Efeu - Die Kulturrundschau

Zwannzichahröh Suv und wähähääk

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29.04.2016. Nur drei Prozent der Bevölkerung gehen ins Museum und in Hamburg sind sie fast alle zwischen 60 und 70. Kein Wunder, dass Museumsdirektor Hubertus Gaßner trotz frisch renovierter Kunsthalle nicht so recht Aufbruchsstimmung verbreiten kann. Die Welt empfiehlt den restlichen 97 Prozent einen Besuch - wenigstens, um die Ausstellung der rumänischen Künstlerin Geta Brătescu zu sehen. Die FAZ besucht den als Museum neu eröffneten Ceauşescu-Palast in Bukarest. Der Freitag staunt über eine sexuelle Revolution im "Game of Thrones". Die Musikkritiker lesen Udo Lindenberg lieber als ihn zu hören.

Kunst

Morgen wird die frisch renovierte Hamburger Kunsthalle fürs Publikum wieder geöffnet. Marcus Woeller hat sie für die Welt besucht und sich mit dem scheidenden Museumsdirektor Hubertus Gaßner unterhalten, der wenig Aufbruchsstimmung verbreitet: "Der größte Teil unserer Besucher ist zwischen 60 und 70", erklärt ihm Gaßner. Er "sieht auch die generelle Zukunft des Museums mit der Skepsis der Vergänglichkeit. 'Es gehen ja überhaupt nur drei Prozent der Bevölkerung ins Museum. Es gibt zwar wesentlich mehr Besuche, aber nicht mehr Besucher', erzählt er desillusioniert. 'In 50 Jahren wird es das Museum, wie es heute existiert, nicht mehr geben, nur noch ein paar große Spitzenmuseen.'" Vielleicht schrecken auch Eintrittspreise von 12 bis 14 Euro für den Besuch der Dauerausstellung viele ab? Immerhin ist im Mai der Besuch kostenlos.


Geta Bratescu, Vestigii, 1978. Courtesy the artist and Ivan Gallery, Bucharest, Romania. Photography: Stefan Sava

Eine der ersten Ausstellungen in der Kunsthalle ist der rumänischen Künstlerin Geta Brătescu gewidmet. Julika Pohle stellt uns die 90-Jährige in der Welt vor: "Brătescu befasst sich mit dem eigenen Körper, erfindet Selbstporträts, indem sie Fotos zerschneidet und die Teile unorthodox umordnet. Hier geht es einerseits um persönliche Selbsterkenntnis, andererseits wird eine Bedeutungsebene von allgemeinem Interesse geschaffen. Wer wir sind, woher wir kommen, wie sich unsere bedeutungsvollen Erinnerungen formen - darauf sucht sie Antworten. Etwa mit der Bodenarbeit 'Der Pfad. Die große Spur', in der Stoffstücke aus den Kleidern ihrer Mutter zu einem Substrat der Geschichte werden. Der Rückblick auf die Wurzeln steht im Gegensatz zur Idee des 'Voranschreitens', die unter der Diktatur Nicolae Ceauşescus propagiert wurde."

Besprochen wird außerdem eine dem Sowjetkünstler Gel Korzhev gewidmete Schau in Moskau (FAZ).
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Literatur

Für den Perlentaucher räumt Arno Widmann wieder Bücher vom Nachttisch, darunter einen Gesprächsband mit dem Dirigenten Rene Jacobs: "Sie werden Wochen für die Lektüre dieses Buches brauchen. Nicht weil es langweilig wäre. Das ist es keine Sekunde, sondern weil es voller Anregungen steckt, denen Sie nachgehen werden. Da ist gleich in der Vorbemerkung von Silke Leopold ein Hinweis auf eine Aufführung von Bachs h-Moll Messe im Berlin der achtziger Jahre. Das 'Agnus Dei' sang René Jacobs. Leopolds genaue Beschreibung macht Sie so neugierig, dass Sie sofort das Buch aus der Hand legen, Ihren Laptop öffnen und auf Youtube nach irgendeiner Einspielung des 'Agnus Dei' mit René Jacobs suchen."

Weitere Artikel: In Weimar befasste sich eine Tagung mit der Zukunft der Bibliotheken im Zuge der Digitalisierung, berichtet Lothar Müller in der SZ. Uwe Timm schreibt in der SZ zum Tod des Schriftstellers Gerd Fuchs. Angela Schader schreibt in der NZZ zum Tod der britischen Autorin Jenny Diski.

Besprochen werden Luther Blissets "Q" (Freitag), neue Krimis von Dominique Manotti (FR) und Christine Lehmann (Freitag) sowie ein Dokumentarfilm über die Schriftstellerin Sibylle Berg (Tagesspiegel).


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Film

Im Freitag schreibt Barbara Schweizerhof zum Auftakt der neuen Staffel von "Game of Thrones": Dem Unkundigen bot dieser bloß die Bestätigung, dass alles so wie immer sei, doch die wahren Fans durften eine einschneidende Variation erleben: "Der Cliffhanger war die Verwandlung einer nackten attraktiven Frau in ein nacktes altes Weib. Und damit die noch nicht mal ironische Umkehrung der Sexploitation, des hemmungslosen Ausstellens von weiblicher Haut zum Zwecke der Zuschauerbindung, die man den Machern schon oft vorgehalten hat. Was soll ich sagen - von innen gesehen, kommt das einer Revolution gleich."

Weiteres: Urs Bühler unterhält sich in der NZZ mit der in Kanada lebenden Schweizer Filmemacherin Léa Pool über ihre Arbeit.

Besprochen werden Simon Jaquements "Chrieg" (Tagesspiegel), Marcie Begleiters "Eva Hesse" (taz, FAZ), Edward Zwicks nach Ansicht von FAZler Jürgen Kaube ziemlich missglückter Schachfilm "Bauernopfer" und der unvermeidliche Superheldenfilm des Monats (FR, Tagesspiegel).
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Bühne

In der taz berichtet Sabine Leucht vom "Radikal Jung"-Festival in München, wo sie dem Theaternachwuchs vorsichtig skeptisch begegnet.

Besprochen werden Lin-Manuel Mirandas Polit-Musical "Hamilton" in New York (NZZ), die Aufführungen von Bernhard Langs Oper "Der Golem" in Mannheim und Philippe Boesmans' "Reigen" nach Arthur Schnitzler in Stuttgart (NZZ) und Lars-Ole Walburgs Inszenierung von "Endstation Sehnsucht" am Hamburger Thalia (SZ).
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Architektur

In Bukarest ist Ceauşescus früherer, für seinen Prunk berüchtigter "Frühlingspalast" der Öffentlichkeit als Museum zugänglich gemacht worden. Für die FAZ hat sich Joseph Croitoru das Gebäude angesehen, dessen überbordende Einrichtung den Legenden, die sich darum ranken, offenbar tatsächlich entspricht: "Der Stilmischmasch und der Schwulst der Anlage, die zwischen verkitschtem Byzantinismus und französischem Barock oszilliert, scheint unerschöpflich und durchzieht Seidentapeten, Holzvertäfelungen, Marmorböden und Möbel. Nur nach Spuren des sozialistischen Bilderkanons sucht man in den zahlreichen Gemälden und Wandteppichen mit idealisierter Naturlandschaft vergebens."
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Musik

Knut Henkel stellt in der NZZ die Rapperinnen Rebeca Lane aus Guatemala und Audry Funk aus Mexiko, die mit Nakury und Nativa aus Costa Rica auf einer Konzerttour durch Mittelamerika gegen den dortigen Machismo protestierten. "Wie ihre Kolleginnen verabscheut [Lane] den omnipräsenten Machismo. In Guatemala-Stadt, wo Lane lebt, gebe es alternative Strukturen, die Sicherheit böten. Doch je weiter sich Frauen aus den Metropolen entfernten, desto schwieriger würden die Verhältnisse. Die Frauenmorde von Ciudad Juárez unterstreichen das genauso wie die erschütternden Statistiken über Vergewaltigungen und häusliche Gewalt in Guatemala, El Salvador oder Honduras. Das hat Rebeca Lane zu Songs wie 'Mujer Lunar' inspiriert - und Audry Funk zu 'Rompiendo Escuemas'."

Udo Lindenberg gibt es derzeit in voller Breitseite: Ein Würdigungsroman, ein Echo-Auftritt, eine anstehende Fernseh-Dokumentation, eine große Tour und nicht zuletzt: Ein neues Album - und dazu Storys überall. Auch wenn die Popkritiker der Feuilletons bei diesen Feierlichkeiten eher widerwillig mitmachen. "Schade, dass die Musik so schlecht ist", jammert etwa Jens Balzer in der Berliner Zeitung nach Anhören des Albums, das er als Lindenbergs "Nachruf zu Lebzeiten auf sich selber" begreift. Schade sei das "nicht nur, weil sie einem die Gefühle der Rührung verdirbt, die man angesichts der von Lindenberg vorgetragenen Lebensrückblicke zu empfinden ja durchaus bereit wäre. Sondern weil der seifige Sound gerade die inneren Risse verschmiert, die ihn als Figur interessant und eigentlich auch erst erträglich gemacht haben."

Auch SZler Rabe hält die Musik für "unerträglich routiniert zusammengedudelt". Stattdessen stürzt er sich lieber auf die Texte, die zwar ebenfalls zuweilen schaudern lassen, spätestens in der Udo-Intonation aber manchmal eben doch überzeugen: Da ist man dann "sofort ganz tief drin im irren Udo-Easy-Deutsch und ganz nah dran am tatsächlich unvergleichlichen Sprachkünstler Lindenberg. ... Wir lesen also: '20 Jahre Suff und weg'. Aber wir hören: Zwannzichahröh Suv und wähähääk. Und dazwischen liegen, von der lustigen Notierung darf man sich nicht täuschen lassen, etwa zwei bis drei Universen und dreitausend Möglichkeiten, es zu vergeigen. Nicht jede Zeile des Albums rettet die Udo-Massage, aber viele. Andere sind einfach so gut." Für die FAZ bespricht Jan Wiele das Album, das seiner Ansicht nach "geprägt [ist] vom reflektierenden Heraustreten, Zurückschauen, Bilanzieren, [es] trägt also alle Anzeichen eines Alterswerks."

Weiteres: Jan Feddersen freut sich in der taz über die Karls-Medaille für den European Song Contest. Adam Olschewski berichtet in der NZZ über eine Veranstaltungsreihe mit und für Cecil Taylor im New Yorker Whitney Museum. In der taz gratuliert Philipp Rhensius dem Avantgarde-Elektronik-Label Raster Noton zum 20-jährigen Bestehen. Tobi Müller von der Berliner Zeitung schließt sich dem an. Für die FAZ berichtet Reinhard Kager von den "Tagen für neue Kammermusik in Witten", wo ihm insbesondere die Komponisten Malte Giesen (mehr) und Hannes Kerschbaumer (mehr) positiv auffielen.

Besprochen werden neue Alben von Beyoncé (taz, NZZ), Trümmer (Spex) und Dälek (Pitchfork).
Archiv: Musik