziert immer wieder neue hoffnungsvolle Talente." Letzterer Hinweis spielt darauf an, dass in diesem Jahr neben den "erwartungsgemäßen" (taz) Nominierungen für Nora Bossong ("Schutzzone"), Alexander Osang ("Die Leben der Elena Silber") und Saša Stanišić ("Herkunft") mit sieben Debüts auffallend viele Erstlingswerke auf der Liste stehen, wobei sich Bartels angesichts dieses "Talentscoutings" die Frage stellt, "ob diese Titel wirklich besser, preiswürdiger sind als die vielen, die nicht nominiert sind", denn die Nominiertenliste sei auch ziemlich beliebig: "Es gibt Jahr für Jahr immer weniger Bücher, auf die sich wirklich alle bezüglich ihrer Qualität und Wichtigkeit einigen können, dass schnelle Lesbarkeit und Mittelmaß dominieren. Und es scheint auch so, dass Verlagen wie auch der Literaturkritik mehr und mehr die Kategorien ins Rutschen kommen."

In der FAZ sortiert Andreas Platthaus die nominierten Romane unter anderem nach großen (15) und kleinen (5) Verlagshäusern - insbesondere für letztere sind solche Nominierungen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, schreibt er. Der Standard freut sich über die Nominierungen von fünf österreichischen Schriftstellerinnen (Raphaela Edelbauer, Andrea Grill, Angela Lehner, Eva Schmidt und Marlene Streeruwitz), die Presse lässt auch Tonio Schachinger nicht unter den Tisch fallen und freut sich somit über sechs österreichische Nominierungen.

Weiteres: Auch der Tagesspiegel reiht sich in die mittlerweile lange Liste der Feuilletons ein, die mit der aus Venezuela geflüchteten Schriftstellerin Karina Sainz Borgo über deren in Folge kaum besprochenen Roman "Nacht in Caracas" sprechen. Die FAZ hat Verena Luekens erneute Lektüre von Toni Morrisons 1987 erschienenem "Beloved" online nachgereicht.

Besprochen werden unter anderem Lucia Berlins "Welcome Home. Erinnerungen, Bilder und Briefe" (NZZ), Emma Braslavskys "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" (ZeitOnline, NZZ), Robert Macfarlanes "Im Unterland" (Welt), Uwe Schüttes "Annäherungen. Sieben Essays zu W. G. Sebald" (taz), Hendrik Otrembas "Kachelbads Erbe" (FR), Bettina Balàkas "Die Tauben von Brünn" (Standard), eine Ausstellung im Goethehaus Frankfurt über 200 Jahre Goethes "West-östlichen Divan" (FAZ) und Kent Harufs "Abendrot" (FAZ).
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Film

Sehr wehmütig erinnert sich Jürg Zbinden in der NZZ daran, wie weibliche Hollywoodstars mit wunderbar glamouröser Arroganz zu rauchen pflegten: Zwar mussten auch dazu erst moralische Auflagen erodieren "bis Hollywoods Königin Gloria Swanson und eine Berlinerin sich die Freiheit herausnahmen und es dem Mannsvolk gleichtaten - die junge Deutsche trug den Namen Marlene Dietrich. Der Vamp preußischer Schule beherrschte die Gestik des Rauchens in Vollendung. Ihre Kunst, die Zigarette zwischen den Fingern zu halten, bis die Asche der Kippe sich dem Boden zuneigte, zelebrierte Marlene in Slow Motion mit Maximalwirkung."

Viel zu einhellig positiv - von Ausnahmen wie im Freitag und auch im Perlentaucher abgesehen - wurde Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." besprochen, meint Rüdiger Suchsland. Der Artechock-Kritiker wittert Heiligsprechung: Es gehe "um Glaubenssätze. Um Bekenntnisse. Mir scheint, dass die Filme Angela Schanelecs sowas verlangen und hervorrufen, wie Demut und Gefolgschaft. Dass sie gewissermaßen eine Art religiöses Verhältnis zwischen dem Geschehen auf der Leinwand und den Zuschauern aufbauen möchten. ... Aber so kann es nicht gehen. Keine Kunst ist sakrosankt. Keine Kunst ist heilig" und überdies ist "das Tabuisieren der Kritik das Übel. Und tatsächlich gibt es eine Art von 'ästhetischer Correctness'."

Besprochen werden die Roberto-Saviano-Verfilmung "Paranza" (SZ, unsere Kritik hier), Carolina Hellsgårds in Thüringen spielender Zombiefilm "Endzeit" (Tagesspiegel, critic.de), Sebastián Lelios Drama "Gloria" mit Julianne Moore (Standard, Welt), Jenna Bass' Neo-Western "Flatland" (Standard) und Grant Sputores Science-Fiction-Film "I Am Mother", der ZeitOnline-Kritiker Jens Balzer kaum überzeugen konnte.
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Bühne

Als "krachende Niederlage für die Wuppertaler Kulturpolitik" wertet Dorion Weickmann in der SZ das Urteil des Landesarbeitsgericht, demzufolge die Kündigung der Intendantin des Tanztheaters Wuppertal, Adolphe Binder, unwirksam ist. Geschäftsführer Dirk Hesse hatte ihn betrieben, Weickmann zufolge eine Medienkampagne gegen Binder lanciert und mit reichlich Nebelkerzen um sich geworfen: "Derweil wird sich die TTW-Führung neu organisieren müssen. Sie hat es mit einem Ensemble zu tun, das nicht in der Lage ist, mit einer Stimme zu sprechen. Unter Pina Bauschs Patronat war das nicht nötig. Heute ist es überlebenswichtig. Sonst bleibt dieses Kollektiv ein Spielball der Politik - bis es in Ehren ergraut und komplett überflüssig ist. Die Werke der Tanztheater-Doyenne können auch andere Ensembles tanzen." (Über die Rolle, die zum Beispiel die FAZ bei Binders Rauswurf spielte, schrieb Sandra Luzina sehr deutlich im Tagesspiegel.)

Weiteres: Freisinnigen Wagner-Fans empfiehlt Matthias Kreienbrink im Tagesspiegel das Festival "Berlin is not Bayreuth".

Besprochen werden Theresia Walsers schwarze Provinzsatire "Die Empörten" in Salzburg die Welt-Kritiker Manuel Brug zufolge nur Caroline Peters davor rettet, in einem "Sud aus Klischee" zu verkochen, taz), der Berliner Saisonstart mit Thomas Manns "Felix Krull" im Berliner Ensemble und Heiner Müllers "Herzstück" am Gorki-Theater (SZ) und Jérôme Bels Choreografie über das Leben von Isadora Duncan beim Tanz im August (taz, Nachtkritik).
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Kunst

Auf Monopol unterhält sich Silke Hohmann mit dem Künstler Moritz Frei über die Berliner Gruppenausstellung "Kunst gegen rechts" im Berliner Kunstraum Die Botschaft: "An einen Dialog mit Rechtsextremen glaube ich nicht", sagt Frei: "Auch wenn es immer wieder Phasen gibt, in denen politische Kunst innerhalb der Kunstwelt einen größeren Stellenwert hat, kommt mir die Kunstszene doch zu großen Teilen eher unpolitisch vor."

Weiteres: Symbolik ist leider immer etwas zweispältig, seufzt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung über die Pläne des Bildhauers Rainer Opolka, vor der AfD-Zentrale in Potsdam eine Wolfsbronze mit Hitlergruß aufzustellen.

Besprochen werden die Kandidatenschau für den Preis der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof (SZ), die Ausstellung "Rembrandts Strich" im Dresdner Kupferstich-Kabinett (ZeitOnline) sowie die Ausstellung "IncarNations" im Brüsseler Palais des Beaux-Arts, die hübsch eingepackt in anti-eurozentrischer Rhetorik die Kunstsammlung Sindika Dokolos zeigt, des Schwiegersohns von Angolas superkorruptem Ex-Diktator José dos Santos  (FAZ).
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Stichwörter: Frei, Moritz, AfD

Musik

Jens Uthoff freut sich in der taz auf den Auftritt des Wiener HipHop-Duos Klitclique bei der Berliner Pop-Kultur: Deren "Ästhetik hat eine extrafiese österreichische Note - in dieser Art und Weise hat man das im feministischen Kontext noch nicht gehört. Insofern kann es unter ihrer Regentinnenschaft gerne anbrechen, das goldene Matriarchat. Denn lustig wird's dann bestimmt." Da hören wir rein:



Weiteres: Der Tagesspiegel hat eine Collage aus verstreuten Wortmeldungen von Kirill Petrenko zusammengestellt, der als neuer Leiter der Berliner Philharmoniker notorisch interview-unfreudig ist. Wolfgang Fuhrmann berichtet in der FAZ vom Festival "Laus Polyphoniae" in Antwerpen. Und sehr schön: Die frühere Sonic-Youth-Musikerin Kim Gordon kündigt mit einem neuen Video ihr erstes Solo-Debüt "No Home Record" an - vom Sound ihrer alten Band macht sie sich dabei ziemlich frei:



Besprochen werden eine neue Live-CD des Jazz-Saxofonisten James Carter (Standard), neue Popveröffentlichungen, darunter neue Singles von Taylor Swift und Miley Cyrus (SZ) und Young Thugs "So Much Fun" (Pitchfork).
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