Efeu - Die Kulturrundschau

Nichts als harte Kontrastwerte

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19.04.2016. Die Welt bewundert die subjektiven Fotografien Detlef Orlopps. Ägyptische Konservative sind sauer, weil ein ägyptischer Autor ins Hebräische übersetzt wurde, meldet die NZZ. Auf der SZ lasten schwer die Betondecke und der Kratzputz des Kunstmuseums Basel. Die taz besucht eine Londoner Ausstellung zur Geschichte der Unterwäsche.

Kunst


Detlef Orlopp, 1966 (Türkei), Museum Folkwang, Essen, © Detlef Orlopp

Marcus Woeller besucht für die Welt im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie eine Ausstellung des Fotografen Detlef Orlopp, dessen Arbeiten ihn an die abstrakten Gemälde Jackson Pollocks erinnern. Mit seinem Zeitgenossen Bernd Becher "teilt Orlopp die Siegerländer Heimat, die Konzentration auf die Schwarzweißfotografie und die Liebe zum Seriellen. Dann hören die Gemeinsamkeiten aber schon wieder auf. Typologisch ist nichts an Orlopps Fotografie. Orlopp vergleicht nicht, er vermittelt keinen sozialen oder gesellschaftlichen Anspruch mit seiner Motivwahl, er bildet schon gar nicht bloß ab. Er schafft autarke Bilder - subjektive Fotografien. So sehen wir zum Beispiel Landschaften, aber doch wieder keine. Denn je länger man die Bilder betrachtet, desto mehr lösen sie sich in Formen auf, in Linien, Striche, Punkte, eigentlich in nichts als harte Kontrastwerte. In Orlopps strenger Schwarzweißwelt hat selbst das Grau keinen Platz mehr."

Besprochen werden die de-Chirico-Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart (NZZ) und eine Ausstellung über schwedischer Bilderbücher im Haus der Nordischen Botschaften in Berlin (FAZ).

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Literatur

"Der Jakubijan-Bau" scheint in Israel ein sehr beliebtes Buch zu sein. Gerade wurde der Roman des ägyptischen Autors Alaa al-Aswani zum zweiten Mal ins Hebräische übersetzt - wohl gegen den Willen des Autors, der nicht zu Unrecht Übles in seiner Heimat befürchtete, schreibt Angela Schader in der NZZ: "Aber wie auch immer sich die Faktenlage präsentieren mag, al-Aswani ist bereits ins Kreuzfeuer geraten: Ein Sprecher des ägyptischen TV-Kanals Al-Hayah warf dem Schriftsteller vor, Ägypten Schaden zugefügt und Israel die Hand gereicht zu haben, und rief gar Gottes Fluch über den jüdischen Staat herab. Gewiss habe man dort den 'Jakubijan-Bau', in dem es um Homosexualität, Prostitution, Drogen und Korruption gehe, einzig in der schnöden Absicht übersetzt, Ägypten in möglichst schlechtem Licht erscheinen zu lassen. Auch andere Stimmen, darunter der als konservativ-patriotischer Heißsporn bekannte Parlamentarier Mustafa Bakri, stimmten in das Gezeter ein."

Weitere Artikel: Welt-Autor Matthias Heine lernt aus einem Artikel des Oxford Dictionaries, warum sich englische und deutsche Flüche so ähneln. Florian Oegerli berichtet in der NZZ vom Literaturfestival auf dem Monte Verità.

Besprochen werden Ann Cottons Versepos "Verbannt" (FR), Wilhelm Buschs "Umsäuselt von sumsenden Bienen. Schriften zur Imkerei" (taz), die Neuauflage von Rodolphe Töpffers Comic-Vorläufer "Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten" (taz), Simon Spruyts Comic "Junker" (Tagesspiegel) und eine Ausstellung über den Buchdrucker Aldus Manutius in Venedig (SZ).
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Film

Im Tagesspiegel resümiert Daniela Sannwald das 35. Filmfestival in Istanbul. Aufgefallen ist ihr, wie wenig aktuelle politische Konflikte in den türkischen Wettbewerbsfilme eine Rolle spielen: "Probleme mit Zensur hat es bei keinem der Filme gegeben, tatsächlich sind die meisten vom Kultusministerium gefördert. Möglich, dass die Filmemacher selbst bereits unverfängliche Projekte einreichen. Bei diesem Festival konnte man den Eindruck haben."

Weitere Artikel: Für ZeitOnline spricht Wenke Husmann mit Thomas Vinterberg über dessen neuen Film "Die Kommune". Alexander Menden gleicht für die SZ den neuen "Dschungelbuch"-Film mit Rudyard Kiplings Vorlage ab.

Besprochen werden Tobias Lindholms "A War" (Berliner Zeitung) und Britta Wauers Dokumentarfilm "Rabbi Wolf" (SZ).
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Musik

In der NZZ freut sich Rainer Moritz schon auf die Eröffnungskonzerte der Hamburger Elbphilharmonie: Rihm und die Einstürzenden Neubauten stehen auf dem Programm. Erstmals seit 45 Jahren legen Santana in ihrer klassischen Woodstock-Besetzung ein Album vor. Angesichts des Ergebnisses schreibt SZler Andrian Kreye allerdings: Das ist "das hundsmiserabelste aller hundsmiserablen Wiedervereinigungsalben".

Besprochen werden ein Konzert der Metalbands Full of Hell und The Body (Berliner Zeitung), ein von Stanisław Skrowaczewski dirigiertes Konzert Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Tagesspiegel, SZ), ein Konzert von Me and My Drummer (Tagesspiegel) und das Debüt des Trios James Yorkston, Jon Thorne, Suhail Khan (FR).
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Architektur


Kunstmuseum Basel mit Erweiterungsbau (April 2016), Foto: Julian Salinas

Mit wenig guten Gefühlen kehrt SZlerin Laura Weißmüller von ihrem Besuch beim Kunstmuseum Basel nach Hause, wo sie den gerade mit einer Skulpturenschau eröffneten Erweiterungsbau in Augenschein genommen hat. "Von all dem Marmor aus Carrara, dem feuerverzinkten Stahl, den Wasserstrichziegeln und dem Kratzputz" fühlt sie sich "erschlagen", ein lähmender Eindruck beim Durchqueren der streng konzipierten Räume und Gänge überwiegt: Die ausgestellten Skulpturen wirken so, "als würde die Schwere der Betondecke auf ihnen lasten. Ähnlich ergeht es der Malerei im Stockwerk darunter. ... Es hat seinen Grund, warum die Künstler im 20. Jahrhundert ihre Skulpturen von den Sockeln hoben und ihre Malerei vom Keilrahmen befreiten. Sie wollten sich die Hände schmutzig machen mit der Gegenwart. Der neue Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel will das nicht. Die Kunst wird auf Sicherheitsabstand zum Besucher gebracht. Das macht sie so blutleer."
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Stichwörter: Kunstmuseum Basel

Bühne

Besprochen werden Elfriede Jelineks neues, an dem Münchner Kammerspielen aufgeführtes Stück "Wut" (Tagesspiegel, taz, mehr im gestrigen Efeu), Sasha Marianna Salzmanns "Meteoriten" am Maxim-Gorki-Theater in Berlin ("ein Pappkameraden-Potpourri", stöhnt Peter Laudenbach in der SZ, Irene Bazinger von der FAZ sah "schlimmsten Emotionalquatsch mit lauterer Überzeugtheitssauce") und die Uraufführung von Bernhard Langs und Peter Missottens "Golem"-Oper (FAZ).
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Design



Interessant, aber etwas anschaulicher hätte sich Brigitte Werneburg eine Londoner Ausstellung im Victoria & Albert Museum zur Geschichte der Unterwäsche gewünscht, schreibt sie in der taz: "Einfach, um die Geschichte der Unterwäsche nicht ganz so kurz angebunden, dafür etwas bunter und anekdotenreicher, mithin anschaulicher zu erzählen. Dass das V & A in seiner Sammlungsgeschichte verfolgt, wie David Beckham und H & M 2012 über Bodywear (wie Unterwäsche heute heißt, weil sie sich ja von Sport- und -Funktionswäsche oft nicht mehr wirklich unterscheidet) ins Geschäft kamen, ist interessant und richtig. Trotzdem vermisst man gerade im V & A Diane Vreeland und ihre apokryphe Behauptung, sie habe in ihrem Wäschegeschäft nahe dem Berkeley Square 1933 Wallis Simpson drei luxuriöse Nachtgewänder verkauft, just vor deren erstem Wochenende mit dem Prince of Wales."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Mode-Utopien: Haute Couture in der Grafik" im Museum für angewandte Kunst in Wien (FAZ).
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