Efeu - Die Kulturrundschau

Alle haben Schuld

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23.08.2016. Auf Medienkorrespondenz beschreibt Dietrich Leder, wie der deutsche Fernsehfilm im Stau des  mittleren Realismus steckengeblieben ist. Die SZ lauscht in Innsbruck betört Pietro Antonio Cestis Barockoper "Le nozze in sogno". Die FAZ verirrt sich in der anachronistischen Ästhetik von Baz Luhrmanns HipHop-Serie "The Get Down". Die New York Times geht mit den Inc'oyables zum Pariser Opferball. Und die Berliner Zeitung besucht in Berlin den Zahnarzt Dr. Bowie.

Film


Bernd Tauber und Manfred Seipold in Erwin Keuschs Dokudrama "Das Brot des Bäckers" von 1976.

Leider erst jetzt von der Medienkorrespondenz online gestellt wurde Dietrich Leders im vergangenen November gehaltene Rede, bei der der Medienwissenschaftler seine Recherchen zur Geschichte des deutschen Fernsehfilms präsentiert. Es ist keine Nostalgie: Tatsächlich sei der deutsche Fernsehfilm seit den achtziger Jahren ästhetisch und inhaltlich rapide verarmt: "Heute dominiert über weite Teile im deutschen Fernsehfilm ein mittlerer Realismus, der Träume wie Alpträume an den Krimi delegiert, der das Soziale zugunsten des Psychischen preisgegeben hat und deshalb statt mit soziologischem Material mit pädagogischen und psychologischen Versatzstücken hantiert, der die Gesellschaft auf die Restfamilie eingeschrumpft hat und so gewissermaßen im Stau des Alltags hängengeblieben ist."

Im Boom der französischen Gutelaune-Komödien, die nach ihrem Kassenerfolg zuhause auch regelmäßig in die deutschen Kinos strömen, erkennt Daniela Sannwald im Tagesspiegel, ein Bedürfnis, sich zumindest im Überschaubaren mit dem Fremden zu befassen. Doch fehle "eine soziale Gruppe in der aktuellen Masse der auf Integration bedachten französischen Feelgood-Movies - die Bewohner der Banlieue. Im Gutelaunekino des Mainstreams kommen sie offenbar so wenig vor wie im Bewusstsein der bürgerlichen Mittelschicht, die die Immigrantensöhne so weit wie möglich marginalisiert oder schlicht ignoriert. Im politischen Raum der von Terror bestimmten Aktualität allerdings verbreiten sie Angst und Schrecken - was sie als Figuren für die Eskapismusmaschine Kino selbstredend untauglich macht."

Inga Pylypchuk reist in der Welt auf Ingmar Bergmans Spuren auf die düstere Ostsee-Insel Fårö: "Gleich bei der ersten Besichtigung der Insel im Jahr 1960 soll Bergman seinem Kameramann gesagt haben: Hier will ich leben und sterben."
Archiv: Film

Literatur

Etwas überfordert fühlt sich Isabel von Wilcke in der FAZ beim Besuch der Ausstellung "Fremde Heimat. Flucht und Exil der Familie Mann", die derzeit im Buddenbrookhaus Lübeck zu sehen ist. Überambitioniert findet sie die Schau: "Ein 'alternativer Einbürgerungstest' fragt nach zentraler Staatsbürgerkunde wie den Farben des Regenbogens. Ein Interview mit einem nach Deutschland geflüchteten Iraker ist kontextlos als Videoinstallation mitten in die Mann-Ausstellung gehängt. Höhepunkt des distanzlosen Aktualisierungswahns ist eine Pressemitteilung zur Ausstellung: Varian Fry, der selbstlose Retter von Tausenden von Flüchtlingen aus dem zusammenbrechenden Frankreich des Jahres 1940, wird darin als 'Schlepper' tituliert."

Besprochen werden Fortsetzungen der Comicserien "Spirou" und "Corto Maltese" (taz), Emma Clines "The Girls" (FR), Henning Mankells "Die schwedischen Gummistiefel" (FR), Martin Mosebachs "Mogador" (FR, ZeitOnline), Konstantin Ulmers Studie "VEB Luchterhand? Ein Verlag im deutsch-deutschen literarischen Leben" (Tagesspiegel), Ibn Arabis "Der Übersetzer der Sehnsüchte" (SZ), Ferenc Barnás' "Ein anderer Tod" (FAZ), Celeste Ngs Roman "Was ich euch nicht erzählte" (NZZ) und Jürgen Müllers Studie zu Rembrandts "Nachtwache" (NZZ).
Archiv: Literatur

Bühne


Melancholie, Innigkeit und Tragik: "le nozze in sogno". Foto: Rupert Larl_Innsbrucker festwochen der Alten Musik.

Erst vor drei Jahren konnte eine handschriftliche Partitur, die in der Pariser Bibliothèque Nationale de France lag, eindeutig Pietro Antonio Cesti zugewiesen werden: Jetzt wurde die dreistündige, an Shakespeares "Was ihr wollt" angelehnte Oper "Le nozze in sogno" zur Freude der Kritiker bei der Innsbrucker Woche für Alte Musik aufgeführt. Für Reinhard Kager von der FAZ war das ein lohnenswerter Fund mit einer "vielfältigen musikalischen Palette": Die Oper "beinhaltet neben komödiantischen Szenen auch tiefempfundene Arien und ein ins Traumhaft-Allegorische gleitendes Finale." Schlicht "traumhaft" fand auch Kristina Maidt-Zinke von der SZ die Musik: Die Kritikerin ist sich sicher, dass dieses Stück künftig häufiger auf den Spielplänen auftauchen wird. Das Werk ist "staunenswert komplex": "Es hat Melancholie, Innigkeit und Anflüge von Tragik, und der damals hochwirksame Einfluss des spanischen Theaters kulminiert in einer finalen Schlaf- und Traumszene, in der die Komödie zur Allegorie wird und die Musik, bis dahin ein organischer Fluss von Rezitativ, Arioso und Arie, unvermittelt Madrigal-Charakter annimmt. Ein wunderbarer Effekt, der auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Komponist und Textdichter hindeutet."

Katrin Bettina Müller und Peter von Becker berichten vom Auftakt des Kunstfests Weimar, wo insbesondere Oliver Frljic' Performance "Unsere Gewalt und eure Gewalt" aufs Publikum mit Schuldvorwürfen einprügelt, am Elend der Welt schuld zu sein. "Eigentlich kann man sich hinterher auch gleich umbringen, aus Scham und aus Schuld, als weißer Europäer", schreibt Müller in der taz. "Sind wir nicht alle für diesen Hass verantwortlich, weil wir vom Kapitalismus der Vergangenheit und der Gegenwart profitieren? Kein Wunder, dass man sich unter diesen Anklagen im Theatersessel allmählich versteift und immer mehr in Abwehrhaltung zu diesem Stück geht." Von Becker findet dafür im Tagesspiegel weniger abwägende Worte: "Alle haben Schuld, selbst die Opfer des Terrors, auch die Theatermacher und die Theaterzuschauer, aber am meisten das Gespenst des westlichen Kapitalismus (der chinesische, russische, selbst der arabische existiert hier nicht). Das wirkt krud, krass, oft auch kitschig. Oder unherzlich naiv."

Auch dass er dem lettischen Regisseur Alvis Hermanis die Treue hielt, der seit seiner Kritik am "Refugee-Welcome-Getue" (O-Ton Hermanis) als Gottseibeiuns des deutschen Theaters gilt, zeugt von Rückgrat. Dass Hermanis mit seiner eskapistischen Interpretation von Strauss' "Die Liebe der Danae" ganz nebenbei die allgemein geübte Ausstattungsopulenz auf Opernbühnen wie einen Esel vorführte, war ein durchaus nachdenklich machender Nebeneffekt. - derstandard.at/2000043151710-2000040358249/Salzburger-Festspiele-Sparintendant-mit-RueckgratWer sich über die Volksbühne in der Ära Castorf informieren will, ist mit Frank Raddatz' Gesprächsband "Republik Castorf" eher schlecht beraten, meint Dirk Pilz in der Berliner Zeitung. Das Buch diene vor allem der Andacht: "Der Castorf-Kosmos als Götterhimmel, erhaben über alle Zweifel, entrückt ins Nichtkritisierbare. Das gibt die Haltung des gesamten Bandes vor: Er liegt vor Castorf und der Volksbühne auf den Knien."

Im Standard bilanziert Andrea Schurian das zweijährige Interregnum des Salzburger Festspielchefs Sven-Eric Bechtolf trotz eisernen Sparwillens durchaus positiv: "Auch dass er dem lettischen Regisseur Alvis Hermanis die Treue hielt, der seit seiner Kritik am 'Refugee-Welcome-Getue' (O-Ton Hermanis) als Gottseibeiuns des deutschen Theaters gilt, zeugt von Rückgrat."

Sandra Luzina (Tagesspiegel) und Dorion Weickmann (SZ) berichten zur Halbzeit des Berliner Festivals "Tanz im August".
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Archiv: Bühne

Kunst

Cranach d. Ä., Lucas: Katharinenaltar

In der FAZ-Textreihe über schlechte Bilder guter Künstler (oder umgekehrt) möchte der Kunsthistoriker Matthias Müller den Dresdner Katharinenaltar von Lucas Cranach d. Ä. zwar nicht als schlechtes Werk bezeichnen, aber künstlerische Mängel stechen ihm doch ins Auge: "Der Clou der Komposition liegt in der Kontrastierung eines vollkommen chaotischen Hintergrundgeschehens mit einem Vordergrund, wo der Scharfrichter und die heilige Katharina inmitten dieses Chaos auf geradezu surreale Weise stillgestellt werden ... Doch von dieser kontemplativen, auch für den Bildbetrachter zentralen Bildmitte lenken die vielen, bis in den Vordergrund drängenden und noch dazu großmaßstäblichen Nebenfiguren vollkommen ab und verwässern am Ende beides: die dramatisch-dynamische Kulisse der von links nach rechts in den Bildraum taumelnden und stürzenden Nebenfiguren und das für die andächtige Verehrung der heiligen Katharina gedachte, Raum und Zeit gewissermaßen transzendierende Bildzentrum."

Monika Bolliger stellt in der NZZ die Arbeit der Fotografin Arwa al-Neami vor, die von Frauen in Saudi-Arabien erzählt, ohne die Konfrontation zu suchen.

Besprochen wird eine Ausstellung über Gustave Caillebotte im Museum Thyssen Bornemisza in Madrid (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

In der guten alten Bronx: "The Get Down".

Mit der Netflix-Serie "The Get Down" erzählt Baz Luhrmann die Entstehungsgeschichte des HipHop - für den Geschmack von Jan Wiele ist die Serie aber nicht nur, wohl auch wegen der vielen Drehbuchautoren und einer turbulenten Produktionsgeschichte, ziemlich ausufernd, sondern auch historisch heikel, wie er in der FAZ darlegt. "So lobenswert die Idee ist, das Aufkommen des Hip-Hop ins Gefüge aus Gospel, Disco, Funk, Jazz und Rockmusik einzubetten, das hier die Figuren umgibt, ist der Soundtrack einfach hoffnungslos überfrachtet: Bald laufen Schnipsel historischer Songs, dann wieder komponieren die Protagonisten eigene, fiktive Stücke, die auf seltsame Weise ahistorisch wirken, weil sie Effekte verwenden, die es 1977 gar nicht gab. Überhaupt hat die ganze Ästhetik etwas traumhaft Vermischtes."

Jens Balzer (Berliner Zeitung), Thomas Mauch (taz) und Boris Pofalla (FAZ) berichten vom Festakt am ehemaligen Berliner Wohnhaus von David Bowie, wo eine Gedenktafel zu Ehren des Musikers angebracht wurde. Richtig begeistert ist Balzer allerdings nicht vom Ergebnis: Die "Gedenktafel passt mit ihrer Farbgebung - blaue Schrift auf hellblauem Grund - gut zu der ähnlich gestalteten Reklametafel 'Physiotherapie & Massage' darüber und zu dem auf eine Zahnarztpraxis verweisenden Schild im danebenliegenden Eingang. Da die Gedenktafel sich aber gerade nicht in diesem Eingang befindet, sondern zwischen zwei zugehängten Fenstern des Massagesalons, kann man sie beim flüchtigen Vorbeigehen auch leicht mit einem  Praxisschild  verwechseln: 'Zahnarzt Dr. Bowie'."  

Weiteres: In der SZ berichtet Andrian Kreye von seiner Begegnung mit dem Jazz-Schlagzeuger Jack DeJohnette. Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), Wolfgang Sandner (FAZ) und Josef Engels (Welt) schreiben zum Tod des Jazzmusikers und Mundharmonika-Virtuosen Toots Thielemanns.

Besprochen wird das neue Album "Blonde" von Frank Ocean (Tagesspiegel, Berliner Zeitung).
Archiv: Musik

Architektur


Das Schweizer Landesmuseum mit Neubau.

Das Landesmuseum Zürich eröffnet seinen von Christ & Gantenbein entworfenen Anbau mit einer Renaissance-Ausstellung, für die Gottfried Knapp in der SZ durchaus erwärmen kann. Nicht jedoch für den Anbau selbst: "Das unstete Hin und Her des nahezu fensterlosen, barriereartig sich aufbauenden Neubautrakts wirkt seltsam willkürlich und unharmonisch. Auch die beiden Bocksprünge in die Luft, die dieser Zickzackbau auf seinem Weg durch den Park macht, geben Rätsel auf. Der Neubautrakt schwingt sich über zwei riesige Durchstiche hinweg, die von der Erde bis in den zweiten Stock hinaufreichen, also den dreigeschossigen neuen Museumsflügel partienweise zur Brücke reduzieren. ... Die Besucher der Ausstellungen können die plötzlichen Auf- und Abstiege, die ihnen beim Gang durch das Haus zugemutet werden, nur als Schikane empfinden."

Besprochen wird Christian Welzbachers Buch "Monumente der Macht - Eine politische Architekturgeschichte Deutschlands 1920-1960" (FAZ).
Archiv: Architektur

Design

Im New York Times Style Magazine erinnert Alexander Fury an die "Incroyables", Söhne und Töchter der Eliten, die alles andere als Revolutionäre, aber mit ihrer extravaganten Kleidung doch echte Punks des 18. Jahrhunderts waren. Sie lebten gefährlich, denn nach der französischen Revolution galt jede Unterstützung von Tyrannei und Royalismus als Verbrechen, so Fury: "Sie missachteten vorsätzlich alle Regeln, gingen so weit, in einer eigenen Sprachform den Buchstaben "R" wegzulassen, da er an die Revolution erinnerte. Das so ausgesprochene 'Inc'oyable' hatte eine gesunde Portion Galgenhumor. Häufig kämmten sie ihr Haar nach vorn und rasierten den Nacken so, als ob ein Fallbeil darüber gefallen wäre. Man sagt, sie organisierten Opferbälle, wo das weibliche Äquivalent der Incroyablen, die Merveilleuses, transparente Kleidung trug, die an Unterwäsche erinnerte und rote Bändchen um ihre Kehlen, die eine Enthauptung suggerierten." (Bild: Incroyables et Merveilleuses auf Frankenthaler Porzellan, ursprünglicher Stich von Carle Vernet)
Archiv: Design