Efeu - Die Kulturrundschau

Keine Hymne, ein Schrei

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03.07.2017. In der Jungle World spricht die Karikaturistin Nadia Khiari über Kunst und Selbstzensur in Tunesien. Die SZ ergründet im Palazzo Realo den Kunstcharakter des Warenhauses. Die NZZ kreuzt mit Heidegger vor Griechenlands Küste. In der FR lobt der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe die neue Vernunft der Sänger. Und der Tagesspiegel erklärt die Subtilität von Beethovens Neunter.

Kunst


In einem spannenden Interview unterhält sich in der Jungle World Jan Marot mit der Karikaturistin Nadia Khiari über die Lage in Tunesien, über ihre Arbeit und die Meinungsfreiheit: "Was die Pressefreiheit betrifft, sehe ich dieselben Tendenzen, die sich auch in Europa vielerorts bei Tageszeitungen und Medien generell abzeichnen: ein Hang zur Selbstzensur aufgrund der Abhängigkeiten vom Establishment und von großen, multinationalen Konzernen. In Tunesien gibt es keine Zensur von oben. Aber eben Selbstzensur, weil man jenen Kreisen oder der Politik von al-Nahda nicht mit Kritik zu nahe treten will. Und den Salafisten nicht auf die Füße treten will, aus Angst vor ­Repressalien. Aber Selbstzensur ist der letzte Schritt zur Diktatur."

In Mailand widmet der Palazzo Realo dem Traditionskaufhaus La Rinascente eine große Ausstellung, und in der SZ sieht Thomas Steinfeld darin nicht nur einen Versuch, den Unterschied zwischen Waren und Kunstwerken aufzuheben: "Das Warenhaus ist zu einer anachronistischen Einrichtung geworden, insbesondere für Kunden mit mittlerem oder gar niedrigem Einkommen. Wo die Welt, ganz gleich, ob sie sich mit Jacketts, mobilen Telefonen, Töpfen, Rucksäcken oder Spielzeug beschäftigt, auf jeweils vielleicht ein halbes Dutzend Marken geschrumpft ist, die jeder kennt und die fast jeder haben will, braucht es keine Warenhäuser mehr."

Weiteres: Im Standard freut sich Roman Gerold über die Wiedereröffnung der Kunsthalle Krems nach einjähriger Generalsanierung mit einer Überblicksschau "Abstract Painting Now!". In das taz wirft Ingo Arend einen Blick in den Kunstraum Kreuzberg, wo der Berliner Künstler Viron Erol Vert das monarchistische Prinzip der Purpurgeburt in sein egalitäres Gegenteil verkehrt: "Aus einer Kammer mit eingebautem Führungsanspruch wird so ein Space demokratischer Selbstermächtigung." Für die NZZ besucht Jürg Zbinden den Schweizer Künstler Lukas Hofkunst in seinem neuen südfranzösischen Domizil Saint-Chinian.

Die NZZ hat ihr Dossier zum großen Kunstsommer jetzt online gestellt: Der Kunsthistoriker Christian Saehrendt blickt auf die Geschichte von Biennale und Dokumenta zurück und weiß: "Zeitgenössische Kunst braucht, um sich in die heroische Tradition der Avantgarden stellen zu können, den Widerstand des 'Spießers', des Kleingeistigen und Banausenhaften." Kritische Einschätzungen zu den aktuellen Schauen liefert Annegret Erhard mit einer Pressesschau. Gabriele Detter weiß den hohen Frauenanteil zu schätzen. Daghild Bartels streift durch die vielen Nebenausstellungen in Venedig. Und im chinesischen Pavillon erkennt Minh An Szabó de Bucs, dass Kunst in China nicht durch "die Kreativität eines einsamen Genies" entsteht.

Besprochen wird eine Ausstellung über den Kupferstecher Lucas van Leyden in der Münchner Pinakothek der Moderne (SZ).
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Musik

Sollen die Musiker in der Elbphilharmonie nur vor den Teilnehmern des G20-Gipfels aufspielen oder nicht? Das ist die Frage, die Christiane Peitz im Tagesspiegel umkreist. Eine kleine, subversive Note hat sie im Spielplan übrigens auch entdeckt: Die Politiker dürfen sich keineswegs nur an der "Ode" aus Beethovens Neunter delektieren, sondern müssen die ganze Sinfonie durchhören - und "die ist keineswegs Pathos pur. In den ersten drei Sätzen beschwört sie das Chaos herauf, Wirrnis und Wahn. Der Weltfrieden, den der Idealist Beethoven am Ende fortissimo feiert, bleibt ein frommer, verzweifelter Wunsch. Keine Hymne, ein Schrei. Generalmusikdirektor Kent Nagano, ein Meister der Zwischentöne, wird das wissen. Kürzlich äußerte er übrigens Sorge um sein Heimatland Amerika wegen Trumps Freiheitsbeschränkungen und Mauerbau-Plänen."

Besprochen werden das Berliner Konzert der Pet Shop Boys (Berliner Zeitung), das Album "Hymns to the Night" von Lea Porcelain (taz) und ein Konzert des Absolut Trio (NZZ).
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Bühne


Porträt des Künstlers als alter Herr: "Baumeister Soness" an der Volksbühne. Foto: Thomas Aurin.

Ein letztes Mal Vollkaracho-Theater erlebte SZ-Kritiker Peter Laudenbach an der Berliner Volksbühne, von der sich Frank Castorf am Samstag mit einer letzten Großinszenierung verabschiedete. In der Berliner Zeitung bejubelt Urlich Seidler die "Baumeister-Solness"-Inszenierung noch einmal als "saukomisches, bitter-ironisches Altherren-Selbstporträt". Im Tagesspiegel freut sich Christine Wahl über das Bonusmaterial, das einen Blick in die Zukunft warf: "'Und, was hast du so erlebt?', will er wissen, und sie antwortet: 'Ich habe einen netten jungen Mann kennengelernt. Hier, in der Volksbühne, den Nachfolger von Frank'. Diese Art Humor beherrschen auch nicht alle Theater." Bei Claus Peymanns Abschiedsvorstellung am Berliner Zeitung war dpa.

Im FR-Interview mit Judith von Sternburg spricht der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe über die Harmonie in seinem Haus, Krisenintervention und die neue Vernunft unter Sängern: "Unsere Sänger werden hier sehr getragen. Sie bekommen das Gefühl, dass wir sie mögen. Gastierende Sänger kommen manchmal mit einem gewissen Dünkel hierher. Vor allem Italiener, die sich daran festhalten, dass ihr Land die Oper erfunden habe, während die Opernhäuser dort heute am Boden liegen, glauben, sie müssten das Klischee des Sängers bedienen."

Die Amerikaner lesen wieder wie verrückt George Orwell oder laufen ins Hudson Theatre, wo eine Bühnenversion von "1984" fragt, ob Winston Smith vielleicht wahnsinnig war. Sehr clever, findet Hannes Stein in der Welt. Nur: "Das Problem mit dieser Cleverness ist, dass sie George Orwells Intentionen diametral zuwiderläuft. Orwell glaubte, dass zwei plus zwei tatsächlich vier ergibt; dass es Tatsachen gibt, die sich durch Recherche ermitteln lassen; dass das altmodische England seiner Kindheit eine eigene Schönheit und Würde besaß; und dass es eine Obszönität sei, irgendetwas davon zu leugnen. Auf das postmoderne Gerede vom 'postfaktischen Universum' hätte dieser hagere, kettenrauchende, tuberkulöse Sozialist mit sarkastischem Grinsen und einem Hustenanfall reagiert."

Besprochen wird  Franz Schrekers "Die Gezeichneten" bei den Münchner Opernfestspielen ("ein Quentchen zu wenig ergreifend" findet Manuel Brug die Inszenierung in der Welt, SZ, NZZ)
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Literatur

Und plötzlich steht wieder Klagenfurt an, erschrickt Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Aber eigentlich nur kurz: "Was diesen Wettbewerb wirklich auszeichnet, ihn im Kern ausmacht, das ist seine Unverwüstlichkeit. Da kann kommen, wer oder was will, Neuerungen, Riesenmaschinen, Spinnen, da kann meckern und Klagenfurt abschaffen wollen, wer will, da können Betrieb und der Wettbewerb selbst ... Es ist dann auch sehr egal, dass bei dem Wettlesen schon längere Zeit keine tragfähigen Karrieren mehr auf den Weg gebracht oder literarische Schwergewichte im Dutzend entdeckt worden sind."

Für die NZZ blättert der Schriftsteller Karl-Heinz Ott bei Heidegger, Hölderlin und Chateaubriand nach, wie sie es mit Griechenland hielten. Was er in Heideggers Notizen über eine Kreuzfahrt an die griechische Küste liest, ist durchaus amüsant: "Nur die Gewissheit, dass er Griechenland meist bloß vom Meer aus sieht, lässt ihn 1962 das Schiff besteigen. Weil eine Welt, in der keine Götter mehr walten, nackt wirken muss, ergeht er sich lieber in stillen Zwiegesprächen mit Heraklit. ... Weil er am liebsten einem Griechenland begegnen würde, in dem es keine Griechen gibt und keine Hotels, verlässt er nach ein paar Tagen nur noch ungern das Schiff. Aus sicherem Abstand will er auf eine Welt schauen, die im gleißenden Licht, das sich über die heiligen Gestade ergießt, die Anwesenheit der alten Götter erahnen lässt."

Weiteres: Volker Breidecker berichtet in der SZ von den Frankfurter Lyriktagen, bei denen Andrea Pollmeier von der FR die Lyriknacht besucht hat. Harro Zimmermann (FR) und Friedrich Vollhardt (FAZ) gratulieren dem Germanisten Klaus Garber zum Neunzigsten. Deutschlandfunk Kultur stellt in einem Feature von Peter B. Schumann die neue Autorengeneration Mexikos vor.

Besprochen werden Daniel Clowes' Comic "Patience" (taz), Helga Schütz' "Die Kirschendiebin" (Zeit), Cees Nootebooms "Gesammelte Werke. Band 10" (FR), Máirtín Ó Cadhains "Grabgeflüster" (FR), die Kafka-Manuskript-Ausstellung im Berliner Gropiusbau (online nachgereicht von der Welt), J.L. Carrs "Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten" (SZ) und neue Krimis, darunter Monika Geiers "Alles so hell da vorn" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über Joseph von Eichendorffs "Das zerbrochene Ringlein":

"In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein' Liebste ist verschwunden,
..."
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Film

Offenbar nur wenig Freude hatte taz-Autorin Jenni Zylka beim Besuch des Internationalen Filmfests in Moskau, wo fast nur Filme von Männern gezeigt werden und sich die Journalisten in den Pressevorführungen offenbar noch rüpelhafter benehmen als auf anderen Festivals. "Die Auswahl der Wettbewerbsfilme, die keinen Platz für Diversität, andere Hautfarben oder sexuelle Ausrichtungen findet, hat etwas Respektloses."

Weiteres: Eine Buchveröffentlichung erinnert an den 1964 im Alter von nur 34 Jahren verstorbenen Kritiker Wilfried Berghahn, der laut Matthias Dell im Freitag "vielleicht kein extravagantester Stilist, aber ein großer Ironiker" war. Für die Berliner Zeitung spricht Anne Lena Mösken mit Helene Hegemann über deren Film "Axolotl Overkill". Ulrich Lössl spricht in der Berliner Zeitung mit Sofia Coppola über deren neuen Film "Die Verführten" (unsere Kritik). Cordula Dieckmann plaudert im Tagesspiegel mit Schauspieler Bryan Cranston. Christian Schröder schreibt im Tagesspiegel zum Tod der DEFA-Schauspielerin Ilse Pagé.

Besprochen werden Albert Serras "Der Tod von Ludwig XIV." (Standard, unsere Kritik) und Philippe Van Leeuws "Innen Leben" (Freitag).
Archiv: Film
Stichwörter: Filmfestival Moskau