Efeu - Die Kulturrundschau

Eine sehr deutsche Sehnsucht

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20.10.2015. Der Autor Chandrahas Choudhury beschreibt in der NZZ die zunehmende religiöse Radikalisierung in Indien. SZ und nachtkritik packte doch Unbehagen beim Anblick der Betenden ausgerechnet in der Paulskirche.  Die taz berichtet vom Elektrofestival "Unsound" in Krakau. Die Welt ergeht sich in der Art-deco-Villa des Fabrikanten Cavrois. Im Art Magazin erklärt Museumsdirektor José Lebrero, warum deutsche Künstler Picasso hassten.

Literatur


Bild: Outlook India, das sich ausführlich mit dem Protest indischer Schriftsteller gegen den Hindu-Nationalismus der Modi-Regierung befasst.

In Indien protestieren seit Wochen Schriftsteller gegen den Nationalismus der Regierung Modi, die Indien "indisieren" und das heißt "hinduisieren" will, erklärt der Autor Chandrahas Choudhury in der NZZ. Entzündet haben sich die Proteste an der Ermordung eines rationalistischen Denkers in Südindien und eines muslimischen Schmieds in Nordindien: "Begriffe wie 'Inder' und 'indisch' haben plötzlich eine bedrohliche Note angenommen - als müssten sich alle Inder, die nicht Hindu-Nationalisten sind, auf den Prüfstand stellen. Es ist diese neue 'Normalität', welche die Literaturschaffenden mit ihrem Protest infrage stellen wollen, denn sie sehen im Wandel des geistigen Klimas den eigentlichen Grund für die Gewalteruptionen im Land. Ihnen ist auch bewusst, dass die Atmosphäre zunehmender religiöser Radikalisierung die Arbeit von sieben Jahrzehnten bedroht - das Bemühen, die Werte von Säkularismus, Demokratie, Dialog und Vernunft in der indischen Gesellschaft zu verankern und damit ein weit ausgestecktes, zukunftsfähiges indisches Selbstverständnis zu schaffen, das auf der Ebene gemeinsamer Staatsbürgerschaft und nicht auf den Inseln religiöser Zugehörigkeit angesiedelt ist."

Nach den gestrigen Ergriffenheitsbekundungen gibt es nun doch noch eine Debatte: Dass Navid Kermani seine Dankesrede in der Paulskirche (hier in der FAZ, hier als Aufnahme beim ZDF) in ein Gebet münden ließ, beschäftigt also doch nicht nur Thierry Chervel, der gestern im Perlentaucher erklärte, warum er nicht aufgestanden ist. In der SZ nennt Johan Schloemann Kermanis Registerwechsel von der Rede zum Gebet an einem säkularisierten Ort wie der Paulskirche einen "unerträglichen Übergriff": Denn es "entkam ja keiner der kollektiven Andacht. Selbst jene Theologen und religiösen Denker, die in der Nachkriegszeit den Friedenspreis entgegengenommen haben, [waren] niemals so weit gegangen, von der Rede ins Gebet zu wechseln. ... Ist solche Kritik nicht aggressiv religionsfeindlich? Nein, das Gegenteil ist richtig: Die Religionsfreiheit gebietet, das Gebet den einzelnen Bekenntnissen zu überlassen." Auch Esther Slevogt von der nachtkritik wurde es sehr unbehaglich beim Anblick der Betenden: "War denn diese Aufforderung nicht selbst ein Zeugnis einer von den Zeichen des Religiösen gefügig gemachten Öffentlichkeit?" Und Verena Lueken erklärt den FAZ-Lesern den Begriff "Snuff", der von Kermani verwendet wurde (mehr dazu hier).

Weitere Artikel: Im Blog des Merkur berichten Holger Schulze und Dominique Silvestri von ihren fortschreitenden Lektüren des Journals der Gebrüder Goncourt. Roswitha Budeus-Budde berichtet in der SZ von der Jugendbuchpreisverleihung bei der Frankfurter Buchmesse. In der SZ schreibt Sonja Zekri zum Tod des ägyptischen Schriftstellers Gamal al-Ghitani. FAZler Andreas Rossmann besucht den auf expressionistische und Exil-Literatur spezialisierten Buchsammler Thomas B. Schumann.

Besprochen werden Stephan Wackwitz' Essay "Die Bilder meiner Mutter" (NZZ), Hansjörg Schneiders neuer Krimi "Hunkelers Geheimnis" (NZZ), Karl-Markus Gauß' Journal "Der Alltag der Welt" (NZZ), Jan Costin Wagners "Sonnenspiegelung" (FR), Eike Geisels Essaysammlung "Die Wiedergutwerdung der Deutschen" (FR), Juan S. Guses "Lärm und Wälder" (Tagesspiegel), Marcel Uderzos Comic "Mathias Erzählt" (Tagesspiegel), Catherine Simons Krimi "Kein Tag für Jakobsmuscheln" (Tagesspiegel), Adam Soboczynskis "Fabelhafte Eigenschaften" (FAZ) und Paolo Giordanos Novelle "Schwarz und Silber" (SZ).
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Musik

Überaus zufrieden berichtet Christian Werthschulte in der taz vom Elektrofestival "Unsound" in Krakau, wo er möglicherweise - aber nicht mit absoluter Sicherheit - auch den notorisch öffentlichkeitsscheuen Künstler Burial beim Laptopmusizieren beobachten konnte. In jedem Fall demonstrierte dieses Festival für ihn mustergültig, "was passiert, wenn man Pop als Kultur und nicht als Teil von Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung betrachtet. ... Auf den Podien sitzen keine Kreativwirtschaftsapologeten, sondern Musiker, Labelmacher und Journalisten, die sich über praxisnahe Themen unterhalten. In ihren Debatten haben sich die einstigen Oppositionen 'Underground und Mainstream' längst angenähert. Man redet über die gleichen Dinge - die Aneignung afroamerikanischer Popgeschichte etwa."

Weiteres: Teresa Roelcke (taz) und Jan Brachmann (FAZ) berichten vonden Donaueschinger Musiktagen. Für die Zeit hat sich Christoph Dallach mit David Gilmour unterhalten.

Besprochen werden das neue Album von Eleventh Dream Day ("es gibt weit und breit nichts Besseres", schwärmt Olaf Velte in der FR), ein Konzert von Chinawoman (taz), das neue Album von Naytronix (Spex) und das neue Album von City and Colour (FAZ.net).
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Film

Elise Graton von der taz trifft sich mit Caram von den "Homeland"-Sprayern auf einen Kaffee.

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Architektur

Paul Andreas besucht für die Welt die nördlich von Lille gelegene, frisch renovierte Villa Cavrois von Robert Mallet-Stevens und lernt, wie gut Art déco und ein Fabrikantentraum zusammenpassen: "Der horizontal gestreiften Flächigkeit der Fassade stehen zahlreiche Vor- und Rücksprünge entgegen, die sich aus der, dem Kubismus abgeschauten additiven Kompositionsweise des Gebäudes ergeben. Auf allen drei Etagen eröffnen sich so Terrassenräume, von deren Großzügigkeit sich selbst in heutigen Wohnvisualisierungen nur träumen lässt - erst recht natürlich von dem sportiven 27-Meter-Außenschwimmbecken, das Mallet-Stevens der Gartenseite hinzufügte."

Für die NZZ erkundet Jürgen Tietz zwei Berliner Ausstellungen über die britische Baukunst des Klassizismus (im Tchoban-Museum für Architekturzeichnung) und die Berliner Gegenwartsarchitektur in der Berlinischen Galerie.
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Kunst

Drei Jahre lang bereitete José Lebrero, künstlerischer Direktor des Picasso Museum in Málaga, eine Ausstellung über deutsche Künstler und Picasso vor. Es war kein sehr freundliches Verhältnis, bekennt er im Interview mit dem Art Magazin: Picasso interessierte sich nicht für die Deutschen und die wiederum konnten ihn meist nicht ausstehen. Dabei gab es Gemeinsamkeiten: "Picasso wollte sich von den Impressionisten lösen, die Deutschen von der Romantik. Die Ausstellung zeigt Parallelen in der Weiterentwicklung ihrer Kunst wie beispielsweise durch den Einfluss afrikanischer Skulpturen, marginalisierter Räume wie dem Zirkus oder durch Persönlichkeiten wie Friedrich Nietzsche, welcher Europas Intellektuelle - in unterschiedlicher Weise - beeinflusste. Die Beziehung der deutschen Künstler zu Picasso basiert aber vor allem im Protest und der Wut gegen ihn. Die deutschen Künstler machten aus Picasso keinen Kult. Sie setzen sich äußerst kritisch mit ihm auseinander - nicht nur künstlerisch. Otto Dix banalisierte Picassos Kubismus nahezu in einigen seiner Werke." (Bild: Pablo Picasso, Porträt einer Frau nach Cranach dem Jüngeren, 1958. Schenkung Jaume Sabartés, 1962 © Museu Picasso, Barcelona. Photograph, Gasull fotografía. © Sucesión Pablo Picasso, VEGAP, Madrid, 2015)

Schade findet es SZ-Kunstkritikerin Catrin Lorch, dass man den lange von der Bildfläche verschwundenen Daniel Richter in seiner Frankfurter Ausstellung "Hello, I Lov You", die 22 neue Bilder des Künstlers präsentiert, auf die Rolle des politischen Malers reduziert, statt zu bemerken, auf welchem ästhetischen Höhenflug sich der Künstler derzeit befinde: "Da sollte die Szene mit ungebrochener Begeisterung antworten, sollte man meinen. Aber - nicht einmal die Katalogtexte freuen sich einfach nur an der Virtuosität, der verspielten Schönheit und den beweglichen Effekten. Sie erklären, (...) dass 'das Politische' noch vollumfänglich da sei. Es ist eine sehr deutsche Sehnsucht".

Weiteres: Ingeborg Ruthe denkt in der Berliner Zeitung über die Grafiken von Jean Dubuffet nach: Der Künstler "war quasi ein Vorreiter heutiger Alltags-Zeichensprachen, oft subversiver, unbändiger, roher und primitiver Ausdruck der Jugendkulturen." Das Museum für zeitgenössische Kunst in Teheran möchte im nächsten Jahr seine große Sammlung westlicher Kunst auf Tour schicken, meldet Rainer Hermann in der FAZ.

Besprochen wird eine Ausstellung über den Barockmaler Francisco de Zurbarán im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (FAZ).
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Bühne


Katharina Matz in "Wofür leben" am Deutschen Theater Berlin. Foto: Arno Declair

48 Biografien von Menschen, die für eine Sache in den Tod gingen, und das in jeweils 100 Sekunden: Unter viel Hektik feierte "100 Sekunden (wofür leben)" von Christopher Rüping an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin hatte Premiere. "Ja, der Tod. Schrecklich", seufzt da ein alles in allem wenig überzeugter René Hamann in der taz, der vom im Betrieb derzeit umgarnten Nachwuchsregisseur auch schon besseres gesehen hat: Zwar "gelingt es Rüping, die Mittel der Inszenierung auszuschöpfen - das Essenzielle des Stücks selbst verschwindet aber gern in Redundanz, vielleicht sogar in Gleichgültigkeit."

Ulrich Seidler fragt sich in der FR, "ob man wirklich für etwas sterben muss, um sinnvoll zu leben ... [Und die] strunzig-lebensbejahenden Musikbeiträge intoniert die Truppe mit Camill Jammal am Klavier mit derartiger Frohsinnsverzweiflung, dass man schnell das Gefühl hat, da wird sich schon wieder für etwas geopfert." Gerade darin sieht Nachtkritikerin Anne Peter ein wichtiges Element des Abends: "Aus dem Kontrast zwischen dieser augenverschließenden, sinnentleerten Lebensfreudigkeit einerseits und der einem übergeordneten Höheren entspringenden Todesbejahung andererseits gewinnt die Inszenierung an Triftigkeit." Auch Peter Laudenbach winkt in der SZ ab: "Der Einzelfall geht im Grob-Konzept unter."

Weitere Artikel: In der SZ verschafft Christine Dössel einen Überblick über die zahlreichen Stücke und Aktionen der deutschen Bühnen in der Flüchtlingskrise. Dazu passend berichtet Sophie Diesselhorst auf der Nachtkritik vom Schleuserkongress in den Münchner Kammerspielen.

Besprochen werden Jürgen Kruses "Leonce und Lena"-Inszenierung in Frankfurt ("eine Bankrotterklärung des Theaters", ärgert sich Judith von Sternburg in der FR), Akira Takayamas Installation "Happy Island - Das messianische Gastmahl der Gerechten am Letzten Tag", die das Theaterfestival "Spielart" in München eröffnet (taz), Dušan David Pařízeks Wiener Bühnenfassung von Thomas Bernhards "Alte Meister" (Nachtkritik), Verdis "Macbeth" am Theater St. Gallen (NZZ), Barbara Freys Inszenierung von Jon Fosses "Meer" am Schauspiel Zürich (FAZ) und Claus Guths Monteverdi-Inszenirung "Poppea" in Wien (SZ).
Archiv: Bühne