Efeu - Die Kulturrundschau

Lücken der Lässigkeit

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04.07.2017. In der taz ergründet Elisabeth Wagner die Geheimnisse der Eleganz. Die FAZ lernt von der Lebenserzählerin Wu Tsang in Münster, dass es Muskeln und Nerven auch zwischen den Körpern gibt. Die NZZ feiert afrikanische Kunst in Paris. Kino-Zeit erlebt beim Festival Cinema Ritrovato in Bologna voller Enthusiasmus den traurigen Sog des Kinos. Die SZ fragt sich im Vitra Design Museum: Revolution anzetteln oder zurück ins Eigenheim? Und im Observer huldigt John Le Carré der deutschen Sprache.

Kunst


Moké: Skol Primus. 1991. Fondation Louis Vuitton.

Endlich Afrika!, ruft Sabine B. Vogel in der NZZ voller Begeisterung für die großen Ausstellung zur afrikanischen Kunst Fondation Louis Vuitton in Paris: "Ihr Ausgangspunkt sind Werke aus der hauseigenen Sammlung, darunter ein Film von William Kentridge, Dokumentarfotografien von David Goldblatt, aber auch Robin Rhodes Straßen-Performances und Omar Bas Malerei hybrider Wesen. Mit Chéri Sambas politischer Malerei, Barthelemy Toguos Wasserfarben-Zeichnungen und den Masken aus rezyklierten Materialien von Romuald Hazoumé gibt es dann Überschneidungen mit dem zweiten Teil, der den fünfzehn Künstlern der Jean-Pigozzi-Sammlung gilt."


Wu Tsang: "We hold where study", 2017. Filmstill. Kunsthalle Münster

Noch ein Grund nach Münster zu fahren: Dietmar Dath feiert in der FAZ die Performancekünstlerin und Lebenserzählerin Wu Tsang, der die Kunsthalle Münster die Ausstellung "Devotional Document (Part 2)" widmet. Bei Wu Tang, meint Dath, ist Kunst immer etwas Gesellschaftliches, wie in dem Film "We hold where study": "Links versucht jemand, in einen Spiegel zu kriechen. Rechts greift eine Frau einem Mann in den Mund, der Mann der Frau zwischen die Beine - das ist keine sexualisierte Gewalt, sondern der Versuch, herauszufinden, wo der eine Mensch anfängt und der andere aufhört ('näher' heißt nicht immer auch 'glücklicher')."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung zur Pressefotografie im Berliner DHM (FR).
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Design

In einem sehr schönen Essay beschäftigt sich Elisabeth Wagner in der taz mit der Frage nach der Eleganz in der Mode und kommt nach vielen Exkursen in die Kulturgeschichte zu dem Schluss: "Elegant ist man eben nie, wenn man es soll. Nie auf Kommando und nicht vor dem Spiegel der Mode, der einem sowieso nur helfen kann, wenn man nichts, aber auch gar nichts, was man darin sieht, mit der Eleganz selbst verwechselt. Ein Trend, ein sogenanntes Must-have, kann also gar nicht elegant sein. Ebenso wenig wie Desinteresse und Verachtung es sein können oder schlicht jede Art der Selbstgerechtigkeit. Mut und Großzügigkeit dagegen sind äußerst elegant. Diese Lücken der Lässigkeit. Vermutlich sind sie das Eleganteste überhaupt."

Außerdem bespricht Tania Martini den von Olga Blumhardt und Antje Drinkuth herausgegebenen Band "Traces, Fashion & Migration".
Archiv: Design
Stichwörter: Eleganz, Mode

Literatur

Im Observer erklärte John Le Carré bereits am Sonntag seine Liebe für die deutsche Sprache, mit der seiner Ansicht nach Anstand und Zivilisiertheit einhergehen (was Deutsche ja eher den Engländern zuschreiben). Le Carré jedenfalls verehrte die Deutschlehrer auf seiner Privatschule, einer spielte tolle alte Platten vor: "What did they contain, these precious records? The voices of classical German actors, reading romantic German poetry. The records were a bit cracked, but that was part of their beauty. In my memory, they remain cracked to this day: Du bist wie eine Blume - CRACK - So hold und schön und... - CRACK (Heinrich Heine) Bei Nacht im Dorf der Wächter rief… - CRACK (Eduard Mörike's Elfenlied). And I loved them."

Sehr dankbar berichtet FAZ-Autor Jan Wiele aus Frank Witzels Heidelberger Poetikvorlesung: "Ein so klares Bekenntnis zum metafiktionalen Schreiben hört man in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur selten." Außerdem merkt Wiele, dass der Schriftsteller "die Literatur wirklich als eine Kunstform auffasst, nicht als Maschine für Plots, die einfach ausgestanzt werden können."

Weiteres: Beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad konnte man "zwischen sphärischer Naturbetrachtung, historischer Spurensuche und politischer Zeitdiagnose aus dem Vollen und Tiefen schöpfen", berichtet Andreas Breitenstein in der NZZ.  Die Welt hat Wieland Freunds Würdigung von Hergés "Tim & Struppi" aus der Literarischen Welt online nachgereicht. In der FAZ-Reihe über Nebenfiguren bei Jane Austen schreibt Jürgen Kaube über die Figur der Catherina Morland aus "Northanger Abbey".    

Besprochen werden Ralf Königs "Herbst in der Hose" (taz, Tagesspiegel), Michail Schischkins "Die Eroberung von Ismail" (Tagesspiegel), Marcel Beyers "Das blindgeweinte Jahrhundert" (NZZ) und eine dem Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe gewidmete Ausstellung im Literaturhaus Berlin (SZ).

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Archiv: Literatur

Film

Begeistert berichtet Patrick Holzapfel auf kino-zeit.de vom Festival Cinema Ritrovato in Bologna, einem auf filmhistorische Entdeckungen und Restaurierungen spezialisiertem Filmfestival, das Enthusiasten aus aller Welt anzieht. "Eines der absoluten Highlights in diesem Jahr war ein nicht ganz eine Minute dauernder Film von Étienne-Jules Marey, der den Place de la Concorde in Paris zeigt und eigentlich nie als Film oder für öffentliche Vorführungen gedacht war, sondern nur für Studienzwecke. In Prag wurde das Material zusammengestellt und man findet sich wahrhaftig mitten in Paris vor 120 Jahren. In solchen Augenblicken wird klar, was das Kino wirklich zu leisten im Stande ist. Es entsteht ein enthusiastischer und trauriger Sog zugleich, der das bewusst und gegenwärtig macht, was vergangen ist."

Weiteres: Im Tagesspiegel resümiert Katrin Hillgruber das Filmfest München. Auf Deutschlandfunk Kultur spricht Regisseur Dominik Graf über die dem Tschechen Zbynek Brynych gewidemete Retrospektive im Berliner Zeughauskino.
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Bühne

Die taz meldet, dass auch die Sanierung von Kölns Oper und Schauspielhaus mehr als doppelt so teurer wird wie geplant. Jetzt sind bis zu 570 Millionen Euro veranschlagt. Die Eröffnung ist für 2023 geplant. Im Tagesspiegel berichtet Hannes Soltau, dass anstelle des Räuberrads nun vor der Berliner Volksbühne eine schwarze Säule à la Kubrick steht. Außerdem schwärmt Choreograf John Neumeier im Tagesspiegel vom chinesischen Staatsballett, das gerade in Hamburg gastiert. Für den Standard interviewt Stefan Ender die Intendantin Elisabeth Sobotka zum Programm der Bregenzer Festspiele, die in diesem Jahr Bizet, Rossini und Mozart geben.

Besprochen werden Arthur Schnitzlers heiter-resigniertes Altersstück "Im Spiel der Sommerlüfte" in Reichenau (das laut Ronald Pohl im Standard viel zu selten auf die Bühne kommt), Bernadette Sonnenbichlers Bühnen-Adaption von Hesses "Steppenwolf" in Heidelberg (Nachtkritik), John Neumeiers "Anna Karenina" bei den Hamburger Ballett-Tagen (FAZ) und Mateja Koležniks Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Münchner Residenztheater (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur


Wohnprojekt Wien, einzueins architektur, 2013. Foto: Hertha Hurnaus

Nach der Ausstellung "Together" zur Zukunft des Wohnen im Vitra Design Museum in Weil am Rhein weiß SZ-Kritiker Gerhard Matzig nicht, ob er jetzt lieber eine Revolution anzetteln oder zurück ins Münchner Eigenheim fahren will: "Selten hat man eine Architekturausstellung gesehen, in der man so schnell berauscht und so bald wieder ernüchtert wurde. Selten hat man auch eine derart die Fantasie anregende und gleichzeitig das Existenzielle verhandelnde Schau gesehen. Und selten stand man vor so vielen Lösungen, die mitunter von Problemen kaum zu unterscheiden sind. Es sind nicht allein Kickerkasten, Brettspiel und Sojabohnen, die davon erzählen, dass die neue Architektur der Gemeinschaft nicht nur vom hehren Ideal der Gemeinschaft handelt, sondern auch von den Niederungen und Leidenswegen der Gemeinschaftsorganisation."
Archiv: Architektur

Musik

Open Culture kommt auf einen Moment der jüngsten "Twin-Peaks"-Staffel zurück, in der David Lynch das Stück "Threnos" von Krzysztof Penderecki als Filmmusik verwendet: "Das Achteinhalbminutenstück - das man sich hier parallel zur animierten Partitur des Komponisten - anhören kann, ist für 52 Streicher geschrieben, sonst nichts. Dies erklärt den schrillen, zitternden Ton des Stücks. Titel und Widmung des Stücks an die Opfer von Hiroschima kamen später, nachdem der Komponist das Stück zum ersten Mal gehört hatte." Es ist faszinierend und einfach, die Partitur hier mitzuverfolgen:



Lynch verwendet das Stück bei einer langsamen Fahrt in das Innere einer Atombombenexplosion. Im folgenden Video kann man sehen, wie er mit dem Stück arbeitet. Mehr zu dieser faszinierenden Episode in Matt Zoller Seitz' hervorragender Zusammenfassung auf Vulture.



Weiteres: In der NZZ erinnert Klaus Walter an das Album "Two Sevens Clash" von Culture, einen apokalyptischen Reggaesong von 1977, der nicht zuletzt die Punks in London so sehr begeisterte, dass sie Reggae-Einflüsse in ihre Musik aufnahmen. Für den Tagesspiegel trifft sich Andreas Hartmann mit der Berliner Technomusikerin Ellen Allien.

Besprochen werden das Comeback-Album von TLC (ZeitOnline), das zweite Album von Lorde (Standard), das neue Album "waiting on a Song" von Dan Auerbach ("fabelhaft", schwärmt Jens-Christian Rabe in der SZ), ein Konzert von Arcade Fire (taz, Welt, Tagesspiegel), ein Auftritt von Helge Schneider in Wien (Standard), ein Konzert von Simon Rattle am Klavier mit der Sängerin Magdalena Kowená im Berliner Boulez-Saal (Tagesspiegel), Ana Chumachencos Auftritt mit fünf ehemaligen Schülern beim Rheingau Musik Festival (FAZ) und das Debüt der Kölner Post-Punk-Band Tic, in dem laut Jonas Engelmann von der Jungle World "mehrere Jahrzehnte linken Diskurses stecken".
Archiv: Musik