Efeu - Die Kulturrundschau

Wie eine alte Standuhr in einem schiefen Flur

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14.06.2017. Welt und FR freuen sich sehr über den Friedenspreis für Margaret Atwood, die als gute Dystopikerin auch eine klarsichtige Spötterin sei. Wenn nicht nach Kassel, dann aber unbedingt nach Münster, ruft die Zeit und erkundet bei den Skulptur Projekten Mondlandschaften und Asia-Läden. Im Standard will die Tänzerin Louise Lecavalier den Körper aus dem Bild befreien. Die taz stellt die Jazzcellistin Helen Gillet aus New Orleans vor. Die NZZ erkundet den neuen Together-Spirit in der Architektur.

Literatur

Weitgehend zufrieden sind die Feuilletons mit der Entscheidung des Deutschen Buchhandels, den Friedenspreis in diesem Jahr an die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood zu verleihen. Nachdem in den vergangenen Jahren vor allem Zeitgeist-Mahner ausgezeichnet wurden, ist die Entscheidung in diesem Jahr in erster Linie eine für die Literatur, sagt Mara Delius in der Welt. Dem Preis, der Delius zuletzt etwas linksliberal kommod erschienen ist, tue das nur gut: "Selbst dort, wo Atwoods Literatur zeitkritisch wird, bleibt sie Literatur, heißt: sie wird nicht mahnend, sondern absurd; wie jeder gute Dystopiker ist die Autorin auch eine Satirikerin." Ähnlich sieht es Sylvia Staude in der FR: "Kein erhobener Zeigefinger kompromittiert Atwood literarischen Werke", zudem sei die Preisträgerin "eine klarsichtige Spötterin, ihre Ironie zeigt Kante." Gerrit Bartels hält die Entscheidung im Tagesspiegel für "vernünftig", wenn auch für "fast wohlfeil". Weitere Texte dazu in taz und in SZ.

Lediglich Andreas Platthaus äußert in der FAZ Vorbehalte: Wenn man schon ein Zeichen gegen Trump setzen wolle - und dass es darum ging, liegt für ihn auf der Hand -, so wäre ein Preisträger aus Mexiko naheliegender gewesen. "Aber auch in den Vereinigten Staaten selbst hätte es geeignete Kandidaten gegeben - Teju Cole etwa oder Colson Whitehead, dessen gefeierter Roman 'Underground Railroad' bald auf Deutsch erscheinen wird."

Eine in Frankreich erschienene, umfangreiche Aufarbeitung des Antisemitismus von Louis-Ferdinand Céline lässt für entschuldigende Ausflüchte keinen Raum mehr, sagt Marc Zitzmann in der NZZ: Sie widerlege "ein für allemal die These, Céline sei ein weltfremder Einzelgänger gewesen, der sich in der Einsamkeit seiner Schreibstube in judenfeindliche Ergüsse hineingesteigert habe, die als rein rhetorische Exerzitien zu betrachten seien, als humorig übersteigerte Stilübungen. ... Während der Besatzungszeit wimmelte Célines Entourage von Nazi-Würdenträgern und von Kollaborateuren. Auch scheute er nicht davor zurück, in Schriften mit dem Finger auf namentlich genannte Juden zu zeigen oder sie gleich selbst bei den Behörden anzuzeigen."

Besprochen werden Roberto Bolaños Gedichtband "Die romantischen Hunde" (FR), Victor Klemperers Briefesammlung "Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen" (Berliner Zeitung), Karl Heinz Bohrers "Jetzt" (Tell), Comics von Dominique Goblet (NZZ), Luise Boeges Erzählband "Bild von der Lüge" (Tagesspiegel), Sarah Khan: Das Stammeln der Wahrsagerin" (SZ) und Philipp Schönthalers "Vor Anbruch der Morgenröte" (FAZ).
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Kunst


Mika Rottenberg, Cosmic Generator. Skulptur Projekte 2017. Foto: Henning Rogge.

Plattitüden und Selbstgefälligkeit - das sind für Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg die Hauptmerkmale der politischen Kunst, die die Documenta dominiert. Vielleicht sollte sie in der nächsten Ausgabe bescheidener werden, meint er und verweist auf die Skulptur Projekte in Münster: "Endlich Künstler, die sich auf Themen und ­ Ästhetiken der Gegenwart einlassen. ... In Münster steht die Kunst nicht unter Druck. Sie darf auch mal hoffnungslos selbstverliebt sein, einfach nur ein schönes Familienprogramm oder auf sinnfreie Weise tolldreist. ­ Pierre Huyghe macht aus einer alten Eissporthalle eine Mondlandschaft, Gregor Schneider aus Museumsräumen eine klaustrophobische Kleinbürgerwohnung, und Mika Rottenberg verwandelt einen aufgegebenen Asia-Laden in die Filiale eines unterirdisch vernetzten Austauschsystems für Menschen, Träume und groteske Fantasien. Selbst Tattoo-Studios und Schlagerdiscos werden zu Erkundungsorten."

Weiteres: Sehr hintersinnig findet Bernhard Schulz im Tagesspiegel die Ausstellung "Fotografierte Ferne" in der Berlinischen Galerie und er erkennt, warum die große Zeit des Reisens auch eine der Schwarz-Weiß-Fotografie war. NZZ-Kritiker Philipp Meier nimmt auf der Art Basel die überbordende Kunstproduktion in den Blick, wo er wenig sublime, dafür einige repetitive Erfahrungen machte: "Solche Gegenwartskunst hat dann etwas von der Restwärme eines soeben verlassenen Stuhls." Gerhard Mack macht im Art-Magazin allerdings ein insgesamt hohes Niveau aus. Andrea Eschbach berichtet in der NZZ zudem von der Design Miami Basel. Für die FAZ trifft Georg Imdahl in Venedig den amerikanisch-taiwanesischen Künstler Tehching Hsieh, der sich für seine wahnsinnigen Performances aus dem Fenster warf oder für ein Jahr in Einzelhaft begab.
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Bühne


Louise Lecavaliers neues Stück "Batlleground" nach Italo Calvinos Erzählung "Der Ritter, den es nicht gab". Foto: Szene Salzburg.

Im Standard-Gespräch mit Helmut Ploebst spricht die kanadische Tänzerin Louise Lecavalier über ihre Arbeit und den Körper in der Gesellschaft: "Dass der Körper im Bild gefangen ist, wissen wir ja. Wir verbringen alle unsere Zeit mit ihm und kennen ihn gar nicht wirklich. Der Tanz ist eine Gelegenheit, im Körper zu sein und ihn nicht immer von außen zu sehen."

Weiteres: Ausgesprochen schlecht gelaunt resümiert Katrin Ullmann im Tagesspiegel das Hamburger Festival Theater der Welt. Gino Thomas berichtet in der FAZ vom Opernfestival in Glyndebourne, wo unter anderem Brett Deans und Matthew Jocelyns "Hamlet" uraufgeführt wurde.

Besprochen werden Uli Jäckles Adaption von Peter Handkes Stück "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" für Dresdens Bürgerbühne ("chaplinesk" findet sie Michael Bartsch in der taz), der Doppelabend mit Honeggers "Jeanne d'Arc au bûcher" und Debussys "La Damoiselle élue" an der Oper Frankfurt (FR, SZ), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Elias Canettis "Hochzeit" bei den Ruhrfestspielen (Ruhr Nachrichten, SZ) und Tschaikowskys "Pique Dame" an der Staatsoper Stuttgart (Deutschlandfunk, Stuttgarter Zeitung, FAZ).
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Stichwörter: Louise Lecavalvier, Tanz

Design

Ettore Sottsass: "Tahiti Lampe, 1981
Andrea Eschbach führt in der NZZ durch das Angebot der Messe Design Miami Basel. Dabei fällt ihr auf: Im Möbeldesign verabschiedet man sich vom kühlen Funktionalismus, der postmoderne Stil der 70er ist wieder im Kommen. Insbesondere Ettore Sottsass, "Leitfigur des Radical Design", wird gerade wiederentdeckt: Dessen "bunte oder pastellfarbene Möbel und Leuchten der Memphis-Ära schienen aus einer Traumwelt zu stammen, sie waren poetisch, sinnlich, bizarr. Respektlos mixten Sottsass und seine Mitstreiter Holz, Kunststofflaminat und Metall, zitierten historische Elemente und verwendeten üppige Ornamente."
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Musik

Im Gespräch mit Steffen Greiner (taz), erklärt die Jazzcellistin Helen Gillet aus New Orleans, warum sie auf der Bühne gerne Loopgeräte einsetzt: "Wenn ich einen Fehler mache, muss ich damit arbeiten, das ist der improvisierte Part", sagt sie. "'Wenn ich offbeat bin, hört man es - wie eine alte Standuhr in einem schiefen Flur.' Im Grunde improvisiert Gillet dann mit sich selbst, schafft sich den Resonanzraum ihrer Cello-Improvisation." Hier ein kurzes Live-Video:



Weiteres: In Zürich spielte (und kommentierte) András Schiff Bachs Goldberg-Variationen: "Kein Ton klingt uninspiriert, keine Note ungedeutet", schreibt dazu Moritz Weber in der NZZ. Für The Quietus plaudert John Freeman mit der Band Alt-J. Angela Schader stellt in der NZZ das in Zürich stattfindende Instrumentenbauertreffen "Werkplatz Geige" vor.

Besprochen werden das neue Album von Beth Ditto (Spex), ein Auftritt der Beach Boys (Standard) und ein Konzert von Phil Collins (FR).
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Stichwörter: Helen Gillet, Jazz, Cello

Film

Oliver Stone gerät "zur Karikatur seiner selbst", stöhnt Nina Rehfeld in der FAZ angesichts der ersten auf Sky ausgestrahlten Folgen von "The Putin Interviews", in denen der amerikanische Autorenfilmer den russischen Präsidenten für das US-Publikum in offenbar sehr kumpelig-wohlwollender Manier interviewt. "Man plaudert im Zarenpalast in St. Petersburg, im Präsidentenjet, in der Privatresidenz, und es menschelt sehr. Ob er auch mal einen schlechten Tag habe, fragt Stone, voller Bewunderung für Putins Disziplin. Nein, sagt Putin, solche Tage hätten nur Frauen." Mehr dazu im Guardian.

Weiteres: Patrick Heidmann unterhält sich in der SZ mit dem Regisseur Jeff Nichols über dessen neuen, von Martina Knoben besprochenen Film "Loving", in dem es um die Liebesgeschichte zwischen einer schwarzen Frau und einem weißen Mann in den 50ern geht.

Besprochen werden Patty Jenkins' "Wonder Woman" (taz, FAZ), die Komödie "Mädelstrip" mit Amy Schumer (Standard) und die neue Staffel von "House of Cards" (NZZ).
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Architektur


Bibliothek, Cooperative Kalkbreite, Zürich, 2014, Müller Sigrist Architekten. Foto: Martin Stollenwerk.

Steigende Immobilienpreise, aber auch neue Lebensformen und der Hype um die Sharing-Economy bringen die Menschen wieder zu kollektiven Wohnmodellen zurück. Sehr interessant findet Gabriele Detterer (NZZ) die Ausstellung "Together" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, die sich der neuen Architektur der Gemeinschaft widmet: "Der internationale 'Together'-Spirit der Ausstellung verdichtet sich im zweiten Saal zu einem von EM2N Architekten aus Zürich zusammengestellten, optisch faszinierenden Stadtmodell - bestehend aus 21 neuen gemeinschaftlichen Wohnbauprojekten aus Europa, Amerika und Asien. Wandert man durch diese Idealstadt, so ragen die Zürcher Kalkbreite und die Star-Apartments in Los Angeles aus dem Gros heraus. Die Star-Apartments, weil in dem umgebauten, kolossalen Gebäude Obdachlose und Studenten wohnen. An der Kalkbreite hingegen besticht vieles: die zentrale City-Lage, die Gestaltung des über dem Tramdepot eingerichteten, schön bepflanzten Innenhofs, die unterschiedlichen Wohnbereiche, die Gemeinschaftszonen, das Restaurant, das Kino, die Shops."
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