Tagtigall

Tee mit Sonne

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
21.03.2018. Die Liste der Lyrik-Empfehlungen 2018 der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, dem Münchener Lyrik-Kabinett und dem Berliner Haus für Poesie ist erschienen und wird heute, zum Welttag der Poesie, in den Buchhandlungen ausgestellt. Einige Bände herausgegriffen
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Die Poesie hat es schwer hierzulande. Immer noch. Zur Ausweitung ihrer Einflusszone erscheint alljährlich die Liste der Lyrik-Empfehlungen, initiiert von der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, vom Münchener Lyrik-Kabinett und vom Berliner Haus für Poesie. Darin empfehlen Lyrikerinnen und Lyriker, Kritikerinnen und Kritiker je zwei Gedichtbände, einen in deutscher und einen in übersetzter Sprache. Allein schon so mancher Titel verzaubert,  etwa Ann Cottens "Jikiketsugaki. Tsurezuregusa" oder Herbert J. Wimmers "Kleeblattgasse Tokio".

So zufällig die Liste sein mag - die empfohlenen Bücher beeindrucken; die Auswahl ist so heterogen wie das poetische Schaffen; Nachdichtungen des Minnesangs ("Unmögliche Liebe", mehr in der Tagtigall vom 17.10.17) finden sich ebenso wie der kleine Band "Reibungen" der mexikanischen Dichterin Mariela Guerrero. Jeder Band ist ein Solitär und die Liste eine Fundgrube.


I Vom Fluss

Durch die Empfehlungsbegründungen der deutschsprachigen Liste geistert in diesem Jahr das Bild von Wasser und Fluss: Kristina Maidt-Zinke etwa, die Nico Bleutges "nachts leuchten die Schiffe" empfiehlt (mehr in der Tagtigall vom 18.5.17), schreibt, Bleutge lasse seinen Sprachfluss durch unterschiedliche Materialspeicher strömen, reichere ihn mit Echos und Resonanzen an, verfeinere und intensiviere diesen. Uljana Wolf notiert einen "verstörend liquiden Seinszustand" in Paul-Henri Campbells "nach den narkosen", und Michael Braun sieht die Gedichte in Jürgen Nendzas "Picknick" aus Luft und Wasser gewebt. Tatsächlich hat die Lyrik außersprachliche Quellen, speist sich aus der Natur, durchströmt den Lauf des Lebens und weiß um jähes Versiegen oder Versickern. Und wie ein Bach / Fluss / Strom transportiert auch jedes Gedicht unsichtbare Ingredienzen - Erinnerungen, Rhythmen, Mythen und Klänge.

Von einem ganz realen Fluss handeln die von Marion Poschmann empfohlenen "42 Ansichten zu Warten auf den Fluss" der Dichterin Barbara Köhler. Der Fluss, um den es ihr geht, ist die Emscher, die einstige "Kloake des Ruhrgebiets". Nach dem Niedergang des Kohleanbaus begann die Sanierung der Region. Seit 2008 engagiert sich die niederländische Künstlergruppe OBSERVATORIUM an der Emscher. Sie errichtete Pavillons und lud Künstler ein, dem Warten beizustehen: Warten auf den Fluss.

2016 verbrachte Köhler drei Monate an der Emscher, tauschte sich dort aus mit den Anwohnern. "Es war einmal ein Fluss", schreibt sie, "der in weiten Mäandern durch Bruchwälder und Wiesen schlängelte, durch Auen wo Pferde weideten, die Emscherbrücher Dickköppe hießen." Im frühen 20. Jahrhundert wurde die Emscher kanalisiert. Der Steinkohleabbau verwandelte die Region in eine "mit lauter Abwörtern: mit Abraum, Abwasser, Abgasen, Abfällen der Produktion, von der anderswo nur die Produkte ankamen". Später kamen Abwicklungen und Abfindungen hinzu. Nun beginnt der Rückbau, in Köhlers Worten "Lasst uns einen Fluss baun von Menschen Gnaden."

Köhlers lyrische Prosa ist formstreng gestaltet, auf den weißen Buchseiten finden sich jeweils 9 volle Textzeilen. Mittig gesetzt. Das derart geformte Sprachbett, das den Band durchströmt, bietet den Wörtern umso mehr Freiheit, miteinander in Bewegung zu kommen - auf gemeinsamem Grund.

"WIR HABEN GEWARTET: wij hebben gewacht" beginnt der Band. Jeder Blick eine andere Warte. Geduldig macht sich die Sprache fremd, denn von jeher mischen sich an der Emscher Völker und Kulturen. Aus dem deutschen "hier" etwa wird das französische "hier" - das gestern meint. Köhlers Erkundungen des Wartens sind von hoher Konzentration; "Sätze bauen, die den Blick verändern" ihr poetisches Programm. "Ein mit einander gebrochenes Sprechen, Schweigen, ein halb Festes, halb Flüssiges, vage. Sehn, wie das wächst, wie es lebt, wie es sein kann, werden, worden, wird es wie Wörter zu Worten: de woorden."

Durch die Verdichtungen lösen sich Welterklärungsversuche auf, wird die Welt wieder eine geteilte. Eine erwartete. "Warten, bis sich Wörter lose verbinden, verbünden, ins Flimmern geraten, ins Schwingen, ins Schwimmen, Driften, bis sie aufhörn, Feststellen zu sein und zu wollen." "Feststellen" aber sind fixe Punkte oder Orte. Sie geben Zuflucht und trennen zugleich. Wenn die Rotterdamer Künstler im Nachwort ihrerseits konstatieren, Barbara Köhler habe den Wortschatz des Ruhrgebietes erweitert, dann ist das Konzept aufgegangen: Kunst kann gerade dort, wo sie auf ihre eigenen Mittel baut, große politische Wirkung entfalten.  


II Von Hegemonien

Viel Fremdes findet sich auf der Liste der übersetzten Empfehlungen: vom Minnesang, über Dibbuks, Bilder aus Mexiko und Griechenland. "Irgendwann einmal [...] einten die Sprachen die Menschen [...]. Heute haben sie ihre Vergangenheit betrogen, dienen der Sache der Feindschaft und teilen die vielsprachige Menschheit in Wortmärkte, (....). Jede Form dieses klingenden Geldes strebt die Herrschaft an, und auf solche Weise dienen die Sprachen der Spaltung der Menschheit und führen Schein-Kriege", notierte einst Welimir Chlebnikow. Übersetzungen transponieren das Fremde und untergraben nicht zuletzt nationale Fixierungen und Hegemonien. Catherine Hales etwa nimmt in dem Band "08/15 - hegemonien" formal wie inhaltlich Bruchstellen der Gesellschaft ins Visier und erzählt mit Präzision und Intensität von einer zerborstenen Welt, die "fast völlig von politischen Doktrinen durchwirkt" ist, wie Michael Braun in seiner Empfehlung konstatiert.  

das gemeinwesen wird ausverkauft an den höchst
bietenden     strategiewechsel     münzen brechen aus
gruben und gräben ergießen sich richtung geschichte     unbeeindruckt


beginnt ein Gedicht und es endet mit dem Satz "man sieht nichts /vor lauter Daten     die Bären verhalten sich zusehends anders". Hales Dichtung, von Konstantin Ames überzeugend übersetzt, bleibt Fragment.

Mit Hegemonien und Doktrinen spielte auch, wenngleich auf eigene Weise, "ich lebe ich sehe" des russischen Konzeptdichters Wsewolod Nekrassow (1934-2009). Während Chlebnikovs Avantgarde auf der Suche nach einer Sternensprache aus den Elementarteilen der Sprache eine Erneuerung suchte, ging es Nekrassow, so die Übersetzer Günther Hirt und Sascha Wonders, um eine Rettung der bestehenden Sprache. Mit großer Leichtigkeit, in der Witz und Ernst verschmelzen, inszeniert er die Bedrohung eines Lebens zwischen gesellschaftlichen Phrasen, was die Übersetzung aufs Herrlichste wiedergibt.

Stalinisten
Hitleristen
Satanisten!
Erster Preis!
Zweiter Preis!!
Dritter Preis!!!

Und was keiner weiß
Terroristen

Geboren bin ich
In der Sowjetunion
Gemacht wurde ich
In der UdSSR
(Und bin zur Konkurrenz nicht fähig
Ruhm mir
Und der KPdSU)


Im Umgang mit Ikonografie und Insignien des sozialistischen Realismus finden sich bei Nekrassow Verwandtschaften mit den Werken seines Malerfreundes Erik Bulatow, dem er auch ein Gedicht gewidmet hat. Sprachlich setzt Nekrassow wie die Parolen selbst auf Wiederholung, Alliteration und Binnenreim.

Morgens gibt es bei uns
Tee mit Sonne

Zur Nacht -
Milch mit Mond

Und in Moskau Elektrizität
Mit Sprudelwasser

Je öfter man die Gedichte liest, desto mehr verdunkeln sie das Evidente, bringen die Rätsel des Daseins ans Licht.


III Etwas fehlt

"Sterbend überschreiten wir Grenzen, die wir als Flüsse glauben, gehen hinüber: über die Styx, den Jordan, die Wupper, das Meer", liest man bei Barbara Köhler. Um solch einen Fluss geht es in dem auf der Empfehlungsliste nicht vorhandenen Gedichtband "Tarkowskis Pferde" der dänischen Dichterin Pia Tafdrup. "Eurykide, Erinnerungen, Eruptionen." Mit diesen drei "E"s sind gleich im Intro des Bandes die Grundmomente des Großzyklus verwoben. Das "Eurydike hatte ein Leben, ehe die Schlange zubiss", klingt trotzig. Im Band selbst steht das Leben des Vaters und mit dem Vater im Zentrum, der im Alter an Demenz erkrankte und um dessen Tod das lyrische Ich trauert. Ein Buch der Erinnerung, gegen die Erinnerungslosigkeit.

Wie Orpheus will das Ich durch die Schönheit der Verse den Toten aus dem Totenreich noch einmal zurückerzählen. Keine neue Idee, möchte man einwenden: doch die Szenen des Verlustes sind einfühlsam und Tafdrups poetische Sprache kann sich in ihrer Einfachheit Zonen des Fühlens und Wahrnehmens erobern, die dem Denken spontan nicht zugänglich sind. Existenzielle Fragen schwingen hinein. Eines der Gedichte erzählt, wie der Vater ihr als Kind abends vor dem Schlafengehen "Sternenstaub und Mondsand" in die Augen streute. "Mein Vater konnte so erzählen, dass ein Blinder unter der Glocke der Dunkelheit einen Regenbogen hätte sehen können", heißt es dort. In einem anderen Gedicht, das in der Kindheit beginnt ("Mindestens eine Wunde hat der Körper immer", sagt der Vater, als sie, vierjährig, mit einer Schramme nach Hause kommt), endet mit "Es tut weh", dem letzten Satz ihres Vaters auf dem Sterbebett. Bisweilen ist die Trauer unermesslich: "Ich bewege mich umher in einem Schattenreich aus keinem Vater. .... Vielleicht klopft etwas an eines Tages, und läßt sich selbst herein." Bei solcher Klage bleibt Pathos nicht aus.

Um die Brüchigkeit der Wahrnehmung auch innerhalb des Gedichtes formal abzubilden, bricht Tafdrup die Zeilen auf. Die Welt der Erinnerung, sie ist nicht nur aus Wörtern, Klängen und Bildern gemacht, sondern auch aus Lücken, Schweigen und Leere, die Tafdrup mit der Sprache behutsam umkreist, um dem Abwesenden, nicht zuletzt den Traumata der NS-Zeit, etwas Anwesenheit abzuringen. Denn der Vater war ein aus Deutschland geflohener Jude.

Der Band "Tarkowskis Pferde" ist Teil einer Tetralogie, die das Drama des menschlichen Daseins befragen. Die anderen Bände ("Wale in Paris", "Kompass der Zugvögel", "Salamanders Sonne") kreisen um Reisen, Liebe und Begehren, sowie das Leben der Mutter. Immer fließen Mythen und Erinnerungen hinein. Wir sind nicht allein auf der Welt. Auf Deutsch liegen bislang nur die "Pferde" vor. Jetzt sind wir auf Wale, Vögel und Salamander gespannt.


***

Am 21. März ist Welttag der Poesie. Die beteiligten Buchhandlungen finden sich hier. Darunter auch alle beteiligten Bibliotheken.

Am 12. April werden die Lyrikempfehlungen noch einmal vorgestellt, um 19 Uhr im Berliner Haus für Poesie.

Alle empfohlenen Bücher finden sich hier.

Hier noch ein Gedicht von Wsewolod Nekrassow: 

Mond Mond
Mond Mond
Mond Mond
Mond Mond

Wie du da hängst

Wer hängt denn so
Wie du da hängst

Hängt man denn so



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