Efeu - Die Kulturrundschau

Die skandalöse Realität der aktuellen Popkultur

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26.04.2018. In der Zeit erklärt Thea Dorn, warum Kulturpatriotismus links ist. Bilder einer zerbrochenen Männlichkeit findet die Berliner Zeitung in Lynne Ramsays Film über einen traumatisierten Auftragskiller, "A Beautiful Day". Die NZZ studiert den Einfluss afrikanischer Kunst auf die europäische Avantgarde am Beispiel Karl Schmidt-Rotluffs. Die Musikkritiker sind zufrieden, dass der Echo abgeschafft wird. Das Zeit Magazin unterhält sich mit dem Klaus Kinski des Designs, Luigi Colani.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2018 finden Sie hier

Film


Joaquin Phoenix und Ekaterina Samsonov in "A Beautiful Day"

Andreas Busche spricht im Tagesspiegel mit der Filmemacherin Lynne Ramsay über ihren Thriller "A Beautiful Day", in dem Joaquin Phoenix einen von Traumata gezeichneten Auftragskiller spielt (mehr dazu schon im gestrigen Efeu). Für seine Leistung wurde Phoenix vergangenes Jahr in Cannes mit einem Preis geehrt - zu Recht, meint Fabian Tietke in der taz, der Schauspieler "erdet den Film. ...  Ramsay findet in "A Beautiful Day" Bilder für Joes Innenleben, die bisweilen ins Abstrakte gehen, webt Vorstellungen und Tagträume ein und erzählt den Film dennoch so straff, dass man sich im Nachhinein wundert, wie sie das alles in nur anderthalb Stunden Film untergekriegt hat." Philipp Stadelmaier fühlt sich in der SZ ans Kino Takeshi Kitanos erinnert: "Wie bei ihm sieht man hier weniger die Gewalt als die Spuren, die sie hinterlässt." Und Philipp Bühler führt in der Berliner Zeitung aus: "In Joes düsterer Welt spiegelt sich weniger eine böse Gesellschaft als das Bild einer zerbrochenen Männlichkeit" und das ist ziemlich nahe "an den maskulinen Studien von Claire Denis."

Weitere Artikel: Andreas Busche und Christiane Peitz haben für den Tagesspiegel Emily Atef, Valeska Grisebach und Robert Schwentke zum Gespräch an einen Tisch gesetzt, deren Filme Favoriten für den Deutschen Filmpreis sind. Im Medienteil der FAZ die Brüder Denis und Patrick Weinert, die auf eigene Faust Online-Dokumentarfilme von der Peripherie der Welt drehen und für deren Arbeit sich zunehmend auch das Fernsehen interessiert. Für die SZ plaudert Patrick Heidmann mit Knet-Animationsfilmer Nick Park, dessen neuer Film "Early Man" in taz und Welt besprochen wird. Philipp Fritz wirft für die taz einen Blick ins Programm des Berliner Festivals FilmPolska.

Besprochen werden außerdem Tony Gatlifs "Djam" (taz, ZeitOnline) und mal wieder ein neuer Superheldenfilm (taz, Standard, FAZ).

Musik

Ein Satz, mit dem man im Feuilleton zuletzt eher nicht gerechnet hat: "Man muss Kollegah und Farid Bang fast dankbar sein." Felix Zwinzscher schreibt ihn in der Welt nach der Ankündigung, dass der Echo-Musikpreis abgeschafft wird. Der Bundesverband der deutschen Musikindustrie hat jedoch angekündigt, dass er bald das Konzept für einen neuen Musikpreis vorlegen will. Bei diesem soll die Rolle der Jurys gestärkt werden.

Jan Kedves und Jens-Christian Rabe hoffen in der SZ, dass der Branchenverband nun endlich auf die Kritik reagiert: "Ein deutscher Popmusik-Preis, der ernst genommen werden will, sollte sich konsequent die Grammys zum Vorbild nehmen und künftig nicht mehr die Verkaufszahlen, sondern eine große Jury entscheiden lassen, bestehend aus mindestens ein paar Hundert Kreativen der gesamten deutschen Popmusik-Branche und allen künftigen Preisträgern." Karl Fluch erhofft sich im Standard allgemein Besinnung "auf einige humanistische Standards". Harry Nutt bleibt im FR-Kommentar bis auf weiteres vorsichtig skeptisch: Gut möglich, "dass man am Ende jedenfalls weitermachen will wie gewohnt". Besser wird die Welt leider auch nicht durch solche Maßnahmen, denkt sich Jens Balzer auf ZeitOnline: "Bislang spiegelte der Echo weitgehend ungefiltert die Schlechtheit der Welt und der dazugehörigen Musik. Wenn es ihn nicht mehr gibt, dürfen wir auch ohne seine Skandale die skandalöse Realität der aktuellen Popkultur nicht aus den Augen verlieren." Ähnlich sieht es Nadine Lange im Tagesspiegel: Ein Gutes habe das ganze Debakel nämlich, schließlich hat es eine längst überfällige, engagiert geführte Debatte über gesellschaftliche Zustände in Gang gebracht. Auch Jonas Hermann stellt sich in der NZZ die Frage, wie die Gesellschaft auf die derben Provokationen der Rapper reagieren soll und zeichnet ein Schreckensbild mafiöser Clanbildungen.

Monir Ghaedi besucht für die NZZ die iranische Stadt Bushehr, die eine ganz besondere Tradition der Folkmusik hat. Dass diese wesentlich von afrikanische Sklaven beeinflusst ist, ist den meisten Einwohnern heute nicht mehr bewusst, dabei ist selbst die Musik für religiöse Feiern davon geprägt, erzählt Ghaedi: "Wir setzen uns zu drei älteren Männern auf eine Bank. 'Der schiitische Islam', erklärt einer, ... 'ist vor allem für seine Trauerrituale bekannt, aber hier in Bushehr feiern wir sie mit Musik und Aufführungen.' An Ashura, der großen Gedenkfeier für den Imam Hussein - einen Enkel des Propheten Mohammed, den die Schiiten als Märtyrer verehren -, treten große Ensembles mit traditionellen Instrumenten auf. Die Dammam-Trommel oder der Bugh, ein langes, spiralförmiges Blasinstrument, das aus Kudu-Hörnern gefertigt wird, sind eindeutig afrikanischer Abkunft."

Weitere Artikel: Im Standard spricht Karl Fluch mit Stefan Redelsteiner über den österreichischen Amadeus Music Award. Besprochen werden das neue Album von Mouse on Mars (Standard), Rins Album "Eros" (NZZ), ein Auftritt von Godspeed You Black Emperor (FR), Robert Görls "Paris Tapes" (Spex), ein Album mit Elton-John-Coverversionen (FR) und das neue Album des Unknown Mortal Orchestra (SZ).

Literatur

Im Interview mit der Zeit spricht Thea Dorn über ihr neues Buch "Deutsch, nicht dumpf" und plädiert für einen neuen deutschen Kulturpatriotismus, den sie links verortet: "Ich halte es beispielsweise für richtiger, wenn im Theater Goethes "Faust" als wenn eine Flüchtlingsperformance gegeben wird. Glaubt man der gängigen Sortierung, gehört eine solche Auffassung doch eher ins Portefeuille einer Konservativen. Mein zentrales Anliegen ist, das zu verteidigen, was in Europa in den letzten zweieinhalbtausend Jahren entstanden ist: die Idee eines mündigen, gebildeten, freien, emanzipierten Individuums. Und wenn wir uns klarmachen, dass diese großartige Idee weltweit immer noch eine Minderheitenidee ist und dass wir selbst dabei sind, sie zu verscherzen, dann stellt sich die Frage nach links oder rechts plötzlich neu."

Weitere Artikel: Der mexikanische, für seine Kriminalromane und Biografien bekannte Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II könnte mit etwas Glück im Wahlkampf Kulturminister der mexikanischen Hauptstadt werden, berichtet Wolf Dieter Vogel in der taz. Sabine Rohlf führt in der Berliner Zeitung durch das Programm des African Book Festivals in Berlin. Der Standard meldet mit APA, dass die von Skandalen erschütterte Schwedische Akademie erwägt, in diesem Jahr keinen Literaturnobelpreis zu verleihen.

Besprochen werden unter anderem Toni Morrisons Roman "Die Herkunft der anderen" (NZZ), Iris Murdochs "Ein abgetrennter Kopf" (Welt), Herman Kochs "Der Graben" (Tagesspiegel), Frank Schätzings neuer Thriller "Die Tyrannei des Schmetterlings" (Tagesspiegel) und Denise Minas "Blut Salz Wasser" (Zeit).
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Bühne

Gerhard Stadelmaier gratuliert in der FAZ dem "großartigen Gewaltschauspieler" Josef Bierbichler zum Siebzigsten.

Besprochen werden "Shakespeares Last Play" von Bush Moukarzel und Ben Kidd an der Berliner Schaubühne (Berliner Zeitung, nachtkritik) und Kirill Serebrennikows aus der Haft heraus geplante Inszenierung von Alexander Puschkins "Kleinen Tragödien" im Moskauer Gogol Center ("eines seiner härtesten, wildesten Stücke, das klassische Poesie mit Hiphop verflechtet", lobt Kerstin Holm in der FAZ die Inszenierung).

Kunst

Anlässlich einer Ausstellung im Hamburger Bucerius-Forum schreibt Ursula Seibold-Bultmann in der NZZ über den Einfluss afrikanischer Kunst auf die europäische Avantgarde in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Karl Schmidt-Rotluff habe afrikanische Kunst für die "übersinnlichen Kräfte" bewundert, die darin zum Ausdruck komme: "Obwohl er sich wie praktisch alle Künstler der Moderne für die ursprünglichen Funktionen afrikanischer Plastik kaum interessierte, lässt ein Gemälde wie 'Masken' (1938) eine transzendente Erfahrungsebene aufleuchten. Dabei drückt die hinten aufgestellte schwarz-rot-goldene Maske von der afrikanischen Loango-Küste erschöpfte Resignation aus, während weiter vorne eine zinnoberrote Anhängermaske aus Papua-Neuguinea wie ein Kobold ohne Beine durch die beklemmende Szene geistert. Es war mutig, in einer Zeit des Rassenwahns solche Bilder zu malen."

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung mit Fotografien von Heidi Specker im Kunstmuseum Bonn (FAZ).

Design

Luigi Colani (Webseite) war mal so etwas wie der Klaus Kinski des Wohn- und Industriedesigns: Allgegenwärtig und von der Erhabenheit seiner Werke lautstark überzeugt. Heute lebt der 89-Jährige in China, in Deutschland sind seine Arbeiten seit geraumer Zeit kaum mehr gefragt und auch ein bisschen in Vergessenheit geraten. Für das Zeit-Magazin hat Matthias Stolz ein trauriges Gespräch mit dem gefallenen Engel geführt, das sich wie eine Art Resümee eines Lebens liest: "'Ich war ein einsamer Kreativer. Ich habe die größten Konzerne der Welt beraten. Die Aufgaben, die sich mir stellten, konsumierten alles. Mein privates Leben fand nicht statt, den Kontakt zu meinen Kindern konnte ich nicht halten. Die vielen Ideen waren das Resultat meiner Einsamkeit. ... Wissen Sie: Ich habe niemanden mehr, der aus meiner Zeit noch lebt und mit dem ich noch Kontakt hätte. Ich hatte Mitarbeiter, aber die habe ich nach einer Zeit weggeschickt, oder sie sind von selbst gegangen. Es hat nie lange gehalten.'"

Besprochen wird die Ausstellung "Fashioned from Nature" im Londoner Victoria and Albert Museum (Zeit).
Stichwörter: Colani, Luigi