9punkt - Die Debattenrundschau

Die Distanzen zwischen den Individuen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2019. Die NZZ erinnert an den Philosophen Hellmuth Plessner, dessen Plädoyer für Gesellschaft und gegen "Gemeinschaft" von großer Aktualität sei. In der FAZ sucht Jan-Werner Müller nach Autoren, die den Trumpismus intellektuell fundieren. NBC News hat das Medium gefunden, das die meisten pro-Trump-Anzeigen in sozialen Medien schaltet: Es handelt sich um die Epoch Times, Sprachrohr der Falun-Gong-Sekte. Und Rezo zerstört wieder, diesmal die Bild.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2019 finden Sie hier

Politik

In einem seiner berühmt-berüchtigen geostrategischen Rundumschläge schildert Herfried Münkler im Tagesspiegel die einander widerstrebenden und sich doch angleichenden Weltmachtmodelle der USA und China und die Deutschen als schöngeistigen Zaungast: "Sie kommentieren die Entwicklung, greifen in deren Fortgang aber nicht ein, und sind damit zu Nostalgikern an der Peripherie des Geschehens und Lyrikern der politischen Hilflosigkeit geworden. Das zeigt sich sowohl bei dem Versuch, das Atomabkommen mit dem Iran doch noch zu retten, als auch bei dem Bemühen, den Krieg in der Ostukraine zu beenden und Russland, man weiß nur nicht wie, zur Rückgabe der Krim an die Ukraine zu bringen."
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Medien

Der Youtuber Rezo, der mit einem notorischen Video einst die CDU zerstörte (unsere Resümees), hat nun ein Video gemacht, in dem er Zeitungen kritisiert, berichtet Meedia. Seine erwartbaren Gegner sind die Bild und die FAZ (wer hätte gedacht, dass er die taz oder die SZ kritisieren würde?) Aber bei der Gelegenheit zeigt er auch, wie witzig er es findet, dass Zeitungen noch das TV-Programm abdrucken. Und er brachte den Journalistenverband DJV dazu, eine Presseerklärung herauszubringen, die seine "Hetze" beklagte - bis der Shitstorm kam: "Beim DJV nahm man das vernichtende Echo auf die Pressemitteilung zum Anlass, diese zurückzuziehen. Man könne zu den Einschätzungen wie in der Pressemitteilung kommen, sagte DJV-Sprecher Hendrik Zörner auf Nachfrage von Meedia, man könne aber auch zur Einschätzung kommen, dass es sich bei dem Video um eine unterhaltsame Satire gehandelt habe." Wer nicht das ganze Video gucken will, findet bei Zeit online eine Zusammenfassung.



Es gibt kaum ein Medium, das eine derart große Gefolgschaft in den sozialen Medien hat wie The Epoch Times, schreiben Brandy Zadrozny und Ben Collins in einer interessanten Recherche für NBC News. Und kaum ein Medium schaltet in sozialen Medien so viele Anzeigen pro Trump wie eben jene Epoch Times. Aber die Epoch Times ist nicht einfach ein weiteres rechtes Blog, sondern internationales Sprachrohr der chinesischen Sekte Falun Gong: "Frühere Anhänger von Falun Gong erzählten NBC News, dass Falun-Gong-Gläubige an einen jüngsten Tag glaube, an dem 'Kommunisten' in eine Art Hölle geschickt werden, was jenen, die der Gemeinde anhängen, erspart bleibt. Trump wird als der Schlüssel-Alliierte im antikommunistischen Kampf angesehen, sagen ehemalige Angestellte der Epoch Times."

Außerdem: Die FAZ bringt auf der Medienseite Stimmen zur Abschaltung Kulturkanals im Hessischen Rundfunk.
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Europa

Viel zu wenig wird in der FAZ-Debatte um den Mauerfall (unsere Resümees) über die durch den Zwangscharakter des DDR-Systems verdrehten Seelen der Bevölkerung gesprochen, meint Uwe Schwabe, der damals in der Opposition war: "Was passiert mit Menschen, wenn sie, nur um im Betrieb die Kollektivprämie zu bekommen, in Brigadetagebüchern vom großen Sieg des Sozialismus und der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft fabulieren müssen? Was passiert, wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommen in heruntergekommene Wohnungen, wo der Putz bröckelt, es durch die Fenster pfeift, durch undichte Dächer regnet und sie durch die katastrophale Umweltsituation krank werden?"
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Ideen

Der bekannte Princetoner Populismustheoretiker Jan-Werner Müller sucht nach Autoren, die den Trumpismus intellektuell fundieren und wird tatsächlich bei einigen randständigen Reaktionären und Extremisten fündig. Grundlage ihres Denkens sei der Nationalismus, in einem Land, in dem Nationalismus als unfein galt und nur Patriotismus zählte: "Die Gefahr einer taktischen Kooperation zwischen am gesellschaftlichen Wandel verzweifelnden Wertkonservativen und autoritär gestimmten Rechtspopulisten gibt es allerdings nicht nur in den Vereinigten Staaten. Und sie hat historische Vorläufer, denn sie gemahnt an die unheilige Allianz zwischen Christen und Faschisten in der Zwischenkriegszeit."

Christian Marty erinnert in der NZZ an den Gesellschaftsphilosophen Hellmuth Plessner, dessen Plädoyer für Gesellschaft und gegen "Gemeinschaft" von großer Aktualität sei: "Der zentrale Teil des Argumentationsgangs liegt beim Begriff der Distanz. Im Gegensatz zur Gesellschaft gehe es in der Gemeinschaft primär darum, den Einzelnen ans Kollektiv zu binden, bekundet Plessner nicht nur mit Sicht auf rechtsgerichtete 'Bluts-', sondern auch auf linksgerichtete 'Sachgemeinschaften': Weil Gemeinschaften sich dadurch charakterisierten, dass sie die Distanzen zwischen den Individuen klein hielten, ließen sie diesen wenig Entwicklungsräume. Das sei in Gesellschaften anders, denn da bleibe die Distanz zwischen den Individuen groß, wodurch es für jene viel Spielräume gebe."

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Internet

Twitter hat gestern bekanntgegeben, bezahlte chinesische Regierungspropaganda sowie alle Anzeigen von Staatsmedien zu sperren (unser Resümee). Zuvor half Twitter der chinesischen Regierung, ihr Bild von der Verfolgung der Uiguren zu verbreiten, schreibt Ryan Gallagher bei The Intercept: "Eine Überprüfung der Twitter-Werbungen zwischen Juni und August dieses Jahres ergab, dass der Social-Media-Riese mehr als fünfzig englischsprachige Tweets der Global Times, eines chinesischen Staatsmediums, gebracht hat. Mehrere der Tweets verschleiern bewusst die Wahrheit über die Situation in Xinjiang und greifen Kritiker des herrschenden Regimes der Kommunistischen Partei des Landes an."
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Stichwörter: Twitter, Xinjiang