Efeu - Die Kulturrundschau

Wie ein romantischer Schwur

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2018. Shitstorms und Twitterorgien - die öffentliche Debatte ist vergiftet, klagt Ian McEwan in der NZZ. Die Berliner Zeitung feiert das kompositorische Jahrhundertwerk Burt Bacharachs. In der FAS erinnert sich Filmregisseur Dominik Graf an seine Begegnung mit Paul Schrader und das alte Zentralgesetz der Nouvelle Vague. Der Streit ums Tanztheater Wuppertal geht weiter: Die Welt fasst sich an den Kopf über das Intrigentheater. In diesem Konflikt gibt es nur Verlierer, meint die NZZ. Die Tänzer stellen sich hinter Leiterin Adolphe Binder, berichtet der Tagesspiegel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2018 finden Sie hier

Literatur

Die öffentliche Sphäre ist vergiftet, meint der Schriftsteller Ian McEwan im NZZ-Gespräch gegenüber Marion Löhndorf. Die Literatur und deren Sprache für einen Kampf für "politische Korrektheit" in den Dienst zu nehmen, gehe fehl: "Die Imagination muss frei sein. Was wäre passiert, wenn Dostojewski oder Joseph Conrad oder Jane Austen einem solchen Diktat unterstanden hätten? Hinter den Forderungen der Political Correctness steht der absolut richtige Wunsch, inklusiv zu sein. Aber ich glaube, er geht in die falsche Richtung. ... Ich sprach vor einigen Wochen in der BBC über eine ganze Reihe Themen, unter anderem über Harvey Weinstein, und ich sagte: Er ist ein moralisches Monster, aber ob er auch ein Vergewaltiger ist - da warte ich ab und werde sehen, was der Prozess gegen ihn bringt. Das war, als ob ich den Holocaust verleugnet hätte. Ich habe mich gefragt: Was wollen diese Leute? Jemanden ohne Gerichtsverhandlung ins Gefängnis schicken?"

Weitere Artikel: Tanja Dückers liest für den Tagesspiegel Bücher der neuen "Mütter-Feministinnen". Der Standard druckt Martin Pollacks Rede zur Verleihung des österreichischen Staatspreises für Übersetzer. In einem von der NZZ online nachgereichten Text erinnert Paul Jandl an Anneliese Botond, die unter anderem Thomas Bernhard lektorierte und deren Briefe an diesen nun beim Korrektur-Verlag erschienen sind. In der FAZ wundert sich Michael Siebler sehr über die Pressemitteilung zum Fund einer alten Tontafel mit Homer-Versen, die demnach "wahrscheinlich vor dem 3. Jahrhundert nach Christus datiert" und als "womöglich 'ältestes Schriftfragment der Homerischen Epen'" eingeschätzt wurde: Schließlich gebe es einige Homer-Quellen, die älter datiert werden. Jan Knobloch berichtet in der FAZ von der Tagung "Prosa - Zur Geschichte und Theorie einer vernachlässigten Kategorie der Literaturwissenschaften". Uwe Mattheiß (taz), Tilman Spreckelsen (FAZ) schreiben Nachrufe auf die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger.

Besprochen werden William T. Vollmanns "Arme Leute" (taz), Botho Strauß' "Der Fortführer" (Freitag), Achim Schnurrers "Das war Schwermetall" über die Geschichte des gleichnamigen Underground-Comic-Magazins (Tagesspiegel) und neue Hörbücher, darnuter Emily Brontës von Rolf Boysen gelesener Roman "Sturmhöhe"(FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gisela Trahms über John Burnsides Gedicht "Der gute Nachbar":

"Irgendwo in dieser Straße, mir völlig unbekannt,
hinter einem Labyrinth aus Äpfeln und Gestirn,
steht er auf, zu früher Morgenstunde, nimmt ein
..."
Archiv: Literatur

Film

Tief beeindruckt berichtet Dominik Graf in der FAS von einer Stunde, die er am Rande eines Basler Filmfestivals mit Paul Schrader verbracht hat, dem er zuvor auf der Bühne gehuldigt hatte (hier die Laudatio als PDF). Selbstverständlich ging es viel um die Renitenz, die Maverick-Regisseure vom Schlage Grafs und Schrader mitbringen müssen, um in verschiedenen Produktionskontexten bestehen oder Niederlagen in Triumphe umwandeln zu können. Aber auch "jenes alte Zentralgesetz der Nouvelle Vague kam vor, das besagt, dass die Zuneigung zu den Regisseuren, die man einmal für interessant befunden hat, bedingungslos zu bleiben hat. Liebst Du eine/n, dann liebst Du alles von ihr/ ihm. Auch oder gar besonders seine/ihre Arbeiten, die vermeintlich schwächer und unterschätzt bleiben. Gerade die muss man beschützen, weil sie in der Bekenntnishaftigkeit, in der sie den persönlichen Stil offenbaren, den 'Kern des Werks' eines Autors in reinster Form freilegen. Dieses Prinzip war bei Truffaut und Godard einst in Stein gemeißelt wie ein romantischer Schwur aus der Ritterzeit und hat damals die Filmbranche völlig umgekrempelt."

Weitere Artikel: Karl Fluch erinnert im Standard an John McTiernans großartige Actionklassiker "Stirb Langsam", der vor 30 Jahren in die Kinos kam. Niedergang einer Branche: In den USA wird es demnächst nur noch eine einzige Filiale der einst flächendeckend marktbestimmenden Videotheken-Kette Blockbuster geben, schreibt Julia Jacobs in der New York Times (die Satire-Serie "South Park" hat die Kette schon 2015 für tot erklärt). Lucien Scherrer meldet in der NZZ, dass ein verschollenes Skript von Stanley Kubrick aus den 50ern wieder aufgetaucht ist: Demnach arbeitete der Filmemacher damals an einer Adaption von Stefan Zweigs "Brennendes Geheimnis".

Besprochen werden Lisa Immordino Vreelands Dokumentarfilm "Love, Cecil" über Cecil Beaton (Standard), Samuel Maoz' "Foxtrot" (Freitag), Genndy Tartakowskys dritter Teil der Kinder-Animationsfilmreihe "Hotel Transsylvanien" (FAZ) und neue DVD-Veröffentlichungen, darunter "Geheimbund Schwarze Legion" mit Humphrey Bogart (SZ).
Archiv: Film

Kunst

Anne Katrin Feßler unterhält sich für den Standard mit Olaf Nicolai über dessen Ausstellung in Wien. Die Zeit hat das Gespräch mit Neo Rauch und Rosa Loy über ihr Bühnenbild für den Bayreuther "Lohengrin" online nachgereicht.
Anzeige
Archiv: Kunst
Stichwörter: Loy, Rosa, Rauch, Neo

Musik

Mit stehenden Ovationen wurde der 90-jährige Komponist und Pianist Burt Bacharach im Admiralspalast zu seinem ersten Konzert unter eigenem Namen in Berlin begrüßt - die Feuilletons berichten von einem berührenden Abend. Wobei Bacharach schon einmal in der Stadt auf der Bühne stand: Als Pianist für Marlene Dietrich im Jahr 1960. Präsentiert wurde dem "nicht mehr ganz jungen Publikum ein Querschnitt seines musikalischen Schaffens, das einmal als Easy Listening verschrien war, inzwischen aber mühelos als kompositorisches Jahrhundertwerk identifiziert werden kann", berichtet Harry Nutt in der Berliner Zeitung: Seine großen Hits "gehörten nicht zum Repertoire, das emphatisch in sich auf aufnahm, wer in den 70er-Jahren oder später musikalisch sozialisiert wurde. Aber es war der Sound, der schon da war und für viele heute erst seine klangliche Vielfalt freizugeben vermag, weil man sich nicht mehr mit allzu engen Genrevorlieben abgeben muss."

Holger Kreitling von der Welt schmilzt an diesem Abend endgültig dahin, als Bacharach mit einer "Stimme von zarter Dürre" selbst zu singen begann. Die Stimme "bricht ständig, über allen Wipfeln nur noch ein Hauch. Ein paar der Zeilen spricht er mehr, als er singt, es ist hinreißend und zum Heulen schön. So werden die kleinen Symphonien der Glücksverheißung zu melancholischen Werken der Vergänglichkeit." Und wenn Bacharach sein Publikum schließlich mit "Raindrops keep falling on my head" in die Nacht entlässt, "klingt im Kopf eine zarte Freiheit fort", schreibt Ulrich Amling im Tagesspiegel. Weitere Konzertberichte in taz und FAZ.

Weitere Artikel: Die NZZ hat Marco Freis Gespräch mit Dirigent Riccardo Muti über dessen Projekt "Roads of Friendship" online nachgereicht. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandnder dem Geiger Pinchas Zukermans zum Siebzigsten.

Besprochen werden eine neue Einspielung des Flötisten Emmanuel Pahud (NZZ), Nick Caves Auftritt auf der Berliner Waldbühne (Berliner Zeitung) sowie ein Konzert von Vladyslav Sendecki und Izabella Effenberg (FR).
Archiv: Musik

Bühne

Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch trennt sich mit sofortiger Wirkung von der Intendantin Adolphe Binder und zum Ende des Jahres auch von Dirk Hesse, dem Geschäftsführer der Kompanie. Klarer Schnitt oder Kahlschlag - das ist hier die Frage, meint Lilo Weber in der NZZ. "Es gibt in diesem Konflikt nur Verlierer - in erster Linie leider das Tanztheater Wuppertal. Adolphe Binder hatte es geschafft, die lange Zeit der Trauer um die große Choreografin Pina Bausch aufzubrechen, ja einen Neuanfang zu wagen mit zwei abendfüllenden Stücken von Choreografen, die man im deutschen Sprachraum kaum kennt. Während 'Für sie' des Griechen Dimitris Papaioannou in starkem Bilderbogen etwas statisch wirkte, gelang dem Norweger Alan Lucien Øyen mit 'Neues Stück II' eine stimmige Verbindung von Schauspiel und Tanz. Beide Arbeiten wurden in Wuppertal mit Ovationen begrüßt."

In der Welt fasst sich Manuel Brug an den Kopf über das Intrigentheater: So wurden "Teile der Presse angebliche Interna über die Vorwürfe zugespielt, in denen von Mobbing, sexuellen Vorwürfen, nicht genehmigten Verhaltensweisen Binders die Rede ist. Der Zeitpunkt war klug gewählt: Teile der Kompanie waren schon im Urlaub bzw. beim traditionellen Paris-Gastspiel. Binder durfte sich nicht äußern, und manche Journalisten machten sich nur allzu gerne zu willfähigen Vollstreckern. Der Hauptvorwurf gegen Binder lautete: Sie habe keinen Spielplan für die kommende Saison vorgelegt. Den gab es freilich, im Team mit den Tänzern erarbeitet, Dirk Hesse hat ihn nur nicht genehmigt und sogar eine bereits avisierte Pressekonferenz dazu absagen lassen. ... Inzwischen aber sind die laut ihrer Aussage völlig uninformierten Tänzer von Paris aus an die Presse gegangen und haben sich mehrheitlich mit einem offenen Brief und diversen Interviews empört hinter Adolphe Binder gestellt."

Der Tagesspiegel meldet, dass Adolphe Binder ihre fristlose Kündigung anfechten will. In einem offenen Brief beklagt sie sich auch über die Struktur des Tanztheaters, die die künstlerische Leitung der Geschäftsleitung unterstellt: "Eine Geschäftsordnung, die die Leitungsaufgaben klarstellt und die es früher auch bei der Tanztheater GmbH gab, habe sie seit Frühjahr 2016 immer wieder gefordert, erklärt Binder, doch es wurde keine erlassen. Wenn der Beirat nun ankündigt, er wolle auch über eine Neugestaltung der Führungs- und Leitungsstruktur nachdenken, kommt das doch reichlich spät. Es ist nationales Kulturerbe, das hier auf dem Spiel steht".

Besprochen werden erste Aufführungen in Salzburg, darunter Frank Castorfs Adaption von Knut Hamsuns Roman "Hunger" mit Sophie Rois und Kathrin Angerer (Presse), die Mozart-Oper "Lucio Silla" am Staatstheater Karlsruhe (FR), Omar Abusaadas Inszenierung von Mohammad Al Attars Stück "Während ich wartete" beim Festival Theaterformen Braunschweig (nachtkritik), die Uraufführung von Thomas Köcks und Andreas Spechtls Musiktheater "ghostdance" beim ImPulsTanz in Wien (nachtkritik), Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie "Mitten wir im Leben sind / Bach6Cellosuiten" beim Impulstanz (Standard), Paulus Mankers Inszenierung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" in Wien Neustadt (Standard, nachtkritik), Thomas Enzingers Inszenierung von Franz Lehars Operette "Die Blume von Hawaii" beim Lehár-Festival in Bad Ischl (Standard), Marco Goeckes Handlungsballett "La Strada" am Münchner Gärtnerplatztheater (nmz, SZ) und die Uraufführung von Nikolaus Brass' Musiktheater "Die Vorübergehenden"  in der Münchner Reithalle (SZ).
Archiv: Bühne