Aus dem Norwegischen von Siegfried Weibel. Mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann. Die Moderne hält Einzug in Kristiania, dem heutigen Oslo. Die Stadt befindet sich im Aufbruch. Doch der namenlose Ich-Erzähler sieht sich in die Rolle des Zuschauers gedrängt. Unentwegt versucht er, unter schwierigsten materiellen Bedingungen als Journalist und Schriftsteller Beachtung zu finden - ohne Erfolg. Dabei ist der junge Mann ein begnadeter Fabulierer, auf den Straßen Kristianias erzählt er wildfremden Leuten erfundene Geschichten - und verschenkt schließlich sein letztes Geld an einen vermeintlich noch ärmeren Bettler. Ohne soziale Anklage wird das Bild einer Stadt präsentiert wie in einem Zerrspiegel: als pervertierte, fremde Welt, als Labyrinth einer Existenz am Rande der Gesellschaft. Mit "Hunger" gelang Knut Hamsun 1890 sein literarischer Durchbruch. Nie wurde menschliches Leid so schonungslos und genau geschildert wie in diesem weltberühmten Roman über einen zerlumpten, halb verhungerten Künstler.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.09.2009
Andreas Breitenstein macht den Kniefall eines Rezensenten vor Knut Hamsuns Roman "Hunger". 1890 erstmals veröffentlicht habe der Roman den Weg aus dem Naturalismus in die Moderne gefunden und eine Vorlage für Kafka und Beckett geliefert, wie Breitenstein weiß. Ein "Knäuel" aus "Wahrnehmungen, Assoziationen und Überlegungen" ist das Buch, so Breitenstein, zusammengehalten durch den gehemmten Intellektuellen Andreas Tangen, der in Lumpen durch Kristiania irrt. Tangen sei dabei ein Eichendorffscher Taugenichts der Großstadt, "eine Art Charlie Chaplin und Woody Allen avant la lettre". Bemerkenswert findet Rezensent Breitenstein die Äquidistanz, mit der der Ich-Erzähler den Leser ins Bild setzt; die eigentliche Sensation sei aber wohl der Realismus des Hungers, den uns Hamsun vor Augen führt. Das literarische Feuerwerk, das Hamsun abschießt, führt für Breitenstein zum "Rätsel des großen Ganzen", schließlich weiß er: "Im Magen gärt der Sinn der Existenz".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2009
Ein Klassiker, der nichts von seiner Faszination eingebüßt hat und nach wie vor eine "grandiose Leseerfahrung" ist: Das ist Knut Hamsuns Romandebüt "Hunger", versichert Wolfgang Schneider in seiner Rezension dieser zum 150. Geburtstag des Autors erschienenen Neuausgabe. Der Held dieses Buchs, dessen richtigen Namen man niemals erfährt, bleibt eine quintessentiell moderne Figur: Von Ambivalenzen zerrissen, ein "Ich", das der Autor zielsicher auf keinen eindeutigen Nenner bringt, schon gar nicht in psychologischer Auserklärung, lesen wir. Zwischen grimmiger Komik und bitter naturalistischer Darstellung des Hungers bewege sich dieses Hunger-Drama. Dem Übersetzer Siegfried Weibel gelingt, so Schneider, die kongeniale Übersetzung ins Deutsche und auch das Nachwort von Daniel Kehlmann wird als "luzide begeistert" gelobt.
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