Efeu - Die Kulturrundschau

Postglamouröse Selbstminimierung

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22.03.2018. Die FR feiert Sara Jakubiaks erlesenen Auftritt in Erich Wolfgang Korngolds Oper "Wunder der Heliane". Die SZ lobt Alexander Schimmelbuschs in der deutschen Hochfinanz angesiedelten Roman "Hochdeutschland" als den politischen Roman zur Zeit. Der Standard lehnt erste Gedichte einer mit Goethe und Schiller gedopten künstlichen Intelligenz ab. Die Filmkritiker sind baff angesichts des After-Herbert-Achternbusch-Bombeneinschlags in Josef Bierbichlers Regie-Debüt "Mittelreich". Die Zeit hört Andris Nelsons mit Bruckner ins Nichts galoppieren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2018 finden Sie hier

Bühne


Sara Jakubiak in "Das Wunder der Heliane", Deutsche Oper Berlin. Foto © 2018, Monika Rittershaus

Judith von Sternburg gibt in der FR eine kleine Einführung in die Hintergründe von Erich Wolfgang Korngolds Oper "Das Wunder der Heliane" um dann Christof Loys Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin als wahres "Meisterwerk" zu feiern: "Loy arbeitet ganz im Sinne Korngolds auf die zentrale Szene der gesamten Oper zu: Den Auftritt der mitleidigen Königin beim (wegen Verbreitens von Freude) zum Tode verurteilten 'Fremden'. Das ist die Sopranistin mit der überirdischen Stimme, das ist überhaupt die überirdische Sopranistin, und Sara Jakubiak übernimmt die Rolle als große Sängerdarstellerin, die sie schon in der Frankfurter 'Passagierin' war. Sie trägt ein weißes Abendkleid (nicht gotisch, wie vorgesehen, aber erlesen) und hat gelbleuchtenden Wein dabei, der eine Ausstrahlung hat wie das Glas Milch in 'Verdacht'. Loy lässt das auskosten, die Schönheit der Frau, aber vor allem ihre unexaltierte Zuwendung, ihr Mitleid, das sich in ihrem Gesicht, dem Gesicht einer kitschfreien Heiligen spiegelt". Und FAZ-Kritikerin Christiane Wiesenfeldt sah ein "sündig-süffiges Wunder".

Weitere Artikel: Im Logbuch Suhrkamp erzählt der Theaterautor Dominik Busch von seiner Russlandreise. In der nachtkritik erklärt Sabine Leucht, warum München eine Vervierfachung der Fördermittel für die Freie Szene braucht. In der taz singt Sascha Ehlert ein Loblied auf das Berliner Theater "Heimathafen Neukölln", das zwar keine Theateravantgarde bietet, die "weiße Mittelschicht" aber zum Konsum migrantischen Theaters lockt. In der NZZ erinnert Michael Stallknecht angesichts der Levine-Affäre daran, dass Künstlerzirkel auch schon früher für ihre "gemeinsam gelebte Sexualität" berüchtigt waren. In der FAZ inspiziert Gina Thomas die neue politische Korrektheit an britischen Theatern.

Besprochen werden Ives Thuwis' Choreografie "What we are looking for" am Jungen Theater Basel (NZZ) und Nicolas Briegers Inszenierung von Lessings "Nathan, der Weise" am Staatstheater Wiesbaden (FR).

Literatur

Von großen Bauchschmerzen wird der Schriftsteller Norbert Gstrein geplagt, wenn er sieht, wie im Zuge der Tellkamp-Debatte die Bücher des Schriftstellers nochmal zur Hand genommen werden, um sie nach Indizien für eine rechte Gesinnung durchzusehen: "Am Ende ginge es bei dieser Art zu lesen darum, die Literatur ihrer Literaturhaftigkeit zu entkleiden und den Autor mit dem, was er angeblich wirklich gemeint hat und nur wirklich gemeint haben kann, vorzuführen", schreibt Gstrein in der NZZ. "Ästhetische Bemühungen wären dann nichts anderes als ein Versuch, eine Lüge vor einem Tribunal zu kaschieren und die Beweisaufnahme zu behindern, mit dem Schriftsteller als Delinquenten, der dazu noch so dumm ist, nicht von seinem Schweigerecht Gebrauch zu machen, und sich zu seinem eigenen Verderben um Kopf und Kragen rede."

"Frostiges Ennui": Alexander Schimmelbuschs in der Welt der deutschen Hochfinanz angesiedelter Roman "Hochdeutschland" ist für Jens-Christian Rabe "der politische Roman zur Zeit". Für den SZ-Kritiker ist dieses Buch "im besten und cleversten Sinn so etwas wie eine deutsche Antwort auf Michel Houellebecqs vor drei Jahren erschienenen dystopisch-satirischen Roman 'Unterwerfung'. ... 'Hochdeutschland' bringt am Ende das Kunststück fertig, gleichzeitig der Traum und die Horrorvision jedes besorgten Gutbürgers zu sein.

Im Standard winkt Ronald Pohl müde ab nach Lektüre des von einer Künstlichen Intelligenz verfassten Gedichts "Sonnenblicke auf der Flucht": Effekte mache es nur, "wenn man lyrisches Schreiben als Aneinanderreihung willkürlicher Effekte versteht. Als Erzeugen von Wirkungen, die man sich als umso befremdlicher vorzustellen hat, als ihr Sinn 'dunkel' zu sein hat. Jedes Kind weiß, dass Poesie sich seit alters her - warum auch immer - uneigentlich ausdrückt, geschraubt und verblasen. Selbst ihre Besten, Goethe und Schiller, konnten es einfach nicht einfacher sagen. Zum banausischen Aspekt des Experiments gehört übrigens, dass der künstliche Dichter mit Wortmaterial der beiden Weimarer Klassiker gedopt worden ist."



Für ihre Lyrik-Kolumne Tagtigall beim Perlentaucher arbeitet sich Marie Luise Knott durch die Lyrik-Empfehlungen 2018 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und des Hauses für Poesie: "Die empfohlenen Bücher beeindrucken; die Auswahl ist so heterogen wie das poetische Schaffen."

Weitere Artikel: Online nachgereicht, plaudert Wieland Freund in der Welt mit Michael Chabon über dessen Fake-Memoir "Moonglow", in dem der Autor die vermeintliche Biografie seines Großvaters erzählt, der den Nazis die V2-Pläne abgeluchst haben soll. Im Blog Hundertvierzehn des Fischer Verlags berichtet Lektorin Cordelia Borchardt von Sabine Weigands Reise zur Universität in Stanford.

Besprochen werden unter anderem Karosh Tahas "Beschreibung einer Krabbenwanderung" (FR), Josefine Rieks' "Serverland" (Spex), Hans Pleschinskis "Wiesenstein" (Tagesspiegel), Paul Theroux' "Mutterland" (SZ), Klaus Modicks "Keyserlings Geheimnis" (Welt), Tom Hillenbrands Thriller "Hologrammatica" (Standard) und Thomas Hettches Essayband "Unsere leeren Herzen" (FAZ).

Film


Zwei Herren im Anzug

Schier baff ist Dominik Graf nach Josef Bierbichlers Regie-Debüt, den auf seinem Roman "Mittelreich" beruhenden Anti-Heimatfilm "Zwei Herren im Anzug": Das "ist wahrlich ein After-Herbert-Achternbusch-Bombeneinschlag ins Kino der Berliner Republik, der sich gewaschen hat", schreibt er in seiner von der FAS online nachgereichten Besprechung. "Es ist die Tradition einer konvulsivisch sich aus dem bayrischen Inneren entwunden habenden, extrem vertrackt herausgezwängten Sprache ... Und dieses Dialekt-Idiom evoziert, infiziert dann das filmische Bild. Bei Achternbusch, bei Fassbinder war's so, bei Bierbichlers kunstvollem Bauernschrank von einem Film nun auch. Diese Poesie, diese Szenen brauchen den verbissenen industriellen Neo-Professionalismus des deutschen Kinos nicht. Im Gegenteil, sie kreieren fast aus dem Ärmel geschüttelt eine kraftvolle Gegenrede zur gängigen filmischen Erzähl-Rhetorik." Für die taz bespricht Barbara Schweizerhof den Film.


Margot Robbie als White-Trash-Eiskunstläuferin Tonya Harding

1994 soll die aus der amerikanischen Unterschicht stammende Eiskunstläuferin Tonya Harding ihre Konkurrentin mit einem Anschlag außer Gefecht gesetzt haben - für den Sport wurde sie auf ewig gesperrt und in Folge weltberühmt. Mit "I, Tonya" hat Craig Gillespie diese Geschichte jetzt mit Margot Robbie in der Hauptrolle verfilmt - und zwar im 90s-Retrostyle a la "Pulp Fiction", wie Toby Ashraf in der taz genervt feststellt: "Das inszenatorische Augenzwinkern des Films wirkt irgendwann so penetrant, dass man wie Hauptdarstellerin und Produzentin Margot Robbie beim Lesen des Drehbuchs nicht auf die Idee kommt, dass es sich hier irgendwie doch um eine wahre Geschichte handeln könnte." Marlen Hobrack weiß auf ZeitOnline nicht, ob sie sich mit Harding nun feministisch solidarisieren soll oder lieber nicht. Vor allem staunt sie über "die verblüffende Fähigkeit des Rednecks, immer wieder aufzustehen, egal wie oft er fällt. Arschbacken zusammenkneifen und weitermachen!" Diese Heldin "fügt dem Reigen der weiblichen (Anti-)Heldinnen eine neue Facette hinzu: Ihre Bösartigkeit ist weder lustvoll noch therapierbar. Sie ist alternativlos. Sie formt ihr eigenes Genre Frau. Eat this, Wonder Woman!"

In der Welt bringt Jan Küveler ein paar Hintergründe dazu, dass Margot Robbie, vor einigen Jahren in Martin Scorseses "Wolf of Wall Street" noch als Trophäenfrau für Leonardo di Caprio eingesetzt, den Film selbst produziert hat. Das ist "quasi vorbildliche Emanzipation: in wenigen Jahren raus aus der formelhaften Klischeereduzierung auf das Heiße-Blondinen-Hafte, hin zur Leading Lady und Strippenzieherin hinter den Kulissen."

Weitere Artikel: Gregor Dotzauer liest für den Tagesspiegel das neue Schreibheft, in dem es um Graham Greenes Filmkritiken geht. Wenn Disney aus "Star Wars" nun auch noch eine TV-Serie macht, diffundiert die Weltraum-Saga endgültig in einen intermedialen, nie fertigstellbaren Erzählkomplex, erklärt Felix Simon in der NZZ. Ole Schulz empfiehlt in der taz das Berliner Fußballfilm-Festival 11mm, das sich in diessem Jahr in einem Schwrpunkt mit dem Thema "Fußball und Macht" befasst. Uwe Killing plaudert für die Berliner Zeitung mit Benno Fürmann.

Besprochen werden Joachim Triers Coming-Of-Age-Film "Thelma" (taz, SZ), eine Ausstellung zu Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt (FR), Martin Farkas' Dokumentarfilm "Über Leben in Demmin" (Berliner Zeitung), Fréderic Bonnauds von Arte online gestellte Doku "Kinogeschichten: Sexgeschichten" (FR) und die ebenfalls bei Arte gezeigte Dreiecksgeschichte "Ich liebe Euch" von Clément Michels (FAZ).
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Kunst

Charles Atlas: Scary, scary...
Besprochen werden die Ausstellung "Scary, Scary, Community Fun, Death" des 70-jährigen Videokünstlers Charles Atlas im Züricher Migros Museum ("Da gibt es nichts von Routine, nichts von Ich-weiß-schon-wie-das-geht", staunt Thomas Ribi in der NZZ), "Power to the People", eine Ausstellung mit Statements politischer Kunst in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt (FR), die Ausstellung "Josef Stoffels: Die Steinkohlenzechen - Fotografien aus dem Ruhrgebiet" im Ruhr Museum in Essen (FAZ), die Bruce-Nauman-Ausstellung im Schaulager Basel (Zeit) und eine Ausstellung zum 100. Todestag des Architekten Otto Wagner im Wien Museum (SZ).
Stichwörter: Ruhrgebiet, Wagner, Otto

Musik

Andris Nelsons hat leider nicht die Berliner Philharmoniker bekommen und ist darum jetzt Chefdirigent des Gewandhausorchesters. Christine Lemke-Matwey schreibt für die Zeit ein launiges Porträt. In einem Konzertmarathon zum Start dirigierte er auch Bruckners Siebte - und sie war einverstanden: "Diese Siebte - und wahrscheinlich macht sie das in einer Weise modern, die man sich erst richtig zu Gemüte führen muss - bedenkt das Sinfonieganze weniger als Ganzes, sondern feiert die Hingabe ans Detail, den Augenblick. Es muss nicht alles in der Musik eine Funktion haben und begründet werden, sagt Nelsons' Lesart, ein Adagio kann ruhig einmal für sich singen, ein Reitermarsch-Scherzo darf auch ins Nichts galoppieren."

Hier kann man ihn immerhin mit seinem neuen Orchester und Beethovens Neunter hören:



Kylie Minogue hat ihre Lebens- und Schaffenskrise überwunden, sich als Countrysängerin neu erfunden, ein neues Album namens "Golden" aufgenommen und dieses im Berliner Berghain präsentiert. Jens Balzer (Zeit online) hat das Konzert gehasst: Es "überwog der Eindruck eines bizarren Dilettantismus und des Rückzugs in eine postglamouröse Selbstminimierung, aus der nun aber keine neue Größe entsteht, sondern lediglich der Eindruck einer unguten Schlaffheit." Gnädiger fällt Johannes von Weizsäckers Verdikt in der Berliner Zeitung aus: Bei Minogue "vermischte sich (...) aufs Interessanteste eine kirmesmusikhafte Plünderungs- und Wegwerfhaltung mit der Authentizität, die nur eine Pop-Ikone wie Kylie ausstrahlen kann." Von einem dankbar feiernden Publikum berichtet Juliane Liebert in der SZ: Das Konzert machte den Eindruck, "als sei Kylie eine Geigenschülerin im zweiten Jahr, das komplette Berghain ihre Eltern und der Abend ihr erstes Klassenvorspiel. Kylie, wir sind alle so stolz auf dich."

Weitere Artikel: In der NZZ fasst Michael Stallknecht die Recherchen des Boston Globe zum Levine-Skandal zusammen (unser Resümee hier). Stephanie Grimm wappnet sich in der taz für die 30-stündige Abschlussveranstaltung der Berliner MaerzMusik. Für Pitchfork plaudert Jazz Monroe mit Jenny Hollingworth und Rosa Walton von Let's Eat Grandma, die sich mit ihrem zweiten Album von ihrem Teenager-Image emanzipieren wollen. Hier ein aktuelles Video:



Besprochen werden ein von Philippe Herreweghe dirigiertes Bach-Konzert des Collegiums Vocale Gent (FR), Alva Notos "Unieqav" (Skug), Jewgenij Kissins Beethoven- und Rachmaninow-Konzert in Berlin (Tagesspiegel) und das neue Kim-Wilde-Album "Here Come The Aliens" (FR).