Efeu - Die Kulturrundschau

40 Beispiele von Blut, Schweiß, Tränen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.12.2016. Alles Meta heute. Die Presse watet durch alte Kunstskandale. Die Welt kneift sich im wieder aufgebauten Barberini-Palais in Potsdam. Im Merkur mailen sich Eva Geulen und Hanna Engelmeier über Peter Sloterdijks in Form eines Mailverkehrs verfassten Romans "Schelling-Projekt". Die FAZ gibt Hillary Clinton mit Bruce Springsteen Nachhilfeunterricht über den "Zorn der Leute". Und in einer Wiener Dramatisierung von Clemens J. Setz wird laut Standard die Welt zum Bild.

Kunst


Tanja Ostojić, Untitled, 2004. Foto: David Rych

"Skandal normal?", fragt eine Ausstellung im OK Centrum Linz. Irgendwie schon, dafür sorgt die Ausstellung selbst, denkt sich Almuth Spiegler in der Presse: "Denn durch das Konzept der Meta-Ebene, eben eine Ausstellung über die Mechanismen des Kunstskandals zu machen, nahm Kurator Lorenz Seidler, sonst als Kunst-Netzwerker 'eSeL' unterwegs, dem Skandal seinen Skandal. Man watet sozusagen durch die öffentliche Erregung wie mit schicken Hunter-Regenstiefeln. 40 Beispiele von Blut, Schweiß, Tränen und Hass-Tweets sind hier grafisch bestens aufbereitet und in fünf sich teils selbst reflektierende Kapitel unterteilt: Etwa 'Sex sells', wo Institutionen wie irgendwie jetzt auch das OK Centrum thematisiert werden, die den Skandal als Marketingmittel benutzen, von den 'Nackten Männern' in Schirn und Leopold-Museum bis zum Life Ball mit seinen David-Lachapelle-Plakaten."

Weitere Artikel: Zu Beginn der Art Basel Miami Beach schreiben Philipp Meier in der NZZ und Claudia Bodin im art Magazin. In der Berliner Zeitung schreibt Irmgard Berner zum 125. Geburtstag von Otto Dix.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Otto Dix, Meta

Bühne


Szene aus "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre". Foto: © WERK X

Heute abend wird im Wiener Werk X Thirza Brunckens Bühnenadaption von Clemens J. Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" uraufgeführt. Solche Adaptionen liegen eben derzeit im Trend, meint Margarete Affenzeller im Standard und lässt sich von Bruncken erklären, warum diese sich gerade den Setz-Roman ausgesucht hat: Der Roman "erzählt aus dem Leben der jungen Behindertenbetreuerin Nathalie und deren 'Handhabung' der Welt. Die Protagonistin ist weniger als authentischer Mensch zu betrachten, eher, so Bruncken, als 'eine Konzentration von Erscheinungen der Moderne'. Nathalie betrachtet die Welt als Bild, so Bruncken. 'Gegenwart in gemeinschaftlicher Tätigkeit erlebt sie nicht. Ihr Leben ist eine Aneinanderreihung von unendlichen Möglichkeiten, von Versuchen und Ideen, die letztlich folgenlos auf sie als Subjekt zurückfallen'."


Szene aus "Secondhand-Zeit"

Die Bühnenadaption eines Prosawerks kann man auch in Graz begutachten, wo die spanische Regisseurin Alia Luque Swetlana Alexijewitschs O-Ton-Monument aus dem russischen Postkommunismus "Secondhand-Zeit" in Graz "als Sportstück" inszeniert, schreibt Reinhard Kriechbaum in der nachtkritik. "Zwei Männer und zwei Frauen üben sich im Dauerlauf und in permanenten gymnastischen Verrenkungen und Lockerungsübungen. Wie eine Stafette übergeben sie einander das Wort. 'Secondhand-Zeit - Leben auf den Trümmern des Sozialismus' ist kein pfiffiger Titel und der Text an sich alles andere als geeignet für einen flüssigen Theaterabend. Und doch ist letztlich erstaunlich viel Drive drin, wenn die Argumente herausgepresst werden aus Menschen."

Weiteres: In der nachkritik bereitet uns Michael Wolf mit seinem Dramolat "An die Urnen!" auf die Wahl des Sonntag des neuen Bundespräsidenten in Österreich vor.

Besprochen werden zwei Verdi-Premieren - "Falstaff" und "Il trovatore" - in Wien (Presse) und Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" in München (Tagesspiegel).
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Architektur

Barbara Möller besucht für die Welt das im Zweiten Weltkrieg zerstörte, jetzt wieder aufgebaute Barberini-Palais in Potsdam, in dem der SAP-Mitbegründer Hasso Plattner künftig seine Kunstsammlung zeigen wird. Bevor der Ausstellungsbetrieb beginnt, kann man die leeren Räume begutachten: "Und es ist aufregend, die Räume hinter den rekonstruierten Fassaden des 1771/72 von Carl von Gontard nach römischem Vorbild entworfenen Barberini-Palais unmöbliert zu erleben. Vor allem im Mittelbau, wo die Fenster fantastische Ausblicke freigeben: im Süden durch den Innenhof über den Mattheuer auf die Havel und den dahinter liegenden Hauptbahnhof (die größte Potsdamer Bausünde der Nachwendejahre), im Norden auf das von Johan Bouman und Christian Ludwig Hildebrandt errichtete Alte Rathaus und auf die Schinkel'sche Nikolaikirche. Man schaut hinaus und kneift sich - so schön ist das."

Weiteres: Für die FAZ besucht Andreas Kilb die Ausstellung "Schloss.Stadt.Berlin" im Ephraim-Palais.
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Literatur

Das Merkur-Blog bringt die erste von drei Lieferungen aus dem Mailwechsel, den Eva Geulen und Hanna Engelmeier im Oktober über Peter Sloterdijks anzüglichen und ebenfalls in Form eines Mailverkehrs verfassten Wissenschaftsbetriebs-Roman "Schelling-Projekt" geführt haben. Die Zeit hat Iris Radischs Bericht von ihrer Begegnung mit Schriftsteller Haruki Murakami online nachgereicht. Im Tagesspiegel dankt Gerrit Bartels dem Autor Peter Stamm dafür, ihm den Schriftsteller Cesare Pavese in Erinnerung gerufen zu haben, den er in den Achtzigern zwar verschlungen, seitdem aber "vergessen" hatte. In der Welt unterhält sich Pascal Blum mit Krimiautor Donald Ray Pollock über Trumps Wahlerfolg.

Besprochen werden Liza Codys Krimi "Miss Terry" (Perlentaucher, FR), Edmund de Waals "Die weiße Straße - Auf den Spuren meiner Leidenschaft" (Zeit), Vladimir Nabokovs "Vorlesungen über Don Quijote" (FR), Joseph Wälzholz' Biografie "Der asoziale Aufklärer" über Salomon Maimon (Jüdische Allgemeine), Corinna Belz' Dokumentarfilm über Peter Handke (Standard), Geg Ruckas und Michael Larks SF-Comic "Lazarus" (Tagesspiegel), Aleks Scholz' als Ebook veröffentlichte Reportagenessay "Flughafenwandern" (FAZ), Bücher von Jack London (SZ) und die gesammelten 4000 Rezensionen des Tiroler Bibliothekars Helmuth Schönauer, der unter dieser Adresse auch im Netz fleißig schreibt (SZ).
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Design

Carmen Böker besucht für die Berliner Zeitung den Couturier Uli Richter im Grunewald. In der SZ schreibt Gerhard Matzig zu 90 Jahren Bauhaus.
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Stichwörter: Bauhaus, Uli Richter

Film

Fürs ZeitMagazin plaudert Sascha Chaimowicz mit Clint Eastwood über allerlei vergnügliche Anekdoten und am Rande sogar auch über dessen neuen Film "Sully", den nach den ersten Kritiken gestern auch heute wieder zahlreiche Medien besprechen (Standard, Tagesspiegel, Zeit, Freitag, unsere Kritik hier). Mit "Ich, Daniel Blake" hat Ken Loach, mit dem sich Urs Bühler für die NZZ unterhält, punktgenau ins Milieu der sozial Abgehängten getroffen, meint Stefanie Bolzen in der Welt. Auf epdFilm schreibt Frank Arnold über das deutsche Kino der 50er.

Besprochen werden außerdem Frantisek Vlácils Meisterwerk "Marketa Lazarová" von 1968 (critic.de, SZ, mehr dazu hier), Florian Eichingers "Die Hände meiner Mutter" (Filmgazette), Florian Hoffmeisters "Die Habenichtse" nach dem Roman von Katharina Hacker (FR), Wolfgang Groos' Neuauflage von "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" (Welt) und eine aufwändige DVD-Neuauflage des britischen Horrorklassikers "City of the Dead" mit Christopher Lee (critic.de).

Außerdem beginnt gerade die Jahreslisten-Saison: Maren Ades "Toni Erdmann" landet sowohl in der Top 10 der Cahiers Du Cinéma
als auch auf der umfangreicheren, von 163 internationalen Kritikern zusammengestellten Bestenliste von Sight & Sound auf der Spitzenposition. Unsere Kritik zum Film hier. Auch immer sehr beliebt: Die Top10 von Trashpapst John Waters bei Artforum.
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Musik

Hätte Hillary Clinton mehr Arbeiter-Balladen von Bruce Springsteen gehört, wäre sie vielleicht erfolgreicher aus dem US-Wahlkampf hervorgegangen, mutmaßt Maak Flatten in der FAZ: "Die wütenden Zeilen aus den Liedern des Sängers, der diesseits und jenseits des Atlantiks für den Mainstream Amerikas steht, werden gerne überhört - so wie der Zorn der Leute, die sich immer noch als Mainstream Amerikas fühlen wollen."

Weiteres: Auf Pitchfork resümiert Marc Hogan das Streamingjahr 2016. Für die Welt porträtiert Juliane Reichert den DepriPop-Musiker Scott Matthew. Im Guardian spricht Alex Needham mit den Rolling Stones über deren in NZZ, FR und SZ besprochenes Bluescover-Album "Blue & Lonesome".

Besprochen werden ein Konzert von Krystian Zimerman (FR), ein Schubert-Konzert von Pavol Breslik (NZZ), Marc-André Hamelins Berliner Skrjabin- und Chopin-Konzert (Tagesspiegel), das Abschlusskonzert bei Wien Modern (Standard), das neue Album von Peter Doherty (Welt), ein Dokumentarfilm über den palästinischen Sänger Mohammed Assaf (Tagesspiegel) und ein Auftritt der Pianistin Beatrice Rana (SZ).
Archiv: Musik