Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Rubel, eine Flasche Wodka und ein Apfel

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16.12.2015. Gutes Theater erlebte der Tagesspiegel beim juristischen Schlagabtausch um Falk Richters "Fear". Politische Kunst taugt nichts, wenn sie auf Bedeutungsoffenheit besteht, lernt die FAZ in Wien. Mehr Analyse, weniger Fantum wünschte sich die Welt von der Filmkritik, bevor Star Wars in die Kinos einfällt. Die NZZ porträtiert den Lyriker Sergei Sawjalow.

Bühne


Szene aus Falk Richters "Fear", 2015. Foto: Arno Declair

Peter von Becker berichtet im Tagesspiegel vom juristischen Schlagabtausch vor dem Berliner Kammergericht über Falk Richters den Rechtspopulismus aufs Korn nehmendes Politstück "Fear": Die Klagen von AfD- und CDU-Mitgliedern, die ihre Konterfeis aus dem Stück entfernen lassen wollten, blieben dank Schaubühnen-Anwalt Johnny Eisenberg nach einigem, für die Beobachter amüsantem Hin und Her fürs erste erfolglos: "Zwar seien 'die adligen Damen' (so Eisenberg) persönlich erkennbar, aber diese mit eigenen Ängsten und allgemeinen Phobien spielende Theateraufführung sei allemal eine legitime künstlerische Reflexion der Wirklichkeit. Es gebe keinen Aufruf, die Zombies als reale Personen (die Zombies nie seien) zu erschießen. Auch steche niemand Augen aus, vielmehr würden die Schauspieler die Porträtfotos in einer Szene wie Masken vorm Gesicht tragen und hätten für sich dabei Augenlöcher gebraucht. Als Hegemann ein Szenenfoto wie zum Gegenbeweis vorlegt, wird die Echtheit und Herkunft bezweifelt. Ostermeier, der wohl das Lüth-Video als Quelle vermutet, ruft da 'Urheberrechtsverletzung'."

Weiteres: Eine erschöpfte Katharina Röben liefert in der Welt einen Erfahrungsbericht zum Tanzkaraokeabend "Copy and Dance" im HAU: "Nächstes Lied, knien, stehen, knien, stehen."

Besprochen werden die Opern "Die Sache Makropulos" von Janáček und "Peter Grimes" von Britten in Wien (NZZ), die Dostojewski-Adaptation "Karamasow" des Thorsten Lensing Ensembles in Zürich (NZZ), Christoph Marthalers Inszenierung von "Il viaggio a Reims" in Zürich (FAZ) und die Inszenierung von Elfriede Jelineks, nach den neuesten Entwicklungen von der Autorin im Text sacht ergänztes NSU-Stück "Das schweigende Mädchen" am Schauspiel Dortmund (SZ).
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Literatur

Ulrich M. Schmid porträtiert in der NZZ den in Winterthur lebenden Lyriker Sergei Sawjalow, der gerade mit dem renommierten russischen Andrei-Bely-Preis ausgezeichnet wurde - was ihm einen Rubel, eine Flasche Wodka und einen Apfel beschert. "Seine Dichtung beschäftigt sich vornehmlich mit tragischen Gegenständen: mit Stalins Großem Terror, mit der Hungersnot während der Leningrader Blockade und mit dem Holocaust. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Typografie: Sawjalow setzt bewusst alte Schrifttypen, Großschreibung, Kursivschrift und Flattersatz ein, um die verschiedenen Stimmen seiner Protagonisten zu unterscheiden. Wahrscheinlich muss man Sergei Sawjalow viel eher als Komponisten und nicht so sehr als Dichter bezeichnen. Seine 'Sowjetischen Kantaten' hat er jedenfalls auf der Grundlage von Prokofjew- und Schostakowitsch-Oratorien zu einem Wortgesamtkunstwerk gefügt." (Ins Deutsche scheint nichts von ihm übersetzt zu sein.)

Besprochen werden Kate Atkinsons "Glorreiche Zeiten" (FR), ein Band mit Erinnerungen von Überlebenden des Genozids an den Armeniern (NZZ), sowie eine Ausstellung zur Geschichte des Merck- und des Freudpreises im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt(NZZ).

Mehr aus dem literarischen Leben aus unserem fortlaufend aktualisierten Metablog Lit21.
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Film



Das riesige Bohei um den neuen "Star Wars"-Film veranlasst Hanns-Georg Rodek in der Welt, über die Rezeption der Saga nachzudenken. Die ersten drei Folgen wurden von vielen Kritikern verrissen, liest man. Erst mit den Jahren wurde das Ding Kult: "Das Fatale ist, dass selbst ein Teil der Kritik nicht mehr zwischen Fantum und Analyse zu unterscheiden weiß und sich wohlig in den Poptrash fallen lässt. Als der englische Komiker Simon Pegg jüngst einzuwenden wagte, 'Star Wars' habe uns dazu verführt, 'sehr kindische Dinge zu konsumieren', brachte ihn ein Shitstorm zum Schweigen. Weil sich die Sternenfanatiker in ihrem Innersten aber doch kindisch fühlen, errichten sie Bedeutungskonstrukte, die ihr Gott ('Ein Kinderfilm! Ein reiner Kinderfilm!') nie beabsichtigt hatte und erst zwei Jahrzehnte später in seine Argumentation übernahm. In diesen Konstrukten spielen Begriffe wie 'Mythologie' und 'stereotypisch' und 'archetypisch' eine gewichtige Rolle, und christliche Metaphorik wird überall entdeckt".

Besprochen werden Hirokazu Koreedas "Unsere kleine Schwester" (taz), Sophie Barthes' Verfilmung der "Madame Bovary" mit Mia Wasikowska in der Hauptrolle (Welt) und die neue Verfilmung des "Kleinen Prinzen" (SZ).
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Stichwörter: Mythologie, Star Wars

Architektur

Wenn die Bundesregierung zur Vermeidung von Baudebakeln bei Großprojekten künftig auf einen neuen digitalen Planungsstandard setzen will, dann mag das zur Kosteneingrenzung ein gutes Tool sein, meint Gerhard Matzig in der SZ. Doch wo bleibt da die Kunst? Denn "Bauen ist viel mehr als reine Rationalität", wie er am Beispiel des Münchner Olympia-Areals festmacht, das ein Computer womöglich niemals abgesegnet hätte. Denn "Computer brauchen Erfahrungswerte. ... Niemand wusste, ob so ein Bau in der gegebenen Zeit zu gegebenen Kosten überhaupt eine realistische Annahme darstellt. Es war Mut im Spiel, ein Gefühl, eine Vision. Kurz: eine zutiefst algorithmenfreie Ahnung von etwas, das einfach nur großartig sein könnte."

Peter Hagmann besucht für die NZZ ein Konzert in der frisch renovierten Salle de musique in La Chaux-de-Fonds: "Auf dem Markt am Morgen danach werde ich höflich, aber bestimmt informiert, dass man sich beim Käsestand in die Reihe stellen müsse. Das gibt Gelegenheit zu einem Gespräch: Die Dame ist Abonnentin bei der Société de Musique, war im Konzert und sprüht vor Lebendigkeit. So ist es in La Chaux-de-Fonds."

Außerdem: Robert Kaltenbrunner bespricht für die FR Daniel Fuhrhops Streitschrift "Verbietet das Bauen!".
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Stichwörter: Bauplan, La Chaux-De-Fonds

Musik

In der SZ stellt Florian Hassel die rumänische Band Goodbye To Gravity vor, deren Mitglieder fast alle bei der Brandkatastrophe Ende Oktober im Bukarester Club Colectiv ums Leben kamen. Ihr Song "The Day We Die" ist seitdem zu einer Hymne der rumänischen Protestbewegung geworden: "Gegen die in Rumänien verbreitete Korruption, gegen das ebenso verbreitete politische Desinteresse und Passivität ... Als die Rumänen schließlich nicht nur in Bukarest, sondern in 20 weiteren Städten des Landes erst gegen Korruption, dann für den Rücktritt der Regierung und nach deren Rücktritt für einen weitergehenden Umbau Rumäniens demonstrierten, skandierten viele den Refrain der Single."



Weitere Artikel: In der taz staunt Gereon Asmuth über die indonesische, via Youtube zu einiger Berühmtheit gelangten Metalgitarristin Meliani Siti Sumartini, die zwischen ihren islamischen Überzeugungen und ihrer Leidenschaft für Death Metal keinen Widerspruch sieht. Für die Berliner Zeitung spricht Dagmar Leischow mit dem Sänger Benjamin Clementine.

Besprochen werden das neue Mixtape von Erykah Badu (Berliner Zeitung), ein Konzert von Fumaca Preta (taz), das neue Album von Van Urst (taz), das neue Album von T.Raumschmiere (taz) und ein Konzert von Robert Forster (FAZ).
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Kunst


Marcel Odenbach, Deutsches Symbol (VW), 1994, Courtesy der Künstler, Galerie Gisela Capitain, Köln und Galerie Crone, Berlin

In ihrer aktuellen Ausstellung zeigt die Kunsthalle Wien künstlerische Reaktionen auf politischen Populismus. FAZ-Kritiker Peter Geimer konnte das nur selten überzeugen. So markiere schon die Rhetorik der Kommentare ein Dilemma der Ausstellung: "Durchweg ist davon die Rede, dass die Künstler ihren Gegenstand 'reflektieren', 'analysieren' und 'untersuchen'. ... Dieses Vokabular lässt an Arbeitsformen wissenschaftlicher Forschung oder publizistischer Recherche denken und suggeriert in seiner Übertragung auf die Kunst, auch hier gehe es um die Formulierung von Resultaten, Thesen und nachvollziehbaren Argumenten. Zugleich will man jedoch die prinzipielle Bedeutungsoffenheit der Kunst nicht preisgeben. Die meisten in Wien gezeigten Werke stagnieren in ebendieser Unentschiedenheit".

Die Rekonstruktion der kunsthistorisch einschneidenden Petrograder Ausstellung "0,10" aus dem Jahr 1915 in der Fondation Beyeler, hat einiges an Kritik einstecken müssen. Aber sie wartet auch mit neuen, teils überraschenden Erkenntnissen auf, erklärt Bernhard Schulz im Tagesspiegel: So erfahre man, "welch eine bedeutende Rolle dabei die Malerinnen spielten. Ljubow Popowa, Nadeschda Udalzowa und Olga Rosanowa, um nur die bekanntesten der sieben Teilnehmerinnen - paritätisch! - zu nennen". Auch sei es "bloße Behauptung, mit '0,10' werde eine Absage an die westlichen Strömungen von Kubismus und Futurismus - den deutschen Expressionismus hatten die Paris-fixierten russischen Künstler nicht im Blick - formuliert. Es wimmelt nur so von kubistischen und kubofuturistischen Arbeiten, wie in Basel in aller Frische zu erleben ist. Dass mit '0,10' die gegenstandslose Kunst beginnt, ist gleichfalls Legende." (Bild: Ljubow Popowa, Porträt einer Dame (Plastische Zeichnung), 1915, Museum Ludwig, Köln)

Besprochen werden Jeppe Heins Comeback-Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg (Tagesspiegel), die Ausstellung "Varda/Cuba" mit Fotografien von Agnès Varda im Centre Pompidou (FAZ) und der heute auf Arte ausgestrahlte Dokumentarfilm "Abenteurer der modernen Kunst" (FAZ).
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