Efeu - Die Kulturrundschau

Sofort ins Existenzielle gehen

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31.07.2017. Toll, dass Bettina Hering zu den Salzburger Festspielen so viele Regisseurinnen eingeladen hat, meinen SZ und NZZ. Schade nur, dass diese so wenig draus machen. Der Standard empfiehlt die Theaterbiennale in Venedig, die Theatermacherinnen aus ganz Europa eingeladen hat. Der Tagesspiegel bewundert, wieviel Zuneigung Monterverdi für mörderische Kaiser und ehrgeizige Huren aufbrachte. Die SZ berichtet von der Filmpremiere zu Milo Raus "Kongo-Tribunal" in Goma.  In der taz protestiert Gabriele Goettle gegen Kreuzbergs Gentrifizierung, der nun auch das Antiquariat in der Hagelberger Straße zum Opfer fällt.

Bühne


Lina Beckmann in Karin Henkels "Rose Bernd". Foto: Salzburger Festspiele.

In der SZ freut sich Christine Dössel, dass Bettina Hering als Schauspieldirektorin so viele Regisseurinnen zu den Salzburger Festspielen geladen hat. Jetzt hätten sie nur noch was draus machen sollen: "So viel weiblicher Ein- und Zugriff war in Salzburg nie. 'Das ist was!', würde Rose Bernd sagen, die Titelheldin in Gerhart Hauptmanns gleichnamigem Stück. Große Emanzipationssprünge und eine Progressivität im Programm sollte man deshalb aber nicht gleich erwarten. So darf man sich durchaus fragen, warum es ausgerechnet Harold Pinters Rätselstück 'Die Geburtstagsfeier' aus den Fünfzigerjahren sein musste, an dem sich Andrea Breth abarbeitet. Oder eben jene 'Rose Bernd' von Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1903, die in Karin Henkels Salzburg-Debüt Blatt für Blatt zerpflückt wird."

In der NZZ glaubt Bernd Noack allerdings, dass Hauptmanns Stück einer Regisseurin wenig Spielraum lasse: "Und weil das alles so brutal klar und unausweichlich ist, so umstandslos und anklagend vorgeführt wird in Gerhart Hauptmanns wütendem Sozialdrama aus der protestantisch geknebelten ländlichen Welt der Jahrhundertwende, tut sich Karin Henkel in ihrer Inszenierung so schwer, eine eigene Sprache zu finden." Im Standard nennt Ronald Pohl die "Rose-Bernd"-Inszenierung vorurteilsfrommes Stadttheater. In der FAZ lobt Simon Strauß allerdings Karin Beckers psychologisch kraftvolle Regie und Lina Beckmanns "kompromissloses Körperspiel". Und für Nachtkritiker Martin Pesl sind Henkel und Beckmann immer noch ein "Dream-Team".

Da kann Michael Wurmitzer im Standard auch die Theaterbiennale von Venedig nur wärmstens empfehlen, denn Antonio Latella hat in diesem Jahr ausschließlich Theatermacherinnen aus Europa eingeladen, zum Beispiel die polnische Regisseurin Maja Kleczewska, die den Silbernen Löwen bekam (der Goldene Löwe ging an die deutsche Bühnenbildnerin Katrin Brack): "Sie nimmt sich oft extremer Figuren an, denn in ihrer Heimat sei das "Andere" wenig akzeptiert und stets unter Verdacht. Theater ist für sie ein sicherer Raum zur Konfrontation, meint sie. In Venedig konfrontierte die 44-Jährige mit Elfriede Jelineks 'Wut'. Sein Ausgangspunkt sind die islamistischen Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Frankreich (Jänner 2015). Statt dem aufgepeitschten Text über Fremdenhass, Patriotismus, rechten Populismus sowie linken Fanatismus szenisch entgegenzuhalten, trieb Kleczewska seine Touren noch höher."

Besprochen wird außerdem die Wiederaufführung des "Parsifal" in Bayreuth (Tagesspiegel, SZ, FAZ).
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Literatur

Heute ist Gabriele-Goettle-Tag in der taz. Diesmal besucht sie Helga Herold und ihren Lebensgefährten Harald Jeske, die seit 1997 ein Antiquariat in der Hagelberger Straße 15 in Kreuzberg betreiben. Im Februar erhielten sie nun die Kündigung für Oktober. Sie werden ausziehen müssen, eine höhere Miete können sie nicht bezahlen. Auch in Kreuzberg ist die Gentrifizierung längst Alltag, erzählt Harold und verweist auf Riemers Hofgarten, ein Gebäudeensemble, in dem früher viele Künstler lebten: "Heute bekommt man dort luxussanierte Wohnungen zu kaufen oder voll eingerichtete Ferienappartements zur Miete. Dafür mussten, wie schon erwähnt, viele der alten Bewohner weichen. Das gesamte Ensemble wurde übrigens, da denkmalgeschützt, in den achtziger Jahren mit öffentlichen Mitteln saniert, der Profit floss in die privaten Taschen."

Für ZeitOnline trifft Sonja Hartwig in Istanbul die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan, die nach ihrer Inhaftierung für mehrere Monate nicht mehr wirklich frei sein kann: "Sieht man sie in diesen Tagen rauchend und Tee trinkend in einem Istanbuler Café sitzen; hört man sie sagen: 'Ich fühle mich dreckig, beschmutzt, als wäre ich vergewaltigt'; verbringt man einige Stunden mit ihr in Gesprächen, die sofort ins Existenzielle gehen - dann ahnt man, warum Asli Erdogan ins Gefängnis musste: wegen ihrer Kompromisslosigkeit, mit der sie Sätze formuliert. Sätze über Verbrechen in ihrem Land, über deren Leugnung, über vergewaltigte kurdische Mädchen, über getötete Kurden und Armenier. Sätze über die Massenmorde an den Armeniern in den Jahren 1915/16."

Weitere Artikel: In der NZZ resümiert Paul Jandl die Sexismusdebatte in deutschen Literaturinstitutionen. Und der kanadische Kriegsreporter Omar El Akkad spricht im Interview über seinen Debütroman "American War". Cornelia Geißler unterhält sich in der Berliner Zeitung mit ihrer Journalisten-Kolllegin Jana Hensel über das Schreiben des ersten Romans.

Besprochen werden Graham Swifts Roman "Ein Festtag" (Tagesspiegel) und der Band "Schluss mit lustig", der eine Kasseler Ausstellung mit Satire aus der Türkei dokumentiert (taz).
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Kunst


Gerhard Richter "Abstraktes Bild (946-3)" 2016, Copyright: Gerhard Richter Köln 2017

Im Tagesspiegel ist ein namenlos bleibender Rezensent hingerissen von sieben neuen farbenprächtigen Bildern Gerhard Richters, die - mit 26 anderen, schon im Museum Ludwig ausgestellten - derzeit im Dresdner Albertinum bewundert werden können. Besonders das "Spiel mit der Farbe" begeistert den Rezensenten: "Lässt man sich auf die Bilder ein und vorgefertigte Betrachtungsmuster los, können vor dem geistigen Auge üppige Landschaften entstehen: ein Wald, schroffe Berge, einsame Zypressen, ein Flusslauf, rosagefärbte Schlieren am Himmel. Oder ein Seerosenteich, Monet lässt grüßen. Die Bilder spielen mit der Versuchung, Gegenständliches in ihnen zu erkennen, es sind Reflexionen über die Kraft der Abstraktion."

Im Interview mit der Welt spricht die SPD-Kulturpolitikerin Isabell Zacharias über die Probleme am Münchner Haus der Kunst: Scientologen in der Verwaltung, finanzielle Probleme, das Mauern der Trägergesellschaft und das Schweigen des künstlerischen Leiters Okwui Enwezor: "Das wundert mich auch. Ich kann nicht verstehen, dass er nicht mehr für sein Haus kämpft, bei all der öffentlichen Kritik und den Negativ-Schlagzeilen, die er damit seit Monaten bundesweit produziert. Ich meine: Ich erwarte ja keine Liebeserklärung! Aber warum sagt er nicht, dass Fehler gemacht worden sind und dass er die Fehler abstellen will. Das wäre doch das Mindeste."

Weiteres: "Jung, weiblich, wach und eigenwillig" nennt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung die Arbeiten junger Künstlerinnen, die der Hamburger Bahnhof in Berlin derzeit ausstellt.

Besprochen werden eine Ausstellung des viktorianischen Antike-Malers Lawrence Alma-Tadema im Leighton House Museum in London (NZZ) und die Achtzigerjahre-Wanderschau "Geniale Dilletanten" im Dresdener Albertinum (SZ).
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Musik

Niemand beherrscht Monteverdis Musik so gut wie John Eliot Gardiner, der mit seinem konzertanten Monteverdi-Projekt in Salzburg Station macht, bevor er im September nach Berlin kommt. Im Tagesspiegel ist Ulrich Amling jetzt schon hin und weg: "Demut ist, was Monteverdis Opern lehren, in denen Amor Sieger bleibt, auch wenn den Menschen der Preis dafür hoch erscheinen mag. Doch der Komponist bleibt an der Seite seiner Geschöpfe, er begegnet selbst den moralisch zweifelhaften unter ihnen mit unverbrüchlicher Neugier und Zuneigung. Nur so kann man verstehen, warum der zum Priester geweihte Markuskapellmeister am Ende seines Lebens ausgerechnet Nero und Poppea an sein klingendes Firmament versetzt, einen mörderischen Kaiser und eine ehrgeizige Hure, in unstillbarer Lust füreinander entbrannt, einer Lust, die anderen Tod und Vertreibung bringt." In der FAZ erlebt Jan Brachmann den Monteverdi-Triathlon auch als eine "grell-komische, zugleich schockierende Orgie des Grotesken".

Weiteres: Stefan Weiss berichtet im Standard vom Musikfestival "Glatt und Verkehrt" in Krems. Besprochen wird Peter Perretts Solodebüt "How the West was Won" nach 40 Jahren Abtauchen in die Drogen (taz).
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Film


Das Kongo-Tribunal. Bild: International Institute of Political Murder

Heillos übernommen hat sich Milo Rau mit seinem Film "Kongo Tribunal", berichtet Judith Raupp in der SZ von dessen Premiere. Aber wie sollte das auch anders sein? In einem einzigen Film die Verbrechen des Bürgerkriegs, der Ausbeutung in den Minen und einen Massenmord aufzuarbeiten: "Mal Mine, mal Massenmord. Es geht etwas durcheinander im Kongo-Tribunal. Manches gerät auf gruselige Weise komisch. Weshalb die Polizei das Morden in Mutarule nicht verhindert hat? Der Innenminister der Provinz Süd-Kivu erklärt: 'Solche Verbrechen geschehen leider oft in der Nacht.' Ob die Polizei nur tagsüber arbeitet? 'Die Polizisten sind gerade auf Fortbildung', ergänzt der Gouverneur. 250 Zuschauer johlen bei der Filmpremiere."

Nach Nigel Farage empfiehlt auch Zoe Williams im Guardian Christopher Nolans Film "Dunkirk" - wenn auch aus etwas anderen Gründen: "Das emotionale Herz des Films hat nichts zu tun mit dem Kampf - von einigen Scharmützeln abgesehen - und alles zu tun mit Großzügigkeit: Unbewaffnete Seeleute retten Fremde aus keinem anderen Grund als dass sie gerettet werden müssen."

Zu Arnold Schwarzeneggers siebzigstem Geburtstag gratuliert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel dem Terminator-Gouvernator und erkennt mit ihm als Gegenentwurf zu Donald Trump den fundamentantalen Unterschied zwischen Pop-Star und Populist.

Besprochen werden Matti Geschonnecks Eugen-Ruge-Verfilmung "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Standard) und eine Dokumentation über Filmplakate "24x36" (SZ).
Archiv: Film