Efeu - Die Kulturrundschau

Ich bin Künstlerin! Ich bin Linke!

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08.12.2015. Am Hamburger Schauspielhaus begutachtet Karin Beier mit einigen Flüchtlingen Europa, den depressiven Kontinent. Die NZZ begutachtet die spukhaften Köpfe, die der 21-jährige Friedrich Dürrenmatt in seiner Berner Mansarde malte. Die SZ spaziert durch die Hamburger Hafencity und fragt: Wo bitte ist die soziale Mischung? Die französische Huffington Post besucht ein Konzert der Eagles of Death Metal in Paris.

Bühne


Auf dem Schiff der Träume. Foto: © Matthias Horn

Am Hamburger Schauspielhaus hat Karin Beier ihre Bearbeitung von Fellinis Film "Schiff der Träume" mit David Foster Wallace' Text "Kreuzschifffahrtbeschreibungen" verbunden und über einen ruppigen Auftritt einer Gruppe Flüchtlinge, die sich direkt ans Publikum wenden. Nachtkritiker Falk Schreiber war ziemlich beeindruckt: "Diese Performer kapern zwar nicht das Schiff, aber zumindest das Stück. Europa helfen wollen sie, weil in Abidjan Dokus gezeigt würden, 'Europa, der depressive Kontinent', da muss man doch was tun! Humor, Ironie, Aggression, am besten alles auf einmal. Nach der Pause kippt das Stück zeitweilig in eine Lecture zum Thema 'Aussterbende Arten', Beispiel: die Deutschen, die kaum noch Kinder bekämen, ihre Alten abschieben würden, aber zumindest hohe moralische Standards hätten (während im Hintergrund Bilder von Beckenbauer, VW und Altkanzler Schröder Arm in Arm mit Putin zu sehen sind). Und Kathrin Wehlisch schließlich lässt die europäische Maske fallen: 'Ich bin Künstlerin! Ich bin Linke!'"

FAZ-Kritiker Simon Strauss missfällt dagegen diese "unbedarfte Politisierung": Die Flüchtlinge würden hier doch nur "instrumentalisiert". Doch "wenn das Theater im Moment überhaupt einen Beitrag in der Flüchtlingsdebatte leisten kann, dann doch nur mit dem Hinweis auf die Komplexität und Widersprüchlichkeit der ganzen Problematik. Nur durch das kluge Spiel, die riskante 'Verzauberung' kann es sich als Ort behaupten, an dem über eine komplizierte politische Wirklichkeit aufgeklärt wird. Nur auf diese Weise kann es sich von der Talkshow oder dem Grundkurs in Politik unterscheiden."

Matthias Kreienbrink vom Tagesspiegel verzweifelt an Alvis Hermanis' kontroverser Hamburger Stellungnahme: "Wieso nutzt Hermanis die Meinungsfreiheit nicht, um seinen Dissens mit dem Theater inszenatorisch zu verarbeiten? Der Regisseur schafft Fronten, wo keine sein müssen, konstruiert in seinen Stellungnahmen ein Schwarz-Weiß, wo Differenzierung spannender wäre." In der FAZ bringt Hubert Spiegel die Leser auf den Stand der seit einigen Tagen geführten Debatte.

Und in der Nachtkritik bricht Sophie Diesselhorst eine Lanze für das politisch aktivistische Theater, das sie in einem langen Text vorstellt: "Solche #RefugeesWelcome-Maßnahmen mögen unglamourös wirken, aber sie sind eine eigene Form des Ausstiegs aus einer theaterimmanenten Selbstbespiegelung, die sich in den 1990ern und Nuller Jahren ein wenig zum Trend erhoben hatte. Denn sie kreieren eine andere Idee von Theater: als neutraler Ort, wo grundsätzlich jede*r auf Verständigungssuche willkommen ist. Ob mit Migrations-, Willkommenskultur- oder 'besorgtbürgerlichem' Hintergrund."

Weiteres: Gunda Bartels porträtiert im Tagesspiegel die Schauspielerin Jenny König. Besprochen werden Christoph Marthalers Zürcher Inszenierung von Rossinis "Viaggio a Reims" (NZZ, SZ), Stefan Puchers Inszenierung von Armin Petras' Bearbeitung von Ibsens "Nora" am Deutschen Theater Berlin (taz), Michael Thalheimers Frankfurter Inszenierung von Kleists "Penthesilea" (Peter Michalzek, hingerissen von Darstellerin Constanze Becker, notiert in der NZZ: "Ergriffen wird man hier durch Erhabenheit, durch Brillanz, nicht durch das Schicksal der Figuren", was aber mehr an Kleist als an Thalheimer liege, FR, mehr im gestrigen Efeu), Herbert Fritschs Inszenierung des "Eingebildeten Kranken" in Wien (NZZ, Welt), Rimini Protokolls "Qualitätskontrolle" in Frankfurt (FR) und Anne Lenks Münchner Inszenierung von Grillparzers "Goldenem Vlies" (nachtkritik, SZ).
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Kunst

Von einer etwas müden Art Basel in Miami berichtet in der NZZ Nico Schwarz: "zahlreiche wichtige Sammler kamen diesmal nicht."

Besprochen werden die 45 Bände umfassende Neuausgabe von Giorgio Vasaris gesammelten Künstlerbiografien (taz, mehr dazu hier), die Menzel-Ausstellung im Märkischen Museum in Berlin (Welt), ein Buch des Kunstfälschers Shaun Greenhalgh (NZZ) und die Ausstellung "Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge" im Kupferstichkabinett in Berlin, bei der Andreas Kilb von der FAZ das filmische Werk des letzteren schmerzlich vermisst: So bleibe "der Eindruck einer Ausstellung, die sich das Material nach ihrem Konzept zurechtbiegt, statt es ihm anzupassen."
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Literatur

Joachim Güntner besucht für die NZZ die Berner Mansarde, die der damals 21-jährige Friedrich Dürrenmatt bezog und bemalte, unsicher, ob der Schriftsteller oder Maler werden sollte. "Der Bildkünstler Dürrenmatt war Autodidakt und blieb es. Während der Studienzeit, erzählt Ulrich Weber [vom Schweizerischen Literaturarchiv in Bern], habe Friedrich 'kurz Malunterricht bei einem Maler genommen, der ihn dazu bringen wollte, Stillleben zu malen, und das kam ihm so absurd vor'. Inmitten der spukhaften Köpfe und der dramatischen Wucht der Mansarden-Wandbilder begreift man das sofort. Der provokante Gestus, die Entfaltung des Absurden, der schwarze Humor, die Neigung zur Karikatur, der Hang zu Zuspitzung und Überzeichnung - hier war ein Dramatiker am Werk, dem die Statuarik und Ruhe eines Stilllebens kein Ausdrucksmittel sein konnte." (Foto: Dominique Uldry / Schweiz. Literaturarchiv / NB)

Ebenfalls in der NZZ singt Andreas Breitenstein eine kleine Hymne auf György Dragománs Schauerroman "Der Scheiterhaufen", der von einem kleinen Mädchen und ihrer verstrickten Großmutter in Rumänien kurz nach der Wende erzählt. "Nicht die Wahrheit, die ein Rätsel bleibt, wird Emma frei, sondern die Freiheit sie wahr machen. Es sind die Märchenkinder, die mit herzensfrohem Sinn für das Gute das Korsett von Lüge und Verrat, Dummheit und Gewalt, Feigheit und Angst zu sprengen und dem geschichtlichen Wiederholungszwang zu entgehen vermögen. Düster leuchtend, zärtlich hart und emphatisch kühl kommt Dragománs Prosa daher. Ihr eignet die paradoxale Kunst, mittels Lakonie und Einfachheit eine Wirklichkeit von phantastischer Vielschichtigkeit zu entfalten."

Im Standard beschwört Christoph Ransmayr den Zauber des Erzählens: "Im Wort Ozean erheben sich keine Stürme, stampfen keine Schiffe und wird auch kein Mensch je in Seenot geraten. Im Wort Wüste ist noch keiner verdurstet und im Wort Abgrund kein Unglücklicher jemals zu Tode gestürzt. Und dennoch beschwören diese und alle Worte und Sätze, in denen greifbare Wirklichkeit in Sprache verwandelt wird, in unserem Denken und Fühlen etwas, das an die Glücksmöglichkeiten und Katastrophen der realen Welt rührt".

Weitere Artikel: Christian Schröder (Tagesspiegel) und Bernd Graff (SZ) schreiben zum Tod des Krimiautors William McIlvanney.

Besprochen werden Maria Lazars Roman "Die Eingeborenen von Maria Blut" (NZZ), Bernd Hüppaufs Band "Fotografie im Krieg" (NZZ), William Sharps Comicadaption von Anna Seghers' "Das Siebente Kreuz" (Berliner Zeitung) und Daniel Anselmes "Adieu Paris" (Zeit).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in unserem Metablog Lit21.
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Film

Kurz und knapp berichtet Carolin Weidner in der taz vom Bundeskongress der Kommunalen Kinos.
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Stichwörter: Kommunale Kinos

Architektur

In der SZ bringt Till Briegleb Hintergründe zu den neuen Entwürfen für Hamburgs HafenCity, die vor allem kommerzielle Bedürfnisse berücksichtigen: "Dort, wo einst das eindrückliche Wissenschaftsmuseum von Rem Koolhaas geplant war, wird nun ein Duplikat von Portzamparcs New Yorker 'Prism Tower' als reiner Bürobau die exponierte Wasserecke besetzen. Für Kultur ist nur noch ein riesiges Kino-Center zuständig, während die einst beschworene soziale Mischung der HafenCity gar nicht zur Anwendung kommt. Obwohl die Verpflichtung, bei jedem Neubauvorhaben ein Drittel Sozialwohnungen zu errichten, in Hamburg Gesetz ist, baut Unibail-Rodamco davon keine. Für die soziale Mischung müssen später wohl Billigkettenläden sorgen."
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Stichwörter: Hamburg, Rem Koolhaas

Design


Konstantin Grcic, chair_ONE, Magis, 2004. Foto: Gerhardt Kellermann © Konstantin Grcic

Wer wissen möchte, wie Konstantin Grcics "Chair One" zur Designikone wurde, wird in der Ausstellung "Konstantin Grcic. The Good, The Bad, The Ugly" in der Münchner Pinakothek der Moderne nicht schlauer, ärgert sich Sandra Hofmeister in der NZZ. An den 27 Modellen aus dem Entwurfsprozess "lässt sich teilweise erahnen, wie der Designer und sein Team im Entwurfsprozess mit Fragen des Materials rangen oder mit der Konstruktion experimentierten, bis sie das räumliche Volumen der gitterartigen Sitzschale in den Griff bekamen. Doch dieser Prozess der Annäherung an das fertige Produkt lässt sich nur erahnen. Denn die Ausstellung erklärt ihn nicht, sondern stilisiert stattdessen einzelne Stationen aus der Phase von Entwurf und Entwicklung des Stuhls zu Kunstobjekten, die ohne Kontext für sich sprechen sollen."

Für die SZ bespricht Thomas Steinfeld die Ausstellung "Una dolce vita? Da Liberty al design italiano, 1900 - 1940" in Rom.
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Musik

Bei einem Konzert von U2 in Paris hatten die Eagles of Death Metal ihren ersten Pariser Auftritt seit dem 13. November, berichtet die Huffpo.fr mit AFP: "'Merci Paris, on t'aime! Und danke an U2, die uns diese Gelegenheit geben', rief der ganz in weiß gekleidete Sänger der Eagles, Jesse Hughes, dem Publikum zu. Dass die EODM kommen würden, hatte ein amerikanisches Magazin schon am Freitag angekündigt, aber die Organisatoren schwiegen bis zuletzt. U2 hatte sich damit begnügt einen 'Überraschungsgast' für diesen Abend anzukündigen." Hier ein Video des Auftritts. Die Eagles spielten das Patti-Smith-Lied "People have the power":



Manuel Brug antwortet in der Welt Nikolaus Harnoncourt, der gerade seinen Rückzug aus dem Musikleben verkündet hat: "Lieber Nikolaus Harnoncourt! Ich hoffe, Sie hatten am Sonntag, der ja auch ihr Namenstag war, einen schönen und gesegneten 86. Geburtstag. Es muss ein merkwürdiges Gefühl sein, zu wissen, eine Karriere ist aktiv vorbei! Sie werden wohl nicht mehr ein Podium besteigen, um uns an Ihren unaufhörlich neuen, immer spannenden Erkenntnissen vom Wesen der Musik, der Suche nach Wahrheit, den Möglichkeiten von Klang teilhaben zu lassen. Deshalb haben auch wir jetzt ein komisch pelziges Gefühl im Mund."

Weitere Artikel: Für die taz war Julian Weber beim "Trans Musicales"-Festival im französischen Rennes. Im Tagesspiegel erinnert Ulrich Amling an den vor 150 Jahren geborenen Komponisten Jean Sibelius. In der Welt blickt Christoph Fellmann zurück auf das Musikjahr 2015. Martin Meyer berichtet in der NZZ vom Verbier Festival auf Schloss Elmau.

Besprochen werden ein Kraftwerk-Konzert in Frankfurt (Spex) und ein von Bernard Haitink dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel).

Und Pitchfork kürt die 20 besten Musikvideos von 2015. Hier die Nummer 1:

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