Efeu - Die Kulturrundschau

Alter motherfucker des Autorenkinos

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09.08.2019. Deutschland ist in seiner Liebedienerei zu China so selbstzentriert, kritisiert Ai Weiwei im Interview mit der Welt und kündigt an, Berlin verlassen zu wollen. Die taz empfiehlt Musik von "Blue" Gene Tyranny. Die Zeit reist mit Quentin Tarantinos "Once upon a time..." ins Wunderland des alten Kinos. Die SZ unterhält sich mit Tarantino über Hollywood. We loved him to the max - die Musikkritiker trauern um David Berman von den Silver Jews.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2019 finden Sie hier

Film

Lässig, aber sehr erwachsen - und das in Hollywood: Brad Pitt und Leonardo Dicaprio in "Once Upon a Time in Hollywood" (Bild: Sony Pictures)

Für die Seite Drei der SZ hat sich David Steinitz mit Quentin Tarantino getroffen und beim Gespräch über "Once Upon a Time in Hollywood", der im Los Angeles des Jahres 1969 von der Krise Hollywoods und den Manson-Morden handelt, dem Meister beim Fuchteln und Lautreden beobachten können und auch die zahlreichen eingebundenen "Fucks" penibel mitgezählt ("noch öfter als in seinen Drehbüchern"). Interessanter sind seine Beobachtungen zu Tarantinos kulturellem Kapital im Betrieb: Denn Tarantino hält Kino und analogem Filmmaterial eisern die Treue - anders als viele von Tarantinos Weggefährten aus dem Boom des US-Independentkinos der Neunziger, die mittlerweile digital für Netflix drehen. "Once Upon A Time in Hollywood" sei damit "Tarantinos 100-Millionen-Dollar-Autorenfilmer-Manifest für das Kino. 100 Millionen Dollar Budget bedeuten in Hollywood eigentlich: Superhelden, kleinster gemeinsamer Nenner, freigegeben ab maximal zwölf. Quentin Tarantino nennt sein Werk, während er in seinen Haaren herumfuchtelt, einen 'relativ teuren Kunstfilm'. Er ist (und weiß dies auch) der letzte Mensch, dem ein Hollywoodstudio noch 100 Millionen Dollar in die Hand drückt, um eine Welt wiederauferstehen zu lassen, die der Regisseur als Sechsjähriger erlebt hat und die er nun als alter motherfucker des Autorenkinos reflektiert. ... Die Ironie im Jahr 2019 an 'Once Upon A Time in Hollywood' ist, dass Tarantino mit seinen Erinnerungen eines Sechsjährigen den mit Abstand erwachsensten Film gedreht hat, den man derzeit aus Hollywood bekommen wird."

Hin und weg von dem Film, der im übrigen erst nächste Woche startet, ist auch Zeit-Kritiker Thomas Assheuer, der den Film - anders als viele Tarantino-Kritiker - nicht als Gewaltverherrlichung, sondern als Meditation über und Kritik an Gewalt und Kino-Gewalt deutet: "Für Tarantino scheint es ein Heidenspaß zu sein, dem Publikum weiszumachen, sein Film sei eine Reise ins Wunderland des alten Kinos. Tatsächlich ist sein Hollywood der Spiegel des großen Amerika, der Spiegel einer Spaltung. Auf der einen Seite die Kulturindustrie mit ihren Bildern voller sinnloser Gewalt; auf der anderen Seite das vom Kino Verleugnete - das Reale, das Leben oder wie immer man es nennen will. "

Rüdiger Suchslands auf Artechock veröffentlichte Kommentare zum deutschen Kinobetrieb sind in ihrer Bissigkeit und Unversöhnlichkeit unverzichtbar, wenn man sich über Kinostarts hinaus fürs Filmgeschehen interessiert. In der aktuellen Lieferung rauft er sich die Haare darüber, dass ein Film wie Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." bei der Berlinale zwar mit dem Silbernen Bären beworfen wird, im Anschluss aber bei der Filmförderung abblitzt, wenn es um Verleihhilfe geht, die selbst noch hirnrissigsten deutschen Komödien überwiesen wird: "Wie ist das in Gottes Namen möglich??? Das BKM ist ja nicht irgendeine von Tante Emma geführte Länderbutze, sondern angeblich die 'kulturelle Filmförderung'. ... Warum pumpt man viel Geld in die Berlinale, sorgt aber nicht dafür, dass wenigstens die dort ausgezeichneten Filme auch vernünftige Startchancen bekommen?" Sein Fazit: "Hier läuft ganz, ganz viel falsch. Und das darf nicht, und es kann auch nicht so bleiben. So finanziert die öffentliche Hand das Sterben des Mediums Kino."

Außerdem: In der NZZ wünschte sich Sarah Pines, es wäre endlich Schluss mit James Bond: "Warum sollte man immer noch mehr Filme aus dem alten Agentenlappen herausquetschen, Geheimdienste weiter verklären und eine ganze Ästhetik in die unpassende Gegenwart zwingen?"
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Bühne

Im Tagesspiegel porträtiert Sandra Luzina die amerikanische Choreografin Deborah Hay, der das das Festival "Tanz im August" eine Werkschau widmen wird.

Besprochen werden die Wiederaufnahme von Sasha Waltz' "Impromptus" im Radialsystem V (taz), Riccardo Broschis Oper "Merope" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (SZ) und eine Ausstellung zu Wolfgang Wagner im Wagner-Museum Bayreuth ("Das nicht allzu komplexe Bild vom hemdsärmeligen Festspielmacher, so wie es besteht, wird damit bestätigt. Sind denn gar keine neuen Facetten zu entdecken?", fragt Clemens Haustein in der FAZ).
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