Efeu - Die Kulturrundschau

Soldatin der Avantgarde

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01.08.2017. Die Feuilletons trauern um die große, schöne, sinnliche Jeanne Moreau: Für Libération war sie eine freie Frau, für die taz der Körper der Nouvelle Vague, für die FR einzigartige Schönheit. Der Tagesspiegel trauert auch um den intellektuellen Cowboy Sam Shepard. Außerdem feiert er die Rückkehr der Operette auf deutsche Bühnen. Und der Guardian blickt im Brooklyn Museum auf die traurige Geschichte des Lynchmorde zurück.

Film

Die Feuilletons tragen schwarz: Die große Jeanne Moreau ist gestorben. Libération widmet ihr selbstverständlich ein Titelbild und schreibt: "Mit ihrer sinnlichen, leicht lässigen Schönheit und ihrer unvergelichlichen Stimme bleibt Jeanne Moreau im Gedächtnis als eklektische Schauspielerin und eine freie Frau." Sie war die eigentliche "Göttin des französischen Kinos", schreibt Jan Feddersen in der taz. "Sie war die erwachsene, die reife, erotisiert einfordernde Frau, kein erwachsen werdendes Mädchen, das mit Teenagercharme irgendwie schon automatisch zu locken und zu verführen weiß." Und sie war "das prägende Gesicht, der akzentsetzende Körper der Nouvelle Vague."

Moreau verkörperte "eine Wahrhaftigkeit, die dem Studiokino so lange gefehlt hatte", würdigt Daniel Kothenschulte die Verstorbene in der FR. Sie stand "für ein modernes Frauenbild, an das sich nicht nur das behäbige Hollywood, sondern die Nachkriegsgesellschaft selbst erst einmal gewöhnen musste: Einer intellektuellen Weiblichkeit, die sich sehr bewusst gegen das Normierte auflehnt und Schönheit als das begreift, was sie tatsächlich ist: Einzigartigkeit. ... Sie war eine Soldatin der Avantgarde. In der Ehrenlegion des Kinos steht sie in der ersten Reihe."

Patrick Holzapfel schreibt Moreau auf Jugend ohne Film einen Liebesbrief. Die SZ widmet ihre Seite Drei Moreau, wo Tobias Kniebe und Alexander Gorkow die Verstorbene ausführlich würdigen. Weitere Nachrufe auf ZeitOnline, Tagesspiegel, Standard, NZZ, Welt und FAZ. Mehr zu Jeanne Moreau in unserem Presseschau-Archiv. Und gemeinsam mit ihr und Miles Davis irrlichtern wir noch einmal durch die nächtlichen Straßen von Paris:



Auch der Dramatiker und Schauspieler Sam Shepard ist gestorben. Im Tagesspiegel huldigt Rüdiger Schaper dem stillen Giganten, dem es ganz egal war, in welchem Medium sich sein Freiheitsdrang ausdrückte: "Er gehörte zu diesen jungen Typen, die von Anfang an ein Land, eine Kultur verkörpern. Der Cowboy und der Intellektuelle, das war bei Sam Shepard kein Widerspruch." Nachrufe schreiben außerdem Dominik Kamalzadaeh (Standard), Harry Nutt (Berliner Zeitung) und David Steinitz (SZ).

Weitere Artikel: Im türkischen Staatsfernsehen feiern nostalgisch-historische TV-Serien über die Osmanen große Erfolge und werden von der Politik auch gezielt in Dienst genommen, berichtet Hüseyin Topel in der taz: Sie "spiegeln den sehnsüchtigen Wunsch, in glorreiche osmanische Zeiten zurückzukehren." Andreas Scheiner verbringt für die Zeit einen Tag mit Carlo Chatrian, dem Leiter des Filmfestivals von Locarno.

Besprochen werden Christopher Nolans "Dunkirk" (Freitag), Petra Volpes "Die göttliche Ordnung" (Welt), die von 3sat ausgestrahlte, dreistündige Kurzversion von Ulrike Ottingers "Chamissos Schatten" (FR) und Shinsuke Satōs Splatterkomödie "I Am aHero" (SZ).
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Musik

Ljubisa Tosic unterhält sich im Standard mit Alessandro De Marchi, dem Leiter der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik. Ebenfalls im Standard unterhält sich Karl Gedlicka mit dem Jazzsaxofonisten Charles Lloyd. Für die taz porträtiert Andreas Hartmann das Berliner Label Play Loud, das aus einer Filmproduktionsgesellschaft hervorgegangen ist und jetzt Live-Videos  erstellt. Im Tagesspiegel feiert Nadine Lange "Bungalow" von Bilderbuch als Sommerhit des Jahres: Das Video versammle zudem "einem Overkill beknackter Posen, die allerdings die Debilität des Texts kongenial spiegeln".



Besprochen werden ein Schubert- und Beethoven-Konzert von Igor Levit (FR) und das neue Album von Zwanie Jonson (Jungle World).
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Literatur

Die SZ bringt in ihrer Reihe über Transiträume und Haltestellen einen Text von Judith Schalansky.

Besprochen werden Antonin Varennes "Die Treibjagd" (FR), Nora Gomringers Gedichtband "Moden" (Tagesspiegel), die Neuübersetzung von Giacomo Leopardis' "Opuscula Moralia" (Tagesspiegel), Lisa Sandlins Krimi "Ein Job für Delpha" (Welt), Barbara Kennewegs "Haus für eine Person" (FAZ) und Helmuth Kiesels "Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918-1933" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Archiv: Literatur

Bühne


Beine, Kostüme und Melodien: Jacques Offenbach Antiken-Travestie: Die schöne Helena". Bild: Komische Oper.


Im Tagesspiegel ist Frederik Hanssen Feuer und Flamme für die Operette, die nun endlich, vom Plüsch befreit, wiederentdeckt werde. Barrie Kosky sei Dank: "In der Musikgeschichte hat die Operette immer ganz vorne mitgemischt, wenn es um Utopien ging: Hier wurden Standesunterschiede mit Witz weggeräumt, hier waren die Frauen viel emanzipierter, als es die bürgerliche Moral oder die höfische Etikette ihnen zugestand, hier war ganz selbstverständlich Travestie möglich, hier wurde fast jedes sexuelle Tabu gebrochen, in jeder nur erdenklichen Paarkombination geliebt. Kurz: Die Operette war in ihrer Glanzzeit eine Feier der Lust am Anderssein."

Weiteres: In der SZ porträtiert Dorion Weickmann das New Yorker Alvin Ailey American Dance Theater, das jetzt auf Deutschlandtournee kommt. Voller Bewunderung notiert Andreas Hartmann, wie die Theatermacher Ida Müller und Vegard Vinge zum Abschluss ihres Marathons im "Nationaltheater Reinickendorf" alle Erwartungen des Publikums unterlaufen. Regine Müller trifft für die taz Markus Hinterhäuser, den neuen Intendanten der Salzburger Festspiele. Auch Andrea Breths Salzburger Inszenierung kann nicht wirklich Harold Pinters Stück "Die Geburtstagsfeier" retten, meint Simon Strauß in der FAZ: "Die Regie ist willig, aber der Text ist schwach.
Archiv: Bühne
Stichwörter: Operette, Barrie Kosky

Kunst


Kara Walker: Burning African Village Play Set with Big House and Lynching, 2006. Foto: Brooklyn Museum

Anna Furman berichtet im Guardian über eine Ausstellung im Brooklyn Museum in New York, die der beschämenden Geschichte der Lynchmorde nachgeht: "Die Organisatoren sind nicht mit breiten Strichen über die Geschichte des Lynchings gegangen, sondern zeichnen sie mit beängstigenden Details nach: In einem Testimonal liest der Enkel eines Überlebenden aus einem Zeitungsbericht vom Freund seiner Vorfahren, der angeschossen wurde, aber über Nacht in einer Arztpraxis am Leben erhalten wurde, so dass er öffentlich am nächsten Tag gelyncht werden konnte. Auf der Titelseite der Mississippi Daily News steht knapp und nüchtern: 'Am Nachmittag wird John Heartfield vom Elliville Mob gelyncht werden.'"

Besprochen wird die bereits vielfach gefeierte Schau der japanischen Modedesignerin Rei Kawakubo im Metropolitan Museum of Art in New York (taz).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Kara Walker, Lynchmord