Efeu - Die Kulturrundschau

Ungarische Indikative

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15.07.2016. Der Schriftsteller Peter Esterhazy ist gestorben. In der NZZ erinnert Zsuzsanna Gahse an seine deutsche wie an seine ungarische Biografie. Im Blog Freitext denkt Gunther Geltlinger über Homosexualität und Schreiben nach. Im Interview mit Artechock erklärt Klaus Lemke den Film zu den neuen Gladiatorenspielen. Die taz hört Postpunk.

Literatur

Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy ist gestorben. Eigentlich hatte er - "unbestechlich und unvergleichbar" - zwei Biografien, eine deutsche und eine ungarische, schreibt Zsuzsanna Gahse, die in ihrem Nachruf in der NZZ versucht beiden gerecht zu werden: "'Jeder durchschaut sein Gegenüber, folglich lohnt sich zumindest die Vorsicht.' So wunderbar knapp und ironisch hat Péter Esterházys einmal die Abhörsituation in der ungarischen Staatssicherheitszentrale beschrieben. Verhörender und Verhörter sitzen einander gegenüber, und unabhängig davon, was sie sagen, durchschauen sie sich gegenseitig. Allein schon diese kurze Szene zeigt Esterházys treffsichere und entlarvende Darstellungsweise. ... Nicht nur die Inhalte und die Strukturen seiner Texte waren durch seine Präzision, durch seine Gewissenhaftigkeit gekennzeichnet, sondern jeder einzelne Satz. Wobei die ungarischen Sätze meist anderen Gesetzen folgen als die deutschen. Wir haben uns oft über die markanten Unterschiede unterhalten. Er bewunderte den deutschen Konjunktiv, den es im Ungarischen nicht gibt, dieses 'er habe, wisse, sei in der Lage', und er freute sich, wenn seine ungarischen Indikative in den Übersetzungen zu Konjunktiven heranwuchsen." (Bild: Péter Esterházy, 2014. Foto: Lenke Szilágyi unter cc-Lizenz)

In einem Essay für das Zeit-Blog Freitext umkreist der Schriftsteller Gunther Geltlinger das homosexuelle Schreiben von Pier Paolo Pasolini: "Aus einem Leben wird Literatur, ergänzend, nicht abgrenzend. So radikal politisch Pasolinis Werke auch sind, nie wirken sie spalterisch oder polemisch. Seine Kunst ist durchzogen von einer tiefen Sehnsucht nach einer höheren Einheit (nicht Gleichheit!), sie huldigt einer alten, verloren geglaubten Kultur, die noch mit dem Göttlichen verbunden war. In einem von homosexuellen Begehren getriebenem Leben, das gleichzeitig so sehr geistige Sphäre war, scheinen die Umstände von Pasolinis Tod fast zwangsläufig."

Der "beef" zwischen Stefanie Sargnagel und Thomas Glavinic auf Facebook macht inzwischen nicht mehr nur auf Facebook Furore. Nach einer Kritik Klaus Nüchterns an den "It-Girls" in Klagenfurt gerieten sich Glavinic und Sargnagel in die Haare. Letzterer beschimpfte erstere als "talentlose Krawallnudel" und "sprechenden Rollmops" , berichtet Michael Wurmitzer im Standard. Sargnagels Reaktion auf den Kommentar: "Die talentlose Krawallnudel wär mir ja relativ wurst, aber von einem öffentlichen Künstler wegen meinem Gewicht beleidigt zu werden geht mir zu weit" und stapelte in einer Buchhandlung ihre Bücher über seine.

Weitere Artikel: Für ZeitOnline unterhält sich Carmen Eller mit John Irving über dessen neuen Roman "Straße der Wunder", das Alter und das Glück des Lesens. In der NZZ porträtiert Elsbeth Gugger Arnon Grünberg als den fleißigsten Schriftsteller der Niederlande. Für die SZ besucht Volker Breidecker die Frankfurter Poetikvorlesungen von Katja Lange-Müller. In der FAZ schreibt Patrick Bahners zum Tod des Dichters Paul Wühr. In der Welt würdigt Herbert Wiesner den Dichter.

Besprochen werden unter anderem neue Comics von Bressan/Williamson und Roberts/Dingess (taz) und Joseph O'Neills "Der Hund" (SZ).
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Film

Ein sehr schönes, ausführliches Gespräch hat Rüdiger Suchsland für Artechock mit Klaus Lemke geführt. Endlich kommt der Münchner Kultregisseur wirklich einmal ins Plaudern und belässt es nicht bei den üblichen Floskeln. Unter anderem geht es viel um Fußball, warum gerade Kinomenschen diesen Sport so oft mögen und was die Ästhetik des einen, entscheidenden Moments, auf den es ankommt, den Filmemachern lehren könnte: "Ich versuche, genau so zu filmen, so, wie eine Perfor­mance und ein Fußball­spiel geht. Indem ich aufpasse, dass die Schau­spieler nicht einen Satz auswendig lernen. Diese Gier nach Authen­ti­zität und dem Dämon, der dahinter steckt. Dieser eine Moment ist das einzige, das uns das Leben erträg­lich macht. Nur so etwas kann uns befreien aus dem Gefängnis eines falschen Lebens. ... So muss auch Film sein: Kein Plot, sondern Spon­ta­n­eität. Die Spieler werden immer mehr zu Gladia­toren und Tieren, und im Publikum sind immer mehr Luschen. Was alles zusam­men­hält, ist das Spiel."

Weitere Artikel: Ebenfalls auf Artechock resümieren Anna Edelmann und Thomas Willmann das Münchner Filmfest: "Opas Kino ist untot", stellen sie dabei fest und staunen darüber, dass sich hier gerade die alten Regisseure durch eine "Alterswildheit" auszeichnen, die "dem Konser­va­tismus der sich gerade etablie­renden Filme­ma­cher" streng gegenüberstehe. Und: der brasilianische Regisseur Héctor Babenco ("Kuss der Spinnenfrau") ist gestorben, meldet Zeit online.

Besprochen werden die Krimiserie "No Offence" (FAZ, ZeitOnline), Pietro Marcellos "Bella E Perduta" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Roland Emmerichs neuer "Independence Day"-Film (SZ) und Sönke Wortmanns "Deutschland. Dein Selbstporträt" (Tagesspiegel).
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Kunst

Rochelle Feinstein, Gnorw, 2002. Courtesy the artist and On Stellar Rays, New YorkRochelle Feinstein, Gnorw, 2002. Courtesy the artist and On Stellar Rays, New York
Im Münchner Lenbachhaus kann man derzeit die New Yorker Künstlerin Rochelle Feinstein entdecken, ermuntert Kolja Reichert in der FAZ: Deren "Kunst ist eine Lockerungsübung gegen jede Überhöhung künstlerischer Tätigkeit und zugleich deren präzisestmögliche Reflektion. Feinsteins Malerei ist witzig. Aber sie ist nie ein Witz über Malerei. ... Alles in diesem Werk steht neben sich. Feinstein arbeitet nicht in die Tiefe, im Sinne der Produktion von mit sich selbst identischen Behauptungen, sondern in die Fläche, zur Seite, und zeigt die Malerei bei der Arbeit, was nicht heißt: den Maler bei der Arbeit, sondern: das historische Dispositiv der Malerei mit all seinen Aufladungen, Kanonisierungen und Klischierungen."

Besprochen werden eine Ausstellung des Schweizer Koloristen Sigismund Righini im Museum Oskar Reinhart in Winterthur (NZZ), eine Ausstellung der rumänischen Künstlerin Geta Bratescu in der Hamburger Kunsthalle (Welt) und die Ausstellung "Caricatures: Spott und Humor in Frankreich von 1700 bis in die Gegenwart" im Museum Wilhelm Busch in Hannover (SZ).
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Musik

Im deutschen Popunderground artikuliert sich derzeit ein neues Unbehagen, das sich schon in Bandnamen wie Messer, Karies, Human Abfall, Puff!, Die Nerven und Pisse manifestiert, stellt Jens Uthoff in der taz mit einigem Interesse fest. Den musikalischen Bezugspunkt in der Vergangenheit bildet der Post-Punk der frühen 80er, doch geht es hier nicht bloß um ästhetische Nostalgie versichert er: "Wenn man Post-Punk als die artifiziellere und progressivere Form des Punk versteht, ist es ein gutes Zeichen, dass sich im deutschen Underground gerade so viel bewegt. Was diese neue Post-Punk-Klasse von vielen anderen deutschsprachigen Bands unterscheidet, ist, dass sie nichts wiederkäuen. Es geht nicht um Revival. Es geht darum, auszuloten, wie man 2016 über eine brüchige Gesellschaft sprechen kann. Mit sperrigem Sound, mit spröden Worten." Hier das neue Video von Messer:



Weiteres: Eleonore Büning resümiert in der FAZ die Liederwerkstatt des Kissinger Sommers.

Besprochen werden die beim Berliner "Infektion"-Festival gezeigte Klangperformance "ANS - Autonomes Nervensystem" (Tagesspiegel) und das neue Album von Mitski (SZ).
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