Efeu - Die Kulturrundschau

Waterboarding für Frauen. Sehr tough

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03.01.2019. Der Tagesspiegel erinnert daran, dass Europas neue Kulturhauptstadt Matera vor nicht allzu langer Zeit ein einziges Elend war. Die NZZ kritisiert das Schauspielhaus Zürich als heterogene, weiße, bildungsbürgerlich-einige Bastion der Kultur. Die SZ sieht das genauso für das Münchner Haus der Kunst. Der Guardian entdeckt neue Musiker fast nur noch über Spotify. Und die Schriftstellerin Christina Viragh nimmt in der NZZ Abschied von Ungarn und seinen Szikramanók.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2019 finden Sie hier

Kunst

Kawita Vatanajyankur. 'Dye' 2018. HD video. Collection of the Artist

Ambitioniert, aber meist auch wunderbar "unangepasst" findet Werner Bloch in der NZZ die von Marina Abramovic eröffnete Bangkok-Biennale, die nicht weniger als einen "künstlerischen Masterplan" für ein Land vorlegen will, in dem fast unbeachtet Bürgerkrieg herrscht und das von einer Militärdiktatur regiert wird, die die Städte "sterilisieren" will, zensiert und Frauen kaum Rechte zugesteht: "Die Künstlerin Kawita Vatanajyankur lässt sich hier von Männerhänden an den Knöcheln halten, hängt mit dem Kopf nach unten und wird dann mit dem Gesicht in eine Riesenschüssel Spaghetti getunkt, so dass sie kaum noch atmen kann. 'Ich habe ein wenig leckeren Geruch in die Spaghetti gemixt, um es besser in der kalten Sauce auszuhalten', sagt sie als Kommentar zu ihrem Video. Waterboarding für Frauen. Sehr tough. Erinnert irgendwie an die junge Marina Abramovic und den gnadenlosen Umgang mit sich selbst. 'Es geht mir um die Rolle der Frauen in Thailand, sie haben praktisch immer noch keine Rechte.'"
 
Nach dem Weggang von Okwui Enwezor und Ulrich Wilmes (unsere Resümees) soll Bernhard Spies, derzeit kaufmännischer Direktor und alleiniger Leiter, das Münchner Haus der Kunst aus den roten Zahlen holen. Dass Spies erst - aus finanziellen Gründen - die Joan-Jonas-Ausstellung und nun die Adrian-Piper-Schau abgesagt hat, und nach der Immendorff-Schau nun eine Martin-Lüpertz-Ausstellung ins Haus der Kunst holt, lässt Jörg Heiser in der SZ eine "Kontinuität mit Beigeschmack" vermuten: Denn der Großgalerist Michael Werner und der Kunstmanager Walter Smerling unterstützen die aktuelle Ausstellung. "Werner vertritt 17 ausschließlich männliche Künstler, darunter Lüpertz und Immendorff. Für eine internationale Großgalerie ist das heutzutage schon eine ungewöhnlich stramme Form der Homosozialität. Walter Smerling wiederum hat mit seiner Stiftung für Kunst und Kultur e.V. schon mehrfach die Städte Bonn und Salzburg mit Lüpertz-Skulpturen im Außenraum bestückt. Auch bei der Stiftung tauchen nur vereinzelt Künstlerinnen unter einer überwältigenden Zahl von - meist in den 1980ern bekannt und groß gewordenen - Kunstmännern auf. (…) Vielleicht ist das noch keine Strategie, aber es wirkt, als kehre man zurück zu den bewährten Figuren, die vor allem deutsch sind und männlich."

Weitere Artikel: Wie die Geometrie die Kunst und Volkskunst in Südamerika von der präkolumbianischen Zeit bis heute verbindet, lernt Brigitte Werneburg in der taz in der Ausstellung "Geometries Sud" in der Fondation Cartier. Derweil erzählt der in der Türkei geborene Künstler und Kurator Yusuf Etiman, der im brasilianischen Sao Paulo einen Kunstraum für die schwul-lesbische Szene Brasiliens bietet, im Dlf-Kultur, was die Machtübernahme von Jair Bolsonaro für die brasilianische Kunstszene bedeutet. Und auf Hyperallergic stellt Margaret Adams drei brasilianische Textil-Künstler vor, die sich in ihren Arbeiten sehr subtil der Bolsonaro-Regierung widersetzen. Die Zeit widmet ihr komplettes Feuilleton dem 500. Todestag von Leonardo da Vinci. Im Aufmacher sinniert Hanno Rauterberg über die Faszination von da Vinci. Susanne Mayer schreibt über Leonardos Frauenbild. Im Interview mit Alexander Cammann spricht der Historiker und Leonardo-Biograf Bernhard Roeck über den Kunstboom im 14. Jahrhundert und die Frage, weshalb Leonardo so wenig malte. Und der Kunsthistoriker Frank Zöllner untersucht das kürzlich erst für 450 Millionen Dollar für das Louvre Abu Dhabi ersteigerte und derzeit "verschollene" Gemälde "Salvator Mundi" und kommt zu dem Schluss: Erst die "kongeniale" New Yorker Restauratorin Dianne Modestini machte aus dem Bild einen "Leonardo".
 
Besprochen werden die Ausstellungen "Berlin in der Revolution 1918/1919" im Museum für Fotografie. (Tagesspiegel),  "Women Photographer" mit Werken unter anderem von Nan Goldin, Diane Arbus und Vivian Mayer im Berliner Freiraum für Fotografie Fhochdrei (taz), "Wofür es sich zu leben lohnt" mit Fotografien des RAF-Terroristen Holger Meins in der Berliner Kunsthalle am Hamburger Platz (monopol-magazin), die Mailänder Ausstellung "Romanticismo" in der Gallerie d'Italia und im Museo Poldi Pezzoli (SZ) und eine Ausstellung mit Werken von Nicole Eisenman in der Kunsthalle Baden Baden (FAZ).
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Film

Szene aus "Burning"

Mit seinem neuen Film "Burning" trifft Regisseur Lee Chang Dong "den Solarplexus der südkoreanischen Gegenwart", lobt in der NZZ ein faszinierter Andreas Breitenstein, der im Kino bald nicht mehr weiß, was noch Realität ist und was nicht: "'Burning' ist eine Geschichte von Leere und Zorn: von der Verlorenheit des Underdogs, der keine Chance hat, und jener des Überfliegers, der im Wohlstand verwahrlost. Was bleibt, sind Zerstörung und Selbstzerstörung. Lee Chang Dongs Film macht dieses Entgleiten auf fiebrige Weise fassbar. Hypnotisch lange Einstellungen lassen die physische und die psychische Realität ineinander übergehen und bringen auch die filmischen Genres zum Verfließen: Das kritische Porträt der koreanischen Gegenwart ist zugleich ein Märchen, ein Thriller und ein Nachtmahr."

Gleich drei Filme starten diese Woche, die Schriftstellerinnen zur Hauptfigur haben: Wash Westmorelands Biopic "Colette" mit Keira Knightley (Standard, Tagesspiegel, Zeit online), Haifaa Al-Mansours "Mary Shelley" mit Elle Fanning (Abendzeitung, Guardian)und Björn Runges "Die Frau des Nobelpreisträgers" mit Glenn Close (taz). Das ist alles sehr schön, aber leider auch sehr konventionell erzählt, bedauern im Dlf Kultur Sonja Hartl und Andrea Gerk: "Es ist an der Zeit, schreibende Frauen stärker ins Rampenlicht zu rücken - diese Filme sind erst der Anfang."

Weiteres: Ekkehard Knörer hat sich für seine DVDesk-Kolumne in der taz Erik Mattis Actionfilm "Buybust" ausgeliehen. Ekaterina Kel unterhält sich für die SZ mit May Spils und Werner Enke über Schwabing und das Kino der 60er. Besprochen wird außerdem noch Niles Attalahs Film "Rey" (taz).
Archiv: Film

Literatur

In der NZZ nimmt eine melancholisch gestimmte Christina Viragh nach drei Monaten Abschied von Ungarn und kehrt nach Rom zurück: "Szikramanók [Funkenkobolde] ist auch nicht das letzte Wort, natürlich nicht, ich werde entlang der Autobahn noch viele elágazás, pihenőhely, kijárat und sonstige Hinweise sehen, bevor ich die slowenische Grenze erreiche, aber in meiner Abschiedsstimmung stelle ich mir die Stadt und das Land voller Funken vor, koboldhaft irrlichternd, in kein dunkles System zu zwingen. Dass die flatternden Wimpel für ein Programm des hauptstädtischen Großzirkus Reklame machen, tut der Poesie des Worts kaum Abbruch, eher im Gegenteil, es erinnert an einen der starken Eindrücke meiner frühen Kindheit, das Glitzerkleid einer Artistin in ebendiesem Zirkus."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel berichtet Gerrit Bartels von der unerfreulich verlaufenden, einzigen öffentlichen Zusammenkunft der Schwedischen Akademie kurz vor Weihnachten. In der NZZ stellt Paul Jandl die in Berlin lebende Kritikerin Rebecka Kärde vor, die als eine von fünf externen Nobelpreis-Juroren an der nächsten Entscheidung für den Literaturnobelpreis mitwirken soll.

Besprochen werden u.a. Eamonn Butlers "Introduction to Capitalism" (NZZ), Jana Revedins Biografie der Ise Frank "Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus" (Berliner Zeitung) und László Krasznahorkais Roman "Baron Wenckheims Rückkehr" (FR).
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Archiv: Literatur

Musik

Ein Guardian-Leitartikel verbreitet die übliche Kritik an Spotify: Der Streamingdienst gebe nicht genug an die Musiker weiter. Der Guardian vergisst mal wieder die Musikindustrie zu erwähnen, die den Hauptteil der Einnahmen einsteckt. Aber einen Punkt macht der Artikel: "Spotify übt erheblichen Einfluss aus. Die Aufnahme in die großen Playlists kann die Popularität eines Künstlers sichern - man betrachte etwa den Erfolg des jungen US-Rappers Juice WRLD, der sich nach Aufnahme in die geschmacksprägende Rap Caviar Playlist einstellte. Spotify schrieb sich in der Werbung für den Börsengang den Erfolg der neuen Stars Lorde und Lauv zu. PR-Leute und Sprecher der Musikindustrie orakeln, dass Spotify heute wichtiger als das Radio sei, um neue Künstler bekanntzumachen."

Popkritiker Jens Balzer zieht in republik.ch seine persönliche Bilanz des Popjahrs 2018, das für ihn vor allem durch politische Auseinandersetzungen geprägt war, den Streit um den "Echo"-Musikpreis für die Rapper  Kollegah und Farid Bang  einerseits und die notorische BDS-Kampagne, der sich so viele Musiker unterwerfen, andererseits: "Widerstand gegen diese Kampagne ist schwer zu organisieren, das mussten viele Veranstalterinnen und Kuratoren in der letzten Zeit leidvoll erfahren. Wer tut, als wäre nichts geschehen, und BDS-Unterstützende weiterhin zu seinen Veranstaltungen einlädt, betreibt ebenso das Geschäft der Boykotteure wie all jene, die ihr Vorgehen mit Gegenboykotten beantworten - und sich damit auf jene toxische Spirale einlassen, die BDS noch mehr mediale Aufmerksamkeit zuführt." Balzer verweist auf einen Brief an Brian Eno die BDS-Kampagne, den Nick Cave auf seiner Website veröffentlichte, um zu begründen, warum er in Israel auftritt.

Außerdem: In der SZ stellt Jonathan Fischer zwei erfolgreiche schwarze Countrysänger vor: Jimmie Allen und Kane Brown. Hier Jimmie Allens "Best Shot zum Reinhören:


Archiv: Musik

Bühne

Mit den knapp 70 Millionen Franken, die die Stadt Zürich in ihr Schauspielhaus investieren will, um das historische Gebäude aufzupolieren, ist es nicht getan, meint Daniele Muscionico in der NZZ. Auch inhaltlich muss sich das Haus dringend reformieren, fordert sie: "Das Stadttheater, eine Erfindung zur Identitätsbildung des bürgerlichen Standes, hat es in großen Teilen versäumt, den gesellschaftlichen Wandel nachzuvollziehen. Der Wertekanon ist heute brüchig, Heterogenität und Diversität sind die Dominanten einer städtischen Gesellschaft. Doch in der Institution Stadttheater bleibt man unter sich. Wo sind die Ausländer, die Migranten, wo ist die in Zürich wichtige Gruppe der Expats? Wo sind die Alten und wo die Jungen? Wo sind die Marginalisierten, die Radikalisierten? In der Schweiz gefällt sich der Apparat als letzte bildungsbürgerlich-einige Bastion der Kultur."

Weitere Artikel: Nach dem Berliner-DAU-Debakel soll das umstrittene Projekt des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky nun in Paris stattfinden, meldet der Tagesspiegel. Aber auch in Paris gibt es Probleme: "Geplant ist, das Musiktheater an der West- und das Théâtre de la Ville an der Ostseite des zentralen Place du Châtelet mit einer Brückenkonstruktion zu verbinden, die innerhalb einer Nacht aufgebaut werden und in luftiger Höhe den Wechsel zwischen beiden Häusern ermöglichen soll. Wie es scheint, wird es aber die Genehmigung für den emblematischen Brückenbau nicht geben." Im SZ-Interview mit Julia Spinola spricht der Komponist Beat Furrer über seine Oper "Violetter Schnee", die kommende Woche an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wird

Besprochen wird Robert Lepages "Kanata" in Paris (SZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Furrer, Beat, Stadttheater

Architektur

Die Begegnung. Johannes Itten, 1916. 
Wir feiern das falsche Bauhaus!, ruft Dankwart Guratzsch in der Welt. Erst das 1925 von Walter Gropius gegründete und von Theo van Doesburg beeinflusste Bauhaus in Dessau verdient seiner Meinung nach die Jubiläumsfeierlichkeiten, prägen doch die Verbindungen von Kunst, Maschine und Industrie die Idee des Bauhaus bis heute. Das von Gropius bereits 1919 gegründete, aber stark auf die Ideen von Johannes Itten zurückgehende Bauhaus in Weimar würde Guratzsch lieber vergessen: "Das Bauhaus zu Weimar war eine 'mystische Anstalt', in der sektenartige Exerzitien abgehalten wurden. Hier blühten die für das späte Kaiserreich so typischen Lebensreformideen, hier spukte ein Mittelalterkult, hier nahm man Abführmittel, um sich geistig zu reinigen, und ließ sich die Haut von einer Nadelmaschine punktieren, um Abfall- und Faulstoffe aus dem Körper an die Oberfläche zu ziehen."

Neben dem bulgarischen Plovdiv ist die Höhlenstadt Matera Europas Kulturhauptstadt 2019. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten die Höhlen allerdings als "Ort der Schande", erinnert Dominik Straub im Tagesspiegel: "Noch in den Fünfzigerjahren hatten 15 000 Menschen in den Sassi gewohnt, die meisten von ihnen verarmte Bauern. Sie lebten in den Höhlen ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation, ohne Heizung. 'Im Allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle. Und darin schlafen alle zusammen. Männer, Frauen, Kinder und Tiere.Ich habe noch nie ein solches Elend erblickt', schrieb der Turiner Autor, Arzt und Maler Carlo Levi in seinem 1945 erschienenen Roman 'Christus kam nur bis Eboli' über Matera."
 
Besprochen wird die dem Architekten Eckhard Gerber gewidmete Ausstellung "Konzept + Atmosphäre" im Baukunstarchiv NRW, Dortmund (SZ).
Archiv: Architektur