Efeu - Die Kulturrundschau

Mechanismen der Sinn-Entstellung

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29.07.2017. Feinherb, traumsüß, quecksilbrig - die Musikkritiker feiern Peter Sellars' Salzburger Inszenierung der Mozart-Oper "La Clemenza di Tito", die Sänger und den Dirigenten Teodor Currentzis, der mit seinem Orchester MusicAeterna die Wiener Philharmoniker exzellent ersetzt. In der taz gibt Sängerin Renate Knaup den Sound einer Eisscholle. In der NZZ erzählen die syrische Autorin Mansura Eseddin und der libysche Autor Hisham Mater vom Scheitern des arabischen Frühlings in ihren Ländern. Berliner Zeitung und Tagesspiegel starren ins Leere auf Regina Schmekens Fotos der NSU-Tatorte. Viennale-Direktor Hans Hurch erklärt im Interview mit dem Standard die Vorzüge seiner Modistin.

Bühne


"Sie haucht ihre feinherbe, tragende, lyrisch flexible, doch nachdrückliche Stimme ins Nichts hinein; er scheint ihren Ton aus der Stille traumsüß aufzunehmen." (Manuel Brug) Marianne Crebassa als Sesto und der Bassetthornspieler Florian Schuele. Foto: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Eine Traumeröffnung, schwärmt Manuel Brug in der Welt über Peter Sellars Inszenierung von Mozarts "La Clemenza di Tito" bei den Salzburger Festspielen. Simple Menschenzeichnung, Flüchtlinge und Selbstmordattentäter - alles da, und alles geht auf, versichert Brug. "Dabei benutzt Sellars das oft so gipsern hohl anmutende, damals schon altmodische Stück und manipuliert es. Das freilich genial. Er fügt an entscheidenden Stellen Ausschnitte aus der unvollendeten c-moll-Messe ein. So bekommt der Chor mehr Raum, aber auch die Solisten können sich differenzierter artikulieren. Während die dunkel-polyphone Musik so das Spätwerk nobilitiert, es viel stärker transzendent werden lässt, vor allem durch den formidabel schwerelos klingenden Chor, wird auch der Machthaber zum Christus erhoben, etwa in einem 'Benedictus'-Einschub."

Eine "kluge und trifte" Bearbeitung, findet auch Hans-Klaus Jungheinrich in der FR und hebt die Sänger heraus: "Russell Thomas ist ein intonationsklar imperialer Tito, der seine hasardmäßigen Koloraturen mit Schmerzensaufbäumungen auf dem Siechlager verbindet; Marianne Crebassa - ein emotionsstark durchglühter Sesto mit betörendem Liniengesang und unfehlbarer Atemführung. Von seidigem Glanz der Vitellia-Sopran von Golda Schultz, nobel profilierend der Annio-Alt von Jeanine De Bique. Christina Gansch (Servilia) und Willard White (Publio) ergänzen das Ensemble ebenbürtig."

Eine kleine Provokation ist es natürlich schon, dass die Wiener Philharmoniker erstmals bei der Eröffnung ersetzt wurde durch Teodor Currentzis' Orchester MusicAeterna und dem zugehörigen Chor, notiert in der NZZ Michael Stallknecht, der das gut verschmerzen kann. MusicAeterna spielt auf "historischen Instrumenten, was für faszinierende Durchsichtigkeit sorgt. Der als besessener 'Probierer' geltende Currentzis spielt mit den Orchestergruppen wie mit den genau abgestuften Registern einer Orgel, macht gerade auch die gern unterbelichteten Mittelstimmen hörbar und erreicht damit namentlich im ersten Akt eine quecksilbrige Agilität."

Auch SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck ist absolut hingerissen: Teodor Currentzis und sein Orchester "beweisen, dass dieses Stück noch vielschichtiger klingen kann, als selbst bei Currentzis' großen Vorbildern Nikolaus Harnoncourt und René Jacobs. Und zwar im Delikaten wie im Herben. Also hämmert Currentzis die Akzente schon in der Ouvertüre, als gelte es, Dellen in die Partitur zu schlagen. Dann aber findet er derart dunkle Farben, dass die düster fatalistische c-Moll-Fuge wie ein Nachspiel zur Apokalypse wirkt." In der FAZ mag Jan Brachmann nicht so recht in den Jubel einstimmen: die "tiefe Musikalität" von Dirigent, Chor und Orchester paare sich immer wieder "mit einer Neigung zum Groben".

Weitere Artikel: Der Schauspieler Gregor Bloéb spricht im Interview mit dem Standard über seine Rolle als Alkoholiker, Vergewaltiger und Erpresser Arthur Streckmann in Gerhart Hauptmanns Drama "Rose Bernd", das am Samstag in Salzburg Premiere hat. NZZ-Kritiker Christian Wildhagen vergleicht in Bayreuth den Wagner-Stil der Dirigenten Christian Thielemann ("Tristan") und Hartmut Haenchen ("Parsifal"). In der Berliner Zeitung amüsiert sich Ulrich Seidler mit der Reihe #Kummercast der nachtkritik. In der SZ kann sich Christine Dössel Andreas Beck als Nachfolger von Martin Kusej am Münchner Residenztheater vorstellen. Oder Frank Castorf.

Besprochen wird außerdem Andrea Breths Inszenierung von Harold Pinters "Die Geburtstagsfeier" bei den Salzburger Festspielen ("Was die menace, die diffuse Bedrohung betrifft, so gelingt es Andrea Breth trotz gewohnter Textpräzision nicht, die behauptete Dringlichkeit des Stoffs freizulegen", meint Martin Pesl in der nachtkritik)
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Musik

Renate Knaup, Sängerin von Amon Düül II und Popol Vuh, arbeitet an einem neuen Projekt mit dem Bristoler Electronic-Duo Dot Product, erzählt sie im Interview mit der taz: "Die machen auch Handgemachtes. Das ist für mich ja das Interessante. Sie nehmen etwas Gegebenes und jagen das durch ihre Effektgeräte. Zum Beispiel der Sound einer Eisscholle, die an eine Kaimauer klatscht - dieses 'Krch-krch'. Oder den Klang eines Aufzugs oder einer Rolltreppe. Nur erkennt man das dann nicht mehr. Oder sie gehen mit einem Pick-up-Coil (ein Tonabnehmer, d. Red) an andere elektronische Geräte wie an Handys oder an dieses Teil (zeigt auf das Diktiergerät). Da kommt dann etwas ziemlich Irres raus. ... ich höre mir das an und lasse mich inspirieren."

Weitere Artikel: Auf Zeit online stellt Adrian Schräder den Schweizer Rapper Xen vor. "Ich bin Experte im Messerwerfen!" und "In Phoenix gehe ich Mittwochmorgens gerne zum Bibelstudium", verrät Alice Cooper im Interview mit der Berliner Zeitung. Im Interview mit der taz erzählt Jörg Stempel von seiner Arbeit beim ostdeutschen Plattenlabel Amiga.

Besprochen werden Arcade Fires Album "Everything Now" (SZ), das Abschiedsalbum von Gregg Allman (Tagesspiegel).und ein Konzert des deutsch-russischen Tschaikowsky-Jugendorchesters in Jekaterinburg (FAZ).
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Literatur

Die NZZ hat ein Dossier zusammengestellt mit fünf arabischen Autoren zum gescheiterten Wandel in ihren Ländern. Zwei kann man online lesen: Als Traum von einem arabischen Frühling in Ägypten von einem Bombenhagel zerstört wurde, stürzte sich Mansura Eseddin auf die Literatur, auf Sebaldt, Tausendundeine Nacht und die Notizen zu ihrem Roman "Jabal al-Zumurrud". Literatur kann niemanden retten, nicht einmal trösten, aber sie schafft Ordnung im Kopf, stellt sie fest: "In meinem Roman wollte ich ... kein naives Loblied auf das Schreiben anstimmen, um mich selbst einzuwiegen. Ich wollte die Beziehung zwischen Schriftlichem und Mündlichem untersuchen und ging dabei von Ideen Derridas und Platons aus, die sich im pharaonischen Mythos von der Erfindung der Schrift durch die Gottheit Thot spiegeln ließen. Ich dachte über die Mechanismen der Sinn-Entstellung nach, über die Beziehung zwischen dem Original und seinen verfälschten Kopien - als läse ich die entstellte Geschichte der ägyptischen Revolution, während ich in meinem Roman der entstellten Geschichte der Prinzessin Zumurruda nachspürte."

Auch der in London lebende libysche Schriftsteller Hisham Matar ist gezeichnet von der Diktatur Gaddafis und dem Scheitern des arabischen Frühlings. Aber kann man deshalb sagen, hätten sie's nur nicht versucht, jetzt ist alles noch schlimmer? Matar würde das wohl niemals sagen: "2011 sah ich die Libyer zum ersten Mal in meinem Leben so sprechen und handeln, als gehörten sie zueinander, zu ein und derselben Gesellschaft, und nicht nur zu einer Familie, einem Stamm oder einer Region. In jenen frühen Tagen zeigte sich für kurze Zeit eine andere Möglichkeit, Gesellschaft zu gestalten - eine Gesellschaft, in der Demokratie, Würde und Rechtsstaatlichkeit realistische Ziele waren. Mehr als alles andere war dies eine Zeit der Ideen. ...  nur wenige Leute lesen Bücher. Allerdings zeigen viele junge Menschen ein großes Interesse an Kunst und Literatur. Mehr als nur Interesse: Sie haben den Instinkt für ein geistiges Leben."

Weitere Artikel: Im Zeit-Blog 10 nach 8 erzählt die Journalistin Dima al-Bitar Kalaji von dem montierten Familienporträt, dem einzigen, das es gibt, seit ihre syrische Familie über drei Kontinente verstreut ist. In der NZZ feiert Roman Bucheli die Lust des Lesens, weil es die "die angenehmste Seelenerweiterung" mit sich bringt. In der Welt stellt Richard Kämmerlings die Science-Fiction-App des Schriftsteller Franz Friedrich vor. In der FAZ annonciert Andreas Platthaus fünf neue Romane - von Ingo Schulze,  Arundathi Roy, Barbara Zoeke, Richard Ford und  Petra Morsbach -, "die in den kommenden Wochen für Furore sorgen dürften". Und Helmuth Kiesel erinnert an Stefan Georges vor 100 Jahren erschienenes Gedicht "Der Krieg".

Besprochen werden Bücher, darunter Karan Mahajans Roman "In Gesellschaft kleiner Bomben" (Standard), Tolkiens "Beren und Lúthien" (SZ), Jana Hensels Debütroman "Keinland" (NZZ, Welt), die China-Klassiker "Die Reise in den Westen" und "Die Drei Reiche" (taz), Michael Pyes Geschichte der Nordsee "Am Rand der Welt" (Welt), Kati Hiekkapieltos Krimi "Schattenschlaf" (taz), Yasmina Rezas Roman "Babylon" (taz), Naomi Kleins "Gegen Trump" (taz), Samuel Salzborns "Angriff der Antidemokraten" (taz), Hilal Sezgins Band "Nichtstun ist keine Lösung" (FR) der Bildband "LGBT San Francisco: The Daniel Nicoletta Photographs" (Berliner Zeitung).
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Film

Viennale kommt nur am Rande vor in diesem Interview. Bert Rebhandl (Standard) interessiert sich mehr für die Anzüge von Viennale-Direktor Hans Hurch: "Ich trage ausschließlich Waschseide. Glänzende Seide ist für Damen, und man kriegt sie überall. Ich aber muss meine Waschseide auf der ganzen Welt suchen, seit der eine Tandler da im ersten Bezirk zugesperrt hat, am liebsten kaufe ich sie in Lissabon. ... Dann lasse ich mir meine Anzüge schneidern, von einer wunderbaren Schneiderin im zweiten Bezirk. Sie ist in Wahrheit eine Modistin, wissen Sie überhaupt, was eine Modistin ist? Eine Modistin übernimmt die modische Ausgestaltung von Kleidung! Sehen Sie nicht, wie weit bei mir das Revers heruntergeht? Bis knapp oberhalb des ersten Jackettknopfes!"

Jenni Zylka freut sich in der taz über eine digitale Neuauflage von Mike Nichols' "The Graduate". In der Presse stellt Köksal Baltaci die 4DX-Technologie vor, die uns mit Wassersprühern in den Wänden und wackelnden Kinostühlen noch direkter in die Action beamen will.

Besprochen werden Christopher Nolans "Dunkirk" (SZ), Luc Bessons "Valerian" (Presse) und Andrei Konchalovskys Film "Paradies" (Tagesspiegel).
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Kunst


Enver Şimşek (38), 09.09.2000 Nürnberg. © Regina Schmeken, 2015

Viel zu sehen ist nicht auf den Fotos, die Regina Schmeken von NSU-Tatorten gemacht hat, erklärt im Tagesspiegel Kai Müller, der die Bilder im Martin-Gropius-Bau gesehen hat. Und doch erzählen sie ihm was: "An Blut muss man unweigerlich denken beim Blick auf die Fotos, die Regina Schmeken von dem Tatort nahe Nürnberg gemacht hat, eine Lache breitet sich darauf aus. Dann ist es aber nur eine für sich unverdächtige Wasserpfütze, die den Asphalt dunkel färbt. Wie überhaupt das Dämonische von Regina Schmekens Schwarz-Weiß-Fotografien sich daraus speist, dass sie so leer sind. Von einer Leere, wie es sie nicht einfach nur überall gibt in diesem langweiligen Land. Sondern von einer Leere, die der Verlust erzeugt."

"Soll man bei der großen Pfütze an der Straße an eine Blutlache denken?", fragt sich Harry Nutt in der Berliner Zeitung. "Regina Schmeken macht keine Vorgaben. Der naheliegenden Gefahr, die Fotos von den Tatorten mit mythischer Bedeutung aufzuladen, entgeht sie in der Ausstellung geschickt dadurch, dass sie sie jeweils in Triptychons präsentiert. Man durchstreift die Ausstellung gewissermaßen mit einem filmischen Blick, das jeweilige Bild konkurriert bereits mit dem nächsten um Aufmerksamkeit. Regina Schmeken vermeidet so den Eindruck einer Szenerie des Heroischen, den die Einzelbilder bisweilen zweifellos annehmen."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "ich weiß nicht" im Design-Labor des Wiener Mak (Standard).
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Stichwörter: NSU-Morde, Regina Schmeken