Efeu - Die Kulturrundschau

Die extremen Höhen sitzen absolut sicher

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21.06.2016. In einem offenen Brief protestiert die Belegschaft der Volksbühne gegen ihre unfreundliche Übernahme durch Chris Dercon. Politik und Theater erleben FR und FAZ auf der Bundeserpressungskonferenz des Zentrums für politische Schönheit. Im Perlentaucher erhebt Wolfgang Ullrich Einwände gegen die Kunst des guten Gewissens. Die NZZ spaziert mit Random International trocken durch den Regen und geht vor den Koloraturen Pretty Yendes in die Knie.

Bühne

In einem offenen Brief spricht sich die Belegschaft der Berliner Volksbühne gegen den neuen Intendanten Chris Dercon aus: "Dieser Intendantenwechsel ist keine freundliche Übernahme. Er ist eine irreversible Zäsur und ein Bruch in der jüngeren Theatergeschichte, während der die Volksbühne vor der Umwidmung in ein Tanz- und Festspielhaus bewahrt werden konnte. Dieser Wechsel steht für historische Nivellierung und Schleifung von Identität. Die künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte wird zugunsten einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern verdrängt."


Not und Spiele. Foto: Ute Langkafel

Ist das noch Theater oder Kunst oder eigentlich bloß politischer Aktivismus? Die Frage wirft das Zentrum für politische Schönheit regelmäßig auf. Der Auftritt der syrischen Schauspielerin May Skaf bei der Aktion "Flüchtlinge fressen" am Maxim Gorki ließ das Pendel eindeutig Richtung Theater ausschlagen, meinen die Kritiker. In der Tradition arabisch-melodramatischen Schauspiels hat sie der Bundesregierung ein Ultimatum gesetzt, binnen acht Tagen eine fluchtfreundliche Politik einzuleiten, anderenfalls werde sie sich den Tigern zum Fraß vorwerfen. "Gerade indem die Schauspielerin ganz im Spiel ihrer Inszenierung blieb und damit die Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit betonte, gelang ihr etwas Eigentümliches", schreibt dazu Mark Siemons in der FAZ: "Die Kunst relativierte sich selbst, ohne einen Zweifel daran zu lassen, dass die grausame Realität, auf die sie mit erklärtermaßen erpresserischen Mitteln den Blick gelenkt hatte, weiter bestehen bleibt."

Auch Arno Widmann betont in der FR die Theaterhaftigkeit der "Bundeserpressungskonferenz": Das ZpS mache "ein Theater, das immer auch Politik ist, ein Theater also, das Inhumanität beseitigen und Humanität fördern möchte. Es macht das mit drastischen Mitteln. Es weiß, dass der Erkenntnis, damit sie uns wirklich erfasst, der Schock vorangehen muss darüber, dass wir die Wirklichkeit nicht erkannt, nicht gesehen, systematisch ausgeschlossen hatten."


Pretty Yende in "I Puritani" am Zürer Opernhaus. Foto: Judith Schlosser.


Andreas Homokis Inszenierung von Bellinis "I Puritani" am Zürcher Opernhaus ist Thomas Schacher in der NZZ zwar etwas zu unpolitisch, doch von Pretty Yende in der Rolle der Elvira ist er begeistert: "Ihr Koloratursopran ist umwerfend, die extremen Höhen sitzen absolut sicher, die größten Anstrengungen gelingen mühelos, die klanglichen Möglichkeiten sind schier unerschöpflich. Dazu kommt eine schauspielerische Begabung, die insbesondere die Wahnsinnsszenen des zweiten Akts zu höchster Wirkung steigert."

Weitere Artikel: "Merkwürdig außen vor" fühlte sich Katrin Bettina Müller in der taz bei Thomas Melles "Bilder von uns" und Roland Schimmelpfennigs "An und Aus", die beide auf den Berliner Autorentheatertagen gezeigt wurden. Für die taz porträtiert Christine Wahl die Dramenautorin Henriette Dushe. In der FR gratuliert Dirk Pilz dem Schauspieler und ehemaligem Intendanten Dieter Mann zum 75. Geburtstag.

Besprochen werden Sankar Venkateswarans düstere Mahabharata-Inszenierung "Tage der Dunkelheit" am Münchner Volkstheater (Nachtkritik), Rodrigo Garcías Inszenierung der "Entführung aus dem Serail" an der Deutschen Oper in Berlin (Berliner Zeitung, SZ, mehr im Efeu von gestern), Cristina Colonnas Inszenierung von Torquato Tassos "Armide" in Potsdam (Tagesspiegel, FAZ), Vincenzo Bellinis "I Capuleti e i Montecchi" am Staatstheater Karlsruhe (FR), Marco Goeckes im Theaterhaus Stuttgart gezeigtes "Nijinski"-Ballett (FR).
Archiv: Bühne

Kunst


Olafur Eliasson: Green light - an artistic workshop"

Sehr skeptisch sieht der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich im Perlentaucher auf einige Kunstprojekte weltberühmter Künstler mit und über Flüchtlinge - etwa das Green-Light-Projekt von Olafur Eliasson, in dem Flüchtlinge Lampen basteln, die sich das moralisch hochwohlmögende Publikum dann kaufen darf. Würde man mit Terroropfern oder den Angehörigen der Opfer des Germanwing-Piloten auch so verfahren? "In beiden Fällen handelt es sich genauso wie bei den Flüchtlingen um Menschen, die durch Gewalt traumatisiert wurden und denen geholfen werden muss, wieder in ein halbwegs normales Leben zurückzufinden. In beiden Fällen sind auch Akte der Solidarität angebracht, und gerade im Fall der Terroranschläge kann es gar nicht genügend Bekenntnisse zur demokratischen Zivilgesellschaft geben. Doch wie käme es an, sollten Hinterbliebene nun in einem öffentlichen Workshop Lampen basteln - oder kleine Eiffeltürme oder irgendetwas anderes, das sich im DIY-Stil unkompliziert herstellen und dann auch noch gut verkaufen lässt?"

In der NZZ fragt Thomas Ribi, ob all jene Theoretiker recht hatten, die in den neunziger Jahren die Verlagerung der Kunst in den digitalen Raum voraussagten. Das Kulturleben, meint er, habe sich tatsächlich zu einem großen Teil in den Cyberspace verlagert, ihren Ort aber weder "in Theatern, Museen, Objekten oder Büchern" noch "auf Chips und Festplatten": "Physische Präsenz, Körperlichkeit sind keine gestrigen Konzepte: Sie werden bewusst inszeniert, und zwar gerade in ausgeprägt digitalen Settings, etwa im 'Rain Room' der britisch-deutschen Künstlergruppe Random International. ... Ein sparsam beleuchteter Raum, von dessen Decke aus Hunderten von kleinen Düsen unablässig Wassertropfen auf einen Gitterboden fallen. Alles ist in einen künstlichen Regen gehüllt - nur dort, wo sich gerade ein Besucher aufhält, da geben die Düsen kein Wasser ab. Zahllose Sensoren registrieren jede Bewegung eines Körpers, und ausgeklügelte Algorithmen steuern die Wasserdüsen, so dass man trocken durch den Schauer kommt."

Im italienischen Kalabrien ist derzeit eine Ausstellung der beschlagnahmten Kunstsammlung eines Mafioso zu sehen, informiert uns Petra Reski in der Zeit. Mit Sensationen allerdings ist bei der Sammlung nicht zu rechnen: "Im Grunde spiegelt sie hier nichts anderes wider als eine kleinbürgerliche Angst um die richtige Investition. Umso mehr verwundert die Mühe, mit der das Denkmalschutzamt von Reggio Calabria die Sammlung ganz ernsthaft unter kunsthistorischen Aspekten analysiert hat, als handele es sich um die Stiftung eines großherzigen Mäzens mit Vorliebe für das Figurative. Nirgends taucht das böse Wort von der Mafia auf."

Weitere Artikel: In der Welt schwärmt heute auch Hans-Joachim Müller über Christos "Floating Piers" im italienischen Iseosee, die er zwar als drei Kilometer schwabbeligen Eidotters beschreibt, aber auch als höchst romantische Kunst. In der FR flaniert Christian Thomas über die orangefarbenen Stoffplanken.

Besprochen werden Matt Henrys Fotoband "Short Stories" (SZ), William Kentridges "No it is"-Ausstellung im Gropiusbau in Berlin (taz), die Ausstellung "Klausur: Vom Leben im Kloster" im von den Nonnen verlassenen Kloster Beuerberg (FAZ) und eine Ausstellung über Unica Zürn Camaro und Hans Bellmer im Camarohaus in Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

Für die FR unterhält sich Susanne Becker ausführlich mit der amerikanischen Autorin Siri Hustvedt. Unter anderem geht es auch um ihren aktuellen Roman "Die gleißende Welt", die Reaktionen darauf und den latenten Sexismus des Betriebs: Einige "waren von den vielen Verweisen im Buch auf andere Bücher abgeschreckt. Ich habe festgestellt, dass diese Kritik schreibenden Frauen gegenüber viel schärfer geäußert wird als gegenüber schreibenden Männern. Männliche Autoren wie Richard Powers und David Foster Wallace werden nicht für ihre Bildung oder ihre Zitate aus Philosophie und Naturwissenschaften kritisiert, zumindest nicht in den Besprechungen, die ich über ihre Arbeiten gelesen habe."

Weitere Artikel: Zum Tod des Popjournalisten und Schriftstellers Wolfgang Welt schreiben Hilmar Klute (SZ), Maik Brüggemeyer (Rolling Stone) und Gerrit Bartels (Tagesspiegel). In der FAZ erinnert der Germanist Helmuth Kiesel daran, wie Hugo Ball mit seinen sechs im Cabaret Voltaire vorgetragenen Lautgedichten vor hundert Jahren den Dadaismus in Gang brachte, während am nächsten Tag die Schlacht an der Sommes begann.
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Archiv: Literatur

Musik

Beethoven, Brahms und Bach haben die Berliner Philharmoniker seit ihrer Gründung am häufigsten gespielt. Woran das liegt, erklärt sich Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "In einem Bereich künstlerischer Kreativität, der auf steter Neubefragung eines Kernrepertoires basiert, macht es Orchesterprofis wie auch bei Dirigenten eben besonders viel Spaß, im detailreichen Tonsatz von Beethoven und Brahms nach übersehenen oder lange vernachlässigten Aspekten zu forschen. Weil sich tatsächlich immer wieder andere Zugänge zu diesen hochkomplexen Werken entdecken lassen." Und wir dachten schon, es wäre das touristentaugliche Standardprogramm!

Weiteres: Für die taz besucht Knut Henkel in Santa Clara auf Kuba den Club "El Mejunje", einen zentralen Anlaufpunkt für die Dragqueen-Szene. Im SWR2-Radioessay geht Harry Lachner der Frage nach dem Altern der Avantgarde nach.

Besprochen werden "Lexicon of Love II" von ABC, das Diederich Diederichsen (SZ) so wenig überzeugt, dass er stattdessen lieber ausführlich über das erste "Lexicon of Love"-Album von 1982 schreibt, das neue Album der Red Hot Chili Peppers (FAZ) und ein Konzert von Ritchie Blackmore (FAZ).
Archiv: Musik

Film

Besprochen werden Felix Van Groeningens "Café Belgica" (ZeitOnline), die neue Staffel der Netflix-Serie "Orange is the New Black" (Berliner Zeitung) und die neue Episode von "Game of Thrones" (ZeitOnline).

Archiv: Film
Stichwörter: Netflix, Game of Thrones

Architektur


J.MAYER.H: Dupli Casa nahe Ludwigsburg.

In der Berliner Architektenszene ist J.Mayer.H derzeit ein echtes Reizthema, hat Antje Stahl von der FAZ beim Besuch einer dem Architekten im Haus am Waldsee gewidmeten Ausstellung erfahren: "Seine Gebäude wirken wie in den Raum gezogene Grafiken, heißt es auf der einen Party. Weder Bewohner noch Umgebung würden sie beeinflussen. Auf der anderen werden die Formen als bizarre Materialschlachten beschimpft, Jürgen Mayer. H schaffe Ikonen, die letztlich sogar plump und banal seien ... Ausgestellt wird hier Architektur, die einen weder erschaudern lässt noch, wie sonst so oft, zu Tode langweilt. Eher hinterlässt das Enfant terrible aus Stuttgart den Eindruck, als könne das strenge Baugeschäft in Deutschland die Spaßbrise, die hier weht, ziemlich gut gebrauchen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: J.Mayer.H