Efeu - Die Kulturrundschau

Drei Kündigungen erhielt er

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10.07.2018. Die SZ erlebt in Avignon mit Senecas "Theyste" sehr zeitgemäß eine Grausamkeit, die sich nicht einmal mehr verstellt. Die FAZ untersucht das katastrophale Mismanagement im Münchner Haus der Kunst. Die taz pocht darauf, dass auch Clubbing politisch sein kann. In La Règle du Jeu erklärt Bernard-Henri Levy die Stärke von Claude Lanzmanns ungeliebtem  Film "Tsahal". Im Freitag geißelt Regisseur Edward Berger die Verschnarchtheit der öffentlich-rechtlichen Filmkultur.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2018 finden Sie hier

Musik

In der taz erklärt Moshe Kuttner den historischen Hintergrund des aktuellen Trends zur Party-Protestkultur, der sich in Sound-System-Straßenbesetzungen in London, aber auch bei lautstarken Berliner Anti-AfD-Demos zeigt: "Clubbing steht heute meist für Eskapismus und Hedonismus. Historisch betrachtet ist das aber eine beschränkte Wahrnehmung, in der übersehen wird, wer ursprünglich die Clubkultur initiiert hat. Während die Gesichter und DJ-Stars der heutigen Clubwelt überwiegend weiß und heterosexuell sind, waren die Pioniere der subkulturellen Discobewegung der 1970er Jahre in den USA marginalisierte Communities: People of Color, Latinos, Queers."

Für die taz hat Julian Weber mit dem israelischen Dirigenten Ilan Volkov unter anderem über den BDS-Irrsinn gesprochen. Volkov vertritt im Hinblick auf den Nahostkonflikt zwar eine für die israelische Linke klassische Position, dennoch sieht er die Israel-Boykott-Bewegung skeptisch: Auch er kennt Künstler, die sich von BDS haben einspannen lassen. "Ich habe sie nach Israel eingeladen und zunächst sind sie aufgetreten, inzwischen unterstützen sie BDS und boykottieren uns. Auch wenn ihr Boykott nicht gegen mich persönlich gerichtet ist, fällt es mir schwer, diese Entscheidung zu akzeptieren. Ich habe einen Freund, der mir mitgeteilt hat, er kommt mich privat besuchen, aber er wird nicht mehr live in Israel spielen."

Weiteres: Im BR2-Nachtstudio geht Jens Balzer der Frage nach, ob es rechten Pop gibt. Beim Ahoi-Festival sind Standard-Kritiker Karl Fluch insbesondere die beiden "Rabiatperlen" Deap Vally und Dream Wife aufgefallen. Für die taz war Regine Müller beim Grazer Festival Styriarte. Ljubisa Tosic hält dem Jazzfest Wien im Standard seine Defizite vor, dem es demnach kaum gelingt an zeitgenössische Jazzdiskurse anzuschließen. In der Berliner Zeitung freut sich Markus Schneider auf das erste Deutschlandkonzert von Burt Bacharach. Für die Spex porträtiert Kristina Kaufmann Jon Hopkins. Steen Lorenzen berichtet für den Tagesspiegel vom Roskilde Festival im Dänemark. Musikerin Judith Holofernes präsentiert in einem online nachgetragenen Überblick in der Literarischen Welt die Bücher, die sie am meisten geprägt haben. Besprochen werden eine konzertante "Zauberflöte" mit Rolando Villazón im Festspielhaus Baden-Baden (FAZ).
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Bühne

Senecas Thyeste beim Theaterfestival in Avignon. Foto: Christophe Raynaud de Lage

Brutal, aber durchaus gelungen und in die Zeit passend findet Joseph Hanimann in der SZ den Auftakt des Theaterfestivals von Avignon, bei dem der Regisseur Thomas Jolly mit Senecas Stück "Thyeste" die Anmaßung und Grausamkeit des Atreus auf die Bühne bringt. Es ist reine antike Blutherrschaft, die sich nicht einmal verstellt: "Etwas Unerhörtes möchte er vollbringen, dessen Grausamkeit selbst die Götter verblüfft. So lockt er den vertriebenen Bruder Thyest unter dem Vorwand der Versöhnung an den Hof von Argos zurück, tötet dessen Söhne, hackt die Körper in Stücke, kocht sie gar, setzt sie dem Geladenen zum Festmahl vor und beobachtet, wie diesem sich beim allmählichen Begreifen, was er da gerade verspeist, die Gedärme umdrehen. Selbst die Sonne kehrt vor Entsetzen auf ihrer Bahn um. 'Nun duze ich die Götter', triumphiert Atreus nach der vollbrachten Tat."

Für dlf-Kritiker Eberhard Spreng hätte es etwas weniger Bild und Ton sein können, aber alles in allem war er doch ganz schön beeindruckt: "An regielichen klugen Einfällen in Bild und Ton mangelt es dem talentierten Regisseur nicht. Einmal ergießt sich, zum Geräusch einer Fliegenschar, ein Heer kleiner schwarzer Papierschmetterlinge aus einem hoch gelegenen Fenster; der heftige Mistral wirbelt sie herum im gesamten Ehrenhof. Eine gewaltige Hand liegt rechts, eine Tragödienmaske links auf der weiten Bühne. Fast unentwegt betont Musik den lyrischen Charakter der antiken Dichtung, bis zum Rap, der sich die Frage nach königlichen Tugenden stellt. 'Un roi est-il inébranlable, inaccessible, invulnérable ...'"

Weiteres: Auch FAZ-Kritiker Simon Strauß hat antikes Drama vor grandioser Kulisse erlebt: Robert Wilsons Inszenierung von Sophokles' "Ödipus" im antiken Teatro Grande in Pompeji am Fuße des Vesuvs: "Bei jedem Freilufttheater macht die bukolische Stimmung immer schon einen Großteil der Inszenierung aus. Aber bei Wilson ist sie tatsächlich fast die ganze Miete." Regine Müller wirft in der taz einen Blick voraus auf das Festival Styriarte, das seit 1990 unter dem fortschrittlichen Leiter Mathis Huber in Graz gedeiht.
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Film



In Le Règle du Jeu legt sich Bernard-Henri Lévy für Claude Lanzmanns oft kritisierten  Film "Tsahal" ins Zeug, der die israelische Armee feiert: "'Tsahal' ist in meinen Augen sein am meisten unterschätzter Film. Er zeigt, dass die Rückeroberung physischer Macht durch das jüdische Volk befreiend ist, dass sie gerecht ist. Denn sie hat nichts mit Gewalt, also mit dunkler und entfesselter Kraft zu tun. Claude Lanzmann war überzeugt, dass die Juden durch die Wiedererrichtung Israels, aber auch durch das selbstbewusste Judentum der Diaspora, wieder zu Kräften kamen und dass das etwas Gute und Schönes war." Für Skug schreibt Frank Jödicke einen Nachruf auf Lanzmann.

Für den Freitag hat sich Ludger Blanke zu einem immens lesenswerten epischen Gespräch mit dem Regisseur Edward Berger getroffen, der in Deutschland Fernsehkrimis, aber auch ambitionierte Serien gedreht hat und nach seinem privat finanzierten Arthouse-Film "Jack" von 2014 jetzt auch mit internationalen Prestige-Serien wie "The Terror" (Trailer) und "Patrick Melrose" Einblicke in verschiedene Produktionskontexte bieten kann. Sein Fazit: Während ihm "Jack" die Tore zur Welt öffnete, weil sich Redakteure und Produzenten ausländischer Anstalten auf internationalen Festivals nach interessanten Stimmen umsehen, herrscht in der hiesigen, von ARD und ZDF lange Zeit bestimmten Produktionskultur ein System allgemeiner Verschnarchtheit vor: "Als deutscher Produzent oder Redakteur geht man, wenn es hochkommt, in den deutschen Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale, in den Petzold, Philip Gröning und in 'Jack' - und einen davon verpassen sie, weil sie Magen-Darm-Grippe haben. Aber glaubst du, sie gucken sich in Cannes 'The Lobster' an? Nein, das interessiert die überhaupt nicht. Sie kennen diese Filme nicht, weil sie keine Verwendung dafür haben. Kann man fast verstehen. Das ist ein System, das eigentlich nur wissen möchte: Wann können wir das senden?"

Weitere Artikel: Beim Filmfestival in Karlovy Vary standen "Filme über eine nicht 'bewältigte' Geschichte in den Staaten des ehemaligen Ostblocks" im Mittelpunkt, berichtet Sven von Reden im Standard. Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel von einer Performance, bei der Jonas Mekas aus New York zugeschaltet war.

Besprochen werden Karim Aïnouz' Dokumentarfilm "Zentralflughafen THF" (Tagesspiegel), die Ausstellung "Edit Film Culture" im Silent Green in Berlin (Tagesspiegel), die zweite Staffel von "American Crime Story", in der es um den Mord an Gianni Versace geht (taz), die Serie "Sharp Objects" (ZeitOnline, FAZ) und der neue Teil der Horrorfilmreihe "The Purge" (SZ).
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Literatur

Die Welt hat Richard Kämmerlings' Gespräch mit dem Brecht-Biografen Stephen Parker online nachgereicht. Gregor Dotzauer liest für den Tagesspiegel die aktuelle Ausgabe des Merkur, die dem Leben und Werk Michael Rutschkys gewidmet ist. Mit einer Veranstaltungsreihe gedachte das Berliner Literaturforum der Schriftstellerin Nelly Sachs, berichtet Laila Oudray in der taz.

Besprochen werden unter anderem Roger Deakins' "Logbuch eines Schwimmers" (Standard), Hans Beltings und Andrea Buddensiegs Studie "Ein Afrikaner in Paris" über Léopold Sédar Senghor (NZZ), Uwe Wittstocks "Karl Marx beim Barbier. Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs" (Tagesspiegel) und ein Reprint der Gutenberg-Bibel (FR).
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Kunst

In der FAZ blickt Brita Sachs besorgt auf das Münchner Haus der Kunst, das nach jahrelangem Mismanagement, Fehlplanungen und Okwui Enwezors Weggang tief zerstritten, konzept- und führungslos darniederliegt. Erst gab es einen Skandal um den Personalverwalter Arnulf von Dall'Armi, wegen Mitgliedschaft bei Scientology und Anschuldigungen von Mitarbeiterinnen wegen sexueller Belästigung. Dann Vorwürfe der Scheinselbständigkeit einiger Mitarbeiter. Schließlich die Episode um den kaufmännischen Leiter Marco Graf von Matuschka: "Drei Kündigungen erhielt er insgesamt, eine fristlose, eine verhaltensbedingte und endlich die betriebsbedingte. Das Urteil des Arbeitsgerichts, vor dem Matuschka klagt, wird Mitte dieses Monats erwartet."

Weiteres: Imgard Berner berichtet in der Berliner Zeitung über die Manifesta in Palermo. Besprochen wird die Schau "Gier, Angst, Liebe" der Fotografin Loredana Nemes in der Berlinischen Galerie (SZ).
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Stichwörter: Haus der Kunst