Efeu - Die Kulturrundschau

Wird das unsere Zukunft sein?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.03.2018. Die taz lernt von Ydessa Hendeles in der Wiener Kunsthalle, dass der Widerstand gegen Toleranz und Aufklärung nicht da ist, sondern erzeugt wird. Die NZZ ersehnt in Ljubljana die nächste Le-Corbusier-GenerationSpOn bemerkt, dass der zunehmend hektische Filmfestivalbetrieb zunehmend ins Leere läuft. Die SZ erkennt in der Debatte um Uwe Tellkamp die Tücken der Diskursdebatten. Außerdem befindet sie: Wir müssen Miles Davis neu hören
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2018 finden Sie hier

Literatur

Tellkamp-Debatte, dritte Runde. Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer warnte vor einer "schon wieder beginnenden Stigmatisierung" des Suhrkamp-Autors, der vergangene Woche bei einer Diskussionsveranstaltung mit politischen Positionen in Sichtnähe zum Rechtspopulismus aufgetreten ist. Kretschmers Reaktion sei "weinerlich", meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Es "ist inzwischen zu einem Ritual geworden, nach Kritik an den Rechten und der AfD sowie denen, die dieser Partei und ihrer Politik nahestehen, lauthals Formeln wie 'Unterdrückung der Meinungsfreiheit', 'das Ende der Debattenkultur' und, wie Tellkamp das auch getan hat, die einer 'Gesinnungsdiktatur' in den Diskussionsraum zu stellen. Ein Ritual, das sich jedwede Kritik gleich vorab verbittet."

"Warum diese ganze Empfindlichkeit", fragt sich auch Johan Schloemann in der SZ angesichts dessen, dass insbesondere Suhrkamps Distanzierungs-Tweet so viele Energien freigesetzt hat, und glaubt, dass sie daher rühre, dass "hier das liberale Dilemma berührt ist, dass es einfach Grenzen zwischen Meinung und Ressentiment, zwischen konservativen politischen Positionen und Wahnsystemen gibt - dass aber bloß keiner der sein weil, der solche Grenzen definiert. ... Nur führt diese feine Angst vor dem Richtertum dazu, dass es doch wieder nur um Diskursdebatten geht und nicht um die Sache - exakt das aber ist die Strategie der Ressentimentparteien."

Zurück zur schönen Literatur: Gregor Dotzauer reist für den Tagesspiegel nach Rumänien, um sich ein Bild von der etwas deprimierten Lage des Gastlandes der Leipziger Buchmesse zu machen: "Rumänien, sagt Mircea Cărtărescu, ist ein Land, in dem man sich jeden Tag fragt, ob man bleiben oder gehen soll." Außer sich vor Glück ist Oliver Jungen in der FAZ, nachdem er bei der LitCologne die Veranstaltung mit Michael Faber besucht hat, der dort seinen neuen Roman "Das Buch der seltsamen Dinge" vorgestellt hat. Für den Freitag sammelt Mladen Gladic stolze Zitate der Autoren des von Hildegard Kernmayer und Simone Jung herausgegebenen Bandes "Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur". Die FAZ dokumentiert Dietmar Daths Dankesrede zum erstmalig verliehenen Günther-Anders-Preis. Laudatio, Dankesrede samt anschließender Diskussion sind vom ORF auf Facebook dokumentiert.

Besprochen werden Georg Kleins "Miakro" (taz), Esther Kinskys "Hain" (FR), Johann Scheerers "Wir sind dann wohl die Angehörigen" (Zeit), Thorsten Nagelschmidts "Der Abfall der Herzen" (taz), Deborah Levys "Heiße Milch" (SZ), Rita Indianas "Tentakel" (Freitag), Garry Dishers Thriller "Leiser Tod" (Standard), Martin Mosebachs "Die 21 - Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer" (NZZ) und Nell Zinks "Nikotin" (FAZ). Außerdem bringt die SZ ihre Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen auswerten.

Musik

Ein großartiges, erhellendes Dokument stellt das eben veröffentlichte Live-Album "The Final Tour 1960" von Miles Davis und John Coltrane dar, erklärt Karl Bruckmaier in der SZ, der anfangs noch skeptisch war, ob aus dieser Phase überhaupt noch etwas zu holen sei, was nicht schon gesagt und bekannt sei. Doch das Album überzeugt den Kritiker gerade in seiner Janusköpfigkeit und als Zeugnis des Streits zwischen Coltrane und Davis: "Wir müssen Miles Davis hier neu hören, als hätten wir ihn noch nie gehört. Gerade hebt er an, tatsächlich als Über-Miles hörbar und sichtbar zu werden. ..  Fast nebenbei hören wir auch wie Vergangenheit, etwa in Gestalt von 'Green Dolphin Street' abtreten muss, wie das von Miles Davis skizzierte Jazz-Paradies - denn dies war und ist es - in unserer grauen Welt des Jahres 1960 materialisiert. Ein Wunder. Kunst ist uns geboren. Aus plumpem Streit und erhabener Kunstfertigkeit."

Weitere Artikel: Für die SZ plaudert Torsten Groß mit David Byrne über dessen neues Album "American Utopia" und gesellschaftliche Schieflagen. Ingo Salmen schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Surf-Rock-Gitarristen Nokie Edwards. Achim Heidenreich gratuliert in der FAZ dem Komponisten Hans-Joachim Hespos zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Lucy Dacus' neues Album "Historian" (Tagesspiegel), ein Konzert des Bruckner Orchesters Linz unter Markus Poschner (Standard), ein Gianna-Nannini-Konzert (FR) und ein Auftritt von Franz Ferdinand (NZZ).

Kunst


Ydessa Hendeles. Death to Pigs, Kunsthalle Wien 2018, Foto: Stephan Wyckoff

Völlig berauscht kommt taz-Kritikerin Brigitte Werneburg aus der großen Retrospektive, die die Kunsthalle Wien der kanadischen Künstlerin Ydessa Hendeles widmet. Hendeles arrangiert Objekte aus verschiedenen Epochen und fügt historische Forschung und zeitgenössische Fabel zu verwunschenen Szenarien, die Zugehörigkeit und Ausgrenzung thematisieren: "Machtdynamiken über Zuschreibungen und Stigmatisierungen, statt Toleranz und Aufklärung, sind nicht einfach in der Welt, sie werden erzeugt. Gerade wenn wir heute beobachten, wie ehemals fortschrittliche linke Konzepte plötzlich als reaktionäre rechte Praxis wiederkehren, faszinieren Ydessa Hendeles' komplexe Visualisierungen zur Dialektik sozialer Entwicklungen. Das beginnt schon mit der Eingangsinstallation 'Veronica's Veil/Tigers' Tale' (2016-18), die in zwei Narrativen das Wundersame heraufbeschwört. Für die Erwachsenen ist das der Gesichtsabdruck Jesu und für die Kinder der Spaziergang des 'kleinen schwarzen Sambo' durch einen Dschungel voll hilfsbereiter Tiere."

Weiteres: taz-Kritiker Rald Leonhard würdigt, dass die Bildhauerin Rachel Whiteread, die mit ihrem Holocaust-Mahnmal am Wiener Judenplatz so viel Aggression auf sich gezogen hat, mit einer Retrospektive im Belvedere nach Wien zurückgekehrt ist.
Anzeige

Design

Der Modedesigner Hubert de Givenchy ist gestorben. Givenchy war einer der ganz großen französischen Couturiers, die der Moderne zugewandt waren. Berühmt wurde er mit seinen Kleidern für Audrey Hepburn, deren schmale Figur seinem geometrischen Stil vollkommen entsprach: "Das kleine Schwarze, knöchellange Hosen, Ballerinas - das war das Gegenteil der aufgedonnerten fünfziger Jahre und nahm die Sechziger stilistisch vorweg", schreibt Alfons Kaiser in der FAZ. "Die radikal moderne Schule Balenciagas und Schiaparellis bewahrte Hubert de Givenchy vor aristokratischem Pomp und der Schwere der alten Couture. Seine Kleider waren konstruiert, aber mit klarer Linie, kurz, aber nicht knapp, farbstark, aber nicht poppig. Er war also prädestiniert fürs Prêt-à-porter, zu dessen Begründern er neben Yves Saint Laurent zählt."

Für die Berliner Zeitung liest Susanne Lenz die Ergebnisse Sarah Wassermanns, die im DDR-Textilfundus des Berliner Museums Europäischer Kulturen geforscht hat.

Bühne

Echt münchnerisch findet NZZ-Kritiker Marco Frei  Antú Romero Nunes' Inszenierung von Verdis "Sizilianischer Vesper" an der Bayerischen Staatsoper, die über die reine Bebilderung kaum hinauskomme: "Auch scheint es, als misstraue man am Münchner Nationaltheater dem Intellekt, obwohl Sinn und Sinnlichkeit zusammengehören." SZ-Kritiker Reinhard Brembeck will nur Dirigent Omer Meir Wellber gelten lassen. In der FAZ ist Jan Brachmann geradezu traumatisiert vom eingeschobenen Ballett, das er als Mix aus Techno und Voodoo beschreibt.

Weitere Artikel: In der SZ schreibt Ulrike Schuster über die Missbrauchsvorwürfe, die mehrere Musikerinnen gegen den Dirigenten Gustav Kuhn, Gründer der Tiroler Festspiele in Erl, erhoben haben. Die New York Times meldet, dass Dirigent James Levine, gegen den ebenfalls Missbrauchsvorwürfe erhoben werden, jetzt endgültig von der Met gefeuert wurde.

Besprochen werden das Musiktheater-Stück "Whole Body Like Gone" im Berliner Radialsystem (Tagesspiegel) und das Ballett "Raymonda" mit Liudmila Konovalova an der Wiener Staatsoper (Standard).

Architektur

Jedes Jahr treffen sich in Ljubljana Architekten und Urbanisten zur Future Architecture Platform. In der NZZ hätte sich Manuel Müller auf diesem Forum allerdings noch viel mehr und weitgreifendere Ideen gewünscht: "Im Alltag sehen sich die jungen Architekten eingeschränkt von den üblichen Problemen. Sie reden von ökonomischen Zwängen, Willkür der Bauherren, ideenloser Ausbildung und mangelnder Kreativität. Dem versuchen sie ihre netten, aber ziemlich bescheidenen Ideen entgegenzuhalten: Blockchain-basierte Eigentumsverhältnisse preisen sie als Mittel gegen die Gentrifizierung. Industriebrachen wollen sie mit Happenings beleben, sie bauen Apps für die lokale Selbstversorgung mit Strom, zielen auf den Amateurhandwerker, der mit Youtube baut. Wird das unsere Zukunft sein?"

Film

Warum verpufft eigentlich die Wirkung aller Filmfestivals und deren Aufreger immer so rasant, sobald sie zu Ende sind? In seiner Vierteljahreskolumne zum Filmbetrieb auf SpOn hat Frédéric Jaeger einen möglichen Grund dafür identifziert: Die akkreditierten Fachbesucher schauen immer weniger Filme, 2017 nämlich im Schnitt weniger als acht Filme - während es 2006 im Schnitt noch etwa dreizehn Filme waren. "Wenn diejenigen, die dafür zuständig sind, die Werke übers Jahr ans Publikum in ganz Deutschland, in andere Länder und auf andere Plattformen zu bringen, in Berlin immer weniger Filme sehen, dann heißt es notgedrungen: Die unter größtem Aufwand (und mit vielen Millionen aus dem Kulturhaushalt des Bundes) betriebene Arbeit des Festivals läuft zunehmend ins Leere."

Außer "Traumschiff" nix gewesen? Von wegen: Für Ulf Poschardt bleibt der eben verstorbene Schauspieler Siegfried Rauch auf ewig Erich Stahler, Steve McQueens erbitterter Konkurrent im Rennfahrer-Spektakel "Le Mans": "Kaum ein Deutscher sah in einem Hollywoodfilm jemals so cool, sexy und draufgängerisch aus wie Rauch."

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit Regisseur Christian Frosch, dessen Film "Murer - Anatomie eines Prozesses", über den skandalösen Freispruch 1953 des österreichische NS-Täters Franz Murer, die Diagonale in Graz eröffnet. Besprochen werden die auf Netflix gezeigte Serie "Flint Town" (FR) und Brett Morgans Dokumentarfilm "Jane" über die Affenforscherin Jane Goodall (SZ).