Homer

Ilias

Cover: Ilias
Carl Hanser Verlag, München 2008
ISBN 9783446230460
Gebunden, 592 Seiten, 34,90 EUR

Klappentext

Neu aus dem Altgriechischen von Raoul Schrott. Das älteste Epos Europas und der Ursprungsmythos des Abendlandes in einer neuen, zeitgemäßen Übertragung von Raoul Schrott: Noch nie wurde dem heutigen Leser dieses große Epos vom Troianischen Krieg so nahe gebracht, in einer ebenso kraftvollen wie bildhaften Sprache. Ausgelöst von Paris' Raub der schönen Helena, schildert Homer blutige Schlachten zwischen Griechen und Troianern und erzählt von den Göttern, die den Menschen bei ihrer Selbstzerfleischung zuschauen. Homers Geschichte ist das gleichsam enzyklopädische Monument jener Kultur, von der unsere heutige sich ableitet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008

Ein neuer Homer! Kurt Flasch bricht eine mächtig dicke Lanze für die heiter-sinnenfrohe Ilias-Übertragung von Raoul Schrott. Die Schlacht zwischen der Philologie und einer Leserschaft, die Schrott laut Flasch dem Homer todsicher hinzugewinnt, mag noch so sehr toben - dem Rezensenten ist das neue, lebendige, zeitgemäße Gewand hundertmal lieber als alle altertümelnden Übersetzertricks. Jedem Versuch einer hexameterseligen Nachdichtung begegnet Übersetzer Schrott mit gekreuzten Fingern, seinen Übersetzungsansatz beschreibt Flasch als Versuch, das von Homer Gemeinte mit heutigen Worten zu treffen, nicht sein Wort. So schwierig das dem Rezensenten erscheint, so glücklich geht die nach dem Ersetzungsprinzip funktionierende Modernisierung in seinen Augen aus. Gut, "bürgerliche Leser" sollen sich festhalten, rät Flasch, allen Lausbuben aber verspricht er das "ungeheure Geschehen der Ilias" überlebensgroß und "rund und schön". Flaschs Überzeugung geht so weit, dass er sich den Text als Schullektüre wünscht. Und sei's bloß, weil der Band sich selbst, so wunderbar zur Diskussion reizend, konterkariert. Flasch nämlich entdeckt auch Widersprüchliches: Die unerwartet begegnenden uralten Konzessionen an den Rhythmus, das vereinzelte Auftauchen des schon überwunden geglaubten Genitivs, die konsequente Kleinschreibung (die laut Flasch dem Anspruch zuwiderläuft, einen Homer für alle zu erschaffen) sowie ein Kommentar, der Schrotts Übersetzung im Namen des Originals ständig kritisiert.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.10.2008

Hans-Herbert Räkel widmet sich erst einmal unvoreingenommen der Neuübersetzung der "Ilias" durch Raul Schrott, und kann ihr trotz einiger Kritikpunkte einiges abgewinnen. Räkel erklärt, dass es dem Komparatisten und Autor in seiner Übertragung weniger darum ging, eng am Originaltext entlang zu übersetzen, als das, was Homer meinte - auch wenn er es so nicht aufgeschrieben hat -, in heute gut lesbares Deutsch zu übersetzen. Das Ergebnis liest sich "beinahe wie ein Roman", und lässt vieles im Text für heutige Leser lebendig werden, stellt Räkel durchaus angetan fest. Für seinen Geschmack hätte Schrott dabei sogar noch "radikaler" sein können und die Homerschen Verse, statt in "freie Rhythmen" ruhig in Prosa übertragen können. Ablenkend und die Lektüre erschwerend dagegen findet er die konsequente Kleinschreibung, die große Sparsamkeit bei der Interpunktion und die eigenwillige phonetische Fassung der Namen, wie Schrotts "o-dys-se-us". Als schlechterdings "hässlich" moniert der Rezensent allzu sehr an der Umgangssprache orientierte Wendungen, etwa wenn er Achill mutmaßen lässt, Zeus habe Agamemnon "ins hirn geschissen". Am Ende empfiehlt Räkel, statt zum Buch besser noch zur von Manfred Zapatka eingelesenen Hörbuchfassung zu greifen, da einiges, was der Rezensent in seiner Kritik an der gedruckten Fassung bemängelt, hier gar nicht so ins Gewicht falle.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.10.2008

Hans-Albrecht Koch identifiziert zwei Hauptschulen der Übersetzung: Die eine, heute gängige, versucht, möglichst viel Eigenheiten vom Original zu bewahren, ohne unverständlich zu werden. Die andere orientiert sich eng an der Sprache, in die übersetzt wird. Koch bezeichnet sie als "belle infidele" und schreibt sie vor allem dem 19. Jahrhundert zu. Aber auch Raoul Schrott, der Homers Ilias in rhythmischer Prosa "verblüffend frisch" übersetzt hat, wie Koch konstatiert. Passagenweise vergleicht er Schrotts Übersetzung mit der wesentlich sperrigeren des Gräzisten Wolfgang Schadewaldt, die er für ihre Nähe zum Original doch sehr zu schätzen weiß. Als Manierismus verübelt er Schrott die durchgehende Kleinschreibung, erleichtert nimmt er zur Kenntnis, dass in die Übersetzung die Spekulationen des Autors um das historische Troja keinen Eingang gefunden haben. Abschließend nennt er Schrotts Arbeit eher eine "Nachdichtung", ein "Remake", mit dem Schrott dem heutigen Leser entgegen gekommen sei, sich aber von Homer entfernt habe.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.09.2008

Verglichen und für gut befunden: Rezensent Christian Thomas spürt in Raoul Schrotts Neuübersetzung sofort wieder den "Urknall abendländischer Dichtung" in Homers "Ilias". Die "sorgfältige" Ausgabe enthalte viele zusätzliche Informationen, um sie einem weiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Dass der dann Schrotts Thesen zur Verortung von Troja - in die Übersetzung eingeflochten - mitgeliefert bekommt, überrascht den Rezensenten nicht. Die "interpretative Vermittlungsbemühung" Schrotts erkennt Christian Thomas schon am Textbeginn, wo Schrott statt vom altbekannten "Zorn" von "Bitternis" und vom "verfluchten Groll" spricht - eine Nuance nur, die allerdings den Gemütszustand der Griechen präzise trifft, findet der Rezensent. Schrotts Zuspitzungen, das Beutemachen von Frauen auch endlich als Vergewaltigung zu bezeichnen, statt wie in der Übersetzungstradition von "Vereinigen" zu sprechen, kann Thomas nur gut heißen. Dort allerdings, wo der Übersetzer Hektor die Goebbels-Frage nach dem "totalen" Krieg in den Mund legt, banalisiere er singuläre Verbrechen, kritisiert der Rezensent.
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