Mord und Ratschlag

Oberste Liga

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
23.09.2016. John le Carré erzählt in seinen Memoiren "Der Taubentunnel" aus seinem Leben als Spion, Schriftsteller und Reporter. Es sind meisterliche Geschichten aus dem großen Spiel der Weltpolitik, in dem Runde um Runde die Ahnungslosen die Kugeln abfangen müssen, die den Skrupellosen entgleiten.
"Taubentunnel" hat John le Carré seine Memoiren genannt, wie viel Bitterkeit in diesem etwas enigmatischen Titel steckt, erklärt er zu Beginn des Buch: Der Taubentunnel war Teil einer Schießanlage in Monte Carlo. Nach dem Lunch im Casino beliebten die Gentlemen einige Vögel zu töten. Sie wurden extra zu diesem Zweck auf dem Dach des noblen Hauses gezüchtet. Durch einen Tunnel wurden sie an einen Küstenvorsprung getrieben, und wenn sie dann in den Himmel flattern wollten, wurden sie von den Sportschützen abgeschossen. Überlebte eine Taube, flog sie  wieder treu in ihren Käfig zurück und das grausame Spiel ging von vorne los.

Den Titel "Taubentunnel" hätte Le Carré vielen seiner Romane geben können. Im "Spion, der aus der Kälte kam" erklärt der Geheimdienstchef Control die Mechanismen dieses fragwürdigen Upperclass-Vergnügens zu seiner Philosophie des Kalten Krieges: "Manchmal müssen wir üble Methoden anwenden, um unsere überlegenen Grundsätze zu bewahren." In den Memoiren nun lässt John le Carré den Dandy-Spion Nicholas Elliott erklären, warum Doppelspion Kim Philby, der wahrscheinlich Hunderte von Agenten auf dem Gewissen hatte, im Gegensatz zu weniger privilegierten Überläufern, ungestraft blieb: Er war doch "einer von uns", also oberste Liga.

Verrat, Prinzipienlosigkeit und der Zynismus der Upperclass, das waren immer die großen Themen in John Le Carrés Romanen. In den kurz vor seinem 85. Geburtstag erschienenen Erinnerungen erkennt man in ihnen die schmerzhaften Leitmotive des ganzen Lebens, das John le Carré als David Cornwell 1933 in Poole begann. Sie haben sich ihm als Sohn eines Vaters eingebrannt, der ein Hochstapler und Betrüger war und stets mit einem Bein im Grandhotel logierte und mit dem anderen im Kittchen. Im Casino von Monte Carlo war der junge David dabei, als sein Vater Ronnie Cornwell gegen den Stallmeister von König Farouk um die ägyptische Staatskasse zockte, während dieser sich per Telefon von den königlichen Hofastrologen beraten ließ.

Einige der Geschichten, die John Le Carré aus seinem Leben als Spion, Schriftsteller und Reporter erzählt, sind bereits an verschiedenen Orten publiziert worden. Was er erzählt, ist durchaus glaubhaft, allerdings erzählt er nicht alles. Gewisse Uneindeutigkeiten und Leerstellen springen einem ins Auge, einige betreffen seine Geheimdienstarbeit, andere seine Familie und sein Privatleben. Die Memoiren entspringen nicht unbedingt der Selbstergründung. Trotzdem sind sie ein grandioses Werk. Unterhaltsam, klug, spannend.

Wer seine Jugend umgeben von derartig potenten Täuschungskünstlern verbrachte, ist für eine bürgerliche Existenz nicht unbedingt geschaffen. John le Carré ging nach Bern, um zu studieren, geriet in höchste Schweizer Hotelierkreise und empfahl sich damit für den britischen Geheimdienst, der sich zumindest damals seine Leute stets selbst aussuchte. Er kehrte - nun im Dienste Ihrer Majestät - zurück nach England, studierte in Oxford und schließlich unterrichtete er in Eton. Der von Le Carré als Ziehvater betrachtete spätere Rektor des Lincoln College, Vivian H.H. Green, wurde das erklärte Vorbild für seinen langmütigen Spionagechef George Smiley.

1960 hatte le Carré genug davon, Kommunisten, Schwulen und anderen vermeintlich unsicheren Kantonisten im eigenen Land nachzuspüren. Er ließ sich zum MI6 versetzen und ging ins triste Nachkriegsdeutschland, ins "blöde Bonn", wo er als Botschaftssekretär stationiert war. Zu seinen Aufgaben gehörte es, deutsche Politiker auf Reisen nach Großbritannien zu begleiten. Und auch wenn er einige Andeutungen darüber verliert, wie schön sich hessische Politiker in den Londoner Bordells daneben benahmen, schreibt er doch vor allem sehr eingenommen von aufrichtigen Figuren wie den SPD-Mann Fritz Erler, der in London so schmählich abgefertigt wurde, obwohl alle wussten, dass er im Konzentrationslager gewesen war.

Als 1963 "Der Spion, der aus der Kälte kam" erschien, war Le Carré gerade mal dreißig Jahre alt. Er behauptet, sein schreiberisches Können seinen humanistisch gebildeten Vorgesetzten im Secret Service zu verdanken, die seine Berichte so penibel und sinnvoll redigiert hätten wie später kein Lektor mehr. Er quittierte seinen Dienst, doch scheint er es sich nicht nachhaltig mit den Hierarchen verscherzt zu haben. Vielleicht weil er sie in seinen Romanen höchstens zu Bürokraten und Trotteln gemacht hat, nie zu Mördern wie Graham Greene, dessen Abfall vom Glauben viel subversivere Kräfte freigesetzt hatte. In aller Welt trafen sich Machthaber, Geheimdienstchefs und Revolutionäre gern mit le Carré. Er dankt es ihnen mit schillernden Geschichten.

Le Carré traf Arafat im Libanon, Opium-Schmuggler in Vietnam und Warlords im Kongo und nach der Perestroika auch zwei KGB-Chefs in Moskau. Er erzählt von Dreharbeiten, mit dem unberechenbaren Richard Burton, einem Drehbuchautor, der in seinem ersten Leben Agenten im lautlosen Töten geschult hatte, oder dem konservativen Alec Guinness, der alles andere als ein angenehmer Mann gewesen sei ("Warum sollte er auch?") In Israel ließ ihn der Shin Bet in die geheime "Villa Brigitte", wo eine deutsche Terroristin gefangen gehalten wurde, eine große, schöne blonde Frau, die mit einem palästinensischen Kommando geplant hatte, eine El-Al-Maschine in Nairobi abzuschießen. Zu ihren Bewachern gehörte auch eine Majorin, von der sich später herausstellte, dass sie ein deutsche Jüdin und Holocaust-Überlebende war. Die Vorlage für "Die Libelle".

Nicht ganz so schillernd, aber aufschlussreich ist sein Bericht von einem Besuch beim damaligen BND-Chef August Hanning, der ihn zu einem "Arbeitsfrühstück" in der Dienstvilla in Pullach empfing, die einst Hitlers oberstem Intriganten Martin Bormann als Landsitz diente. Den Garten zierten Skulpturen von KdF-Jünglingen und an den Wänden hingen Porträts von Admiral Canaris und General Gehlen. Worauf kann sich ein Dienst gründen, dessen Granden Schurken oder Verbrecher waren? Le Carré verteidigt den BND in der NSA-Affäre, zeigt aber kein Verständnis für Hannings lange Weigerung, den unschuldig in Guantanamo inhaftierten Murat Kurnaz nach Deutschland zurückzulassen.

Es gibt viele solcher aufregenden Begegnungen, mit angehaltenem Atem liest man diesen abenteuerlichen Abriss der Weltgeschichte. Le Carré macht aus seinem Faible für die Mächtigen und Einflussreichen keinen Hehl, und sie treffen sich auch gern mit ihm. Er lässt sie reden und nickt ihnen aufmunternd zu. Nie verliert er die Contenance, selbst beim Treffen mit Rupert Murdoch springt noch eine amüsante Anekdote heraus. Mitunter wünschte man sich etwas Aufstand im Herrenclub.

Es gibt die großen Ausnahmen: Über seinen Vater schreibt John le Carré zwar immer noch in formvollendet-eleganter Prosa, doch hier rückt wieder echtes Gefühl an die Stelle des britischen Humors. In diese Passage am Ende der Erinnerungen wird erkennbar, was für eine grausame Kindheit am Beginn dieses Schriftstellerlebens stand. Die Mutter hatte die Familie verlassen, als er fünf Jahre alt war. Sein betrügerischer Vater lehrte ihn - noch vor allen Ausbildern beim Geheimdienst - Ausflüchte, Verschwiegenheit und Täuschungsmanöver. In der jüngst erschienenen Biografie "John le Carré" wirft Adam Sisman dem Vater vor, den Sohn sexuell belästigt zu haben. Le Carré sagt darüber nichts. Er machte Ronnie Cornwell zu der Romanfigur Harry Pendel im "Blendenden Spion".

Die Mutter bleibt die große Leerstelle in diesen Erinnerungen, auch das deutsche Kindermädchen, die Ehefrauen. Das mag Diskretion sein, vielleicht aber auch ein Erbe der Frauenverachtung, die man in englischen Privatschulen ganz umsonst mitanerzogen bekam. Immerhin ist Margaret Thatcher eine tolle Szene vergönnt. Ausgerechnet beim Dinner mit ihr in der Downing Street riskiert le Carré mal ein bisschen Kontroverse und hält ein flammendes Plädoyer für die Sache der Palästinenser. Womit er die Löwin zu dem wunderbaren Ausruf bringt: "Tag für Tag appelliert man an meine Gefühle. So kann man doch nicht regieren. Das ist einfach nicht fair."

John le Carré: Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein Verlag, Berlin 2016, 382 Seiten, 22 Euro (Bestellen)