Efeu - Die Kulturrundschau

Rückzug ins Schauen und Staunen

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04.01.2016. Was noch zu sagen bleibt, wenn alle Worte geschrieben sind, lernt die Welt von der Künstlerin Etel Adnan. Autor Manfred Rebhandl erinnert sich im Standard ans Sternsingen seiner Kindheit. Der Freitag liest in den epischen Fernsehserien die Zukunft des Theaters. Und der Filmregisseur Alejandro González Iñárritu erklärt im Observer die mexikanische maximalistische Kunst der Darstellung.

Kunst


Etel Adnan, Untitled, 2010, Courtesy die Künstlerin und Sfeir-Semler Gallery Hamburg/Beirut

Das Haus Konstruktiv in Zürich zeigt derzeit eine Ausstellung der 90-jährigen libanesischen Künstlerin Etel Adnan: "La joie de vivre". Ein perfekter Titel für ihre späten Arbeiten, findet in der Welt Hans-Joachim Müller: "Ihr bescheiden auftretendes Werk ist wie lyrischer Ausklang. Eine Art Verhallen, ohne dabei zu verstummen. Und wenn man Bild und Sprache miteinander vergleicht, dann ist die Malerei das, was noch zu sagen bleibt, wenn alle Worte geschrieben sind. 'Abstrakte Landschaften' oder 'landschaftliche Abstraktionen', was trifft es besser? Es ist irgendetwas dazwischen, wo der Raum raumlos und die Zeit zeitlos scheinen, und kein Bild das andere überbieten und schon gar nicht das vorangegangene korrigieren muss. Malerei als Selbstgespräch. Oder genauer noch: als Selbstbeobachtung beim Rückzug ins Schauen und Staunen."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel sichtet die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci Bilder und Fotos, die Heimat und deutsche Identität insbesondere auch im Hinblick auf Migranten verhandeln. In der FAZ spricht Julia Voss mit der Künstlerin Anita Albus über die Pilzporträts des Forschers Jean-Henri Fabre.

Besprochen werden die dem New Yorker Undergroundkünstler John Giorno gewidmete Ausstellung im Palais de Tokyo in Paris (taz), die Ausstellung "Malerei, Zeichnung, Grafik Teil I" in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung in Berlin (taz), die Ausstellung "Bärenkult und Schamanenzauber - Rituale früher Jäger" im Archäologischen Museum in Frankfurt (FAZ) und Hannah Ryggens Ausstellung "Weaving the World" im Moderna Museet in Malmö (FAZ).

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Literatur

Der Autor Manfred Rebhandl erinnert sich im Standard ans Sternsingen seiner Kindheit: "Geprobt haben wir nie, denn drei Strophen 'Stille Nacht' konnte damals jeder. Um das Abendland brauchte sich kein Pfarrer Sorgen zu machen, den Islam kannten wir höchstens aus den Büchern von Karl May. Sobald geklärt war, in welchem Auto 'die Michi' sitzen würde, ging es los. Sie saß neben mir, es war verdammt eng im Peugeot, und ich fühlte mich wie der König der Könige. Irgendjemand trug die Kassa bei sich, in der wir das Geld für die Armen sammelten. Am häufigsten gaben die Leute einen Zwanziger, aber damals waren es noch Schilling. Wir fuhren von Haus zu Haus, redeten, lachten und hörten Joy Division auf einer C60er."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung spricht Cornelia Geißler mit dem Schriftsteller Tilman Rammstedt über dessen Pläne, einen in täglichen Happen ausgelieferten Fortsetzungsroman zu schreiben. In der SZ schreibt Volker Breidecker über James Joyce und die Musik. Beim WDR liest Roman Knižka F. Scott Fitzgeralds Erzählung "Eine Reise ins Ausland". Außerdem hat die FAZ Dietmar Daths ausführliche Bestandsaufnahme zu 100 Jahren Science Fiction online gestellt.

Besprochen werden Sean Chuangs Comic "Meine 80er" (Tagesspiegel), Drago Jančars Roman "Die Nacht, als ich sie sah" (NZZ) und Ursula Ackrills Roman "Zeiden, im Januar" (NZZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gerhard Stadelmaier über Joachim Ringelnatz' "Stuttgarts Wein- und Bäckerstübchen":

"Vor dem heißen Ofen balgen
Katzen sich. Wie dumme Jungen.
Auf dem Tisch an kleinem Galgen
..."
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Bühne

Das "allgemeingültige Epos, das unsere Wirklichkeit spiegelt", findet man heute seltener auf den Bühnen, sondern vielmehr bei den guten TV-Serien, stellt Axel Brüggemann im Freitag fest: Kein Wunder, dass zahlreiche Talente vom Theater zum einst geringgeschätzten Erzählmedium abwandern und dort - von "House of Cards" bei Netflix bis zu "Altes Geld" im ORF - das bessere Theater schaffen: "Das System Fernsehen wurde durch neue Internet-Medien gezwungen, sich grundlegend in Frage zu stellen und hat mit einem Rekurs auf das Schauspiel geantwortet. So hat das Fernsehen sich als Medium für iPads, Laptops und Smart-TVs neu erfunden - sie sind die Oval Theatres der Zukunft: unterhaltsame, epische Spielplätze dessen, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen. Und so wird vielleicht auch die Zukunft der Theater aussehen. Sie wird aber erst dann beginnen, wenn sich seine Produktionsstrukturen und sein Selbstverständnis wandeln."

Weiteres: Immer schlechteres Benehmen und Respektlosigkeit der Zuschauer gegenüber den Schauspielern im Theater diagnostiziert Bernd Noack in der NZZ. Außerdem hat die FAZ Jüri Reinveres Plädoyer wider das Aktualitätskolorit aktueller Bühnenproduktionen online nachgereicht.

Besprochen wird ein konzertanter "Graf von Luxemburg" in Frankfurt (FR) und Simon McBurneys Inszenierung von Stefan Zweigs Roman "Ungeduld der Herzen" in Berlin (SZ).
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Architektur

Marcus Woeller denkt in der Welt über die Zukunft der Architektur und unserer Außenwahrnehmung nach, wenn die immersive 3-D-Visualisierung erst mal perfektioniert ist: "Über Displays, die wir dann alle ständig tragen, oder die Datenbrille, die uns die virtuelle Realität auf die Netzhaut spiegelt, können wir uns die gebaute Welt gestalten, wie wir wollen. Individuell auf unseren persönlichen Geschmack angepasst. Wer golddurchwirkte Tapeten auf den Wänden sehen will und historistischen Stuck an der Decke, kann das haben mit einem Wimpernschlag. Es wird nie wieder Streit geben, in welcher Farbe man die Küche streicht oder ob man Holzoberflächen Edelstahl vorzieht. Und jeder sieht die Architektur, die er will."
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Film


Szene aus "The Revenant" mit Leonardo di Caprio

Im Observer unterhält sich Jonathan Romney mit dem Filmregisseur Alejandro González Iñárritu über dessen neuen Film "The Revenant" mit Leonardo DiCaprio als verletzten und verlassenen Pelzjäger, der sich im verschneiten Norden Amerikas seinen Weg zurück in die Zivilisation erkämpft, und über die mexikanische maximalistische Kunst der Darstellung: "Making bold statements is in keeping with a Mexican 'maximalist' tradition, Iñarritu tells me, invoking the epic style of his nation's most acclaimed artists. 'I can't deny that I come from [José Clemente] Orozco or [David Alfaro] Siqueiros, from these muralists. All these murals of the last days of judgment - there are no nuances! 'We as a culture always grab the most spicy sauce, the most heartbreaking rancheros and boleros music, such dramatic telenovelas and soap operas. All our culture and all the cosmological themes and political themes and social themes and religious themes are always conveyed on these huge canvases, with big colours…"

Besprochen werden Aya Domenigs Hiroshimadoku "Als die Sonne vom Himmel fiel" (NZZ), Brian Helgelands Film über die britischen Kray-Gangster "Legend" (NZZ), Aziz Ansaris Komödie "Master of None" (Presse) und Gaspar Noés Film "Love" (Presse).
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Musik

In einem sehr schönen langen Interview mit dem Standard spricht Alfred Brendel über sein Leben nach dem Klavierspiel, Musikträume, Musikinterpretation und Musikerkrisen: "Ich wollte ja in meinem Alter viele meiner früheren Aufnahmen anhören. Das ist jetzt leider durch den Hörsturz nicht mehr möglich. Und es wird nicht besser. Leider klingt das Klavier zeitweise sehr verzerrt. Aber die Geige kann ich genau hören, und das ist wirklich mysteriös. Niemand konnte mir bisher erklären, warum der Geigenton, die Qualität des Tons und die Intonation erhalten bleiben."

Um die Ruinen des Zwischenmenschlichen im Zeitalter sozialer Medien geht es auf dem neuen Album "Age of Transparency" von Autre Ne Veut, erklärt uns Matthias Manthe in der taz. Und zwar "überschwänglich, verzweifelnd und hemmungslos", so der Rezensent: "Bei Autre Ne Veut wird noch selbst gelitten. Ashin landet Volltreffer auf dem emotionalen Solar­plexus. ... Egal ob er einen aufwühlenden Gospel-Chor anführt oder ins qualvolle Falsett fällt: Kathartisch-souliger R&B bleibt oberstes Gebot." Hier das aktuelle Video:



Weiteres: Für die FAZ unterhält sich Jan Wiele mit Lars Seniuk, dem Leiter des New German Art Orchestra. Zum Tod der Jazzsängerin Natalie Cole schreiben Franziska Buhre (taz), Johannes Schneider (Tagesspiegel), Andrian Kreye (SZ) und Wolfgang Sandner (FAZ).

Besprochen werden das Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern und Mariss Jansons im Wiener Musikverein (Standard), ein Münchner Brahms-Konzert von Nils Mönkemeyer und William Youn (SZ), die neue Lieferung aus Bob Dylans "Bootleg Series" (taz), das Abschiedskonzert der Puhdys (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), neue Compilations mit raren Punk-Singles (Skug), das Neujahrskonzert des Rias Kammerchors (Tagesspiegel, FAZ) und das Album "Mutant" von Arca (FAZ).
Archiv: Musik