Efeu - Die Kulturrundschau

Raumschiffartig verglast

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.06.2016. Die Welt feiert in Zürich die heitersten und bösesten Triumphe des Francis Picabia. Die Presse erzählt von der unverhüllten Liebe der Wiener Maler zur Fotografie. Die FAZ entdeckt Schichten der Brutalität in der Fondaco dei Tedeschi in Venedig. Die NZZ fragt, was die ungarische Regierung im Burgviertel von Buda plant. Rodrigo Garcias Berliner Inszenierung der "Entführung aus dem Serail" stößt auf allgemeines Haareraufen.

Kunst


"Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann": Francis Picabia, Udnie (Jeune fille américaine; danse), 1913, Centre Pompidou.

Als großen Kunstspötter erlebt ein vergnügter Hans-Joachim Müller (Welt) den französischen Avantgarde-Künstler Francis Picabia in einer Retrospektive im Kunsthaus Zürich: "Mit unglaublicher Konsequenz beharrt Picabias Programm der schieren Programmlosigkeit auf dem Medium Malerei, das für ihn weder an unaufhaltsamem Auraverlust leidet, noch angestrengter 'Ausstiege aus dem Bild' bedarf, um doch noch überleben zu können. Denn es lebt noch immer, es lebt erst recht, es mangelt ihm an nichts, es bietet Möglichkeiten auf allen Rängen, es feiert seine überraschendsten, seine heitersten, seine bösesten Triumphe, indem es sich immer neu entzieht und immer neu da ist und partout nicht verrät, ob für den frivolen Akt und das lässige Punktebild nicht doch das gleiche ironische Gen verantwortlich ist."

Am Iseosee in Italien wurden Christos "Floating Piers" eröffnet, eine Installation mit 16 Meter breiten Stoffstegen auf dem Wasser, über die sich nunmehr die im See gelegene Monta Isola zu Fuß erreichen lässt. In der Berliner Zeitung schreibt Regina Kerner über die offenbar von glänzender Stimmung begleitete Eröffnung. Die Zeit hat Petra Reskis Reportage über die Vorbereitungsarbeiten online nachgereicht. In der SZ schreibt Thomas Steinfeld über die Aktion.

Anlässlich der Ausstellung "Inspiration Fotografie. Von Makart bis Klimt" im Wiener Belvedere, erzählt Almuth Spiegler in der Presse vom Einfluss der Fotografie auf Maler wie Franz von Stuck oder Gustav Klimt. "Es war die Zeit ab 1900, als die Liebe der Maler zur Fotografie nicht mehr derart vorbehaltlos goutiert wurde, erzählt Faber, nicht einmal in Wien, wo man von Beginn an total aufgeschlossen war, wo die Maler völlig offen ihre Verwendung von Vorlagen thematisierten. Anders als in Frankreich, wo die Fotografie eher wie eine Mätresse behandelt wurde - man liebt sie zwar, aber im Verborgenen."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Hokusai Manga" im MKG Hamburg (SZ), Lee Lockwoods Fotoband "Castros Kuba - Ein Amerikaner in Kuba: Reportagen aus den Jahren 1959 - 1969" (SZ), die Ausstellung "Things Fall Apart" im Iwalewahaus in Bayreuth (taz) und Dominique Gonzalez-Forsters Ausstellung "1887-2058" in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Beim Critics Roundtable von critic.de sprechen Ekkehard Knörer, Frédéric Jaeger, Friederike Horstmann und Lukas Foerster über Nicolas Winding Refns "The Neon Demon", Sergei Loznitsas "The Event" und Richard Linklaters "Everybody Wants Some".

Besprochen werden die Actionkomödie "Central Intelligence" mit Dwayne Johnson und Kevin Hart (taz) und Felix Groeningens "Café Belgica" (Jungle World).

Archiv: Film
Stichwörter: Nicolas Winding Refn

Bühne


Jeder fummelt mit jedem: "Die Entführung aus dem Serail" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Thomas Aurin.

Wenig Freude hatte Ulrich Amling vom Tagesspiegel an Rodrigo Garcias Inszenierung der "Entführung aus dem Serail" an der Deutschen Oper in Berlin: "Daran, dass der argentinische Dramatiker, Schauspielregisseur und Operndebütant nichts auf die Handlung von Mozarts Singspiel gibt, lässt er keinen Zweifel. Sämtliche gesprochenen Dialoge sind gestrichen und durch minimale eigene Einschübe auf Englisch ersetzt. 'Fuck, what happened?', ist schon eine elaborierte Äußerung ... Jeder fummelt mit jedem und singt dabei unentwegt von ewiger Liebe - das ist zwar ein erwachsenes Thema, will aber auch entdeckt, erzählt und vor allem gefühlt sein." In der Nachtkritik seufzt Georg Kasch: "Das Schlimmste aber: Mozarts Musik, die so sensibel und so viel klüger als der Text den Charakteren eine beeindruckende Tiefe verleiht, wird zum Soundtrack degradiert." In der Welt winkt Tilman Krause gelangweilt bis genervt ab: "Kracher sehen anders aus."

Weitere Artikel: In der Nachtkritik hätte Friederike Felbeck dem Impulse Festival der Freien Szene eine etwas peppigere Auftaktveranstaltung gewünscht. Doch ausgerechnet die Politikerbefragung "Macht Kunst Politik" des israelischen Kollektivs Public Movement im Düsseldorfer Landtag kam in ihren Augen "gediegen und ohne Kratzer" daher - "als kulturpolitische Fragestunde mit Klärungsbedarf". "Schlimmstes Schmierentheater" erlebt Sabine Leucht bei einem kritischen Abend von Göthe Protokoll gegen die Münchner Kammerspiele. In der taz resümiert Astrid Kaminski das Festival Projeto Brasil in Berlin. Die taz dokumentiert Barbara Behrendts Rede zur Eröffnung der Berliner Autorentheatertage. Darin sprach sich die Vorsitzende der Wettbewerbsjury für ein Theater aus, das sich auch in drängenden tagespolitischen Fragen von Alltagskolorit freimacht: "Ein Theater, das in seinen Inhalten nicht über das Meldungsangebot des heute journals hi­nauskommt, macht sich kleiner, als es ist." Angesichts der Debatte um den "Brexit" lohnt es sich, wieder die Stücke Shakespeares zu lesen, empfiehlt Lothar Müller in der SZ.

Besprochen werden eine Bühnenfassung von Umberto Ecos "Name der Rose" (FR) und Marco Goeckes in Stuttgart gezeigte Choreografie "Nijinski" über das Leben des russischen Tänzers Waslaw Nijinski (SZ).
Anzeige
Archiv: Bühne

Architektur

Nach dem Budapester Stadtwäldchen will sich die ungarische Regierung nun auch das Burgviertel in Buda dienstbar machen, entrüstet sich in der NZZ der ungarische Stadtplaner János Brenner. Die undurchsichtige Planung, derzufolge sowohl die Staatskanzlei als auch zwei Ministerien auf das Gelände verlegt werden sollen, hat bereits viele Budapester Intellektuelle zu Protesten veranlasst. "'Die Regierung möchte das Palais so 'zu 98 Prozent für kulturelle Zwecke nutzen', dass sie alle drei dort ansässigen großen nationalen Sammlungen auslagern will.' Mit etwas Sarkasmus könnte man sagen: Berlin bekommt derzeit ein neues Stadtschloss, über dessen künftige kulturelle Inhalte man sich nicht so recht im Klaren ist, während ein vorhandenes in Budapest gerade seiner Kulturaufgaben beraubt werden soll."


Schichten der Moderne in der Fondaco dei Tedeschi. Bild: OMA

Das Zentrum von Venedig befinde sich derzeit im "historischen Moment der Mumifizierung", schreibt Annabelle Hirsch in der FAZ. Umso willkommener heißt sie dem Umbau der Fondaco dei Tedeschi durch das OMA-Architekturbüro von Rem Koolhaas. Anders als befürchtet sei hier kein weiteres Stück Substanz verschwunden, man habe im Gegenteil bedacht, dass das Bauwerk im Laufe seiner Geschichte zahlreichen Umbauten unterworfen war: "Diese Diversität zu betonen, statt das Gebäude auf eine Phase zu reduzieren und im Stil einer historisierenden Nostalgie zu renovieren, war das Ziel des ambitionierten Umbaus. ... Man muss schon genauer hinsehen, muss mit den raumschiffartig verglasten Aufzügen nach oben fahren, um peu à peu festzustellen, dass unter der Feinheit der Renaissance-Schale die Brutalität einer modernen Struktur pulsiert."
Archiv: Architektur

Musik

Besprochen werden ein Varèse-, Ravel- und Debussy-Abend der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle ("ein Ausnahmekonzert, ein außergewöhnliches Programm", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel), das neue Album der Red Hot Chili Peppers (Tagesspiegel), Konzerte von Bruce Springsteen (Berliner Zeitung, SZ), das Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festivals mit dem hr-Sinfonieorchester (FR) und ein von Bernard Haitink dirigiertes Konzert des br-Symphonieorchesters (SZ).
Archiv: Musik

Literatur

In der NZZ spricht Carmen Eller mit dem israelischen Schriftsteller Etgar Keret über dessen Familie, "platonische One-Night-Stands" im Leben sowie in der Literatur und über Respekt vor den Mitmenschen. "Wissen Sie, als ich einmal jemandem erzählte, dass ich 'Die sieben guten Jahre' nicht in Israel veröffentliche, weil mein Sohn das nicht wollte, da es darin Geschichten über ihn gibt, sah mich der Mann an und sagte: 'Das glaube ich Ihnen nicht. Was ist Ihr wahrer Grund?' Und ich dachte mir: Es ist so traurig, dass jemand nicht glauben kann, dass mir mein Sohn wichtiger ist als meine Karriere.'"

Weitere Artikel: In der SZ verteidigt Juliane Liebert den Manga vor hochkulturellem Dünkel: Den voreiligen Ignoranten entgehe "ein ganzes Universum, so vielfältig, bizarr und liebenswert wie das wirkliche, wenn nicht noch ein bisschen vielfältiger, bizarrer und liebenswerter." Michael Pilz empfiehlt in der Welt Birgit Weyhes berührenden Comic "Madgermanes" über die mosambikanischen Vertragsarbeiter der DDR. Joseph Hanimann erkundigt sich für die SZ bei Iris Mönch-Hahn nach der Bilanz ihrer vor einem Jahr gegründeten deutschen Buchhandlung in Paris: Trotz regem Interesse der Franzosen an Originalausgaben deutscher Klassiker und moderner Literatur könnte der Laden gut ein paar Kunden mehr vertragen, erfährt er: "Wenn es nicht besser wird, muss ich nach dem Sommer aufhören."

Besprochen werden unter anderem Jean Matterns "September" (Jungle World), Szczepan Twardochs "Drach" (Tagesspiegel), Jan Böttchers "Y" (SZ) sowie Michael Barcks und TeMeLs Comic "No Borders" (Tagesspiegel). Mehr aus dem literarischen Leben in Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog zur literarischen Blogosphäre.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Etgar Keret, Manga