Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Urahn namens Dodo

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05.02.2016. Alles Dada heute. Die taz sucht in einer ganzen Ausgabe nach dem Erbe von Dada. Die NZZ erkundet den Dadaglobe und den Geist von Dada. Außerdem: Die Welt kommt schreckensstarr aus Michael Bays Bengasi-Thriller "13 Hours". Die Filmkritiker blicken in die grünen Augen Charlotte Ramplings. Die Spex feiert das Musik-El-Dorado, das ihr Streamingdienste eröffnen. Die Jungle World hört die beste Queer-Politics-Hymne, die je von weißen heterosexuellen Männern geschrieben wurde.

Kunst

Schwerpunkt Dada

Dada-Spezialisten müssen heute taz kaufen - unmöglich, alle Artikel zum Thema zu nennen. Zwei Beiträge seien herausgegriffen (und einen zitieren wir in 9punkt). Kunstredakteurin Brigitte Werneburg stellt fest, dass die Dadaisten auch Chauvis waren: "Die Dada-Männer waren auf die Frauen, die bei Dada aktiv waren, nicht stolz. Sie schlugen kein Kapital aus einer Vorreiterrolle, die Dada zugefallen und eher widerwillig akzeptiert worden war. In ihren maßgeblich die Kanonisierung von Dada betreibenden Erinnerungen schrieben sie wie etwa Richard Huelsenbeck in den fünfziger oder Hans Richter in den sechziger Jahren die Frauen aus Dada und damit aus der Kunstgeschichte heraus."

"Mit dem Dada-Prädikat ist man schnell bei der Hand" schreibt Klaus Walter, der sich auf Spurensuche nach Dada-Einflüssen im Pop macht. "Hatte der große Jazzer Charles Mingus Dada im (Un)Sinn, als er 'Wham Bam Thank You Man' aufnahm, das wiederum David Bowie in 'Suffragette City' zitiert? War die schwule schwarze Heulboje Little Richard von Hugo Ball und Kurt Schwitters inspiriert, als sie ihren unsterblichen Schlachtruf wider die Ordnung der Dinge erfand: Awopbopaloolalopbamboom? Wie viel Dada steckt in 'My Baby Baby Balla Balla', mit dem die deutsche Beatband The Rainbows 1965 Platz 3 der Charts erreichte und dafür von älteren Landsleuten ins Arbeitslager gewünscht wurde?"

Viel kreative Energie im Geist von Dada spürt NZZ-Kritiker Philipp Meier in der von Juri Steiner und Stefan Zweifel konzipierten Ausstellung "Dada Universal" im Landesmuseum Zürich. "Sie haben eine frei fließende Assoziationskette von Kunstwerken, Dokumenten und Artefakten aus der Zeit und weit darüber hinaus geknüpft. Zu Eingang findet man sich etwa vor dem Phantom wieder, als das Hugo Ball aus den Schrecken des Frontkriegs in die Limmatstadt geflüchtet war: eine leere Hülle in Gestalt einer Pelerine der französischen Armee. Von dieser toten Haut gelangt man zum Skelett eines Urahnen des Dada namens Dodo - jener Vogel ohne Flügel, den eine ziemlich dadaistische Laune der Natur lange vor Dadas Zeit geschaffen hatte und der bereits in 'Alice im Wunderland' als Sinnbild für allen Nonsens steht." (Bild: Sophie Taeuber-Arp, Portrait Hans Arp, 1918, Holz gedrechselt, bemalt. Privatbesitz)

Außerdem stattet Gina Bucher für die taz dem Zürcher Cabaret Voltaire einen Besuch ab, von dem aus die Dada-Bewegung vor hundert Jahren ihren Ausgang nahm. Im Tagesspiegel erinnert Christian Schröder an die Dada-Ursprünge im Cabaret Voltaire. Samuel Herzog beschreibt in der NZZ Tristan Tzaras Pläne für einen "Dadaglobe".


Weiteres:

Besprochen werden Laura Poitras' Ausstellung "Astro Noise" im Whitney Museum in New York (SZ), eine Ausstellung von Albrecht Dürers Druckgrafiken im Hessischen Landesmuseum (FR) und Dirk Westerkamps Studie "Ikonische Prägnanz" (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Die NZZ stellt die Shortlist zum Leipziger Buchpreis vor. In der SZ schreibt Thomas Steinfeld zum Tod der Autorin Ruth Rehmann.

Besprochen werden Ta-Nehisi Coates' "Zwischen mir und der Welt" (SZ), Ferdinand Peroutkas "Wolke und Walzer" (SZ) und neue Bücher zum Thema Dada (taz). Mehr in Lit21, unserem Metablog zum literarischen Leben im Netz.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Ta-Nehisi Coates, Dada

Architektur

"Ein Votum für die Architektur als Kunst": Große Freude bei FAZ-Kritiker Michael Hierholzer über die Entscheidung des Deutschen Architekturmusems, den Architekturpreis 2015 dem Büro Bruno Fioretti Marquez für die beiden neuen Meisterhäuser in Dessau zuzusprechen: "Der Geist des Bauhauses, die Verbindung von bildender Kunst und Architektur, die propagierte Einheit von Kunst und Leben, die Wertschätzung des Handwerklichen, aber auch die Idee einer metaphysischen Ordnung, die sich in der gestalteten Materie niederschlägt: die Gebäude rufen dies alles auf, aber im Sinn eines bewundernden Zitats, der Reverenz vor einer vergangenen Epoche."
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Archiv: Architektur

Film



Dieser Film dürfte ziemlich unangenehm sein für Hillary Clinton, meint Hannes Stein der für die Welt Michael Bays Bengasi-Thriller "13 Hours" sah: "Der Film zeigt kein schicksalhaftes Verhängnis. Er zeigt, dass es Warnungen gab; dass es unbegreiflicher Leichtsinn war, den Botschafter mit drei Hanseln als Begleitschutz in ein potenzielles Kriegsgebiet fahren zu lassen; dass den Profis, also den sechs CIA-Söldnern im Gelände nebenan, verboten wurde, ins Kampfgeschehen einzugreifen, als längst alles in Flammen stand. '13 Hours' zeigt ferner, dass die Sache mit dem Mord an Stevens nicht ausgestanden war - und dass die amerikanische Außenministerin und ihr Präsident stumm blieben, statt ihre Angestellten zu retten. Der Unterschied zu Entebbe, wo Israel alles tat, um seine Leute herauszuholen, könnte gar nicht größer sein."

Claudia Lenssen empfiehlt im Tagesspiegel die Cecilia Mangini gewidmete Retrospektive im Berliner Kino Arsenal: "Die große Spannbreite zwischen rabiater Gesellschaftsanalyse, Trauerarbeit über die kulturellen Verluste und kühnen Erzählformen, die italienische Filme ihrer Ära auszeichnete, spiegelt sich auch im Werk der heute 88-Jährigen. Das Kino, sagt sie, sei aber weder männlich noch weiblich. 'Das Kino ist das Kino.' Basta."

Und: Charlotte Rampling feiert Siebzigsten! Es gratulieren Fritz Göttler (SZ), Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel) und Andreas Kilb (FAZ). Und in der NZZ würdigt Christina Tilmann die Kunst der britischen Schauspielerin, vor der Kamera mit jedem Blick die Situation zu steuern: "Eine Minute nur, zu Louis Armstrongs Trompetenklängen von 'Stardust', und kein einziges Wort, in dieser berühmten Szene aus 'Stardust Memories' von 1980. Sie liegt auf dem Teppich, blättert in einer Zeitschrift, während Woody Allen ein Joghurt isst und sie beobachtet. Der Blick von Charlotte Rampling, gelassen, leicht spöttisch, überlegen, zunehmend amüsiert, geht über den Zeitschriftrand direkt in die Kamera, direkt ins Auge des Zuschauers, direkt ins Herz. Kein Wunder, dass man sich auf diesen einen Blick hin, der eine Ewigkeit zu spannen scheint, unrettbar und lebenslang verliebt."

Voilà:



Besprochen werden der griechische Thriller "Mittwoch 04:45" von Alexis Alexious (Caspar Shaller spricht auf ZeitOnline von einem "hochstilisierten Neo-Noir-Film"), Sarah Gavons feministischer Historienfilm "Sufragette" (Tagesspiegel) und das "Tatort"-Kino-Spinoff "Tschiller: Off Duty" mit Til Schweiger (SZ).
Archiv: Film

Bühne

Choreograf Alexej Ratmansky erklärt im Interview mit der NZZ, warum er Petipas Originalchoreografie für den "Schwanensee" in Zürich inszeniert hat. Über den Abgang des Ballettdirektors der Opera National Benjamin Millepied schreibt mit Sympathie für den Rausgedrängten Manuel Brug in der Welt, Marc Zitzmann ist Millepied gegenüber in der NZZ weniger freundlich. Und Nachtkritik unterhält sich im Video mit zwei Jurorinnen des Berliner Theatertreffens.

Besprochen werden Choreografien von Marco Goecke, William Forsythe und Uwe Scholz für das Stuttgarter Ballett (NZZ), die Uraufführung von Miroslav Srnkas Oper "South Pole" durch Hans Neuenfels und Kirill Petrenko in München (Welt-Kritiker Manuel Brug befiel "ödes, antarktisches Gähnen"), der Abend "Forsythe/Goecke/Scholz" am Stuttgarter Ballett ("Bravissimo", applaudiert Eva-Elisabeth Fischer in der SZ), Ayad Akhtars pulitzer-gekröntes Debütstück "Geächtet" am Münchner Residenztheater (Nachtkritik), Rafael Sanchez' Kölner Inszenierung von Shakespeares "Troilus und Cressida" (FAZ) und Calixto Bieitos Stuttgarter Inszenierung der raren Purcell-Oper "The Fairy Queen" (vermessen wird darin "das Weltreich der Erotik, das einerseits an die Klamotte grenzt, andererseits an den Hades", schreibt Reinhard Brembeck in der SZ).
Archiv: Bühne

Musik

Maurice White, Gründer von Earth, Wind and Fire ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Möge er den Shining Star gefunden haben:



Schön, dass nicht alle Musiker ins Rohr des Trübsinns blasen, wenn es um Streaming geht: In der Spex hält Malakoff Kowalski ein flammendes Plädoyer für Spotify und Co. und macht dabei vor allem die Position des Musikliebhabers stark, dem sich heute wahrhaftig ein El Dorado biete: Denn "der Punkt ist, dass die Schönheit, die Freiheit, die unendliche Impulsivität und die enthemmte Suche nach genau der Musik, die man in genau diesem einen Moment sucht, eine Kraft hat, wie sie auch das Internet selbst entfaltete als es die analoge Welt revolutionierte. ... Ich konnte nicht glauben, wie viel Musik es auf einmal zu entdecken und zu hören gab."

Sehr angetan berichtet Steffen Greiner in der Jungle World vom neuen Album "Painting With" von Animal Collective, das das "bislang zugänglichste der Band geworden [ist], obwohl es wieder knallt, fiept und knattert wie eine Kirmes und zugleich harmoniert wie der Pop in der goldenen Zeit der Sechziger. ... Aber tanzende Stimmen hin, die beste Queer-Politics-Hymne ('Golden Gals'), die je von weißen, heterosexuellen Männern geschrieben wurde, her: Die Gefahr, dass Animal Collective und ihr Bricolage-Sound langfristig der Hair-Metal der nuller Jahre werden - eine Musik, die nur in einer bestimmten Zeit funktionierte und später keinen Bezug zur Gegenwart mehr fand -, bleibt trotz der Inno­vationen, Intensitäten und Energien von 'Painting With' präsent." Für Pitchfork hat sich Jeremy Gordon mit der Band unterhalten.

Weiteres: Birgit Rieger berichtet im Tagesspiegel von den ersten Tagen der Club Transmediale in Berlin, bei der Markus Schneider von der Berliner Zeitung mitunter der Schädel brummt. In der taz befragt Klaus Walter die Popgeschichte auf Dada-Einflüsse. Jens Uthoff spricht in der taz mit Melissa Logan von den Chicks of Speed über den Einfluss von Dada. Klaus-Helge Donath bringt auf taz.de Hintergründe zum neuen Video von Pussy Riot. In seinem Poptagebuch für den Rolling Stone schreibt Eric Pfeil über die Italo-Soundtracks von Guido und Maurizio de Angelis. In der Zeit begeistert sich Lars Weisbrod für den hafen-proletigen Northern Soul der Hamburger Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Hier ein aktuelles Video:



Besprochen werden das Album "Islah" von Kevin Gates (Pitchfork), das neue Album von Bloc Party (Popmatters), eine Edition der Schweizer Pianistin Dinorah Varsi (NZZ) sowie die letzte gemeinsame Aufnahme (Beethovens 4. und 5. Sinfonie) von Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus Wien (NZZ).
Archiv: Musik