Efeu - Die Kulturrundschau

Maske ohne Antworten

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2018. LensCulture stellt die farbenprächtigen Fotogramme von Liz Nielsen vor. Das Tanztheater Wuppertal hat jetzt weder eine künstlerische noch eine Geschäftsleitung, berichtet die SZ. Thomas Karlaufs Rede zum Festakt für Stefan George steht bei Zeit online jetzt online. FAZ und Welt beleuchten die Vorwürfe gegen George und seine Nachfolger. In der NZZ stellt die Geigerin Julia Fischer ihren eigenen Streamingdienst vor. Und die Filmkritiker erinnern an den vor hundert Jahren geborenen Ingmar Bergman.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2018 finden Sie hier

Kunst

Blue Mountains, 2018. Analogue Chromogenic Photogram, Unique, on Fujiflex © Liz Nielsen


Die Künstlerin Liz Nielsen arbeitet mit Farbe, Licht und Film, aber ohne Kamera. Wie ihre prachtvollen bunten Bilder entstehen, erklärt sie im Interview mit LensCulture: "Teil der Arbeit, die ich mache, ist gewissermaßen das traditionelle Fotogramm. Ich sage das, weil Fotogramme eigentlich als wissenschaftliche Dokumentation begonnen haben, bei der man zum Beispiel eine Blume auf ein lichtempfindliches Blatt Papier legt, damit das Licht von oben die Form des Objekts aufnimmt. Die Objekte, die ich auf das Papier lege, sind andere Papiere - Dinge, die opak sind. Ich arbeite mit anderen Arten von Schichteffekten, die Licht ausblenden können, so dass ich nur einige Teile des Papiers auf einmal belichte und andere Teile abhebe. Ich benutze auch alles Transparente, was ich in die Hände bekomme - sogar Bonbonpapier. 'Water Shapes' und 'Night Glaciers' haben zum Beispiel diese Textur, die ich mit Zellophan-Weihnachtspapier erstellt habe, das man in Rollen kaufen kann. Wenn Sie es direkt auf das Papier legen, entsteht ein ganz anderer Effekt. Es gibt all diese kleinen Möglichkeiten, bestimmte Teile des Lichtspektrums auszublenden, aber die meisten der fertigen Stücke, die Sie sehen, bestehen aus einer bis fünfzig Belichtungen."

Weiteres: Monopol berichtet über eine Ausstellung der indischen Künstlerin Shilpa Gupta hat im aserbaidschanischen Baku, die sich mit Redefreiheit auseinandersetzt. Der Standard zeigt Bilder aus der Open-Air-Ausstellung "Another Europe" im Österreichischen Kulturforum in London. Thomas Mauch berichtet in der taz von den Tagen der offenen Tür in der Kunsthochschule Weißensee und der Universität der Künste in Berlin.

Besprochen werden eine Ausstellung von zehn Künstlern aus Japan und Deutschland im Berliner Haus Huth (Tagesspiegel), die Ausstellung "What is Love? Von Amor bis Tinder" in der Bremer Kunsthalle (taz), Wolfgang Friedrichs Ausstellung "Idyllen und Katastrophen" im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen (taz), die Ausstellung "Anton Corbijn: The Living And The Dead" im Hamburger Bucerius Kunstforum (taz) und eine Ausstellung der Porträts von Lorenzo Lotto im Prado in Madrid (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Nielsen, Liz, Fotogramm, Farbe

Bühne

Den Streit um das Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch (mehr hier) hat der Beirat gelöst, indem er der künstlerischen Leiterin Adolphe Binder kündigte und ihrem Gegenspieler, dem Geschäftsführer Dirk Hesse gleich mit. In der SZ ist Dorion Weickmann einverstanden (wenngleich man nicht recht versteht, warum Binder gehen muss, deren einziges Vergehen es offenbar war, die "Hierarchien" nicht verstanden zu haben) und fordert eine grundlegende Neuorganisation: "Dass sie als künstlerische Intendantin unter der Geschäftsführung rangierte, ist ein katastrophaler Strukturfehler. Ein Betrieb wie das Tanztheater darf nicht einzig nach administrativen oder kaufmännischen Maßstäben geführt werden. Die Kunst muss das Sagen haben oder zumindest gleichberechtigt agieren können."

Weiteres: Sandra Luzina schreibt im Tagesspiegel zum 40-jährigen Jubiläum der Berliner Tanzfabrik. Besprochen werden Nino Rotas Ballettsuite "La Strada" am Münchner Gärtnerplatztheater (nmz), ein Solostück des kanadischen Choreografen Dave St-Pierre beim Impulstanz Wien (Standard) und der Sammelband "Flucht und Szene" über Perspektiven und Formen eines Theaters der Fliehenden (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Literatur

Stefan George wäre in diesen Tagen 150 Jahre alt geworden.

Die Zeit dokumentiert (jetzt online) Thomas Karlaufs beim Festakt zum 150. Geburtstag von Stefan George in Heidelberg gehaltenen Vortrag, "der die Zuhörer erstarrt zurücklässt", wie Sarah Pines in der Welt berichtet. Der Grund: Karlauf kam ausführlich auf die Missbrauchsvorwürfe gegen Wolfgang Frommel zu sprechen, der den George-Kreis einst weiterführte. Karlauf, schreibt Pines, "lässt keinen Zweifel: Nein. Im George-Kreis sei es um charismatische Herrschaft gegangen, was sich unter den Dächern der Häuser abspielte, in denen der Dichter und seine Jünger weilten, 'war ein auf Freiwilligkeit gründender Akt der Unterwerfung. Hingabe war das Schlüsselwort.' Das System Frommel war nicht das System George. 'Mir waren die zahlreichen Trittbrettfahrer um Frommel, die Schwulen, die mit halben Kindern Gedichte lasen, um an Frischfleisch zu kommen, widerlich', sagt Karlauf hart, 'ich bin ihnen immer aus dem Weg gegangen.'"

Jetzt sei, heißt es bei Karlauf in der Zeit im weiteren, "mit Insinuationen und Halbwahrheiten ebenso Schluss wie mit intellektueller Koketterie. Das Thema verlangt ein Mindestmaß an Ernsthaftigkeit, das gebietet schon der Respekt vor den Opfern." In der FAZ würdigt Jürgen Kaube George ausführlich als Lyriker und hält fest, dass es bislang keine Beweise für sexuellen Missbrauch Minderjähriger im ursprünglichen George-Kreis gibt, was zugleich nicht ausschließe, dass nicht auch Erwachsene missbraucht werden können, und dass "es zur Beschreibung der vielen George-Kreise gehört, dass sie voller traumatischer Beziehungen, Drangsale und pathetischer Überhöhungen sexueller Not und Nötigungen waren." Der "pädagogische Eros" bleibe eine fatale Formel, "weil Liebe in Erziehungszusammenhängen so nicht ins Griechische übersetzt werden kann, ohne dass die Tür für den Missbrauch dieser Zusammenhänge geöffnet wird. Und schließlich werden Gewalt, Qual und Flucht in die Schönheit in Georges Gedichten selbst nie zu überlesen sein. Faszination meint beides: Anziehung und Abgestoßensein."

In der Welt schreibt Herta Müller über die Gedichte von Liu Xia: "Ihr wirkliches Leben wird poetisch protokolliert. Man liest beklemmende Sätze, Sprachbilder, die sachlich und verzweifelt in einem sind." Es geht "um Selbstbehauptung in einem gestohlenen Leben. Es ist in diesen Gedichten eine Würde, die immer anders aufsteht, wenn sie gebrochen wird."

Nach der Vergabe des Golden Man Booker Prize, mit dem der Man Booker Prize zum eigenen 50-jährigen Bestehen Michael Ondaatjes "Der englische Patient" als den besten mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman nochmals ausgezeichnet hat, plädiert Dirk Knipphals in der taz für eine deutsche Variante: "Wie wäre es mit dem Büchnerpreis? Den gibt es in der aktuellen Form seit 1951. Das passt. Ein Vertreter pro Jahrzehnt."

Weitere Artikel: Dirk Fuhrig befasst sich in einem Dlf-Kultur-Feature mit dem wiedererwachten Interesse der französischen Literatur am Nationalsozialismus, nachdem die wichtigsten französischen Literaturpreise zuletzt an Éric Vuillards "Die Tagesordnung" und Olivier Guez' "Das Verschwinden des Josef Mengele" gingen. Große Trauer um die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger: Nachrufe schreiben Cornelia Geißler (FR) und Lothar Müller (SZ). Für den literarischen Wochenendessay der FAZ hat sich Tilman Spreckelsen auf Föhr auf die Suche nach Spuren von Hans Christian Andersens Aufenthalt auf der Insel im Jahr 1844 begeben. Im Standard kolumniert die Schriftstellerin Julya Rabinowich über ihre Reisen mit Hund. Dennis Scheck fügt in der Welt Lew Tolstois "Krieg und Frieden" seinem Kanon hinzu (hier die Langversion des Texts beim WDR).

Besprochen werden Rachel Cusks "Kudos" (Welt), Lucy Frickes "Töchter" (FR), Andrej Platonows "Tschewengur" (taz), Melissa Broders "Fische" (Standard), Stephen Greenblatts "Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit" (Intellectures), Christopher Longés und Rubén Pellejeros Comic "The long and winding road" (Tagesspiegel) und Banana Yoshimotos Erzählband "Erinnerungen aus der Sackgase" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Film

Heute vor hundert Jahren wurde Ingmar Bergman geboren, in dessen Filme es um die großen, die ganz großen Fragen ging, wie NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier mit nur einem kleinen bisschen Pathos unterstreicht: Bei Bergman "wird das pralle Menschsein in der Faust geballt und mit unerbittlicher Gewalt auf den Zuschauer geworfen, von dem es als Frage abprallt. Kein Begriff konnte zu groß sein, um nicht in Angriff genommen zu werden. ... Wer meint, er könne die Seelenregungen des Menschen so einfach begreifen, wird angesichts der Filme von Bergman einsehen müssen, wie kläglich er scheitert. Man blickt fragend auf die Leinwand wie in einen Spiegel, doch zurück schaut eine unergründliche Maske ohne Antworten." Uff.

Begleitet wird das cineastische Hochamt unter anderem von Margarethe von Trottas Kino-Dokumentarfilm "Auf der Suche nach Ingmar Bergman" (Besprechungen gibt es etwa auf eine Artechock und in der Berliner Zeitung) einer Neuauflage von Bergmans Autobiografie "Laterna Magica". Heroisch hat sich taz-Kritiker Tim Caspar Boehme durch das Material gearbeitet, aber von der Deutologie irgendwann auch einfach genug gehabt: "Man würde sich wünschen, dass man Bergman und sein Leben eine Weile einfach in Ruhe lässt, die frühkindlichen Prägungen eben Prägungen sein lässt, und irgendwann wieder probiert, seine Filme als Filme über Allzumenschliches noch einmal ohne das Gewicht des geballten gelebten Lebens in ihnen zu betrachten." Aber geht das überhaupt? Der estnische Schriftsteller und Komponist Jüri Reinvere jedenfalls versichert in seinen Erinnerungen an Bergman in der FAZ: "Alles über Ingmar findet sich in seinen Filmen."

Weiteres zum Bergman-Jubiläum: Für den Dlf Kultur haben Markus Metz und Georg Seeßlen eine Lange Nacht über Bergman verfasst. Für den Filmdienst hat Simon Hauck mit Margarethe von Trotta über deren Dokumentarfilm gesprochen. Außerdem widmet sich der Filmdienst in einem Dossier zahlreichen Facetten des schwedischen Autorenfilmers.

Außerdem: Im Freitag schreibt Dokumentarfilmemacher Paul Poet einen Nachruf auf Claude Lanzmann. Dessen "Die Vier Schwestern" ist jetzt sein Vermächtnis geworden, schreibt Martina Meister in der Welt. Besprochen werden Lisa Immordino Vreelands Dokumentarfilm "Love, Cecil" über Cecil Beaton (FR) und "Nico, 1988" (Jungle World).
Archiv: Film

Musik

Mit einem eigenen, nur auf sie selbst zugeschnittenen Streamingdienst versucht die Geigerin Julia Fischer sich vom Veröffentlichen auf Plattenlabel zu emanzipieren, erklärt sie Michael Stallknecht in der NZZ: Zwar seien Labels wichtig für den Aufbau eines Künstlers. Doch ist man zugleich auch eingeschränkt, etwa, was das Repertoire betrifft: "Wenn mehrere Geiger bei einem Label sind, muss ich darauf Rücksicht nehmen, was andere aufnehmen. Außerdem hat es mich persönlich gestört, dass die Firmen ihre Alben zunehmend über eine 'Story' verkaufen wollen, eine zugehörige Erzählung. Wenn ich zum Beispiel César Francks Violinsonate aufnehmen möchte, müsste ich mir dann aus den Fingern saugen, dass ich gerade verliebt war, als ich das Stück zum ersten Mal gehört habe." Und "gerade bei den großen Labels muss man darauf achten, dass man auf der Prioritätenliste bleibt. Wenn sie in einem Monat zehn Platten herausbringen, kümmern sie sich in der Regel nur um zwei davon wirklich."

Weitere Artikel: Für die taz plaudert Jens Uthoff mit King Khan und dessen Tochter Saba Lou Khan über das Musizieren und Neukölln. Hans Keller gibt sich in der NZZ als Fan des Baile Funk aus den brasilianischen Favelas zu erkennen. Ljubisa Tosic resümiert im Standard den Carinthischen Sommer. Julia Lorenz schreibt in der taz über die Crowdfunding-Kampagne der Berliner Popsängerin Elke Brauweiler.

Besprochen werden unter anderem das neue Album von Deafheaven (Pitchfork), ein Konzert der Poppunk-Band Descendents (taz), eine neue CD des Schumann-Quartetts (NZZ), Angélique Kidjos neues Album "Remain in Light" (NZZ) und Cornelius Meisters Einspielung von Gustav Mahlers Kantate "Das klagende Lied" (NZZ).
Archiv: Musik