Efeu - Die Kulturrundschau

Alle moderne Kunst ist Reflexionskunst

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29.12.2016. Die Filmkritiker feiern Whit Stillmans Adaption von Jane Austens Briefroman "Lady Susan" als gelungene Mischung aus Screwball-Komödie und Austens Bissigkeit. Die SZ fragt: Wann erlischt das Urheberrecht an einem Schauspielerkörper? Der Welt imponiert der kalte Blick Arnold Gehlens auf die moderne Kunst. In der Zeit schildert Max Goldt den Interessenkonflikt zwischen Leser und dem Autor. Die Berliner Zeitung blickt zurück auf das politischste Jahr in der Popmusik seit langem. Und Debbie Reynolds ist nur einen Tag nach ihrer Tochter Carrie Fisher gestorben.

Film

Nur einen Tag nach ihrer Tochter Carrie Fisher ist Debbie Reynolds im Alter von 84 Jahren gestorben (mehr hier). Unvergessen ist sie in "Singin' in the Rain" - Hier wünscht sie uns ein letztes, umwerfendes "Good Morning":



Eine große Rolle rückwärts macht der amerikanische Regisseur Whit Stillman, der bislang vor allem mit Filmen über urbane Gegenwartsmilieus aufgefallen ist, jetzt aber mit seiner Adaption "Love & Friendship" von Jane Austens Briefroman "Lady Susan" einen Historienfilm vorlegt. Doch der Autorenfilmer bleibe sich auch in diesem Umfeld treu, meint Lukas Foerster auf critic.de: Stillman entwirft "sein Kino aus einer Perspektive der Solidarität mit den Individuen, die sich mit den Regeln konfrontiert sehen und gar nicht anders können, als sie zu reproduzieren. Es ist schließlich so: Die Regeln betreffen (...) alle, aber sie treffen jeden anders. Diese Differenz ist der eigentliche Rohstoff des Stillman'schen Kinos, das vielleicht vor allem anderen ein großes Schauspielerkino ist."









Perspektive der Solidarität: Szene aus "Love & Friendship".

Auch Andreas Busche outet sich als Fan des "im US-Independent-Kino singulären Komödien-Œu­v­res" des Regisseurs - und mit Austen finde jener noch eine ideale Verbündete: "Stillmans Sinn für Gehässigkeiten und kultivierten Hohn fügen sich bruchlos in Austens bissige Beobachtungen der adeligen Umgangsformen, seine Handschrift bleibt dennoch unverkennbar." Tagesspiegel, taz, Welt, NZZ und FAZ bringen weitere Besprechungen. Für epdFilm porträtiert Sascha Westphal die Schauspielerin Chloë Sevigny, die in dem Film neben Kate Beckinsale spielt. Frank Arnold hat sich für den Standard mit dem Regisseur unterhalten.

Aus der kostümierten Vergangenheit in die digitale Zukunft: Ein Kino voller digitaler Schauspieler-Klone wird nämlich immer wahrscheinlicher, schreibt Philipp Bovermann in der SZ. Anzeichen dafür zeigen sich Ihm im aktuellen "Star Wars"-Film "Rogue One", für den der seit geraumer Zeit tote Peter Cushingmit digitalen Mitteln aus dem Grab geholt wurde, und in Martin Scorseses Plänen, den auch nicht mehr ganz frischen Robert de Niro im kommenden Jahr einen 30-jährigen Mafiagangster spielen zu lassen. Die rechtlichen Implikationen daraus sind gerade auch für Schauspieler verzwickt: "Theoretisch könnte ja irgendwann ein Erbe auf die Idee kommen, einen Porno mit einer digitalen Marilyn-Monroe-Kopie zu gestatten. Und wann erlöschen eigentlich solche Bildrechte? Werden Schauspieler wie Kunstwerke nach 70 Jahren lizenzfrei? Können wir sie dann runterladen und mit ihnen machen, was wir wollen?"

Weiteres: Björn Hayer schreibt in der NZZ über Marion Cotillard, die derzeit in gleich drei neuen Filmen zu sehen ist. Für die Berliner Zeitung spricht Patrick Heidmann mit Xavier Dolan, dessen neuer (in der taz besprochener) Film "Einfach das Ende der Welt" heute in den Kinos startet. Daniel Kotheschulte (FR) und Dietmar Dath (FAZ) schreiben zum Tod von Carrie Fisher (mehr dazu im gestrigen Efeu).

Besprochen werden Paolo Virzìs Roadmovie "Die Überglücklichen" (Tagesspiegel, FAS), der neue Fantasy-Blockbuster "Assassin's Creed" (Standard), Rachel Langs "Baden Baden" (critic.de, taz) und Ermanno Olmis auf DVD veröffentlichte "Legende vom heiligen Trinker" aus dem Jahr 1988 (taz).
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Kunst

In der Welt empfiehlt Wolf Lepenies wärmstens die 1960 erstmals erschienenen, jetzt von Karl-Siegbert Rehberg in einer "bewundernswerten editorischen Leistung" neu herausgegebenen "Zeit-Bilder" Arnold Gehlens: "Die 'Zeit-Bilder' sind der kompromisslose Versuch, Werke der Kunstgeschichte und Kunstgegenwart von ihrer 'Bildrationalität' her zu deuten. Gehlen, der den Expressionismus ablehnte, stimmte einem Kritiker zu: Man muss 'Kälte' zeigen, wenn man Bilder verstehen will. Grundlegend war dabei die Annahme von der im Laufe der Geschichte wachsenden Kommentarbedürftigkeit der Kunstwerke, die in der abstrakten Malerei ihren Höhepunkt erreicht: 'Alle moderne Kunst ist Reflexionskunst.' Der bleibende Eindruck aber, den Gehlens Buch im Leser hinterlässt, beruht auf der entschiedenen, überraschungsfreudigen Deutung einzelner Bilder oder Künstler."


Loretta Fahrenholz, Two A.M., color, 40 Min., film still

Millennials schlafwandeln in die Katastrophe - das ist das wiederkehrende Thema in den Videos der deutschen Künstlerin Loretta Fahrenholz, die gerade im Fridericianum in Kassel und in Amsterdam ausgestellt werden, schreibt Caspar Shaller in einem online nachgereichten Zeit-Artikel. Dass Fahrenholz erzählerisch arbeitet, sich also nicht vor einer Aussage wegschummelt, imponiert ihm: "Um eine Meisterleistung der Verdrängung dreht sich ihre neuste Videoarbeit 'Two A.M.', die in ostdeutschen Plattenbauten spielt. Es ist die Geschichte eines Mädchens, Sanna, das in einer Familie von sogenannten Watchers aufwächst, telepathisch begabten Wesen, die die Gedanken anderer überwachen. Sie will weg, auf in die große Stadt, wo ihre Schwester als Sängerin arbeitet. Eine Clique von urbanen Hipstern spinnt in der Stadt derweil an ihren eigenen Problemen ... Vor dem Hintergrund von Überwachungsstaat und sich ausbreitendem Neofaschismus erscheint die gelangweilte Endzeitstimmung der Großstadthipster, ihre selbstzentrierte und neurotische Beschäftigung mit nichtigen Kränkungen als die eigentliche, die wahre Gefahr."
Archiv: Kunst

Literatur

Im Interview mit Lars Weisbrod von der Zeit erzählt Max Goldt von seinen Schreibblockaden und von seinem Verhältnis zum Publikum: "Zwischen dem Leser und dem Autor gibt es immer einen Interessenkonflikt. Der Autor ist Künstler und will Kunstwerke erschaffen. Ich bin durch und durch immer Künstler gewesen in meinem Erwachsenenleben. Das heißt nicht, dass ich immer ein guter Künstler war! Der Leser jedoch sieht in erster Linie das Konsumprodukt. Der beurteilt einen Text, insbesondere im irgendwie komisch-satirischen Genre, danach, wie oft er gelacht hat. Das ist aber absolut kein Kriterium für die Qualität eines Textes. (Kurze Pause) Ich werfe den Lesern das nicht vor!"

In einem für die NZZ verfassten Essay denkt der Schriftsteller Martin R. Dean darüber nach, wie man unter den heutigen Bedingungen gesteigerter Visualität mit den Bildern von Toten umgehen sollte. Gerade über Facebook kommen Bilder von Toten heute täglich ins Haus, schreibt er. "Dürfen wir wegschauen? Oder müssen wir, gerade weil es die Bilder gibt, hinschauen? Um dadurch zu Komplizen der Entblössung zu werden? ... Die sozialen Netzwerke dokumentieren erbarmungslos den Einbruch von Rohheit und Schrecken in unser kriegsverschontes Europa. Es scheint unabwendbar und bleibt dennoch widersprüchlich, dem Tod ins Gesicht zu schauen." Dass Facebook einen gewaltigen Apparat unterhält, um Gräuelbilder zu löschen, verschweigt der Autor allerdings.

Weitere Artikel: Die Zeit hat Thomas Assheuers großen Text über 500 Jahre "Utopia" von Thomas Morus online nachgereicht. Christian Thomas gratuliert Burkhard Spinnen zum 60. Geburtstag. Iris Alanyali (Welt) und Gina Thomas (FAZ) schreiben zum Tod von Richard Adams.

Besprochen werden Tana Frenchs Krimi "Gefrorener Schrei" (FR), Eugen Ruges "Follower" (Welt), Harry Rowohlts "Und tschüs - Nicht weggeschmissene Briefe III" (Tagesspiegel), Barbara Conrads Neuübersetzung von Tolstois "Auferstehung" (SZ) und Eduardo Halfons "Signor Hoffman" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Musik

Auf ZeitOnline hält Daniel Gerhardt Rückschau auf das Jahr 2016, das auf Grund der sich häufenden Todesfälle schon lange vor Ablauf als Annus Horribilis in die Geschichte der Popmusik eingegangen ist, sodass man mitunter meinen konnte, Pop an sich stehe kurz vor seinem Ende. "Für diesen apokalyptischen Ansatz sprach auch, dass die vier Haupttoten des Popjahres zwar sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und Musiker waren, aber im Grunde dieselben Anliegen verfolgten. Ihre Arbeit ließ sich herunterbrechen auf die großen identitätsstiftenden Themen der Popmusik: Liebe und Sex, Sinnlichkeit und Sinnsuche, Realitätsflucht und Rollenspiele, Grenzüberschreitungen aller Art und nicht zuletzt die Emanzipation von einem als zu eng empfundenen Elternhaus ... Popmusik besaß einmal das Erstausstrahlungsrecht auf solche Erfahrungen, aber inzwischen ist sie mehr als 60 Jahre alt und erlebt in der Wahrnehmung vieler mit ihr gealterter Menschen einen Wandel: von der Kunstform der Momentaufnahmen zur Kunstform der konservierten Erinnerungen."

Das Popjahr 2016 war so politisch wie kein zweites lange Zeit zuvor und das mitten im Spotlight des Mainstream, schreibt währenddessen Jens Balzer in seinem Rückblick in der Berliner Zeitung unter Verweis auf zwei beeindruckende Auftritte von Beyoncé und Kendrick Lamar. Trump und der Rechtsruck des Westens wurde dennoch nicht verhindert: "In ihrem politischsten Jahr seit Langem hat die Popmusik sich als politisch komplett wirkungslos erwiesen." Da helfen auch Fantweets von Obama an Lamar nichts: "Vielleicht war dies die wahre politische Geste, die der Popmusik 2016 gelang. In ihrer eigenen Machtlosigkeit spiegelte sie die Angst vor dem Scheitern einer politischen Emanzipation, die die Welt dauerhaft ebenso wenig zu verbessern verstand wie der Pop, der ihr dabei den Soundtrack bot."

Marek Janowski verlässt nach 14 Jahren das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Hans Ackermann vom Tagesspiegel hat er ein Abschiedsinterview gegegeben, in dem es unter anderem auch um die Rundfunkorchester allgemein geht, für die er sich mit Nachdruck stark macht: Ohne diese "wäre die Entwicklung zeitgenössischer Musik überhaupt nicht möglich! ... Die Existenz von Radio und Schallplatten hat ja in den letzten 50, 60 Jahren zu einem enorm geschärften Präzisionsbewusstsein bei allen Musikern der jüngeren Generation geführt."

Weiteres: Die Spex hat Georg Seeßlens Text über das neue Album von Radiohead online gestellt. Frank Junghänel (Berliner Zeitung) und Freddy Langer (FAZ) gratulieren Marianne Faithfull in der FAZ zum 70. Geburtstag. Die Welt meldet den Tod des Liedermachers Knut Kniesewetter. Jan Wiele präsentiert auf FAZ.net seine Lieblingsvideos des Jahres. Auf Platz 1: "Because I'm me" von den Avalanches.



Besprochen werden das neue Album von Alicia Keys (FR) und das Album "Wenn doch die Winde wehn" von Festland (taz).
Archiv: Musik