Efeu - Die Kulturrundschau

Nirgends das geringste blaugrüne Schimmern

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30.04.2016. In der NZZ blickt Gertrud Leutenegger auf die Ruinen des Rhonegletschers. Außerdem trauert die NZZ um die Helden der Gegenwartsliteratur, die dem kapitalistischen Monster unterliegen. Zum Auftakt des Gallery Weekends in Berlin beklagt der Tagesspiegel das weniger glamouröse Galeriensterben der Stadt. Die SZ besingt die babylonische Polyphonie des Bühnensprechens. In der Zeit erklärt Diedrich Diederichsen den Unterschied zwischen HipHop und der Autorenmusik eines Prince.

Kunst

Am ersten Maiwochenende findet in Berlin mittlerweile traditionell das Gallery Weekend statt. Brigitte Werneburg (taz) und Catrin Lorch (SZ) bringen allgemeine Überblicksartikel mit Empfehlungen. Christiane Meixner merkt im Tagesspiegel unterdessen kritisch an, dass trotz der Expansion der Veranstaltung auch in wenig angesagte Quartiere ein schleichendes Galeriensterben in der Stadt zu beobachten sei: "Die Räume verschwinden, die Mieten steigen, und die Messen, auf denen eine gute Galerie vertreten sein sollte, werden immer internationaler und damit finanziell aufwendiger. Der gängige Betrieb gibt das aber nicht her: Wer Arbeiten im vierstelligen Bereich verkauft, der muss auf Dauer kapitulieren. ... Die Erosion hält an, weitere Schließungen stehen bevor." (Bild: Martin Hohnert: VSG Gruppe, 2015. Foto: Andrea Rossetti, Johnen Galerie, Berlin)

Gesonderte Empfehlungen erfahren Axel Haubrok in der Haubrok Foundation (Tagesspiegel), Carsten Nicolai in der Galerie Eigen + Art (Tagesspiegel) und Martin Honert in der Galerie Johnen (taz). Die Welt schickt Ronja von Rönne, die ihre Angst vor zeitgenössischer Kunst zu überwinden versucht.

Weiteres: In der FAZ führt Julia Voss durch die nach umfangreicher Sanierung wiedereröffnete und nun etwa hundert mehr Bilder ausstellende Hamburger Kunsthalle. In Berlin hat das neue AArtist-in-residence-Programm begonnen, schreibt Brigitte Werneburg in der taz.

Besprochen werden Ken Schles' Fotobände "Invisible City" und "Nightwalk" (SZ) sowie die Ausstellung "Enthüllt - Berlin und seine Denkmäler" in der Zitadelle Spandau (SZ).
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Musik

In der Zeit formuliert Diedrich Diederichsen fünf Thesen zu dem, was uns Prince nach seinem Tod hinterlässt. Etwa die zum Superstar-Vakuum, in das der Künstler in seinen eher obskuren späten Jahren mitunter selbst schon geraten ist: Denn was ihn "ein bisschen aus dem Gleis der Relevanz warf, war die Etablierung mindestens zweier globaler, afroamerikanisch geprägter Musikkulturen, die dann doch ganz anders funktionierten als seine hochklassige Autoren-Partymusik: nämlich Hip-Hop und House/Techno. Beide entstanden während seiner großen Zeit in den 1980ern, neben und unterhalb seiner stilbildenden Klassiker ... Prince hatte auch diese Möglichkeiten zwar stets gekannt, geahnt und mit ihnen gespielt, aber in ein letztlich von ihm bestimmtes Privatuniversum eingefügt, wo jeder neue Beat als individueller Einfall gemeint war, nicht als Vorschlag oder Bestandteil eines eher anonymen Genres."

Außerdem: Sehr bedauerlich findet Frederik Hanssen im Tagesspiegel, dass die Berliner Philharmoniker in der kommenden Saison nur einen Debütanten, nämlich Andres Orozco-Estrada, ans Pult lassen.

Besprochen werden ein Fotoband von Marie Staggat mit DJ-Porträts aus der Detroiter Technoszene (taz), ein Konzert des Artemis Quartetts (Tagesspiegel), neue Alben von Dälek (Spex) und Drake (Tagesspiegel) sowie ein Konzert von Ebo Taylor (Tagesspiegel).
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Film

In der taz empfiehlt Andreas Resch eine Retrospektive mit den Filmen von Kelly Reichardt in Berlin. Auch unsere Filmkritiker haben das Schaffen dieser wichtigen Filmemacherin des unabhängigen amerikanischen Gegenwartskinos sehr aufmerksam mitverfolgt: Hier unsere Besprechungen zu "Old Joy", "Wendy & Lucy", "Meek's Cutoff" und "Night Moves".

Außerdem gratuliert Dietmar Dath in der FAZ Lars von Trier zum 60. Geburtstag und im Freitag bespricht Andreas Busche einen neuen Superheldenfilm von Marvel.
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Bühne

In der Entwicklung vom hohen Bühnenton klassischer Schauspielkunst zum heutigen, nur vermeintlichen Schnoddersprech des postdramatischen Theaters sehen manche Kulturpessimisten eine Verfallserscheinung. In einem langen Essay zur Geschichte des Bühnensprechens macht Christine Dössel in der SZ unterdessen eine gegenteilige Position stark: "Im postdramatischen Theater herrscht eine geradezu babylonische Polyphonie. Man muss das nicht als Verlust beklagen. Man kann die Vielfalt von Sprachen, sprachlichen Mitteln und Sprechformen auch als eine Bereicherung betrachten; umso mehr, als all diese Techniken nebeneinanderher existieren - das wieder Vers und Pathos zulassende Sprechtheater eines Michael Thalheimer neben den Jelinek'schen Textflächenbefragungen eines Nicolas Stemann - und höchst differenziert eingesetzt werden können."

Wenig Verständnis zeigt Patrick Bahners in der FAZ dafür, dass die Münchner Kammerspiele in der zweiten Spielzeit unter ihrem neuen Intendanten Matthias Lilienthal sichtlich auf Romanbearbeitungen setzen: "Warum setzt ausgerechnet ein Haus der Aktualität und Originalität seinen Ehrgeiz in die Bebilderung der Novitäten der Vorsaison?"



Etwas grell findet Ljubisa Tosic im Standard, wie Gustavo Dudamel "Turandot" in Wien ausreizt, in der Regie von Marco Marelli sieht sie dagegen den "Kreativkampf des Komponisten" sehr schön widergespiegelt. In der Presse glaubt Wilhelm Sinkovicz mit der Inszenierung den "soliden Bestand" von Wiens Opernrepertoire gesichert.

Weiteres: In einem langen SZ-Interview poltert Noch-Volksbühnen-Intendant Frank Castorf bestens aufgelegt, etwa über seinen Nachfolger: "Zu Chris Dercon möchte ich nichts sagen, vielleicht hat der ja einen Riesenerfolg, wer weiß. Das Haus wird sich sicher zur Kenntlichkeit unserer Zeit verändern, und dann kann es möglicherweise als Appendix der Berliner Tourismusbranche dienen." In der FR resümiert K. Erik Franzen das "Radikal Jung"-Festival in München. Besprochen wird Kat Válasturs neue, am Berliner HAU gezeigte Choreografie "Oilinity" (Tagesspiegel). Zwischen Stimmigkeit und Banalität sieht Christian Wildhagen in der NZZ Romeo Castelluccis bildstarke Inszenierung von Bachs Matthäus-Passion in Hamburg.
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Literatur

In einem wehmütigen Text begibt sich Gertrud Leutenegger für die NZZ mit Rimbaud im Gepäck zum schmelzenden Rhonegletscher: "Eine bizarre Szenerie erwartet uns. Wo endet überhaupt die Gletscherzunge? Und nirgends das geringste blaugrüne Schimmern von Eis! Haben Nomaden hier ihre Zelte aufgeschlagen, oder wurde in Hast ein Lager für Obdachlose errichtet? Der unterste Teil des Gletschers ist zugedeckt mit gigantischen schmutzig weißen Planen, teilweise zerschlissen und von Wind und Schneeschmelze in wilde Faltenwürfe gelegt. Die so drapierten Eisformationen bilden eine groteske Ansammlung von Kuppen und Höckern, unwillkürlich denkt man an die Sofas, die in den Grand-Hotels am Saisonende mit Leintüchern geschützt werden. Anstatt des majestätischen Gletschers von einst: Welch erbärmlicher Anblick."

Björn Hayer wagt in der NZZ zudem einen zaghaften Angriff auf die Gegenwartsliteratur, die den Kapitalismus nur noch als abstraktes System darstelle. Im Blick hat er dabei die Autoren Elfriede Jelinek, Ulrich Peltzer oder Thomas von Steinaecker: "Sie verharren allein in Diagnosen, die Schuldfragen ins Nirgendwo verlagern und das Subjekt zur machtlosen Marionette degradieren. Ihre Literatur arrangiert sich mit einem gemütlichen Feindbild, das sie weiter aufbläst ... Indem die Autoren alle Register von solcherlei Metaphorik ziehen, von Ungeheuern und omnipotenten Geldgötzen schreiben, verbreitern sie die Kluft zwischen dem Individuum und dem Monstrum des Marktes."

Weiteres: In der Welt fragt David Wagner, ob es gut gehen kann, dass heute fast alle Schriftsteller in Berlin leben: "Führt das nicht zu stilistischer Inzucht, werden die Bücher einander immer ähnlicher?" Für die taz unterhält sich Katharina Borchardt mit dem flämischen Schriftsteller Yves Petry über dessen vom Fall des "Kannibalen von Rotenburg" inspirierten Roman "In Paradisum" und darüber, ob die flämische und niederländische Literatur miteinander eine literarisch homogene Region bilden. In der wöchentlichen taz-Lektürenotizenreihe zu Maxim Billers "Biografie" übernimmt diese Woche nach Dirk Knipphals Ulrich Gutmair das Ruder und zeigt sich darüber quietschfidel: Denn "dieser Roman macht Spaß, ist intelligent, kennt keinen Gott und hat vor nichts Angst."

Besprochen werden Kazuo Ishiguros Roman "Der begrabene Riese" (NZZ), Antje Rávic Strubels "In den Wäldern des menschlichen Herzens" (ZeitOnline), Lucia Berlins "Was ich sonst noch verpasst habe" (taz), Ahmed Mourads Thriller "Vertigo" (Freitag), Chloe Hoopers "Der große Mann" (Freitag) und eine Ausstellung von Bildern von Joachim Ringelnatz im Kunstmuseum Solingen (FAZ).
Archiv: Literatur