Efeu - Die Kulturrundschau

Der letzte renitente Stachel

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10.11.2016. In der NZZ bedauert John Burnside den Sieg des britischen Pragmatismus über die deutsche Metaphysik. In der SZ bekennt sich T.C. Boyle zu den Grenzen seines Einfühlungsvermögens. Der Tagesspiegel beobachtet Peter Handke beim Pilzesammeln. Im Freitag spricht die Cutterin Ursula Höf über den weiblichen Blick. Die taz huldigt der schrillen Exzentrik der grandios schlechten Sängerin Florence Foster Jenkins. Die Welt stellt fest: Pop gewinnt keine Wahlen mehr.

Literatur


Eine Schriftsteller- und Pilzesammlerleben vor den Toren von Paris: Peter Handke in Corinna Belz' Film "Bin im Wald".

Ach, so ein Schriftstellerleben müsste man haben, schwärmt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, nachdem er Corinna Belz' sehr persönlichen Dokumentarfilm "Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte" über Peter Handke gesehen hat. Dabei erlebt er, wie der Autor vor den Toren Paris' ein von Stiften und Muscheln umranktes Pilzesammlerleben führt. Der Film "ist in seiner Balance zwischen Gesprächspassagen, Textproben, Ortserkundung und biografischem Archivmaterial so genau, so konzentriert und zugleich weit, wie es die Bücher von Peter Handke schon lange nicht mehr sind." Aber: "Der Preis dieser Affinität ist auch ein Stück Affirmation."

Für den Feuilletonmacher hat die SZ bei Intellektuellen und Kulturschaffenden Bekenntnisse zum Trump-Desaster eingeholt. Was ist schief gelaufen, woran hat es gehapert? Schriftsteller T.C. Boyle übt sich in der Tugend der Selbstkritik: Er sei der Verachtung seines politischen Gegners schuldig - Trump-Bekenntnisse machen ihn nämlich fuchsteufelswild. "Es geht so weit, dass ich fürchte, an unserer Demokratie nicht mehr teilnehmen zu können. ... Ich werde als Schriftsteller dafür gefeiert, dass ich mich in jede Person hineinversetzen kann, dass ich die Welt von allen Seiten betrachten kann. Okay. Gut. Ich bin stolz auf diese Fähigkeit. Aber an diesem Abend wird meine Seele von dem Gedanken gequält, dass die andere Seite gewinnen könnte, meine Einfühlungsgabe ist fort. Es gibt nur Sieg oder Tod."

Im Interview mit Angela Schader spricht der schottische Autor John Burnside in der NZZ über Lyrik und Wahn, Brexit und britischen Pragmatismus: "Die Angelsachsen hegen eine Art Animosität gegenüber dem Metaphysischen; sie pflegen dieses rationalistisch-pragmatische Oxford-Denken. Meinem Empfinden nach wurde die Wissenschaft in dem Moment ruiniert, als Newton über Goethe siegte. Newtons Modell ist reduktiv, mathematisch; Goethe oder Humboldt dagegen stellen das organische Leben ins Zentrum ihres Universums. Ich wünschte, Goethe hätte gesiegt."

Weiteres: Der Standard bringt Terézia Moras Eröffnungsrede zur Buch Wien. Besprochen werden eine Ausstellung über Thomas Mores "Utopia" im M-Museum im belgischen Leuven (Tagesspiegel), Richard Flanagans Roman "Die unbekannte Terroristin" (NZZ), Gerhard Falkners "Apollokalypse" (Freitag), Kathrin Rögglas "Nachtsendung" (Freitag), Alan Pauls "Geschichte des Geldes" (SZ) und Jonathan Safran Foers "Hier bin ich" (FAZ).
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Film

Ein Dokumentar- und ein Spielfilm - ersterer von Ralf Plegers, letzterer von Stephen Frears und mit Meryl Streep in der Hauptrolle - befassen sich mit Florence Foster Jenkins, der legendär schlechten Sängerin aus dem frühen 20. Jahrhundert, berichtet Katharina Granzin in der taz. Die Exzentrikerin, die Jenkins wohl gewesen sein muss, bekommt man aber offenbar nur im dokumentarischen Film zu sehen: Frears hingegen "packt uns bei unerfüllten Sehnsüchten und bringt uns dazu, sich mit dieser kindlichen älteren Dame, die doch nur singen will, zu identifizieren. Zu diesem Zweck wurde der Filmfigur jede exaltierte Schrillheit ausgetrieben. Von der Extravaganz, die laut Zeitzeugen nicht nur Foster Jenkins' Auftritte, sondern auch ihre Alltagsoutfits auszeichnete, ist bei Frears kaum etwas zu sehen. Unvorstellbar, dass Meryl Streeps Florence einen Schuhhut tragen würde!" Foster Jenkins muss man aber ohnehin gehört haben:



Für den Freitag spricht Sven von Reden mit der Schnittmeisterin Ursula Höf, die in Köln gerade für ihre Arbeit mit dem Geißendörfer Ehrenpreis ausgezeichnet wurde. Unter anderem geht es um die Frage nach dem weiblichen Blick. Sie glaubt, "dass der weibliche Blick eher auf Menschen zielt und mehr die Handlungsweisen von Figuren im Kopf hat, während der männliche Blick stärker auf die Aktion gerichtet ist."


Acht Paare in Chicago: Joe Swanbergs "Eays".

Mit großer Spannung verfolgt Isabella Reicher vom Freitag die Netflix-Serie "Easy" von Joe Swanberg, der sich zuvor mit einer Handvoll sehr persönlicher Independent-Filme einen Namen gemacht. Die Serie hat eher literarischen Charakter, sie funktioniert mit ihren abgeschlossenen 25-minütigen Episoden wie eine Kurzgeschichtensammlung: "Schauplatz ist Chicago, Generalthema ist das seltsame Verhalten paarungswilliger Großstädter unter selbstverständlicher Berücksichtigung gesellschaftlicher Diversität." In Interviews "denkt Swanberg laut darüber nach, "mit solchen Momentaufnahmen frühestens in 25 Jahren ein gültiges Porträt von Chicago beisammen zu haben. Fernsehen für Generationen."

Weiteres: In der FAZ schreibt Claudius Seidl zum Tod des Kameramanns Raoul Coutard, der zahlreiche Filme der Nouvelle Vague geschossen hat, darunter Jean-Luc Godards "Außer Atem". Im Guardian zitiert Alan Evans ihn mit den Worten: "Jean Luc ist ein linker Faschist, ich bin ein rechter." (mehr dazu bei KeyframeDaily). Für ZeitOnline spricht Kaspar Heinrich mit dem Filmemacher Benjamin Ree über dessen (hier besprochenen) Dokumentarfilm "Magnus" über den Schachweltmeister Magnus Carlsen. Auf den Wirtschaftsseiten der Zeit erklärt Lisa Goldmann am Beispiel von Matthias Schweighöfers erster deutschen Serie für den Streamingdienst Amazon Video, "You Are Wanted", wie sich das Filmgeschäft im digitalen Zeitalter verändert.

Besprochen werden Denis Villeneuves Science-Fiction-Epos "Arrival" (Perlentaucher), Ruth Beckermanns "Die Geträumten" (Freitag, unsere Kritik hier), der neue "Jack Reacher"-Film mit Tom Cruise (taz, Perlentaucher), Fenton Baileys und Randy Barbatos Dokumentation "Mapplethorpe" (NZZ), und Woody Allens in den Dreißigern situierter Film "Café Society" ("ein Film von großer Hoffnungslosigkeit, aber man nimmt sie hin", schreibt Fritz Göttler in der SZ, der damit die momentane Stimmung in den USA gut getroffen sieht, Tagesspiegel, NZZ, Standard).

Außerdem wurde gestern Abend in Köln der frühere Perlentaucher Ekkehard Knörer für seine im Filmmagazin Cargo veröffentlichte Kritik zu Nicolette Krebitz' Film "Wild" mit dem Siegfried-Kracauer-Preis ausgezeichnet - wir gratulieren herzlich!
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Bühne

Noch will Lars Hartmann vom Freitag die Castorf'sche Volksbühne nicht aufgeben: Die Aussicht auf einen von der Linken gestellten Kultursenator könnte das Blatt vielleicht ja noch wenden. Wichtig wäre ihm das, denn die Volksbühne ist für ihn der letzte renitente Stachel im Fleisch der ansonsten viel zu verwertbar gewordenen Mitte Berlins: "Was sich unter Chris Dercon Neuanfang nennt, ist politisch die kalte Abwicklung eines unliebsamen Gebildes."   
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Kunst

Die Eröffnung der seit langem angekündigte Berliner Ausstellung der Sammlung moderner Kunst aus den Beständen des Teheran Museums wird verschoben, meldet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel. Grund soll die Umbildung der iranischen Regierung sein.
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Architektur

Als einmal mehr ausgesprochen klagefreudig erweist sich der Architekt Stephan Braunfels, der auf sein Recht pocht, am Wettbewerb für den neuen Münchner Konzertsaal teilzunehmen. Von diesem wurde er nämlich ausgeschlossen, wie Gerhard Matzig in der SZ berichtet. Den Ausschlussgrund hält er übereinstimmend mit dem seiner Ansicht nach hervorragend geeigneten Architekten für kleinlich, wenn nicht sogar für "eine Eselei ... Nicht berücksichtigt wurde Braunfels aufgrund der Matrix. Wer sie studiert, begreift: Einige Vorgaben sind unklug. In größeren Wettbewerben muss man als Architekt etwa nachweisen, dass man schon ähnlich komplexe Vorhaben realisiert hat. Braunfels könnte die Pinakothek vorweisen. Aber sie wurde 2002 eröffnet - die Matrix lobt in ihrem bürokratischen Furor aber nur Projekte ab 2010. Als würden Kulturbauten altern wie der Joghurt beim Discounter."
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Musik

Absolut fantastisch fand Franziska Buhre von der taz den mitreißenden Auftritt von Jazztrompeter Christian Scott in Berlin: Er "spielt seine Trompete mit nach oben abgewinkeltem Schalltrichter, mal säuselnd mit Dämpfer, mal setzt er Effekte ein, die sie wie eine Melodica klingen lassen oder wie ein elektronisch verstärktes Muschelhorn ... Restlos atemberaubend ist sein purer Trompetenton, der sich von der Bühne zielgerichtet Bahn bricht - in Europa gibt es keine vergleichbare Schallausbreitung. Denn so, wie Scott sein Spiel für kilometerweite Distanzen perfektioniert hat, spielen nur Trompeter, die, wie er, aus New Orleans kommen." Hier eine Aufnahme von einem Auftritt aus dem letztem Sommer:



Weiteres: Michael Pilz weist in der Welt auf das große Versagen von Jay Z, Beoncé und Madonna hin: "Dieser Popwahlkampf war ein Desaster." Das Jazzfest Berlin hat seinen Repräsentationspflichten als Hauptstadt-Event voll genüge geleistet und war auch überdies ein "voller Erfolg", freut sich Ulrich Olshausen in der FAZ. Christian Wildhagen huldigt in der NZZ den "mutigen, lehrreichen" Badenweiler Musiktagen, auf dem in diesem Jahr das Emerson String Quartet sein vierzigjähriges Bestehen feiert. Max Tholl berichtet im Tagesspiegel vom Airwaves Musikfestival in Reykjavík. Die SZ hat eine Probe der Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev im Virtual-Reality-Verfahren mitgefilmt, meldet Rita Argauer.

Besprochen werden desweiteren Konzerte von Biffy Clyro (FR) und Wilco (FAZ).
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