Efeu - Die Kulturrundschau

Die Burg tönt und dröhnt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.10.2017. Die NZZ begreift mit Camille Henrot im Pariser Palais de Tokyo die Trauer des Phallus-Trägers. Die SZ betrachtet mit Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle die isolierte Frau. In der FAZ nimmt Alena Wagnerova noch einmal die Journalistin und Kafka-Geliebte Milena Jesenská in den Blick. Der Standard empfiehlt den Machern des Humboldt-Forums einen Besuch im Wiener Weltmuseum.  Die FAS pocht in der Debatte um Dominik Grafs RAF-Tatort auf das Prinzip des fiktionalen Erzählens.

Kunst


Days are Dogs: Camille Henrot im Palais de Tokyo.

Das Pariser Palais de Tokyo hat der Künstlerin Camille Henrot Carte Blanche gegeben, voller Begeisterung berichtet in der NZZ Antja Stahl von der Ausstellung, die sie beinahe mit der Schönheit versöhnt hat. Denn die Schönheit schafft das Hässliche nicht aus der Welt, aber aus dem Blick: "Auf einer Zeichnung im Raum 'Mittwoch' trottet ein Kleinkind an der Hand seines Vaters, der mit hängendem Vogelkopf seinen steifen Penis vor sich herträgt. Eine Kastrationsszene würde das feministische Klischee bestätigen. Trauer an einem Phallus-Träger hat man hingegen noch nie gesehen. Was so ein Bild zur gegenwärtigen Missbrauchsdebatte nach Weinstein beitragen würde, bedürfte allein einer Sonderbeilage."


Anita Rée: Selbstbildnis 1930, und Paar (Zwei römische Köpfe), 1922-1925. © Hamburger Kunsthalle / bpk, Fotos: Elke Walford, Christoph Irrgang

Die Künstlerin Anita Rée malte im Stil Modiglianis oder Cézannes, in der Manier della Francescas oder mit Neuer Sachlichkeit. Ist das ein originelles Künstlerleben oder nur technisch begabte Bewunderungsbiografie?, fragt Till Briegleb und kommt in der Retrospektive der Hamburger Kunsthalle zu einer Antwort: "Tatsächlich findet man in diesem unverkrampften figürlichen Eklektizismus das künstlerische Anliegen nicht, wenn man sich rein auf den Stil konzentriert. Was die im Jahr 1933 durch Freitod aus dem Leben geschiedene Künstlerin ausmacht, ist ein Thema: das isolierte Wesen, vor allem die isolierte Frau und ihre Stimmungen. Fast durchgängig in stumpfen Farben mit viel Braun und Blau gemalt sind Frauengesichter das Feld, auf dem sich Rée die Welt zu deuten versucht, unter anderem mit vielen Selbstporträts in den unterschiedlichsten Handschriften - angelehnt an Liebermann (1904), Picasso (1913) oder Gauguin (1925)."

In Wien wird nach drei Jahren Umbau das Weltmuseum wiedereröffnet. Im Standard meint Stefan Weiß, dass es dem berliner Humboldt-Forum durchaus vormacht, wie so etwas geht: "Denn obwohl die Habsburgsammlungen - im Gegensatz zu den deutschen - nicht durch die Existenz eigener Kolonien, sondern hauptsächlich durch den Umweg des Handels belastet sind, entschied man sich für ein offensives Aufgreifen der Thematik."

Weiteres: In der taz empfiehlt Max Florian Kühlem die Ausstellung "Umbrüche" im Museum Unter Tage in Bochum und preist vor allem die Bilder des Fotografen Rudolf Holtappel als echte Entdeckung. Sophie Jung freut sich ebenfalls in der taz über den Preis der Nationalgalerie für Agnieszka Polska.

Besprochen wird Max Beckmanns "Welttheater" in der Bremer Kunsthalle (FAZ)
Archiv: Kunst

Bühne


"Ich bin also ein Objekt. Na fein. Dann aber wenigstens teuer.": Alexander Ostrowskijs "Schlechte Partie" an der Wiener Burg. Foto: Copyright Reinhard Werner/Burgtheater

Als glanzvoll bejubelt Hubert Spiegel in der FAZ Alvis Hermanis' Inszenierung von Alexander Ostrowskijs "Schlechter Partie" an der Wiener Burg: "Die Burg tönt und dröhnt wie lange nicht mehr." Da bleibt er allerdings der einzige. Im Standard schreibt Ronald Pohl ermattet: "Dieses kunstfertige Theater verweigert die Realität. Es müsste eigentlich zum Arzt, geht aber lieber zum Ausstatter." In der Welt findet sie Eva Biringer dagegen so schal wie nur ein Herrenwitz sein kann. In der Nachtkritik gefällt Leo Lippelt immerhin der "Säuferklamauk".

Weiteres: Judith von Sternburg berichtet in der FR von den Frankfurter Römerberggesprächen über die Zukunft der Städtischen Bühnen. Viele thesenhafte Wahrheit, aber kaum emotional erfahrbare Wut erlebt SZ-Kritiker Egbert Tholl in Branden Jacobs-Jenkins' Stück "Gloria", das Amélie Niermeyer am Münchner Residenztheater inszenierte.

Besprochen werden die Heiner-Müller-Hommage "Die Entführung Europas" am Berliner Ensemble (die Christine Wahl im Tagesspiegel sehr anstrengend fand), die Revue "Feminista, Baby!" an den Kammerspielen des Deutschen Theaters (Tagesspiegel), Ersan Mondtags "Orestie"-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus (Nachtkritik), Milo Raus "Lenin" an der Berliner Schaubühne (taz), Stefan Herheims Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" in Düsseldorf (SZ, FAZ), Barbara Freys Inszenierung von Kleists "Zerbrochnem Krug" im Schauspielhaus Zürich (NZZ) und Daniel Kramers Inszenierung von "La Traviata" am Theater Basel (NZZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Die Journalistin Milena Jesenská ist literaturhistorisch vor allem als Freundin Kafkas bekannt. Sehr dankbar zeigt sich daher Alena Wagnerová in der FAZ dafür, dass Marie Jirásková in langjähriger Archivarbeit über tausend Artikel der Autorin zusammengetragen hat. Denn dieser Textkorpus werfe "auf das Leben Milena Jesenskás ein völlig neues Licht. Und schon die nun für die aktuelle Publikation getroffene Auswahl von 366 - mit Kafka gesprochen - 'Prosastücken' berechtigt, von Jesenskás journalistischer Arbeit als einem Werk zu sprechen, das in kontinuierlich klarer Haltung und Zuwendung zu Welt- und Menschengeschehen entstanden ist. Ihre 'Stilmittel' dabei waren ein scharfer, aber mitfühlender Blick, genaue Beobachtung, Unmittelbarkeit im Erfassen des Themas, Spontaneität der Wahrnehmung. Verbunden wurde das durch eine Liebe zu den Menschen, die aber ohne Illusionen und Idealisierung auskam."

Zum Übersetzertag konferierten am Wochenende zahlreiche Übersetzer und Schriftsteller in Berlin. Dass die Verdienste des Übersetzens weiterhin marginalisiert sind, trat dabei offen zutage, berichtet etwa Paul Ingendaay in der FAZ: Doch "was aber wären wir, die wir Taine, Tolstoi und Tišma lesen wollen, ohne Übersetzung? Am Ende steht man vor dem paradoxen Umstand, dass eine Lesenation, die nicht nur ihre Bildung, sondern auch ihre Unterhaltung zum allergrößten Teil den Übersetzern verdankt, gerade von diesen in freiwilliger Blindheit nichts wissen will." Für SZ berichtet Hans-Peter Kunisch.

Weiteres: Martin Lhotzky berichtet in der FAZ von der Verleihung des "Alternativen Büchner Literaturpreises", den der Investor und Wondratschek-Mäzen Helmut Meier in Wien ausgelobt und, wenig überraschend, nun auch an Wolf Wondratschek vergeben hat. Andreas Merkel liest für den Freitag neue Bücher von Richard Ford, Alexander Gorkow und J.D. Daniels. Pablo Neruda könnte vergiftet worden sein, meldet die dpa.

Besprochen werden Armin Kratzerts "Wir sind Kinder" (SZ), Barbara Yelins und Thomas von Steinaeckers Comic "Der Sommer ihres Lebens" (FR), eine neue Edition mit Thomas-Mann-Aufnahmen (online nachgereicht von der FAZ) Doron Rabinovicis "Die Außerirdischen" (online nachgereicht von der FR) und der Briefwechsel zwischen Ian Hamilton Finlay und Ernst Jandl (online nachgereicht von der FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Helmuth Kiesel über Max Dietrich Kleys "Der Gast":

"In dieser Nacht ist jemand durchs Haus gegangen,
stand an meiner Tür, die Hand auf die Klinke gelegt,
..."
Anzeige
Archiv: Literatur

Film

In der FAS wundert sich Peter Körte über die Ausmaße, die die Debatte um Dominik Grafs vor einer Woche ausgestrahlten Tatort-Episode "Der rote Schatten" mittlerweile angenommen hat: Selbst der Bundespräsident warnte vor dem schädlichen Einfluss des Films. Den Anlass dafür bieten einige Szenen, in denen unter anderem auch die Möglichkeit durchgespielt wird, dass die RAF-Insassen von Stammheim Opfer einer gezielten Staatsaktion gewesen sein könnten. Was selbst der ehemalige Innenminister Gerhard Baum "unerträglich findet, man muss leider so trivial werden, ist das Prinzip fiktionalen Erzählens", erklärt Körte. Die Kritiker, meint Körte, treibt "weniger die Sorge um fatale Auswirkungen auf das politische Bewusstsein der Nation als die Angst um ihre Deutungshoheit, die sie mit Filmen wie dem 'Baader-Meinhof-Komplex' durchgesetzt glauben. Für diese Hegemonie ist Grafs Verfahren natürlich ein Affront, weil auch die immergleichen RAF-Bilder, die zirkulieren, nun konkurrieren müssen mit neuen." Die skandalisierte, im übrigen auch einfach schlicht sehenswerte Episode des Sonntagabendkrimis kann man noch bis 14. November in der Mediathek sehen.

Das Kassandra-Motiv der Seherin und Warnerin, der niemand glaubt, wird in aktuellen Serien wie "Stranger Things", "Das Verschwinden" und "American Horror Story" einer Modernisierung unterzogen, schreibt Katja Belousova in der Welt. Allerdings sind diese neuen Kassandren mit einer gehörigen Portion Eigeninitiative ausgestattet, fällt ihr auf: "Kassandra ist kein reines Opfer mehr, im Gegenteil, sie erobert den klassischerweise männlichen Part des Einzelkämpfers und entschlossen Handelnden. Emotionalität und Stärke sind keine Eigenschaften, die sich ausschließen müssen, und eine postfeministische Weiblichkeit verträgt sich mit ganz klassischen, ja archaischen Attributen."

Weiteres: Anlässlich der Verleihung des PorYes-Awards spricht Hannes Soltau im Tagesspiegel mit Laura Méritt über feministische Pornografie. Besprochen werden Hans-Christian Schmids TV-Mehrteiler "Das Verschwinden" (ZeitOnline, Berliner Zeitung, hier die erste Episode in der Mediathek), Ruben Östlunds "The Square" (Freitag, unsere Kritik hier), Michael Hanekes "Happy End" (Freitag) und Tomas Alfredsons Thriller "Der Schneemann" mit Michael Fassbender (Standard).
Archiv: Film

Musik

Mit diebischem Vergnügen hat sich Ulrich Stock Jan Bäumers von 3sat online gestellten Dokumentarfilm "Der Preis der Anna-Lena Schnabel" angesehen: Denn selten habe "man im Fernsehen die Verlogenheit des Fernsehens so schön vorgeführt bekommen", schreibt er auf ZeitOnline. Der Film umkreist eine Posse in der Vergabe des (nicht-dotierten) Echo-Jazz-Preises, den der NDR überträgt, welcher wiederum der Preisträgerin Anna-Lena Schnabel untersagt haben soll, bei der Übertragung eines ihrer Stücke zu spielen: "Die Musik sei nicht gefällig genug, da würden die Leute wegschalten. ... Anna-Lena Schnabel ist eine hervorragende Saxofonistin, ernst, expressiv, sprühend. Sie zieht ihre Bahn in einer Männerdomäne. Ihre Mädchenhaftigkeit trägt zur Verblüffung des Publikums gewiss bei, aber sowohl musikalisch wie auch musikpolitisch zeigt sie eine glasklare Haltung. 'Ich dachte, es ist die Aufgabe des Öffentlichen-Rechtlichen, Dinge zu zeigen, die das Private nicht zeigen kann', sagt sie." Hier eine kleine Live-Aufnahme:



In der SZ befasst sich Andrian Kreye mit dem "Silberrückenrock" der alten Recken Robert Plant, Gregg Allman, Michael McDonald und Stephen Stills, die gerade alle neue Platten herausgebracht haben: "Fünfzig Jahre nach dem Aufbruch eines Genres, das für eine ganze Generation das Zentralorgan ihres Denkens und Erlebens war, finden sie, jeder für sich, auf einem musikalischen Niveau zu sich selbst, das den Rock endgültig von seiner Zwangsjugendlichkeit befreit. Das ist kein Rock für Erwachsene, die sich an ihre wilden Jahre erinnern, sondern Musik für Menschen, die im Alter angekommen sind." Das neue Plant-Video bedient sich allerdings auch einer etwas befremdlichen Ästhetik:



Weiteres: Für die taz spricht Jens Uthoff mit den 80s-Heroen von Orchestral Manoeuvres In The Dark über deren neues Album und die 80er. In der NZZ spürt Jürg Zbinden der "Tränenproduktion" in der Musik vom Blues über Soul bis zu Disco und schließlich auch noch im diesbezüglich ziemlich regen deutschen Schlager nach.

Besprochen werden eine Anthologie von John Carpenters Filmsoundtracks (Pitchfork), die Archivausmistung "Berliner Schule - Fragwürdige Heimaufnahmen von 1984 bis 2013" von Ärzte-Musiker Farin Urlaub (Welt, Musikexpress), das neue Album von King Krule (Jungle World), eine Mozart-Aufnahme von Juan Diego Flórez (Standard), ein Live-Album von Girls In Airports (taz), ein Konzert von Austra (Tagesspiegel), ein Verdi-Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Andrés Orozco-Estrada (FR) und das neue Album "Colors" von Beck (Zeit).
Archiv: Musik