Efeu - Die Kulturrundschau

Immer beweglich

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2015. Die NZZ zieht mit Jürgen Becker durchs Bergische Land und lernt von Horacio Castellanos Moya das Überleben. Die SZ lernt in den Uffizien, wie schwer es manchmal ist, der Geschichte gerecht zu werden. critic.de empfiehlt einen dezidiert linken Animationsfilm für Kinder. Die Theaterkritiker werfen in Wien einen Blick in eine fremde kleine Joseph-Roth-Welt.

Literatur

Eine Menge gelernt hat NZZ-Kritiker Albrecht Buschmann bei der Lektüre von Horacio Castellanos Moyas Roman "Der Traum von Rückkehr" über einen wenig sympathischen Journalisten - halb Macho, halb Feigling - der aus dem Exil nach El Salvador zurückkehren will: "Überleben ist dort offenbar so exzeptionell, dass beinahe alle Romane Moyas um dieses existenzielle Motiv herum konstruiert sind. Was in unserer Lektüre auf den ersten Blick als 'Scheitern' erscheint, hat vor dem zentralamerikanischen Hintergrund noch einen anderen Sinn: Wenn Gewalt und Mord allgegenwärtig sind, ist allein schon das Überleben ein Zeichen der Hoffnung und 'Scheitern' ein Sieg über widrige Umstände."

Ebenfalls in der NZZ liest Nico Bleutge Jürgen Beckers Journalroman "Jetzt die Gegend damals", dessen Hauptfigur, der schon aus anderen Büchern bekannte Jörn Winter, dem Zufall der Erinnerung nachspürt: "Was er auf den Streifzügen durch seine beiden Lebenslandschaften in Köln und dem Bergischen Land entdeckt, sind Beobachtungen zu Menschen und Tieren, aber auch die Verschiebungen im Gelände, von Bauerngärten, Feldern und Wiesen hin zu Industriegebieten und 'wuchernden Gebilden' aus Bungalows und Reihenhaus-Zeilen. Und ebenso schnell wie die Landschaften und Erinnerungsschichten ihre Gestalt ändern, können die Sprechformen kippen. Eben noch spricht der Schreibende von Jörn in der dritten Person, schon schiebt sich ein Ich-Satz dazwischen oder eine Anrede als Du. So entsteht ein Gefüge aus wechselnden Verbindungen, immer beweglich und immer getragen von einem Nachdenken über das eigene Schreiben."

Weitere Artikel: Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel zum Tod von Gaston Salvatore. Außerdem erinnern sich im Tagespiegel David Wagner (hier) und Hanns Zischler (hier) an das Peter-Szondi-Institut.

Besprochen werden Reinhard Kaiser-Mühleckers "Zeichnungen" (NZZ), William McIlvanneys letzter Krimi "Fremde Treue" (Welt), Stefanie Sargnagels "Fitness" (Zeit), wiederveröffentlichte Bücher von Raymond Roussel (Tagesspiegel), Eugene McCabes "Die Welt ist immer noch schön" (SZ) und Lena Goreliks "Null bis unendlich" (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben in unserem fortlaufend aktualisierten Metablog Lit21.
Archiv: Literatur

Architektur

In der großen Wiener Ausstellung über Josef Frank kann man den Designer und Architekten als "frühen Postmodernen in der großen Zeit der Hochmoderne" entdecken, meint Thomas Miessgang in der Zeit.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Josef Frank

Film



Mit Alê Abreus brasilianischem Animationsfilm "Der Junge und die Welt" kommt diese Woche ein echtes Kleinod der Gattung in die Kinos, aber auch ein "dezidiert linker, antikapitalistischer, in einer Szene sogar agitatorischer" Film, schwärmt Nino Klingler auf critic.de. "Auf der Suche nach seinem Vater folgt der Junge keinen hyperaktiven Disney-Virgils in Bonbon-Wunderwelten, sondern ermüdeten, schlurfenden Arbeitern auf Baumwollplantagen, in Fabrikhallen und in ihre Bruchbuden in den Favelas. 'Der Junge und die Welt' funktioniert augenscheinlich eskapistisch, aber immer wieder wird der Ausweg ins Imaginäre wirksam vereitelt, um aufzurütteln. Ganz konkret zeichnet Abreus Film so ein kritisches Bild der Textilindustrie ... Die Leinwand wird dabei immer wieder zur Infografik, zum Struktur- statt zum Bewegungsbild."

Weiteres: Thomas Kielinger unterhält sich in London für die Welt mit dem Schauspieler Ian McKellen, der Heiligabend als an Altersdemenz leidender "Mr. Holmes" in die deutschen Kinos kommt. Katja Nicodemus plaudert für die Zeit (nachträglich online gestellt) mit "Star Wars"-Produzentin Kathleen Kennedy. Für Deadline brachte Joe Utichi Quentin Tarantino und Ennio Morricone miteinander ins Gespräch. In der SZ erklären Johannes Boie und Dirk van Gehlen wie der verwirrte John Travolta als Mr. Vincent Vega aus "Pulp Fiction" zum Mem geworden ist und was man sich darunter vorstellen muss. Etwa, passend zum "Star Wars"-Hype, das hier:



Besprochen werden "Sand Dollars" mit Geraldine Chaplin (SZ), die Ausstellung "Best Actress" im Filmmuseum in Berlin (Berliner Zeitung) und Todd Haynes' Patricia-Highsmith-Verfilmung "Carol" (FAZ).
Anzeige
Archiv: Film

Kunst

Für die SZ spricht Thomas Steinfeld mit Eike Schmidt, dem neuen Direktor der Uffizien, über dessen Pläne für das Traditionshaus in Florenz. Unter anderem geht es um die räumliche Neuorganisation des Gebäudes: Nach dem Abschluss der gegenwärtigen Umbauten im Jahr 2018 werde es deutlich mehr Raum geben. Spielt die historisch gewachsene Anordnung der Räume dabei eine Rolle? "Zum einen sind solche Abfolgen immer auch Entscheidungen: Wohin wollen Sie zurückgehen - auf das Jahr 1955 oder 1855 oder 1655? Zum anderen ist die Organisation vieler Teile der Uffizien erst in den Fünfzigerjahren oder im 19. Jahrhundert entstanden, sodass ich mich daran nicht unbedingt gebunden sehe. Unbedingt aber möchte ich die Räume erhalten, die seit den Frühzeiten des Museums fast unverändert sind, vor allem die 'Tribuna' , so wie sie in Johann Zoffanys berühmtem Gemälde aus dem Jahr 1772 festgehalten ist."

Weitere Artikel: Samuel Herzog führt uns in der NZZ nicht direkt im Galopp, aber doch recht zügig durch das Wiener Belvedere.

Besprochen werden Šejla Kamerićs Retrospektive "When the heart goes Bing Bam Boom" in Istanbul (taz), eine Ausstellung zum 30-jährigen Bestehen des Schwulen Museums in Berlin (Berliner Zeitung) und Ulrike Ottingers Ausstellung über ihre Reise an die Beringsee in der Staatsbibliothek in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Florenz, Eike Schmidt, Uffizien

Musik

Besprochen werden ein Konzert mit Gustavo Gimeno und der Geigerin Baiba Skride in Zürich (NZZ), ein Peaches-Konzert (FR), Sophies neues Album "Product" (taz), ein neues Box-Set von Edith Piaf (FAZ), ein Konzert von Florence + The Machine (Tagesspiegel) und ein Konzert von Michael Wollny und Konstantin Gropper (FAZ).

Außerdem präsentieren die Pitchfork-Kritiker präsentieren ihre Lieblingslieder 2015.
Archiv: Musik

Bühne


Szene aus "Hotel Europa oder Der Antichrist". Foto: Reinhard Werner

Mit "Hotel Europa oder Der Antichrist" verschweißt Antú Romero Nunes am Wiener Akademietheater mehrere Texte von Joseph Roth zu einem gesellschaftskritischen Theaterabend. Uwe Mattheiss war davon recht angetan: "Vier formbewusste SchauspielerInnen (Katharina Lorenz, Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger) und ein kluger Regisseur schaffen eine fremde kleine Welt, der man für Momente gebannt zuschaut, wie Jahrmarktsbesucher es einst angesichts der Artistik und der Rohheit des vormodernen Treibens getan haben mögen", schreibt er in der taz. SZ-Kritiker Wolfgang Kralicek fand den Abend unterdessen eher anstrengend: Denn "besonders subtil ist er nicht in der Wahl seiner Mittel. Fällt etwa das Stichwort 'brauner Sumpf', fährt umgehend ein Arm zum Hitlergruß aus. Nervig ist auch der monotone Nummernrevue-Charakter der Inszenierung, die ihre stärksten Momente dummerweise erst im letzten Viertel hat." "Irgendwie haben Regisseur Antú Romero Nunes und Dramaturg Florian Hirsch eine verworrene Vorstellung davon, was sie mitzuteilen wünschen", meint Ronald Pohl im Standard. Zuvor besprach Johannes Siegmund für die Nachtkritik den Abend.

Weiteres: Im Berliner Hebbel am Ufer wurde am vergangenen Wochenende heftig gevoguet, berichtet Jan Kedves in der SZ.

Besprochen werden Peter Steins Inszenierung der Janácek-Oper "Die Sache Makropulos" an der Wiener Staatsoper ("eine altehrwürdig gelungene Arbeit", lobt Ljubisa Tosic im Standard), Christof Loys Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" im Theater an der Wien (Standard, Presse), Karin Beiers jüngste Inszenierung nach Fellinis "Schiff der Träume" am Hamburger Schauspielhaus ("Zum Flüchtlingsdrama fällt dem Theater nichts ein", ärgert sich Oswald Demattia im Standard), Martin McDonaghs neues Stück "Hangmen" im Londoner West End (NZZ-Kritikerin Marion Löhndorf lernt hier das Fürchten), Ivan Panteleevs Münchner Inszenierung von Heiner Müllers "Philoktet" (FR, FAZ), Armin Petras' Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Schauspiel Stuttgart (FR),die Dresdner Aufführung von "The Great Gatsby" (Tagesspiegel) und Peter Steins Inszenierung von Leos Janaceks "Die Sache Makropulos" in Wien (SZ, FAZ).
Archiv: Bühne