Efeu - Die Kulturrundschau

Der Knoten ist geplatzt

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24.08.2016. Die Longlist für den Deutschen Buchpreis hat die Kritiker nicht gerade vom Hocker gerissen. Viel Midlife-Crisis, wenig Komik und Literaturlust, konstatiert die taz. Auf LitHub erzählt Swetlana Alexijewitsch, wie sie zur Zuhörerin wurde. Die SZ räkelt sie sich in Palm Springs in der legeren Offenheit von William Codys Bungalows. FAZ und NZZ beobachten in Luzern, wie locker und souverän Frauen eine der letzen Männerbastionen schleifen. Der Guardian meint: Zerstörung von Kunst ist kein Kriegsverbrechen.

Architektur


William F. Cody: Sketch for his family's Palm Springs residence. View of west entrance; graphite;1948-1950.

Vor der momentanen Hitze in Los Angeles flüchtet sich SZler Peter Richter in eine dem Architekten William F. Cody gewidmete Ausstellung, dessen Sinatra-artige 50er-Jahre-Haftigkeit einen sehr anheimelnden Reiz auf ihn ausübt: Codys Renderings "gehören eigentlich eher in die Tradition der amerikanischen Landschaftsmalerei als in die Sparte Architekturzeichnung. ... Immer eine Riesennatur, glühende Himmel - und um ein Wasserloch ein paar flache Bungalows. Die scheinbar mikadoartigen Verteilungen der Baukörper lassen manchmal an die Splitterschlachten des Dekonstruktivismus der Achtziger denken, gleichzeitig sind sie meistens das Ergebnis eines Ausbalancierens von legerer Offenheit und dem Wunsch nach Privatheit, was anders als in der politisierenden Rhetorik der Architekturbiennalen von heute damals nicht als böser Widerspruch wahrgenommen wurde - sondern als ein durchaus reizvoller."
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Stichwörter: William F. Cody, 50er

Kunst

Den schlimmsten Verbrechen gegen die Menschheit ging oft die Vernichtung von Kultur voraus, schreibt der der Guardian-Kunstkritiker Jonathan Jones zum Prozess, der einem malischen Islamisten wegen der Zerstörung der Mausoleen von Timbuktu in Den Haag gemacht wird. Doch die Vernichtung von Kultur ist seiner Ansicht kein Kriegsverbrechen, meint Jones: "Die Zerstörung von Kunst ist für viele furchtbar und niederträchtig, aber sie ist kein Massenmord und sie gehört in vor dasselbe Gericht. Es könnte absurde und moralisch recht verwirrende Wendungen nehmen, wenn Kunst-Vandalismus eine Angelegenheit für Den Haag."

Besprochen werden eine von der Musikerin Anohni kuratierte Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld (Freitag), Thomas Dashubers Fotoband "Klausur" (FR), Bernard Larssons Ausstellung "Leaving is Entering - Fotografien 1961-1968" im Museum für Fotografie in Berlin (SZ), die Ausstellung "Sentsovs Camera" in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig (taz), Götz Lembergs in diversen Kunstvereinen ausgestellte Fotoserie "H_V_L-Cuts" (Tagesspiegel) und Wael Shawkys Ausstellung im Kunsthaus Bregenz (FAZ).
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Film

Als Fortsetzung zu Olympia verbucht Urs Bühler in der NZZ das von der BBC organisierte Ranking der Hundert besten Filme des 21. Jahrhundert, das auch die einzelnen Voten der insgesamt 177 Kritiker auflistet (An der Spitze: David Lynchs enigmatischer "Mulholland Drive"). Maren Ades "Toni Erdmann" hat auch in Frankreich einen exzellenten Kinostart hingelegt, meldet Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel.

Besprochen wird Icíar Bollaíns "El Olivo - Der Olivenbaum" (Berliner Zeitung, FAZ).
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Stichwörter: David Lynch, Toni Erdmann

Literatur

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis ist da. Dass Christian Kracht und Frank Schulz fehlen, findet Dirk Knipphals in der taz bedauerlich: "Sowieso strotzt die Longlist nicht gerade vor Komik und der reinen Literaturlust an der Spielfreude; sie ist auch, verkürzt gesagt, ziemlich nichtmigrantisch." Und "da die Liste zudem - Bodo Kirchhoff, Arnold Stadler, Ernst-Wilhelm Händler - eher mit alten Bekannten auffällt, als neue Stimmen ins Spiel zu bringen, könnte man einen Trend zur Midlife-Krisen-Literatur ausmachen. Die Figuren haben etwas hinter sich, denken über ihr Leben nach und versuchen, es neu zusammenzusetzen."

Auch andere Kritiker zählen übersehene Lieblinge auf: Andreas Platthaus hält vergebens Ausschau nach Christian Kracht, Martin Mosebach und Guntram Vesper, freut sich aber über die Nominierung von Philip Winklers "grandiosem" Buch "Hool" und dass auch einige Kleinverlage gut vertreten sind. Judith von Sternburg von der FR vermisst Olga Martynovas Roman "Engelherd".

In einem schönen Interview ganz ohne Anlass erzählt die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch auf der Seite Literary Hub, wie sie die große Zuhörerin unter den Schriftstellern geworden ist: "Meine Eltern waren beide Dorflehrer. Das Dorf war voller Frauen, und sie mussten den Tag über alle hart arbeiten, es gab keine Männer mehr. Aber wenn sie mit der Arbeit fertig waren, kamen alle heraus, das Dorf war voller Bänke, und redeten. Es war furchtbar ihnen zuzuhören, aber auch sehr interessant. Sie sprachen über den Krieg, über Verlust, einige hatte gerade erst ihre Männer verloren. Das war viel aufregender und viel spannender als die Bücher zu lesen, die wir zu Hause hatten. Und unser Haus war voller Bücher."

Weiteres: Alexander Menden (SZ) und Gina Thomas (FAZ) gratulieren der Schriftstellerin Antonia S. Byatt zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Jean Echenoz' Erzählungen "Die Caprice der Königin" (NZZ), Elsemarie Maletzkes Biografie der irischen Freiheitskämpferin "Maud Gonne" (NZZ), Eduard Engels' wiederveröffentlichte "Deutsche Stilkunst" (Freitag), Martin Lechners Erzählband "Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen" (Freitag), Katja Müller-Langes "Drehtür" (Freitag), Li Kunwus Comicreportage "Die Eisenbahn über den Wolken" (Tagesspiegel), Joachim Kalkas Motivgeschichte "Der Mond" (Tagesspiegel), Erwin Berners "Erinnerungen an Schulzenhof" (SZ) und Colm Tóibíns "Nora Webster" (FAZ).
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Bühne

Im Tagesspiegel porträtiert Sandra Luzina das Choreografen-Duo Honji Wang und Sébastien Ramirez. Für den Freitag wirft Ann Esswein einen Blick darauf, wie das Theater mit traumatisierten Geflüchteten arbeitet.
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Musik

In einer eigenen Programmsparte bot das Lucerne Festival in diesem Jahr Dirigentinnen ein Podium. Insbesondere der Auftritt von Sopranistin Barbara Hannigan als singende Dirigentin hat Max Nyffeler in der FAZ begeistert: Diese Performance "zeugte von einer Souveränität und kommunikativen Lockerheit, wie sie nur eine bühnenerfahrene und zudem musikbesessene Künstlerin zustande bringt. Vielleicht öffnet sich hier ein Weg zu jenen neuen Konzertformen, von denen man sich heute die dringend nötige Erneuerung des Klassikbetriebs erhofft."

Jürg Huber hat mit Mirga Gražinytė-Tyla, Anu Tali und Maria Schneider noch weitere respektable Dirigentinnen erlebt, allerdings erinnert der eigens für sie ausgerichtete "Erlebnistag" den Kritiker ein wenig an die einstigen Völkerschauen. Aber letzten Ende nimmt er es in der NZZ pragmatisch: "Das Lucerne Festival hat mit seinem Saison-Motto 'PrimaDonna' ein Thema von unmittelbarer Relevanz für das Musikleben gefunden. Während vor einigen Jahren die 'Revolution' nicht recht ausbrechen wollte, ist nun im kleinen Rahmen wirklich Umwälzendes im Gange - oder wie es der Festivalintendant Michael Haefliger in einer öffentlichen Diskussionsrunde formulierte: 'Der Knoten ist geplatzt!'"

Hier singt und dirgiert Barbara Hannigan György Ligeti:



Mit seinem neuen, langerwarteten Album "Blond" zielt Frank Ocean auf einen "Idealzustand", beobachtet Arno Raffeiner in der Spex: "Totale Abwesenheit bei versicherter Anwesenheit, Leben und Tod so nah aneinander geschmiegt, wie nur möglich. Kann man von einem zeitgenössischen Schnulzenpopalbum mehr Welthaltigkeit verlangen?" Weitere Besprechungen in der taz und auf ZeitOnline.

In der taz porträtiert Philipp Rhensius den New Yorker DJ und Labelbetreiber Ron Morelli, der im Rahmen von Berlin Atonal auftreten wird. Auf seinem Label L.I.E.S. präsentiert Morelli eine Vielzahl elektronischer Genres, schreibt Rhensius. "Die Schnittmenge besteht in einer Düsternis, die ein charakteristisches Gefühl artikuliert: das Ausgesetztsein des modernen Ichs in einer Welt mit politisch verursachten und medial wiedergekäuten Dauerkrisen und der stetigen Überforderung von der Nonstop-Vernetzung." Auf Soundcloud kann man sich durch diverse DJ-Sets hören.

Weiteres: Für den Tagesspiegel besucht Frederik Hanssen, das Centre de musique romantique française, das dank privater Spenden die französische Musikgeschichte mit mustergültigen Editionen aufarbeiten kann. Dennis Pohl porträtiert in der Spex die Musikerin Frankie Cosmos.

Besprochen werden das neue Album "Emanzipation im Wald" von JaKönigJa (FR), ein Konzert des Schleswig-Holstein Festival Orchesters bei Young Euro Classic (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Konstantin Wecker (Skug).
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