Efeu - Die Kulturrundschau

Jenseits der großen Erzählungen

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24.05.2018. Die Literaturkritiker würdigen den verstorbenen Philip Roth und rätseln immer noch über Christian Krachts Poetikvorlesung. Die taz feiert Stéphane Brizés Maupassant-Film "Ein Leben", der aus Luft, Licht und Wasser Schönheit destilliert. Der Perlentaucher widerspricht und setzt dagegen auf Ausgesetztsein als Erfahrung. Der Tagesspiegel schwärmt vom Cinemascope-Jazz des Saxofonisten Kamasi Washington.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2018 finden Sie hier

Literatur

Große Trauer um den Schriftsteller Philip Roth. Er war zwar nie Bestandteil der literarischen Avantgarde, erklärt Paul Ingendaay in der FAZ, doch "deren Errungenschaften zelebrierte er mit beträchtlichem Raffinement vor allergrößtem Publikum. Spiegelungen, Doppelgänger, Wiedergänger, ein ständiges Oszillieren zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen dem auktorialen Ich und der literarischen Figur kennzeichnen Roths Bücher". Unter diesen findet sich auch der 1969 veröffentlichte Roman "Portnoys Beschwerden", für Willi Winkler "eines der lustigsten Bücher, die je geschrieben wurden", wie er in der SZ versichert. Ein Roman, auf den viele zu sprechen kommen. Gerrit Bartels vom Tagesspiegel erklärt etwa: "Roth wurde wegen dieses zum Teil wunderbar komischen, witzigen Romans der Pornografie, des Antisemitismus und jüdischer Nestbeschmutzung geziehen, aber gleichermaßen dafür gefeiert, der sexuellen Revolution eine Art literarisches Manifest beschert zu haben". Und Doris Akrap erklärt in der taz:  Roman samt Skandal darum, war ein "Kampf gegen all die Projektionen auf den Juden, von außen wie von innen. ... Ohne Rücksicht auf Opferstatus, Gruppen-, Klassen- oder Geschlechterzugehörigkeit war sein Schreiben darum bemüht, so genau wie möglich zu inspizieren, was uns so quält, wenn wir glauben, mit uns alleine zu sein. ... Sein Interesse galt den tabuisierten Konflikten und Kämpfen der Individuen, die jenseits der großen Erzählungen von Krieg und Kapitalismus geführt werden, aber den Alltag, die Geschichte, die Handlung, das Denken, das Welt- und Lebensgefühl des Einzelnen bestimmen und in vielen Fällen bei der Sexualität anfangen und enden."

"Roth war nur vordergründig ein realistischer Erzähler", schreibt Stefana Sabin in der NZZ: "Denn in Handlung und Struktur seiner Romane legt er die Leistung der Fiktion offen und stellt die Frage nach der Wahrheit der Literatur." Zudem war er der beste Fitnesstrainer, den sich ein Leser wünschen konnte, versichert Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "Niemand liest Philip Roth und fährt danach Fahrstuhl. Nein, man springt die Treppe hoch oder runter. Das war Roths Begabung. Er ließ einen so sehr das Ich seiner Helden spüren, dass man danach verlangte, das eigene zu spüren." Unter den großen amerikanischen Schriftstellern der letzten Jahrzehnte, die vom Literaturnobelpreis in schöner Regelmäßigkeit übergangen werden, war Roth "der souveränste und wahrscheinlich auch beste Erzähler, außerdem der Autor, der am offensichtlichsten um sich selbst kreiste", schreibt Peter Michalzik in der FR. Über die Nichtbeachtung der Schwedischen Akademie ärgert sich auch Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg auf ZeitOnline: "Allein für 'Sabbaths Theater' hätte Roth den Nobelpreis zweimal verdient." Christian Schachinger vom Standard las bei Roth "einige der traurigsten Sexszenen der Literaturgeschichte". Deutschlandfunk Kultur hat ein Feature über Roth von Thomas David wieder online gestellt und zudem zahlreiche Stimmen gesammelt. Außerdem schreiben die SZ-Redakteure auf der ersten Feuilletonseite über ihre Roth-Lektüreerlebnisse.

In Frankfurt hat Christian Kracht derweil seine Poetikvorlesungen abgeschlossen, die der Schweizer Schriftsteller mit dem Paukenschlag der Enthüllung seiner Missbrauchserfahrungen in der Jugend eröffnet hatte. Unsicher ist sich Christoph Schröder von ZeitOnline, ob Kracht nicht hier doch vor allem Literatur vor Publikum betrieben hat: "Alles, was sich zu ernst nehme, so formulierte es Kracht in der zweiten Vorlesung, sei reif für die Parodie. Das gelte im Übrigen auch für die Poetikvorlesung selbst. ... Vielleicht war Christian Krachts Poetikvorlesung, so paradox es klingen mag, tatsächlich ein Meisterstück: Seine sich selbst und seinem Werk gegenüber vermeintlich rücksichtslose Offenbarung verschafft seinen Lesern nur oberflächlich betrachtet mehr Klarheit, ihm selbst aber den Raum, als Schriftsteller frei zu bleiben." In der Sache mit der Parodie liegt auch für Jan Wiele der Schlüssel zu dieser Vorlesung: In der FAZ mutmaßt er, ob nicht auch "das Gesamtpaket von Krachts Vorlesung vielleicht eine Art ernsthafter Parodie sein soll, genauer gesagt: ein parodistisches Memoire. Im Lichte des um Autoren wie Knausgård und Eribon zuletzt von manchen Feuilletonisten erzeugten Hypes um eine vermeintlich neue Authentizität wirkt es zumindest so, als ob Christian Kracht auch hier gezielt gewisse Knöpfchen drücke". In der Zeit zeigt sich Ijoma Mangold fasziniert von der Ambivalenz Krachts: "Ohne dem Missbrauchserlebnis etwas von seinem Ernst zu nehmen, verteidigt er den Spielcharakter der Kunst. Das Authentische und das Stilisierte sind keine Gegensätze in der Kunst, sondern bedürfen einander."

Weitere Artikel: In der NZZ schreibt Franz Haas über Leben und Werk des italienischen Schriftstellers Cesare Pavese. Im Logbuch Suhrkamp erklärt Hannes Bajohr, ein Verfechter der digitalen Literatur, die Entstehung seines Texts "Erotica". Nach zwei Wochen Pause zerlegt sich die Schwedische Akademie weiter, berichtet Thomas Steinfeld in der SZ.  In der NZZ wehrt sich Bernd Noack gegen die PR-Idee vom Lesen als Urlaub für die Seele: "Lesen ist Sprengstoff für eine verträumte Welt, ein aktiver Akt gegen die öde Ordnung." Wieland Freund von der Welt erkundigt sich bei Susanne Preußler, wie sie die verloren geglaubte Geschichte "Räuber Hotzenplotz und die Mondfahrt" ihres Vaters Otfried Preußler entdeckt hat. Im Interview mit der Zeit spricht Joke Haverkorn van Rijsewijk über die Missbrauchsvorwürfe gegen Wolfgang Frommel, Gründer der Zeitschrift Castrum Peregrini, zu dessen Kreis sie als junge Frau gehörte: "Ich sehe ihn als eine tragische Gestalt. Und meine Liebe zu ihm und das Leben in seinem Kreis nachträglich als Survival-Kurs."

Besprochen werden unter anderem Michael Angeles Porträt über Frank Schirrmacher (Tagesspiegel), Sina Kleins Gedichtband "Skaphander" (Tagesspiegel), Friedrich Christian Delius' "Die Zukunft der Schönheit" (Standard), J.L. Carrs "Ein Tag im Sommer" (SZ) und die Frankfurter Edition von Kafkas "Das Schloss" (FAZ).
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Bühne

In der nachtkritik antwortet der Schauspieler Michael Wächter auf die Vorwürfe von Fabian Hinrichs, Schauspieler würden im heutigen Theater entmündigt: "Sie sehen die Unfreiheit, den Gehorsam, den Sportunterricht. (Gar nicht so weit weg vom 'Woyzeck', oder?) Und offensichtlich keinerlei Gedanken, keine Freiheit, folglich also keine Gedankenfreiheit. Ich hatte gehofft, dass eine schauspielerische Persönlichkeit, wie Sie eine sind, mehr Sinn, Gespür und Verständnis für einen Probenprozess hat, wenn sich ein Ensemble in ein formstarkes Konzept begibt bzw. daran mitarbeitet, es zu beglaubigen. Und sich auch in den Dienst einer Sache stellt, ohne sich gleich dabei zu verraten oder für dumm verkaufen zu lassen. Schauspielerisches Vermögen besteht auch darin, die Konsequenz eines Abends zu vertreten - auch wenn es nicht die eigene ist."

Weiteres: Isabelle Jakob unterhält sich für die NZZ mit der niederländischen Choreografin Nanine Linning, deren neues Stück - eine Hommage an Hieronymus Bosch - gerade in Winterthur zu sehen ist. In der nachtkritik stellt Esther Slevogt die "Volksbühne Fullscreen" vor, wie die digitale Spielstätte der Berliner Volksbühne heißt, die leider "in den Tiefen einer Webseite vergraben [ist], die als Ganzes augenscheinlich in die Überlegungen zur einer digitalen Bühne gar nicht mit einbezogen worden war. Stattdessen war diese Webseite nach wie vor ganz und gar oldschool zuallererst digitaler Leporello und Informationsportal des Theaters geblieben. Die Volksbühne Fullscreen ist hier nur ein Menüpunkt unter vielen."

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von Leoš Janáčeks "Aus einem Totenhaus" an der Münchens Staatsoper (FAZ, nmz, Zeit), die Uraufführung von Alexander Raskatovs Oper "GerMANIA" in Lyon (nmz), Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" im Schauspielhaus Kassel (FR) und das Musiktheaterstück "Ballroom Schmitz" am Berliner Ensemble (FR).
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Film



Sehr detailliert, sehr entzückt beschreibt Ekkehard Knörer in der taz Stéphane Brizés in seinen Streichungen offenbar sehr freie, sehr mutige und im alten Filmformat 1:1,37 auch sehr streng kadrierte Filmübertragung von Guy de Maupassants Roman "Ein Leben". Der Regisseur "setzt eine Ästhetik der Skizze gegen das Romanhafte. Der Roman wird aufgelöst in einzelne, nur angedeutete Szenen, und in Kontraste, die viel stärker als die narrative Kontinuität die Folge des Geschehens bestimmen. Daraus zaubert der Film seinen eigenen Rhythmus; er gewinnt aus dem Hingetuschten eine fließende Bewegung, in der sich Zeiten und Räume aufzulösen beginnen. ... Was dabei gelingt, ist eine Verbindung von Fragment und Essenz. Aus den Elementen von Luft, Licht und Wasser destilliert der Film eine Schönheit, die über das düstere Schicksal der Heldin - nein, sicher nicht triumphiert. Aber es bleibt nicht nur das Dunkle."

Große Vorbehalte gegenüber dem Film und seine "mit zunehmender Laufzeit immer tiefer in Wiederholungsschleifen einbalsamierte Subjektivität", meldet unterdessen Lukas Foerster im Perlentaucher an: "Die Unfähigkeit des Gegenwartskinos, aber auch der Filmkritik, Passivität, Hilflosigkeit und Ausgesetztsein als Erfahrung, aber auch als Form zu akzeptieren, verwundert mich immer wieder. Auch die Erinnerung ist nur etwas, in das man flüchtet. Zum anderen mag ich 'Ein Leben' nicht, weil ein Blick, der Subjektivität nur von der sozialen Determination her denkt, immer schon vorab weiß, was es zu sehen gibt."

Weitere Artikel: Für die Welt porträtiert Elmar Krekeler den Schauspieler Peter Kurth, der in Thomas Stubers "In den Gängen" (Besprechungen in taz, Tagesspiegel, unsere Kritik hier) zu sehen ist. Mit dessen Regisseur spricht Andrea Hanna Hünninger auf ZeitOnline. Verena Mayer spricht für die SZ mit Rupert Everett über dessen Regiedebüt "The Happy Prince", der von Oscar Wilde handelt. Tobias Sedlmaier führt in der NZZ durch das Programm des Iranian Film Festivals in Zürich. In der Zeit würdigt Katja Nicodemus das asiatische Kino in Cannes.

Besprochen werden Ron Howards "Solo: A Star Wars Story" (Perlentaucher, Tagesspiegel, taz, FR), Felix Moellers RAF-Dokumentarfilm "Die Sympathisanten" (Berliner Zeitung), der Dokumentarfilm "Nothingwood" über den afghanischen Filmschaffenden Salim Shaheen (NZZ), Ziad Kalthoums Dokumentarfilm "Taste of Cement" über syrische Bauarbeiter in Beirut (SZ), Hirokazu Kore-Edas "The Third Murder" (NZZ), Jaume Collet-Serras auf DVD veröffentlichter Actionthriller "The Commuter" mit Liam Neeson (taz) und die zweite Staffel der Serie "Fauda", die davon handelt, dass der IS nach Israel durchstößt (FAZ).
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Architektur

Ralf Leonhard hat für die taz die große Ausstellung zum Werk des Architekten Otto Wagner im Wien Museum besucht und staunt, was der alles nicht bauen durfte: "Zeitgenössische Kritiker stießen sich schon am Begriff 'modern', und ein anonymer Pamphletist warf ihm vor, er sei 'ein versierter Klassizist, der seine Seele an die Moderne verkauft' habe. Dass Wagner 1900 aus dem Künstlerhaus austrat und sich der von Rebellen wie Gustav Klimt, Koloman Moser und Josef Hoffmann gegründeten Secession anschloss, hat seine Karriere auch nicht befördert."

Besprochen werden eine Ausstellung im Museum der Völker im österreichischen Schwaz über die Baukultur der Maasai-Frauen (Standard) und die Ausstellung "Unbuilding Walls" im deutschen Pavillon der am Samstag eröffnenden Biennale in Venedig (SZ).
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Stichwörter: Wagner, Otto

Kunst

Politische Provokation in der Kunst? Da waren die italienischen Futuristen die ersten, erinnert Thomas Wagner in der NZZ. In der Zeit feiert Michael Naumann die "religiöse Musikalität" Paul Klees.
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Musik

Kamasi Washington "gilt als politisches Gewissen des Jazz", schreibt Kai Müller in einem großen Tagesspiegel-Porträt des amerikanischen Saxofonisten, der die Brücke schlägt zwischen Jazz-Ästhetik und Pop-Publikum und jetzt für ein Konzert nach Berlin kommt. Washingtons "ausladenden Stücke schienen die Sehnsucht nach einer Ära zu wecken, in der 'Musik ein Schwert für die Bürgerrechte war', wie Washington selbst es ausdrückte. ... Cinemascope-Jazz wäre eine Variante für dieses Breitbild eines Sounds, das sich aus Beats, Gefühlen und Einflüssen der Westküste, Afrikas und Washingtons enzyklopädischer Plattensammlung zusammensetzt, Space-Jazz eine andere bei all den melodischen Höhenflügen, zu denen die 60-köpfige Formation abhebt."

Hier eine Kostprobe:



Weitere Artikel: Ljubiša Tošić spricht im Standard mit Philippe Jordan, dem neuen Musikchef der Wiener Staatsoper, über dessen Pläne für das Haus. Besprochen werden die neue Platte sowie ein Konzert der Arctic Monkeys (Berliner Zeitung, SZ, Welt, Tagesspiegel) und der Auftakt der Konzertreihe Naxos Hallenkonzerte (FR),
Archiv: Musik
Stichwörter: Washington, Kamasi